Brussilow-Offensive

Brussilow-Offensive
Brussilow-Offensive
Teil von: Erster Weltkrieg
EasternFront1916b.jpg
Datum 4. Juni–20. September 1916
Ort Galizien, Bukowina, Wolhynien
Ausgang Russischer Sieg
Konfliktparteien
Deutsches ReichDeutsches Reich Deutsches Reich
Flag of Austria-Hungary 1869-1918.svgÖsterreich-Ungarn
Osmanisches Reich 1844Osmanisches Reich Osmanisches Reich
Russisches Kaiserreich 1914Russisches Kaiserreich Russisches Kaiserreich
Befehlshaber
Franz Conrad von Hötzendorf,
Alexander von Linsingen
Alexei Alexejewitsch Brussilow
Truppenstärke
Anfang Juni 1916: 37 Infanterie-Divisionen, 11 Kavallerie-Divisionen (Österreich-Ungarn), 1 Infanterie-Division (Deutsches Reich); Mitte August 1916: 54 Divisionen (Österreich-Ungarn), 24 Divisionen (Deutsches Reich),
2 Divisionen (Osmanisches Reich)[1]
Anfang Juni 1916: 39 Infanterie-Divisionen, 15 Kavallerie-Divisionen; Mitte August 1916: 61 Divisionen[2]
Verluste
Österreich-Ungarn: 616.000 Mann (davon 327.000 Gefangene und Vermißte)[3] Deutsches Reich: 148.000 Mann (davon ca. 20.000 Gefangene)[4] bis zu 1.000.000 Tote, Verwundete und Gefangene[5]; 800.000 Mann[6]

Die Brussilow-Offensive (russisch Брусиловский прорыв, Brussilow'scher Durchbruch) der russischen Armee an der Ostfront des Ersten Weltkrieges begann am 4. Juni 1916 und endete nach großen Gebietsgewinnen am 20. September desselben Jahres. Die nach dem verantwortlichen General Alexei Alexejewitsch Brussilow benannte Offensive stellte den größten militärischen Erfolg Russlands im Ersten Weltkrieg dar, doch beschleunigten die hohen Verluste die Demoralisierung des russischen Heeres. Sie war ein Hauptmotiv für den Kriegseintritt Rumäniens an der Seite der Entente.

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Nachdem die russische Armee in der Anfangsphase des Krieges Teile Ostpreußens und fast ganz Galizien besetzt hatte, wurde sie durch mehrere Offensiven der Mittelmächte im Jahre 1915 zurückgedrängt. Galizien und die Bukowina mussten sie bereits im Mai 1915 räumen. Von Anfang Juli bis September 1915 sah sich die zaristische Armee zum Großen Rückzug gezwungen: Vor dem Hintergrund der vorherigen Niederlagen und einer Munitionsversorgungskrise räumten die russischen Armeen nach und nach Polen, Litauen und Teile des heutigen Weißrusslands.

Im Kriegsjahr 1916 konzentrierte sich das deutsche Heer zunächst auf die Westfront in Frankreich, wo am 21. Februar die Schlacht um Verdun begann. Der deutsche Generalstabschef Erich von Falkenhayn wollte Frankreich im Stellungskrieg so viele Verluste zufügen, dass es unfähig sei den Krieg weiterzuführen. Dem entgegen setzten die Befehlshaber der deutschen Ostfront Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff das Bestreben, zuerst Russland aus dem Krieg zu werfen. Falkenhayn konnte sich allerdings durchsetzen. Frankreich geriet durch die Kämpfe vor Verdun in schwere Bedrängnis und bat das Zarenreich um Entlastungsangriffe. Als Reaktion auf dieses Hilfegesuch gingen russische Truppen Mitte März am Narotsch-See in Weißrussland zum Angriff auf deutsche Stellungen über. Dabei verlor die russische Armee rund 100.000 Soldaten,[7] ohne dass der Frontverlauf nennenswert geändert wurde. Diese Niederlage lähmte große Teile des Offizierskorps der Zarenarmee. Die Operation am Naratsch-See war nach der überwundenen Munitionskrise trotz einer enormen Überlegenheit an Mensch und Material gescheitert. Als Gründe gab der Befehlshaber der westlichen Armeegruppe Alexei Evert den Mangel an schwerer Artillerie beziehungsweise die angebliche Feigheit der eigenen Soldaten an. Die antiquierte Taktik massierter Angriff auf kleinstem Raum in der Schlacht wurde von ihren gedanklichen Vätern allerdings nicht in Frage gestellt. Diese Methode betraf nicht nur die russische Armee. Der deutsche Oberbefehlshaber Falkenhayn hatte sie mit seiner Strategie, die Franzosen vor Verdun Weißbluten zu lassen, geradezu zum Generalplan für 1916 gemacht.

Alexei Alexejewitsch Brussilow 1917

Am 14. April 1916 berief der Generalstabschef der Stawka Alexejew seine Frontbefehlshaber in das russische Hauptquartier in Mogilew. Er plante eine Offensive durch den nordöstlichen und den westlichen Frontabschnitt, um weiteren Hilfsgesuchen der westlichen Verbündeten entgegenzukommen. Die Befehlshaber dieser Frontabschnitte, General Evert und General Kuropatkin, lehnten dies aber ab. Aus den Lehren der Niederlage vom Naratsch-See schlossen sie, dass sie über zu wenig Reserven und insbesondere über zu wenig schwere Artillerie verfügten. Daraufhin trat Brussilow auf den Plan. Er behauptete, er könne mit seiner materiell vernachlässigten Südwestfront einen erfolgreichen Angriff gegen die Mittelmächte durchführen, ohne weitere Reserven zu verlangen.

Ende April erneuerten Frankreich und auch Italien, das sich durch eine Offensive der k.u.k. Armee bedroht sah, ihre Bitten nach einer russischen Entlastungsoffensive. Daraufhin stimmte Alexjew Brussilows Vorschlag zu und befahl der Südwestfront, zur Offensive überzugehen.

Neuerungen in Strategie und Taktik

Brussilow und sein Stab hatten die Niederlagen ihrer Armee ausführlich studiert. Sie befanden die alte Taktik und Strategie der Zarenarmee für das Hauptproblem. Bei der Schlacht am Narotsch-See hatte Evert versucht, an nur einem Punkt einen Durchbruch zu erzielen. Dazu hatte er versucht, durch ein tagelanges Artilleriefeuer die feindlichen Truppen in einem nur wenige Kilometer breiten Streifen praktisch zu vernichten und dann die Infanterie nachstoßen zu lassen. Er hatte allerdings die Wirkung des Bombardements völlig überschätzt. Die Deutschen verlegten ihre Einheiten aus der Feuerlinie zurück und brachten währenddessen Reserven heran. Als die russischen Soldaten dann über das mehr als 1000 Meter breite Niemandsland vorrückten, boten sie ein deckungsloses Ziel gegenüber der intakten deutschen Verteidigung. In völliger Verkennung der Lage hatte Evert immer mehr Soldaten in die vermeintliche Lücke geschickt, was zu den katastrophal hohen Verlusten der Schlacht führte.

Alexei Brussilow stellte hingegen ein neues Konzept auf. Der Angriff sollte, unterstützt von möglichst vielen Scheinangriffen an vielen Stellen, entlang einer mehrere hundert Kilometer breiten Front erfolgen. Dadurch sollte dem Feind die Möglichkeit genommen werden, seine Reserven koordiniert einzusetzen. Des Weiteren sollte die Infanterie einen möglichst kurzen Weg zu den feindlichen Stellungen haben. Infolgedessen trieben die Soldaten in Brussilows Frontabschnitt ihre Schützengräben an manchen Stellen sogar bis auf fünfzig Meter an die Gräben ihrer Gegner heran. Um den Schwung des Infanterieangriffs zu erhalten, stellte er seine eigenen Reserven in großen Stellungssystemen direkt an der Front auf, damit sie nicht wie bei seinen Vorgängern erst mühsam und zeitaufwändig heranmarschieren mussten. Auch der Artillerie wies er eine andere Rolle zu. Nicht sie sollte die Truppen der Mittelmächte vernichten, sondern der Schock des Infanterieangriffs. Der Infanterieangriff sollte durch Infiltrationen kleinerer Kampfgruppen in die feindlichen Stellungen vor dem eigentlichen Angriff gestärkt werden. Ebenso untertunnelten die russischen Infanteristen an vielen Stellen die vorderste Linie des Gegners. Damit dieser Schock aber gelingen konnte, musste das Überraschungsmoment gewahrt bleiben. Deshalb sollte das vorbereitende Artilleriefeuer nur kurz sein. Ebenso sollte es sich in enger Zusammenarbeit mit der Infanterie auf Schlüsselziele konzentrieren und aus der Luft kartographierte feindliche Geschützstellungen ausschalten, anstatt den aussichtslosen Versuch zu wagen, die gut befestigten Stellungen des Gegners durch tagelanges Bombardement niederzukämpfen.

Verlauf

Den Beginn der Brussilowoffensive machte die VIII. Armee unter Alexei Kaledin am 4. Juni 1916. Nach einem eintägigen Artilleriebeschuss auf die österreichischen Stellungen gingen die russischen Infanteristen aus ihren Stellungen zum Angriff über. Der russische Verband verfügte über 200.000 Soldaten und 704 Geschütze.[8] Er stand gegen die 4. Armee Österreich-Ungarns mit 150.000 Soldaten und 600 Geschützen.[8] Nach den Begriffen der konservativen russischen Generäle war diese leichte numerische Überlegenheit nicht ausreichend für einen erfolgreichen Angriff. Binnen einer Woche gelang es allerdings Kaledins Kräften, die k.u.k. Truppen 60 Kilometer zurückzudrängen und Luzk, eine Festung der Österreicher im Hinterland, zu erobern. Die 4. k.u.k. Armee verlor auf ihrem Rückzug den Hauptteil ihrer Kräfte und schmolz binnen einer Woche auf 27.000 Soldaten zusammen.[9]

Gleichzeitig mit der VIII. Armee griff auch die IX. Armee unter Platon Lechitski weiter südlich an. Ebenso wie beim Angriff weiter nördlich hatten die Russen einen leichten zahlenmäßigen Vorteil. Die IX. Armee stellte 150.000 Mann ins Feld. Ihr gegenüber stand die 7. Armee der Doppelmonarchie mit insgesamt 107.000 Soldaten. Bezüglich der schweren Artillerie, die als Hauptfaktor im Denken der konservativen Generäle galt, herrschte allerdings eine dramatischen Unterlegenheit auf russischer Seite. Die Österreicher stellten den 47 schweren Geschützen der Zarenarmee 150 eigene entgegen.[10] Trotzdem erzielten die Russen auch an diesem Frontabschnitt einen beachtlichen Erfolg. Nachdem sie 50 Kilometer weit vorgestoßen waren, ordnete der österreichische Befehlshaber Pflanzer-Baltin am 9. Juni den geordneten Rückzug an. Seine Armee löste sich dennoch fast vollständig auf. Sie verlor während des russischen Vormarsches rund 100.000 Mann.[11]

Um den Erfolg der IX. Armee auszunutzen, ließ Brussilow nun auch die XI. Armee unter Sacharow angreifen. Sie stand der 2. k.u.k. Armee, befehligt von Böhm-Ermolli, gegenüber. Diese Operation führte zur Eroberung des Verkehrsknotenpunktes Dubno. Da seine Flanke durch den Zusammenbruch der 4. Armee extrem gefährdet war, befahl Böhm-Ermolli nach wenigen Kampftagen den Rückzug.

Neben diesen drei erfolgreichen Operationen ging allerdings der Angriff einer russischen Armee vollkommen fehl. Die VII. Armee unter Schtscherbatschow sollte gegen die deutsche „Südarmee“ im Zentrum der Front der Mittelmächte vorgehen. Schtscherbatschow gehörte allerdings zur konservativen Schule der russischen Generalität. Er hatte sich als Antwort auf die Niederlagen der Armee französische Taktiken zu eigen gemacht, die nicht Brussilows Ideen entsprachen. So befahl er ein langes Artilleriebombardement von 48 Stunden Dauer und ließ einen konventionellen Infanterieangriff starten. Er musste die Operation, die er selbst nur widerwillig durchgeführt hatte, nach wenigen Tagen und 20.000 Mann Verlusten[12] ohne Erfolg einstellen.

Brussilow stand nun vor einer ambivalenten Situation. Die gegen ihn stehenden k.u.k. Truppen waren ernsthaft geschwächt, doch fühlte er sich an der nördlichen Flanke bedroht. Dort standen gegen die nordwestliche und westliche Front der Hauptteil der deutschen Truppen an der Ostfront. Diese Gefahr musste seiner Ansicht nach ausgeschaltet werden, bevor man weiter gegen die k.u.k. Truppen vorging. Dies sollten seiner Ansicht nach die dortigen Generäle mit ihren Einheiten übernehmen. Alexei Evert führte mit seiner westlichen Front auch einen Angriff bei Baranowitschi durch. Dieser wurde allerdings gemäß der alten Taktik durchgeführt und scheiterte unter 80.000 Mann [13] Verlusten.

Nach diesem Fehlschlag fasste Brussilow die Eroberung Kowels durch seine Truppen ins Auge. Dieser wichtige Verkehrsknotenpunkt hätte seiner Ansicht nach die Bedrohung eines Flankenangriffs gebannt und die deutschen Kräfte, die gegen Evert standen, zum Rückzug gezwungen. Ihm wurden dazu die 60.000 Mann [13] der Gardearmee zugeteilt. Ebenso erhielt er die Befehlsgewalt über die III. Armee, die vorher unter Everts Zuständigkeit fiel. Ende Juli versuchte er Kowel zu erobern. Der Angriff brach allerdings unter großen Verlusten zusammen. Der russische General schien seine eigenen Innovationen nun nicht mehr zu beherzigen. Die Gründe hierfür sind bisher nicht geklärt. Ein Faktor war, dass die Gardearmee nicht im Sinne Brussilows Taktiken ausgebildet worden war. Ebenso hielt er die Generäle der Einheit für unfähig, einen modernen Krieg zu führen. Brussilow ging jedenfalls zu einem punktuell massiven Einsatz seiner Kräfte über, ohne die generelle Offensive an verschiedenen Abschnitten.

Um die Ostfront zu stabilisieren, wurde die österreichisch-ungarische Offensive gegen Italien kurz nach Beginn der Brussilow-Offensive abgebrochen. Mehrere Verbände wurden in den Osten verlegt. Das Deutsche Reich sah sich gezwungen, seinen österreichisch-ungarischen Verbündeten zu unterstützen und zog einige Divisionen aus dem Raum Verdun ab. Im Lauf der russischen Offensive wurde sogar ein türkisches Korps an die südliche Ostfront verlegt. Während Brussilow auf Everts Angriff wartete, den dieser mehrmals verzögert hatte, konnten die Deutschen eine gesamte Armee in den Süden verlegen. Nach dem gescheiterten Angriff auf Kowel gelang es den Mittelmächten, ihre Front weitgehend zu stabilisieren.

Als Nikolaus II. seinen Generälen schließlich persönlich befahl, Brussilow zu unterstützen, hatte sich das Kräfteverhältnis bereits zu Ungunsten des russischen Heeres verschoben. Auch der Kriegseintritt Rumäniens, der am 27. August erfolgte, brachte keine Entlastung. Die Russen mussten im Gegenteil ihrem neuen Alliierten zahlenmäßig stark unter die Arme greifen. Trotzdem trugen die Mittelmächte am Rumänischen Kriegsschauplatz den Sieg davon. Die russische Armee musste nun hunderte Kilometer zusätzlich abdecken, was ihr Kräfte für die Offensive entzog.

Anfang September kam der letzte Vormarsch der Offensive zum Stehen. Die russische IX. Armee unter Lechitski stand nun am Rande der Karpaten. Dieses Gebirge stellte für die russischen Truppen allerdings ein unüberwindliches Hindernis dar. Am 20. September brach Brussilow die Offensive aufgrund der enorm angestiegenen Verluste ab.

Lage der Streitkräfte der Mittelmächte

Neben den Neuerungen, die Brussilow in seinem Frontabschnitt eingeführt hatte, spielten zahlreiche Faktoren auf Seiten der Mittelmächte in seine Hände: Das Verteidigungssystem der k.u.k.-Truppen war für seine Taktik des Schockangriffs besonders anfällig. Es bestand aus drei Linien in nur zwei Kilometern Tiefe. In der ersten und zweiten Reihe der Gräben war der Hauptteil der aktiven Kampftruppen versammelt. Die dritte Linie bestand aus den Ruhestellungen der Reserven. Diese waren in großen Bunkern, ähnlich den Reserven der Russen, untergebracht. Durch den Schock des Angriffs wurden die ersten beiden Linien oft so schnell überrannt, dass die Russen die Reservestellungen schon erreicht hatten, bevor diese überhaupt aus ihren Bunkern herausgekommen waren. In den ersten beiden Linien wurden die k.u.k.-Verluste fast ausschließlich durch Kampfhandlungen hervorgerufen, während sie in der dritten Linie fast ausschließlich Gefangene genommen wurden. Des Weiteren hatten die Truppen der Mittelmächte nicht einmal einen Versuch unternommen, die Angriffsvorbereitungen der Russen zu stören, da sie sich in ihren Stellungen vollkommen sicher fühlten. Diese Sicherheit wurde auch von der Luftaufklärung der eigenen Armee nicht gestört, welche die Angriffsvorbereitungen genau erfasste. Die k.u.k.-Offiziere vertrauten in die sehr gut ausgebauten eigenen Befestigungen. Des Weiteren gingen sie davon aus, dass Brussilows Front gar nicht genügend Stärke für einen Angriff aufbringen würde, denn zwei Drittel der russischen Armee standen in den beiden nördlicheren Frontabschnitten. Diese Einschätzung lag auch im höchsten Kommando der Armee der Donaumonarchie vor. Hötzendorf sah im Süden der Ostfront einen Nebenschauplatz, der keiner Verstärkungen bedurfte und sah sich deswegen auch nicht veranlasst die Initiative der dortigen Befehlshaber zu fördern.

Außerdem wirkten sich Streitigkeiten innerhalb der Führung der Mittelmächte aus. Der österreichisch-ungarische Generalstabschef Conrad von Hötzendorf wollte unbedingt seine Offensive in Italien weiterführen und die Deutschen waren unwillig, ihrem Bündnispartner noch mehr unter die Arme zu greifen. Dieses Problem wurde erst am 8. Juni 1916 gelöst, als Falkenhayn Hötzendorf unmissverständlich klarmachte, dass er seine Offensive abbrechen solle. Die zusätzlichen 10 1/2 Divisionen konnten allerdings den Erfolg der russischen Offensive nicht mehr aufhalten. Ein Gegenangriff unter Georg von der Marwitz gegen die VIII. Armee Kaledins in Polesien scheiterte unter großen Verlusten.

Die Niederlagen verschärften die bestehende Führungskrise in der multiethnischen Armee Österreich-Ungarns noch weiter. Um die Verluste an Offizieren auszugleichen, mussten schon aus dem Dienst geschiedene Offiziere wieder den Truppen zugeteilt werden. Diese brachten in der Regel aber weder Verständnis für ihre Männer noch für die Probleme der neuen Kriegsführung auf. Durch dieses Führungsdefizit wurde der Abgrund zwischen den Soldaten der Vielvölkerarmee und ihren vorwiegend deutsch-österreichischen und ungarischen Vorgesetzten noch weiter vertieft. Bemerkenswert ist auch, dass nach der Niederlage die Legende von der massenhaften Desertion slawischstämmiger k.u.k.-Soldaten als Rechtfertigungslegende für den Misserfolg verwendet wurde.

Verluste

Sofern Angaben dazu gemacht werden, herrscht in der Literatur Einigkeit darüber, dass während der Brussilow-Offensive bis zu einer Million russische Soldaten getötet, verwundet oder gefangen genommen wurden.[14] Demgegenüber fielen die Verluste der Mittelmächte höher aus, wobei anzumerken ist, dass vor allem viele Soldaten Österreich-Ungarns in russische Kriegsgefangenschaft gerieten. In der Literatur herrscht aber bezüglich der Aufschlüsselung der Opferzahlen der Mittelmächte keine Einigkeit, zum einen, weil die Angaben über die Gefangenenzahlen Österreich-Ungarns je nach Stichtag stark differieren, zum anderen, weil auch die Opfer der Kämpfe an der Front nördlich der Pripjetsümpfe zu den Opfern der Brussilow-Offensive hinzugezählt werden. Nach Keegan betrugen die Gesamtverluste der Mittelmächte während der Brussilow-Offensive auf seiten Österreich-Ungarns 600.000 Mann, darunter 400.000 Gefangene, und auf seiten des Deutschen Reiches 350.000 Mann.[15] Unklar bleibt, ob es sich bei diesen Zahlen nur um die Verluste durch die Offensive der russischen Südwestfront unter Brussilow handelt, oder ob darin auch die Verluste durch die kurz darauf einsetzenden Angriffe der russischen Westfront enthalten sind.

Nach Stevenson beliefen sich die Verluste Österreich-Ungarns auf 600.000 Gefallene und Verwundete sowie 400.000 Gefangene, was rund der Hälfte aller an der Ostfront eingesetzten Soldaten der k.u.k. Armee entsprochen haben soll.[16] Angaben über die deutschen Verluste werden nicht gemacht. Wieder andere Zahlenangaben finden sich bei Bihl. Er beziffert die k.u.k. Gesamtverluste durch die Offensive der russischen Südwestfront allein auf 475.000 Mann, davon 226.000 Gefangene.[17] Keinerlei Angaben über die Gesamtverluste der Mittelmächte finden sich im entsprechenden Artikel der Enzyklopädie Erster Weltkrieg, wohl aber Angaben zur Anzahl der Gefangenen in der ersten Phase der Brussilow-Offensive. Demnach wurden von den russischen Streitkräften bereits bis 12. Juni 200.000 Gefangene gemacht. Zusammen mit den sonstigen Verlusten sei dadurch die Stärke der österreichisch-ungarischen Streitkräfte in diesem Raum „praktisch um die Hälfte“ reduziert worden.[18]

Resultat

Die Brussilow-Offensive verlief für Russland zunächst äußerst erfolgreich, rief aber aufgrund der enormen Verluste Unmut innerhalb der russischen Armee hervor. Die Demoralisierung verstärkte sich in der Folgezeit und trug wesentlich zum Kollaps des Zarenreiches im März 1917 bei.

Ebenso trug die Offensive den Russen einen politischen Pyrrhussieg ein. Zahlreiche Politiker erhofften sich vom Kriegseintritt Rumäniens eine Entlastung der russischen Armee. Der Erfolg Brussilows gab den Ausschlag für die rumänische Regierung, in den Krieg einzutreten. Hochrangige Militärs, darunter der russische Generalstabschef Alexejew, hatten sich gegen diese Option gesperrt. Sie sollten recht behalten. Auf dem rumänischen Kriegsschauplatz erlitten die Truppen des Zaren eine ernsthafte Niederlage und wurden auf Dauer geschwächt.

Aus kriegstaktischer Sicht war die Anfangsphase der Brussilow-Offensive bedeutsam. Während der militärischen Nutzen der Brussilowschen Neuerungen letztendlich in Russland nicht voll erkannt wurde, erzielte das deutsche Heer seit Ende 1917 mit der vergleichbaren „Stoßtruppen“-Taktik größere Erfolge. Brussilows Gegner monierten, seine Offensive sei nur wegen der Schwäche der Österreicher erfolgreich gewesen und seine Art der Kriegführung sei gegen die deutschen Truppen nutzlos. Warum Brussilow selbst von seinem Schema gegen Ende der Offensive abrückte, ist ungewiss.

Einzelnachweise

  1. Edward J. Erickson: Ordered To Die. A history of the Ottoman army in the First World War. Greenwood Press, Westport 2000, ISBN 0-313-31516-7, S. 142 und 169.
  2. Micheal Clodfelter: Warfare and Armed Conflicts. A Statistical Reference to Casualty and Other Figures, 1500–2000. McFarland,Jefferson (N.C.)/London 2001, ISBN 0786412046, S. 458.
  3. Kriegsarchiv: Österreich-Ungarns letzter Krieg. Band 5 Wien 1934, S. 218.
  4. Reichsarchiv: Der Weltkrieg von 1914 bis 1918. Band 10 Berlin 1936, S. 566.
  5. John Keegan : Der Erste Weltkrieg – Eine europäische Tragödie. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 3. Aufl. 2004, S. 425.
  6. Autorenkollektiv: Deutschland im ersten Weltkrieg. Band 2 Berlin (Ost) 1968, S. 338.
  7. Norman Stone: The Eastern Front 1914–1917, Penguin Books, London 1998, S. 231.
  8. a b Norman Stone: The Eastern Front 1914–1917, Penguin Books, London, 1998 S. 247.
  9. Norman Stone: The Eastern Front 1914–1917, Penguin Books, London 1998, S. 250.
  10. Zahlenangaben zur 7. k.u.k und IX. russische Armee: Norman Stone: The Eastern Front 1914–1917, Penguin Books, London 1998, S. 250.
  11. Norman Stone: The Eastern Front 1914–1917, Penguin Books, London 1998, S. 254.
  12. Norman Stone: The Eastern Front 1914–1917, Penguin Books, London 1998, S. 251.
  13. a b Norman Stone: The Eastern Front 1914–1917, Penguin Books, London 1998, S. 261.
  14. Diese Zahl nennen sowohl John Keegan: Der Erste Weltkrieg – Eine europäische Tragödie. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 3. Aufl. 2004, S. 425, als auch David Stevenson: Der Erste Weltkrieg. 1914–1918. 3. Aufl., Düsseldorf 2006, S. 207.
  15. John Keegan: Der Erste Weltkrieg – Eine europäische Tragödie. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 3. Aufl. 2004, S. 425.
  16. David Stevenson: Der Erste Weltkrieg. 1914–1918. 3. Aufl., Düsseldorf 2006, S. 207.
  17. Wolfdieter Bihl: Der Erste Weltkrieg. 1914–1918. Chronik – Daten – Fakten. Böhlau Verlag, Wien u.a. 2010, S. 142.
  18. Norman Stone: Brussilow-Offensive. In: Gerhard Hirschfeld u.a. (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, UTB, Paderborn 2003, S. 396.

Literatur


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