Bibel in gerechter Sprache
Cover der Buchausgabe

Die Bibel in gerechter Sprache ist eine Übersetzung der biblischen Schriften (einschließlich Apokryphen) aus dem Hebräischen, Aramäischen und Griechischen ins Deutsche, die in den Jahren 2001 bis 2006 von 40 weiblichen und 12 männlichen Bibelwissenschaftlern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erarbeitet wurde.

Ein Beirat, zu dem unter anderen der ehemalige Ministerpräsident Reinhard Höppner, der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter und Kirchenpräsident Peter Steinacker gehörten, unterstützte das Projekt. Der Übersetzerkreis und der Beirat bestand mehrheitlich aus Theologie-Professorinnen und Theologie-Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitenden an der Universität.

Die Bibel in gerechter Sprache ist sowohl theologisch als auch sprachlich umstritten. Während sie einigen als sinnvolle Ergänzung der bisherigen Übersetzungen gilt, sehen andere – darunter der Rat der EKD – das Ergebnis sehr kritisch.

Inhaltsverzeichnis

Das Profil der Bibel in gerechter Sprache

Die Bibel in gerechter Sprache verwendet verschiedene Umschreibungen für den Gottesnamen (grau unterlegt) und verweist bei vielen hebräischen und griechischen Worten auf ein Glossar im Anhang

Das Ziel der Bibel in gerechter Sprache ist es, neben der aktuellen sprachwissenschaftlichen Diskussion auch Erkenntnisse der feministischen Theologie, des jüdisch-christlichen Dialogs, der Sozialethik und der Befreiungstheologie zu berücksichtigen. Die Bibel in gerechter Sprache soll sich „nicht nur durch ihr Profil von anderen Übersetzungen unterscheiden, sondern auch dadurch, dass sie dieses Profil von Anfang an offenlegt“ (Bail u. a. Hg., S. 9). Dabei will sie ausdrücklich nicht an die Stelle der herkömmlichen Bibelübersetzungen treten, sondern versteht sich als pointierte Ergänzung zu ihnen und als ein neuer „Zwischenstand auf einem Weg, der niemals zu Ende ist“ (Bail u. a. Hg., S. 26). Der Interpretation der biblischen Botschaft liegt ein Konzept der „Gerechtigkeit“ zugrunde. Daher wollen die Übersetzer „nicht nur“ im Sinne herkömmlicher sprachlicher Genauigkeit den Texten gerecht werden, sondern das ihrer Interpretation nach ursprünglich Gemeinte der biblischen Botschaft so ermitteln, wie es den Verstehensbedingungen des einundzwanzigsten Jahrhunderts entspricht. In der Einleitung (Bail u.a. Hg., S. 10) werden als Aspekte des besonderen Profils dieser Übersetzung genannt:

  1. Frauen sollen überall dort, wo sozialgeschichtliche Forschungsergebnisse nahelegen, dass sie mitgemeint sind, ausdrücklich benannt werden. So spricht die Bibel in gerechter Sprache von „Jüngerinnen und Jüngern“ oder von „Pharisäerinnen und Pharisäern“, weil das das Neue Testament selbst sagt (vgl. Lk 8,2-3 Lut), bzw. weil sozialgeschichtliche Forschungen ergeben haben, dass diese Gruppierungen Frauen einschlossen.
  2. Es soll deutlich werden, dass Jesus und die biblischen Apostelinnen und Apostel sich als Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft verstanden, in der sie zwar kritische Akzente setzten, von der sie sich aber nicht – wie die spätere Kirche – grundsätzlich abgrenzten. So werden beispielsweise die Antithesen der Bergpredigt (Mt 5,21-48 EU) nicht mehr mit dem abgrenzenden „Ich aber sage euch“ sondern im Sinne rabbinischer Auslegungspraxis als „Ich lege euch das heute so aus“ übersetzt.
  3. „Soziale Realitäten“ wie etwa die Sklaverei oder die Gewaltstrukturen des Römischen Reichs, die der Text benennt, sollen klar erkennbar sein und nicht, wie häufig in früheren Übersetzungen, verharmlost oder spiritualisiert werden. Die „Magd“ aus der Übersetzung Martin Luthers etwa wird wieder zur „Sklavin“, weil dieser Begriff die „Unterdrückungsbedingungen“ präziser bezeichne.

Ferner soll dem Glauben, dass Gott menschliche Erkenntnis- und Benennungsmöglichkeiten übersteigt, dadurch Rechnung getragen werden, dass der – nach jüdischer Tradition unaussprechliche – Eigenname Gottes (JHWH) nicht in sogenannter „patriarchaler Herrschaftssprache“ als „Herr“ übersetzt wird. Stattdessen bietet die Bibel in gerechter Sprache dort, wo im Grundtext der Eigenname Gottes steht oder gemeint ist, unterschiedliche Lesemöglichkeiten an: Der Lebendige, die Lebendige, ErSie, der Ewige, die Ewige, Schechina, Gott, Ich-bin-da (Ex 3,14 EU) u. a.

Von den meisten anderen Übersetzungen unterscheidet sich die Bibel in gerechter Sprache auch dadurch, dass sie keine Zwischentitel ergänzt und sich, was die Gliederung der hebräischen Bibel angeht, der in der hebräischen Bibel üblichen Abfolge (ToraProphetische BücherSchriften) anschließt. Zentrale griechische und hebräische Wörter werden in einem Glossar erklärt.

Entstehungsgeschichte

Die Bestrebungen um eine Bibel in gerechter Sprache reichen etwa vierzig Jahre zurück, als theologische Debatten um die biblische Befreiungsbotschaft, die Frage der Geschlechtergerechtigkeit, und in größerem Stil das christlich-jüdische Gespräch einsetzten. Anschließend an US-amerikanische Veröffentlichungen mit inclusive language gab es zuerst beim 22. Deutschen Evangelischen Kirchentag 1987 in Frankfurt am Main alternative Übersetzungen in sogenannter „gerechter Sprache“. Kirchentagsübersetzungen in gerechter Sprache gibt es seit fast 20 Jahren; sie schlugen sich z. B. in der Reihe „Der Gottesdienst – Liturgische Texte in gerechter Sprache“ nieder. Das Projekt einer Gesamtübersetzung, das am 31. Oktober 2001 während einer Tagung in der Evangelischen Akademie Arnoldshain von einem Herausgabekreis der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, knüpfte an diese Ansätze an. Unterstützt und begleitet wurden die Übersetzungsarbeiten von einem Beirat aus Theologen und Theologinnen, teilweise mit eigenem theologischen Lehrstuhl, und anderen kirchenleitenden Personen unter dem Vorsitz des Kirchenpräsidenten der evangelischen Kirche von Hessen und Nassau. „Mehr als zwei Jahre wurden die vorläufigen Übersetzungen von ca. 300 Gruppen und Einzelpersonen auf ihre Praxistauglichkeit ‚getestet‘. Die vielfältigen Rückmeldungen flossen in die weitere Übersetzungsarbeit ein.“[1] Eine große Zahl von Einzelpersonen und Gruppierungen, zum Teil im Anhang der Bibelübersetzung aufgeführt, hat die Arbeit, auch finanziell, unterstützt.

Gebrauch in verschiedenen Kirchen

Die Bibel in gerechter Sprache ist laut Vorwort „einerseits gedacht für den privaten Gebrauch, der hoffentlich in das Gespräch mit anderen führt. Sie stellt sich andererseits aber auch der wissenschaftlichen Auseinandersetzung.“ (Bail u. a. Hg., S. 26). Auch wenn eine Verwendung im Gottesdienst nicht als Ziel der Übersetzung genannt wird, wird sie seit ihrem Erscheinen in Gottesdiensten und anderen kirchlichen Veranstaltungen benutzt.

Evangelische Kirche

In den evangelischen Kirchen gibt es nur in der Evangelischen Kirche von Westfalen einen offiziellen Synoden-Beschluss über den Gebrauch der Bibel in gerechter Sprache in Gottesdiensten. Zahlreiche Kirchenbehörden und kirchliche Dachverbände haben jedoch Stellungnahmen und Empfehlungen veröffentlicht.

Landeskirchen

Die Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen beschloss während ihrer Tagung vom 13.-16. November 2007: „Die Landessynode hält daran fest, dass nach Artikel 169 Absatz 1 der Kirchenordnung die Bibelübersetzung nach Martin Luther als Regelübersetzung im Gottesdienst verwendet werden soll. Darüber hinaus kann sich im gottesdienstlichen Gebrauch aber auch der Reichtum der unterschiedlichen Bibelübersetzungen und -übertragungen wiederfinden, zu dem auch die „Bibel in gerechter Sprache“ und die persönliche Übersetzungsarbeit gehören.“[2]

Andere Landeskirchen äußerten sich ähnlich positiv über eine Verwendung der Bibel in gerechter Sprache im Gottesdienst. Nach einem Rundschreiben der Evangelischen Kirche im Rheinland kann sie verwendet werden, „wenn dies für einen Gottesdienst als sinnvoll angesehen wird“. Grundsätzlich solle aber „nach einer Übereinkunft der EKD-Gliedkirchen … am Luthertext als dem gemeinsamen Text innerhalb der evangelischen Kirche festgehalten werden“[3]. Das Leitende Geistliche Amt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau stellte in einer Pressemitteilung am 29. März 2007 fest, dass die Bibel in gerechter Sprache für die Gemeindearbeit geeignet ist, dass aber, wie in der Lebensordnung der EKHN vorgesehen, die Lutherbibel Standard für Gottesdienste bleiben soll. „Sie könne ‚durch andere Übersetzungen ergänzt und erläutert werden‘, wenn es der Anlass nahelege. Die Bibel in gerechter Sprache biete dazu neben den anderen Übersetzungen eine weitere Alternative.“[4] Auch die Kirchenleitung der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche betonte die Lutherbibel als „Grundtext“. Gleichzeitig ermutigte sie ihre „Gemeinden, sich zusammen mit ihren Pastorinnen und Pastoren mit der Bibel in gerechter Sprache auseinanderzusetzen und sich ihr eigenes Urteil zu bilden.“[5]

Dachverbände (EKD und VELKD)

Die Bischofskonferenz der Vereinigten Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) erklärte die Bibel in gerechter Sprache als „von keinem kirchlichen Gremium autorisiert“. Sie könne zwar „eine Hilfe sein, auf Auslegungsprobleme und -möglichkeiten der Heiligen Schrift hinzuweisen“, solle aber „nicht als einzige Bibelübersetzung“ verwendet werden und sei für den gottesdienstlichen Gebrauch „ungeeignet“[6]. Dem schloss sich der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am 31. März 2007 mit der Aussage an, dass die Bibel in gerechter Sprache „durch die der Übersetzung zugrundeliegenden problematischen Grundsätze und Kriterien fehlgeleitet“ sei.[7]

Die Nordelbische Landeskirche kritisierte diese Stellungnahmen, weil ihnen „die argumentative Grundlage“ fehle und weil sie den „öffentlichen Diskurs“ nicht förderten. EKD und VELKD seien nach evangelischem Kirchenverständnis nicht berechtigt, ihre Positionen „analog zu einem hierarchischen Lehramt in Weisungen“ umzusetzen.[8] Ähnlich äußerten sich die Herausgeber der Bibel in gerechter Sprache. Kirchenrechtlich seien die beiden Dachverbände „in bezug auf Gottesdienste in den protestantischen Landeskirchen“ nicht zuständig und könnten daher keine offiziellen Regelungen, sondern nur Empfehlungen veröffentlichen. „Inwieweit diese Empfehlungen befolgt werden, hängt dann sicher an der Qualität des Rates, also an der Argumentation und Begründung.“[9]

In einem Gespräch mit Herausgebern der Neuübersetzung bestätigte der damalige EKD-Sprecher Christof Vetter, dass die Stellungnahme des EKD-Rates kein Verbot ist.[10]

Römisch-Katholische Kirche

Der Diözesanbischof der Diözese Feldkirch, Elmar Fischer, stellte fest, dass die Bibel in gerechter Sprache in der Römisch-Katholischen Kirche nicht zur Verwendung in der Liturgie zugelassen sei.[11] Auch die römisch-katholischen Bischöfe aus Österreich erklärten, die Bibel in gerechter Sprache sei „für den Gebrauch in der Liturgie, Katechese und im Religionsunterricht nicht geeignet“ [12].

Andere Kirchen

Aus anderen Kirchen wurden keine kirchenrechtlichen Beschlüsse oder Stellungnahmen von Kirchenleitungen zur Bibel in gerechter Sprache veröffentlicht.

Der Bund Altkatholischer Frauen forderte auf seiner Jahrestagung 2006 zur „Einbeziehung der ‚Bibel in gerechter Sprache‘ in unseren kirchlichen Gebrauch“ auf.[13] Der altkatholische Bischof Bernhard Heitz und die methodistische Bischöfin Rosemarie Wenner beteiligten sich an der Finanzierung der Bibel in gerechter Sprache ebenso wie einige methodistische, baptistische, mennonitische, alt-katholische und freie reformierte Kirchengemeinden und Gruppen.

Preise und Auszeichnungen

Die Mitherausgeberin der Bibel in gerechter Sprache Prof. Dr. Luise Schottroff, die das Matthäusevangelium und den 1. Korintherbrief übersetzt hat, erhielt am 18. April 2007 die Ehrendoktorwürde der Philipps-Universität Marburg, neben ihrer umfangreichen wissenschaftlichen Tätigkeit unter anderem auch für die Bibel in gerechter Sprache.[14]

Gottespoetinnenpreis 2007

Während des Evangelischen Kirchentags 2007 wurden die vier Übersetzerinnen der Psalmen mit dem Gottespoetinnenpreis ausgezeichnet, den der Verlag der FrauenKirchenKalender seit 1999 jährlich verleiht. Die Übersetzerinnen (PD Dr. Ulrike Bail, Michaela Geiger, Prof. Dr. Christl M. Maier und Simone Pottmann) hätten „die Psalmen in ganz neuer Weise zum Klingen gebracht“ und ermöglichten es, „vertraute Wahrnehmungsmuster zu überprüfen und neue Facetten der Psalmtexte zu entdecken“.[15]

Rezeption und Kritik

Nach ihrem offiziellen Erscheinen zur Frankfurter Buchmesse 2006 liegt die Auflagenhöhe mittlerweile bei 70.000. Die damalige hannoversche Bischöfin Margot Käßmann nannte die Bibel in gerechter Sprache ein „ungeheuer spannendes Projekt“. Sie sei „eine Möglichkeit auch für Menschen, die nicht des Griechischen und Hebräischen kundig sind, neu zu verstehen, was der Urtext meint“.[16]

Bereits sechs Monate vor Erscheinen der neuen Übersetzung kritisierte Robert Leicht, dass selbst dort auf „geschlechterneutralen“ Formulierungen bestanden werde, wo dies zu einem offensichtlichen Anachronismus führe,[17] wogegen die Übersetzer betonen, Frauen seien nur dort sprachlich benannt, wo ihre Beteiligung historisch nachgewiesen sei. Der Rezensent der FAZ Otto Kallscheuer urteilte: „Gut gemeint, aber völlig unleserlich, bildet sie die textliche Travestie eines Kommentars“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 8. Oktober 2006. In der Neuen Zürcher Zeitung schrieb Ingolf U. Dalferth, Lehrstuhlinhaber für systematische Theologie, Symbolik und Religionsphilosophie an der Universität Zürich, die Neuübersetzung werfe „ein trauriges Licht auf den Zustand der protestantischen Theologie“[18]. Kritik aus feministischer Sicht brachte die katholische Kirchengeschichtlerin Elisabeth Gössmann in der Neuen Zürcher Zeitung vor, wenn sie in manchen biblischen Büchern die aus der lateinischen Übersetzung Vulgata vertrauten Inhalte in der neuen Übersetzung aus dem Griechischen vermisste und davor warnte, das Kind mit dem Bade auszuschütten und die gesamte feministische Theologie mit der Bibel in gerechter Sprache zu verwerfen.[19] Johan Schloemann, Doktor der Klassischen Philologie und Literaturrezensent der Süddeutschen Zeitung,[20] nannte sie ebendort eine „gesinnungsterroristische Gerechtigkeitsbibel“.[21]

Der Tübinger Alttestamentler Walter Groß kritisierte „katastrophale Ergebnisse“, „religionsgeschichtliche Absurditäten“ und beklagt den ästhetischen Niveauverlust bis hin zu „Gassen-Jargon“. Sein Fazit: es werde „Auslegung derart in die Übersetzung integriert …, dass der Text ihr gegenüber seine Eigenständigkeit verliert. Aus ideologischer Verbiesterung wird so eine ‚Übersetzung‘ der Bibel geschaffen, die in wichtigen Teilen durch sprachliche Hässlichkeit abschreckt, sachlich irreführt und so viele Brücken zwischen AT und NT abbricht wie möglich.“[22] Hermann Barth warf der Bibel in gerechter Sprache eine „ideologische Brille“ vor.[23] Nach Auffassung des evangelischen Kirchenrechtlers Axel Freiherr von Campenhausen ist die Übersetzung „nicht seriös, nicht brauchbar und nicht empfehlenswert“.[24]

Bischof i. R. Ulrich Wilckens kam in einem am 15. Februar 2007 veröffentlichten privaten theologischen Gutachten zu dem Schluss, dass die „willkürlichen sprachlichen Veränderungen“ in der Bibel in gerechter Sprache zu erheblichen Abweichungen von zentralen Inhalten des christlichen Glaubens führen würden. Er zog das Fazit: „Die Bibel in gerechter Sprache ist nicht nur für den Gebrauch in der Praxis der Kirche nicht zu empfehlen, weder für den Gottesdienst, noch auch für den kirchlichen Unterricht und nicht einmal für die persönliche Lektüre. Sie ist vielmehr für jeglichen Gebrauch in der Kirche abzulehnen.“[25] Prof. Luise Schottroff, Mitherausgeberin der Bibelübersetzung, hat eine Stellungnahme zu diesem theologischen Gutachten veröffentlicht und kommt zu dem Schluss: „Ein solches Gutachten mit fundamentalistischen und antijudaistischen Kriterien und Grundannahmen, das den Stand der bibelwissenschaftlichen Diskussion um 1970 spiegelt, ist ungeeignet, eine Übersetzung zu beurteilen, die die internationale bibelwissenschaftliche Diskussion nach 1970 explizit einbezieht.“[26].

Der damalige EKD-Vorsitzende Bischof Wolfgang Huber kritisierte: „Dass eine Übersetzung immer auch Interpretation enthält, wird hier umgedreht: Die Interpretation wird als Übersetzung ausgegeben. Das ist ein Verstoß gegen das reformatorische Schriftprinzip. Gerechtigkeit ist ein zentrales Thema der Bibel. Aber man kann doch nicht unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit einen Bibeltext so verdrehen, dass etwa dort, wo eindeutig zwölf Männer gemeint sind, ‚Apostelinnen und Apostel‘ geschrieben wird und der Leser den Eindruck erhält, als hätte es in diesem Kreis auch Frauen gegeben.“[27] Demgegenüber verweisen die Mitwirkenden darauf, dass in der Bibel selbst deutlich ist, dass die Zwölf und der Apostelkreis nicht identisch sind (vgl. 1 Kor 15,5-9 Lut) und dass zu Letzterem auch Frauen gehörten (vgl. Röm 16,7 GNB).

Der Journalist und Theologe Peter Hahne, damals Mitglied im Rat der EKD, meinte im April 2007: „Es tut einem lutherischen Journalisten in der Seele weh, nicht wegen seines Auferstehungsglaubens, sondern wegen der sektiererischen Sonderbibel aus dem Geist eines fundamentalistischen Feminismus von seinen skeptischen Kollegen verlacht zu werden.“ [28]

Die katholische Professorin für Altes Testament Irmtraud Fischer wies in der Märzausgabe 2007 der Mitgliederzeitschrift der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands darauf hin: „Sehr viele Pfarren werden überwiegend von tatkräftigen, in ihrem Glauben starken Frauen getragen, die mitten im Leben stehen. Sie haben ein Anrecht darauf, wenigstens eine deutschsprachige Übersetzung zu haben, die sie nicht an den Rand drängt und Frauen zumindest dort sichtbar macht, wo sie mitgemeint sind.“ [29]

Der protestantische außerplanmäßige Professor für Systematische Theologie Werner Thiede (Erlangen) zog im Materialdienst der EZW 7/2007 ein Resümee: „Manche Formulierungen stimmen im guten Sinne nachdenklich, irritieren in beabsichtigter Verfremdung und eröffnen neue Zugänge zu biblischen Texten. Insofern ist es fraglich, ob eine pauschale Verurteilung oder Verwerfung diesem Projekt und seinen spirituellen Anliegen gerecht wird. Gleichwohl meine ich: Die längst von berufenen Anderen, aber auch von mir genannten Bedenken sind von solchem Gewicht, dass erwägenswerte Vorteile die Nachteile nicht aufwiegen. Die Warnungen vor gottesdienstlichem Gebrauch bleiben berechtigt, und auch der persönliche oder etwa religionspädagogische Gebrauch sollte nur im Vergleich mit anderen Übersetzungen und keinesfalls fernab von hermeneutischen Grundüberlegungen geschehen. Zu sehr dominieren bestimmte theologisch-ideologische Weichenstellungen das Projekt; und ich meine nach wie vor, dass das bereits in der selbstgerechten Titelformulierung ungewollt zum Ausdruck kommt.“

In der christlichen und in der jüdischen Theologie wird teilweise als problematisch gesehen, dass die Bibel in gerechter Sprache für den Gottesnamen unterschiedliche Übersetzungen anbietet, da der Name Gottes nicht von Menschen erfunden und auf Gott übertragen werde, sondern Gott selbst seinen Namen offenbare.

Literatur

Weitere Rezensionen

  • Evamaria Bohle: „… hat er, hat sie, hat Gott geschaffen.“ Die „Bibel in gerechter Sprache“ ist schon vor ihrem Erscheinen verrissen worden - zu Unrecht In: Zeitzeichen 7/10 (2006), S. 56-59
  • Frank Crüsemann, Erich Garhammer: Ein Gespräch mit Frank Crüsemann In: Lebendige Seelsorge 57/6 (2006), S. 407-411
  • Alexander Dölecke: Nicht mehr genau dieselbe Kraft?!? – Zu einer Bibelübersetzung, die in gerechter Sprache die Gemüter erregt In: ReLü. Rezensionszeitschrift zur Literaturübersetzung 8/2009, o.S. [30]
  • Irmtraud Fischer: Bibel in gerechter Sprache: eine notwendige Stimme im Konzert der deutschen Bibelübersetzungen In: Stimmen der Zeit 225/1 (2007), S. 19-30
  • Elisabeth Gössmann, Elisabeth Moltmann-Wendel, Helen Schüngel-Straumann: Der Teufel blieb männlich: Kritische Diskussion zur Bibel in gerechter Sprache. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2007, ISBN 978-3-7887-2271-5.
  • Othmar Keel: Wie männlich ist der Gott der Bibel? In: NZZ 30. Juni/1. Juli 2007
  • Hanne Köhler: Bibel in gerechter Sprache. In: Bibel und Liturgie 75/4 (2002), S. 238-243
  • Walter Klaiber, Martin Rösel: Streitpunkt Bibel in gerechter Sprache. Ev. Verlagsanstalt, Leipzig 2008, ISBN 978-3-374-02642-5
  • Melanie Köhlmoos: Ewig blüht der Mandelzweig: Anmerkungen zu den „Grundlagen“ des Projekts „Die Bibel - übersetzt in gerechte Sprache“. In: Theologische Rundschau 71/2 (2006), S. 247-257
  • Norbert Mette: Die Bibel in „gerechter Sprache“: eine neue deutsche Bibelübersetzung. In: Diakonia 37/6 (2006), S. 434-438
  • Matthias Schulz: Wortsalat im Garten Eden. In: Der Spiegel. Nr. 44, 2006, S. 190-192 (online).
  • Ludger Schwienhorst-Schönberger: Auslegung statt Übersetzung?: eine Kritik der „Bibel in gerechter Sprache“. In: Herder-Korrespondenz 61/1 (2007), S. 20-25
  • Stefan Silber: Bibel in gerechter Sprache. In: Info-Dienst Theologische Erwachsenenbildung 15 (2007) 1, S. 21-22
  • Agnethe Siquans: Überlegungen zu einer frauengerechten Bibelübersetzung. In: Protokolle zur Bibel 12/1 (2003), S. 19-45
  • Werner Thiede: Die Bibel in selbstgerechter Sprache. Protestantische Kritik einer Übersetzung zwischen Ideologie und Spiritualität. In: Materialdienst der EZW 7/2007, S. 243-256
  • Reinhard Slenczka: Die Anbetung der Weiblichkeit Gottes und das Bilderverbot. In: Deutsches Pfarrerblatt 7 (2007), S. 356-363
  • Young-Mi Lee: Probleme der "Über-Setzung". Anmerkungen zur „Bibel in gerechter Sprache“. In: Wirkendes Wort 57 (2007), S. 299-313

Weblinks

Quellen

  1. Presseerklärung zum Erscheinen der Bibel in gerechter Sprache Oktober 2006
  2. Beschluss der Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen während der Tagung vom 13.-16. November 2007
  3. EKiR.info der Evangelischen Kirche im Rheinland (PDF), S. 7
  4. Pressemitteilung der EKHN vom 29. März 2007
  5. Stellungnahme der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche
  6. Beschluss der VELKD vom 6. März 2007 zu neueren deutschen Bibelübersetzungen
  7. „Die Qualität einer Bibelübersetzung hängt an der Treue zum Text“ – Stellungnahme des Rates der EKD vom 31. März 2007 zur Bibel in gerechter Sprache
  8. Kritik der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche an den Stellungnahmen von EKD und VELKD
  9. Antwort der Herausgeber der Bibel in gerechter Sprache auf die EKD-Stellungnahme
  10. Klärendes Gespräch zwischen EKD-Rat und Herausgebern der Bibel in gerechter Sprache
  11. Kath.net: 'Bibel in gerechter Sprache' nicht für die Liturgie zugelassen, 7. März 2007
  12. Meldung von kath.net vom 16. März 2007
  13. Kath.net: baf-Resolution zur Verwendung einer gerechten Sprache
  14. Ehrendoktorwürde für Luise Schottroff
  15. Gottespoetinnenpreis 2007
  16. Margot Kässmann: In der Sprache von heute. In: chrismon 10/2006
  17. Kein Wort sie wollen lassen stahn, in der ZEIT vom 6. April 2006
  18. Ingolf Dalferth: Der Ewige und die Ewige. In: Neue Zürcher Zeitung. vom 18./19. November 2006, S.65, http://www.nzz.ch/2006/11/18/li/articleEBIFU.html
  19. Artikel in der NZZ vom 14. Dezember 2006
  20. Blick zurück nach vorn – Dr. Johan Schloemann. Diskussionsreihe „Blick zurück nach vorn – Mit allen Sinnen“. Referenten und Moderatoren. In: „Historisches Kolleg München“. 25. Juni 2010, abgerufen am 14. Mai 2011: „Dr. Johan Schloemann studierte Klassische Philologie und Philosophie in Freiburg, Kopenhagen und Berlin; er wurde an der Berliner Humboldt-Universität mit einer Arbeit zur griechischen Rhetorik promoviert und war Visiting Fellow an der School of Advanced Study der University of London; er arbeitete als Redakteur der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘ in Berlin und als PR-Berater; seit 2004 ist er im Feuilleton der ‚Süddeutschen Zeitung‘ für Sachbücher, Geisteswissenschaften und Bildungsfragen zuständig.“ (Link nicht mehr abrufbar)
  21. Und die Weisheit wurde Materie (Link nicht mehr abrufbar) Geht nicht fremd! Verletzt keine Lebenspartnerschaft!: Über Gesinnungsterror und die Weihnachtsgeschichte in der Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache“, Johan Schloemann in der Süddeutschen Zeitung vom 23./24. Dezember 2006
  22. Walter Groß: „Bibel in gerechter Sprache“: in richtiger und angemessener Sprache? In: Theologische Quartalschrift 186/4 (2006), S. 343-345; ähnlich: ders.: Übersetzung oder Neuerfindung?: eine Glosse zur „Bibel in gerechter Sprache“. In: Lebendige Seelsorge 57/6 (2006), S. 438-440
  23. Vergiftete Frucht? – Überlegungen zum Gebrauch neuer Sprachformen für theologische Inhalte, Kritik von Hermann Barth
  24. Urteil über 'Bibel in gerechter Sprache': Nicht empfehlenswert, Bericht auf kath.net
  25. Theologisches Gutachten zur „Bibel in gerechter Sprache“, von Prof. Dr. Ulrich Wilckens
  26. Stellungnahme zum theologischen Gutachten von Ulrich Wilckens , von Prof. Dr. Luise Schottroff
  27. Interview im Tagesspiegel vom 11. Februar 2007
  28. Katholischer Nachrichtendienst 9. April 2007
  29. Irmtraud Fischer: Für mehr Gerechtigkeit. Die „Bibel in gerechter Sprache“ erregt Aufsehen in: Frau und Mutter, 03/2007
  30. Nicht mehr genau dieselbe Kraft?!? « ReLü

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