Karl Liebknecht
Karl Liebknecht ca. 1912

Karl Paul August Friedrich Liebknecht [1] (* 13. August 1871 in Leipzig; † 15. Januar 1919 in Berlin) war ein prominenter internationalistischer Sozialist und Antimilitarist. Seit 1900 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, war er von 1912 bis 1916 einer ihrer Abgeordneten im Reichstag, wo er den linksrevolutionären Flügel der SPD vertrat. Ab 1914 bestimmte er mit Rosa Luxemburg die Linie der Gruppe Internationale (des späteren Spartakusbundes) mit. 1916 wurde er wegen seiner Ablehnung der Burgfriedenspolitik aus der SPD-Fraktion ausgeschlossen und dann fast bis zum Ende des Ersten Weltkriegs inhaftiert.

Nach seiner Amnestierung im Oktober 1918 gründete er den Spartakusbund als parteiunabhängige revolutionäre Organisation neu. Als einer seiner Anführer rief er in der Novemberrevolution eine „freie sozialistische Republik“ aus. Sein Konzept einer Räterepublik wurde jedoch von der Mehrheit im damaligen Reichsrätekongress zugunsten von allgemeinen Parlamentswahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung abgelehnt. Aus diesen ging nach seinem Tod die Weimarer Republik hervor. Zum Jahreswechsel 1918/19 war Liebknecht einer der Gründer der Kommunistischen Partei Deutschlands. Kurz nach der Niederschlagung des Spartakusaufstands wurde er mit Rosa Luxemburg von Freikorps-Soldaten ermordet.

Inhaltsverzeichnis

Kaiserreich bis 1914

Geburtshaus in der
Braustraße 1, Leipzig.

Karl Liebknecht wurde am 13. August 1871 in Leipzig geboren. Er war der zweite von fünf Söhnen Wilhelm Liebknechts und dessen zweiter Ehefrau Natalie (geb. Reh).[2] Sein älterer Bruder war Theodor Liebknecht, sein jüngerer Otto Liebknecht. Der Vater gehörte ab den 1860er Jahren mit August Bebel und Paul Singer zu den Gründern und bedeutendsten Anführern der SPD und ihrer Vorläuferparteien. Karl wurde in der Thomaskirche evangelisch getauft. Seine Taufpaten waren Karl Marx und Friedrich Engels. Während er ein humanistisches Gymnasium besuchte, erfuhr Karl bereits die Auswirkungen der Bismarckschen Sozialistengesetze. 1890 machte er an der alten Nikolaischule in Leipzig sein Abitur und begann dort anschließend Rechtswissenschaften, Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie zu studieren. Als die Familie nach Berlin zog, setzte er dort sein Studium fort. Aus dieser Zeit stammt das sozialkritische Gedicht Hüte dich!.

Von 1893 bis 1894 leistete Liebknecht seinen Wehrdienst bei den Gardepionieren in Berlin ab. Er verkürzte die Zeit durch die Meldung als Einjährig-Freiwilliger. Nach langer Suche nach einer Referendarstelle schrieb er seine Doktorarbeit, die von der Juristischen und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg 1897 mit dem Prädikat magna cum laude ausgezeichnet wurde. Am 5. April 1899 bestand er seine Assessorprüfung mit „gut“.

1912 sprach Liebknecht in Ilmenau, woran heute ein Denkmal erinnert

Zusammen mit seinem Bruder Theodor und Oskar Cohn eröffnete er in Berlin 1899 ein Rechtsanwaltsbüro und wurde 1904 gemeinsam mit seinem Kollegen Hugo Haase durch die Verteidigung von neun Sozialdemokraten im „Königsberger Geheimbundprozess“ als politischer Anwalt bekannt. In anderen aufsehenerregenden Strafprozessen prangerte er die Klassenjustiz des Kaiserreichs und die brutale Behandlung von Rekruten beim Militär an. Im Mai 1900 heiratete er Julia Paradies, mit der er zwei Söhne (Wilhelm und Robert Liebknecht) und eine Tochter (Vera) hatte.

1900 wurde Karl Liebknecht Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, 1901 sozialdemokratischer Stadtverordneter in Berlin. Dieses Mandat behielt er bis 1913. Im Jahr 1908 wurde er Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses. Er gehörte damit zu den ersten acht Sozialdemokraten überhaupt, die trotz des Dreiklassenwahlrechts Mitglied im Preußischen Landtag wurden. Dem Landesparlament gehörte Liebknecht bis 1916 an. Bekanntheit im Ausland erreichte er u.a. durch die Verteidigung von zwei russischen Revolutionären vor einem deutschen Gericht (Königsberger Prozess, 1904). Er war aktives Mitglied der Zweiten Internationale und zudem einer der Gründer der Sozialistischen Jugendinternationale. Er wurde 1907 im Rahmen der ersten Internationalen Konferenz der sozialistischen Jugendorganisationen zum Vorsitzenden des Verbindungsbüros gewählt.

Für die Jugendarbeit der SPD veröffentlichte er 1907 die Schrift Militarismus und Antimilitarismus[3], für die er noch im selben Jahr wegen Hochverrats verurteilt wurde. In dieser Schrift führte er aus, der äußere Militarismus brauche gegenüber dem äußeren Feind chauvinistische Verbohrtheit und der innere Militarismus benötige gegen den inneren Feind Unverständnis bzw. Hass gegenüber jeder fortschrittlichen Bewegung. Der Militarismus brauche außerdem den Stumpfsinn der Menschen, damit er die Masse wie eine Herde Vieh treiben könne. Die antimilitaristische Agitation müsse über die Gefahren des Militarismus aufklären, jedoch müsse sie dies im Rahmen der Gesetze tun. Letzteren Hinweis nahm ihm später das Reichsgericht im Hochverratsprozess nicht ab. Den Geist des Militarismus charakterisierte Liebknecht in dieser Schrift mit einem Hinweis auf eine Bemerkung des damaligen preußischen Kriegsministers General Karl von Einem, wonach diesem ein königstreuer und schlecht schießender Soldat lieber sei als ein treffsicherer Soldat, dessen politische Gesinnung fraglich bzw. bedenklich sei. Am 17. April 1907 beantragte Karl von Einem bei der Reichsanwaltschaft, wegen der Schrift Militarismus und Antimilitarismus gegen Karl Liebknecht ein Strafverfahren einzuleiten. Am 9. Oktober, 10. Oktober und 12. Oktober 1907 fand bei großem Publikumsandrang der Hochverratsprozess gegen Liebknecht vor dem Reichsgericht unter dem Vorsitz des Richters Ludwig Treplin statt. Am ersten Verhandlungstag sagte Liebknecht, dass kaiserliche Befehle null und nichtig seien, wenn sie einen Bruch der Verfassung bezweckten. Dagegen betonte das Reichsgericht später in seinem Urteil, die unbedingte Gehorsamspflicht der Soldaten gegenüber dem Kaiser sei eine zentrale Bestimmung der Verfassung des Kaiserreichs. Als Liebknecht auf eine entsprechende Frage des Vorsitzenden antwortete, dass diverse Zeitungen sowie der ultrakonservative Politiker Elard von Oldenburg-Januschau den gewaltsamen Bruch der Verfassung fordern würden, schnitt dieser ihm das Wort mit der Bemerkung ab, das Reichsgericht könne unterstellen, dass Äußerungen gefallen seien, die er als Aufforderung zum Verfassungsbruch verstanden habe. Am dritten Verhandlungstag wurde er wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu eineinhalb Jahren Festungshaft verurteilt. Kaiser Wilhelm II., der ein Exemplar der Schrift Militarismus und Antimilitarismus besaß, wurde über diesen Prozess mehrfach telegrafisch informiert. Dem Kaiser wurde nach der Urteilsverkündung ein ausführlicher Prozessbericht übersandt, dagegen wurde Liebknecht das schriftliche Urteil erst am 7. November 1907 zugestellt.[4] Seine Selbstverteidigung im Prozess brachte ihm große Popularität bei den Berliner Arbeitern ein, so dass er in einem Pulk zum Haftantritt geleitet wurde. Im nächsten Jahr wurde er in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, obwohl er noch nicht aus der Festung Glatz in Schlesien entlassen worden war.

Um Karl Liebknecht in seiner wirtschaftlichen Existenz zu treffen, wurde beim Anwaltsgerichtshof der Provinz Brandenburg in Berlin beantragt, ihn aufgrund seiner Verurteilung wegen Vorbereitung zum Hochverrat durch das Reichsgericht aus der Anwaltschaft auszuschließen. Am 29. April 1908 lehnte der Anwaltsgerichtshof unter seinem Vorsitzenden Dr. Krause diesen Antrag ab. Zur Begründung führte er unter anderem aus, dass zwar die tatsächlichen Feststellungen des Reichsgerichts im Hochverratsprozess bindend seien, jedoch dies nicht zwingend eine ehrengerichtliche Bestrafung nach sich ziehe.[5]

Gegen dieses Urteil legte der Oberreichsanwalt am 7. Mai 1908 Einspruch ein. Am 10. Oktober 1908 lehnte daraufhin der Ehrengerichtshof in Anwaltssachen unter dem Vorsitz des Reichsgerichtspräsidenten Rudolf von Seckendorff es ab, Liebknecht aus der Rechtsanwaltschaft auszuschließen. Zur Begründung hieß es, dass schon das Reichsgericht in diesem Strafurteil eine ehrlose Gesinnung des Angeklagten verneint habe.[6]

Nach dem Tod seiner ersten Frau Julia am 22. August 1911 in Folge einer Gallenoperation heiratete Liebknecht im Oktober 1912 Sophie Ryss (1884–1964). Im folgenden Jahr zog er als einer der jüngsten SPD-Abgeordneten in den Reichstag ein.[7] Dort trat er sofort als entschiedener Gegner einer Heeresvorlage auf, die dem Kaiser Steuermittel für die Heeres- und Flottenrüstung bewilligen sollte. Er konnte außerdem nachweisen, dass die Firma Krupp durch illegale Absprachen mit ausländischen Rüstungsfirmen Geschäfte machte.

Erster Weltkrieg

Sophie und Karl Liebknecht 1913, mit den Kindern aus seiner ersten Ehe

Am 4. August 1914 stimmte die SPD-Fraktion geschlossen für die Kriegskredite, die dem Kaiserreich nach dessen Kriegserklärung an Russland vom 2. August die totale Mobilmachung ermöglichten. Liebknecht blieb der Abstimmung fern, um nicht gegen die eigene Fraktion stimmen zu müssen. Aber am 2. Dezember 1914 stimmte er als zunächst einziger Reichstagsabgeordneter gegen die erste Verlängerung der Kriegskredite. Am 20. März 1915 schloss sich ihm Otto Rühle an, der ebenfalls bereits öffentlich gegen die Kriegskredite aufgetreten war.

Liebknecht wurde daraufhin an die Front einberufen, obwohl er eigentlich als Reichstagsabgeordneter politische Immunität genoss. Er erlebte als Armierungssoldat den Krieg an der West- und Ostfront. Die Militärgesetzgebung verbot ihm politische Aktivität außerhalb des Reichstages. Bis dahin hatte er auf verschiedene Weise versucht, eine innerparteiliche Opposition gegen die SPD-Politik des Burgfriedens zu bilden. So war er im Sommer und Herbst 1914 mit Rosa Luxemburg durch ganz Deutschland gereist, um – weitgehend erfolglos – Kriegsgegner zur Ablehnung der Finanzbewilligung für den Krieg zu bewegen. Er nahm auch Verbindung zu anderen europäischen Arbeiterparteien auf, um diesen zu signalisieren, dass nicht alle deutschen Sozialdemokraten für den Krieg seien. Mit zehn weiteren SPD-Linken war er Mitglied der von Rosa Luxemburg am 5. August 1914 gebildeten Gruppe Internationale.

Noch vor seiner Einberufung ins Heer gab er im März 1915 ebenfalls zusammen mit Rosa Luxemburg die Zeitschrift Internationale heraus, die nur einmal erschien und sofort von den Behörden beschlagnahmt wurde. Es gelang ihm dennoch, die Gruppe Internationale zu vergrößern und die entschiedenen Kriegsgegner in der SPD reichsweit zu organisieren. Daraus ging am 1. Januar 1916 die Spartakusgruppe hervor (nach der endgültigen Loslösung von der Sozialdemokratie im November 1918 umbenannt in Spartakusbund). Im Dezember 1915 stimmten bereits 20 SPD-Abgeordnete gegen weitere Kriegskredite. Daraufhin schloss die SPD-Reichstagsfraktion diese Kriegsgegner, darunter Liebknecht, am 12. Januar 1916 aus ihren Reihen aus.

Zur „Osterkonferenz der Jugend“ sprach er in Jena vor 60 Jugendlichen zum Antimilitarismus und zur Änderung der gesellschaftlichen Zustände in Deutschland. Am 1. Mai jenes Jahres trat er als Führer einer Antikriegsdemonstration, die von Polizei umzingelt war, auf dem Potsdamer Platz in Berlin auf. Er ergriff das Wort mit den Worten „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!“. Danach wurde er verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt. Hugo Haase, bis März 1916 SPD-Vorsitzender, setzte sich vergeblich für seine Freilassung ein. Am 23. August 1916 wurde Liebknecht zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. Der erste Prozesstag, eigentlich gedacht als Exempel gegen die sozialistische Linke, geriet zum Fiasko für die kaiserliche Justiz: Organisiert von den Revolutionären Obleuten fand in Berlin ein spontaner Solidaritätsstreik mit über 50.000 Beteiligten statt. Statt die Opposition zu schwächen, gab Liebknechts Verhaftung dem Widerstand gegen den Krieg neuen Auftrieb.[8] In Liebknechts Haftzeit fiel die Spaltung der SPD und die Gründung der USPD im April 1917. Die Spartakusgruppe trat nun in diese ein, um auch dort auf revolutionäre Ziele hinzuwirken.

Neben dem katholischen Reichstagsabgeordneten Matthias Erzberger (Zentrum), der wie Liebknecht später von Rechtsextremisten ermordet wurde, war Liebknecht der einzige deutsche Parlamentarier, der öffentlich die massiven Menschenrechtsverletzungen der türkisch-osmanischen Verbündeten im Nahen Osten anprangerte, insbesondere den Genozid an den Armeniern Anatoliens und das brutale Vorgehen gegen weitere nicht-türkische Minderheiten, insbesondere in Syrien und dem Libanon. Von der Mehrheits-SPD (die mit der jungtürkischen Partei CUP politisch verbündet war – die Nachfolgepartei der CUP, die CHP, ist heute Vollmitglied der Sozialistischen Internationale) und den liberalen Parteien wurde diese Praxis stillschweigend gebilligt und zum Teil sogar öffentlich mit strategischen Interessen Deutschlands und der angeblichen existenziellen Bedrohung der Türkei durch armenischen und arabischen Terrorismus gerechtfertigt (Lensch-Cunow-Haenisch-Gruppe (SPD), Ernst Jäckh, Friedrich Naumann (DDP)).

Novemberrevolution

Karl Liebknecht als Redner bei einer Revolutionskundgebung im Dezember 1918 im Berliner Tiergarten

Im Zuge einer allgemeinen Amnestie wurde Liebknecht begnadigt und am 23. Oktober 1918 vorzeitig aus der Haft entlassen. Er reiste sofort nach Berlin, um dort den Spartakusbund zu reorganisieren, der nun als eigene politische Organisation hervortrat. Bei seinem Eintreffen gab die Gesandtschaft des seit Ende 1917 nach der Oktoberrevolution unter kommunistischer Führung stehenden Russlands ihm zu Ehren einen Empfang.

Liebknecht drängte nun auf eine von den Revolutionären Obleuten, die den Januarstreik organisiert hatten, der USPD-Basis und dem Spartakusbund gemeinsam koordinierte Vorbereitung einer reichsweiten Revolution. Man plante einen gleichzeitigen Generalstreik in allen Großstädten und Aufmarsch von bewaffneten Streikenden vor den Kasernen von Heeresregimentern, um diese zum Mitmachen oder Niederlegen ihrer Waffen zu bewegen. Die Obleute, die sich an der Arbeiterstimmung in den Fabriken orientierten und eine bewaffnete Konfrontation mit Heerestruppen fürchteten, verschoben mehrfach den festgelegten Termin dafür, zuletzt auf den 11. November 1918.[9]

Am 8. November griff die unabhängig von diesen Plänen vom Kieler Matrosenaufstand ausgelöste Revolution auf das Reich über. Daraufhin riefen die Berliner Obleute und USPD-Vertreter ihre Anhänger für den Folgetag zu den geplanten Umzügen auf. Am 9. November 1918 strömten Bevölkerungsmassen von allen Seiten ins Zentrum Berlins. Dort rief Liebknecht mittags im Berliner Tiergarten und nachmittags nochmals vor dem Berliner Stadtschloss eine „Freie Sozialistische Republik Deutschland“ aus und schwor die Kundgebungsteilnehmer auf die internationale Revolution ein. Kurz zuvor hatte der SPD-Politiker Philipp Scheidemann die Abdankung des Kaisers verkündet und eine „deutsche Republik“ ausgerufen, um Liebknecht zuvorzukommen.

Dieser wurde nun zum Sprecher der revolutionären Linken. Um die Novemberrevolution in Richtung einer sozialistischen Räterepublik zu voranzutreiben, gab er mit Rosa Luxemburg täglich die Zeitung Die Rote Fahne heraus. Bei den folgenden Auseinandersetzungen stellte sich jedoch bald heraus, dass die meisten Arbeitervertreter in Deutschland eher sozialdemokratische als sozialistische Ziele verfolgten. Eine Mehrheit trat auf dem Reichsrätekongress vom 16. bis 20. Dezember 1918 für baldige Parlamentswahlen und damit Selbstauflösung ein. Liebknecht und Luxemburg wurden von der Teilnahme am Kongress ausgeschlossen.

Seit Dezember 1918 versuchte Ebert, die Rätebewegung gemäß seinem Geheimabkommen mit dem OHL-General Wilhelm Groener mit Hilfe von kaiserlichem Militär zu entmachten und ließ dazu immer mehr Militär in und um Berlin zusammenziehen. Am 6. Dezember 1918 versuchte er, den Reichsrätekongress militärisch zu verhindern und, nachdem dies missglückte, Resolutionen zur Entmachtung des Militärs beim Kongress zu entschärfen. Am 24. Dezember 1918 setzte er kaiserliches Militär gegen die den revolutionären Kieler Matrosen nahestehende Volksmarinedivision ein, die eigentlich die Reichskanzlei schützen sollte und nicht ohne Sold zum Abrücken bereit war. Daraufhin traten die drei USPD-Vertreter am 29. Dezember aus dem Rat der Volksbeauftragten aus, so dass dieser gemäß der Vereinbarung bei seiner Gründung keine Legitimation mehr besaß. Er wurde dennoch von den drei SPD-Vertretern allein weitergeführt.

Daraufhin planten die reichsweit Zulauf erhaltenden Spartakisten die Gründung einer neuen, linksrevolutionären Partei und luden ihre Anhänger zu deren Gründungskongress Ende Dezember 1918 nach Berlin ein. Am 1. Januar 1919 stellte sich die Kommunistische Partei Deutschlands der Öffentlichkeit vor.

Ab dem 8. Januar nahm Liebknecht zusammen mit anderen KPD-Vertretern am Spartakusaufstand teil, mit dem die Revolutionären Obleute auf die Absetzung des zuvor rechtmäßig eingesetzten Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) reagierten. Sie versuchten, die Übergangsregierung Friedrich Eberts mit einem Generalstreik zu stürzen und besetzten dazu mehrere Berliner Zeitungsgebäude. Liebknecht trat in die Streikleitung ein und rief gegen den Rat von Rosa Luxemburg zusammen mit der USPD zur Volksbewaffnung auf. KPD-Abgesandte versuchten erfolglos, einige in Berlin stationierte Regimenter zum Überlaufen zu bewegen. Nach zweitägigen ergebnislosen Beratungen trat die KPD aus dem Führungsgremium aus, dann brachen die USPD-Vertreter parallele Verhandlungen mit Ebert ab. Daraufhin setzte dieser das Militär gegen die Streikenden ein. Es kam zu blutigen Straßenkämpfen und Massenexekutionen hunderter Personen.

Ermordung

Am 15. Januar 1919 wurden Liebknecht und Luxemburg in einer Wohnung in Berlin-Wilmersdorf von einer „Bürgerwehr“ entdeckt, aufgegriffen und an die Garde-Kavallerie-Schützen-Division – das weitaus größte der frisch aufgestellten Freikorps – übergeben, in das Hotel Eden gebracht und dort verhört. Schon bei der Übergabe wurden sie schwer misshandelt.

Die „Bürgerwehr“, die Schützendivision, weitere Freikorps und Propaganda-Organisationen etc. wurden aus dem Antibolschewistenfonds finanziert, den führende Vertreter des deutschen Industrie-, Handels- und Bankenkapitals am 10. Januar 1919 eingerichtet und mit 500 Millionen Reichsmark ausgestattet hatten. Dies beschreibt Eduard Stadtler in seinen 1935 herausgegebenen Lebenserinnerungen. Er selbst habe Gustav Noske zum Militäreinsatz gegen die Berliner Rätebewegung geraten und dem Hauptmann Waldemar Pabst, dem Ersten Stabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, die Ermordung von Liebknecht und Luxemburg am 12. Januar 1919 nach Vorsprache bei Noske wie folgt persönlich nahegelegt: „… das Parlament könne uns Frontsoldaten gestohlen bleiben, auf Männer und Taten käme es an; wenn auf unserer Seite vorerst keine Führer zu sehen seien, dann dürfte wenigstens die Gegenseite auch keine haben.“[10]

Wilhelm Pieck, Spartakist und Mitgründer der KPD, war ebenfalls festgenommen worden und bezeugte später, er habe parallel zu Folterverhören im Hotel Eden Absprachen zu einem Mordplan und Telefonate gehört. Pabst schrieb in einem Manuskript seiner Memoiren, dass er vor den Morden mit Noske gesprochen und dessen Zustimmung dazu erhalten habe. Ebert sei bei dem Telefonat anwesend gewesen.

Am frühen Morgen des 15. Januar 1919 wurden Liebknecht und Luxemburg von einem vor dem Hotel bereitstehenden Mitglied der Division zuerst bewusstlos geschlagen, dann in bereitstehende PKWs gesetzt und abtransportiert. Im Tiergarten hielt Liebknechts Wagen an, er wurde zum Aussteigen gezwungen und dann von hinten erschossen. Der Tote wurde als „unbekannte Leiche“ bei einer Polizeistation abgegeben. Beteiligt waren der Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Harttung, der Oberleutnant zur See Ulrich von Ritgen, der Leutnant zur See Heinrich Stiege und der Leutnant d. R. Rudolf Liepmann, der die tödlichen Schüsse feuerte.

Der Leutnant zur See Hermann Souchon erschoss Rosa Luxemburg im Wagen durch einen aufgesetzten Schläfenschuss. Sie wurde in den Berliner Landwehrkanal geworfen, wo man ihre Leiche erst nach Monaten fand. In der Berliner Presse wurde danach behauptet, Liebknecht sei bei einem Fluchtversuch erschossen, Luxemburg von einer Menge gelyncht worden.

Liebknecht wurde mit 25 beim Spartakusaufstand Getöteten am 25. Januar 1919 auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde bestattet; Luxemburg wurde am 13. Juni 1919 neben ihm beigesetzt. Von 1926 bis 1935 erinnerte ein „Revolutionsdenkmal“, seit 1949 die Gedenkstätte der Sozialisten, an die beiden Ermordeten. Am zweiten Sonntag im Januar findet dorthin alljährlich die Liebknecht-Luxemburg-Demonstration zum Gedenken an sie statt.

Strafverfolgung der Mörder

Ein ziviler Mordprozess gegen die Mörder Liebknechts und Luxemburgs fand nicht statt, eine Untersuchung zu den Hintergründen wurde nicht eingeleitet. Auch der Militärprozess wurde erst eingeleitet, nachdem die KPD durch eigene Ermittlungen unter Leitung von Leo Jogiches die Aufenthaltsorte einiger Täter kundgab. Gegen Otto Runge und Horst von Pflugk-Harttung wurden geringe Gefängnisstrafen verhängt, die die Verurteilten nicht anzutreten brauchten. Bei der Berufungsverhandlung sprach ein preußisches Militärgericht sie frei. Das Urteil trug die Unterschrift Gustav Noskes. Dieser veranlasste auch die Einstellung des folgenden Revisionsverfahrens. Von den Nationalsozialisten erhielten die Täter später Haftentschädigungen. Waldemar Pabst wurde weder verfolgt noch angeklagt.

Ehrungen

In der Sowjetunion hieß die Schule für deutsche Emigrantenkinder Karl-Liebknecht-Schule.

In der DDR wurde Karl Liebknecht als „Vordenker des Sozialismus“ geehrt. Dies führte zur Errichtung zahlreicher Denkmale ihm zu Ehren sowie zur Benennung von Karl-Liebknecht-Straßen und Schulen nach ihm. Teilweise wurden diese nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wieder umbenannt, teilweise blieben ihre Namen bestehen.

Auch Produktionsbetriebe in der DDR, wie z.B. das Schwermaschinenbau-Kombinat Karl Liebknecht in Magdeburg und der VEB Steinkohlenwerk Karl Liebknecht wurden nach ihm benannt.

Im Potsdamer Stadtteil Babelsberg gibt es das Karl-Liebknecht-Stadion, in dem der SV Babelsberg 03 und der 1. FFC Turbine Potsdam ihre Heimspiele austragen.

In Frankfurt (Oder) gibt es das Karl-Liebknecht-Gymnasium.

Eine Bildungsstätte der DKP in Leverkusen heißt Karl-Liebknecht-Schule.

Das Gebäude in Berlin-Mitte, in dem sich auch die Bundesgeschäftsstelle der Partei Die Linke befindet, heißt Karl-Liebknecht-Haus.

Berliner Denkmal

Denkmalssockel
Stele zum Gedenken an die Ermordung Karl Liebknechts am Neuen See im Berliner Tiergarten

Am Ort der Antikriegsdemonstration von 1916 enthüllte Friedrich Ebert junior, Oberbürgermeister von Groß-Berlin (Ost) und Mitglied des Politbüros der SED, am 13. August 1951 den Grundstein eines Denkmals für Karl Liebknecht. Anlass war dessen 80. Geburtstag. Die Ehrung fand im Rahmen der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten statt und war Teil einer Kampagne gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland. Doch das Denkmal auf dem Potsdamer Platz wurde in den nächsten zehn Jahren nicht fertig gestellt.

Am 13. August 1961 begann die Abriegelung der Sektorengrenze nach West-Berlin. Nach dem Ausbau der Sperranlagen stand der Denkmalssockel bis 1990 im Grenzstreifen an der vorderen Mauer. Als mit der deutschen Einheit vom 3. Oktober 1990 die Planung für die Neuanlage des Potsdamer Platzes begann, wurde der Denkmalssockel 1995 abgeräumt und eingelagert. Im Jahr 2002 setzte sich die Bezirksverordnetenversammlung des Berliner Bezirks Mitte für die Wiederaufstellung des Sockels ein – als Dokument der Stadtgeschichte und des Umgangs mit den sozialistischen und antimilitaristischen Traditionen in Deutschland.

Werke

  • Kompensationsvollzug und Compensationsvorbringen nach gemeinem Rechte. Dissertation, R. Heydeck, Paderborn 1897.
  • Militarismus und Antimilitarismus. Unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung. Leipziger Buchdruckerei, Leipzig 1907.
  • Gesammelte Reden und Schriften. (9 Bände) Dietz-Verlag, Berlin.
  • Lebt wohl, Ihr lieben Kinderchen. Briefe an seine Kinder. Hrsg. von Annelies Laschitza und Elke Keller, Berlin 1992.
  • Karl Liebknecht zum antimilitaristischen Kampf. 1. Auflage, Dortmund 1977.
  • Spartacus spricht. Kampfdokumente der Spartakusgruppe aus der Zeit des ersten Weltkriegs. Berlin 1961.
  • Gedanke und Tat; Schriften, Reden, Briefe zur Theorie und Praxis der Politik. herausgegeben und eingeleitet von Ossip K. Flechtheim; Berlin 1976.
  • Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung. Postum herausgegeben von Rudolf Manasse; München 1922.

Literatur

Biografisches

  • Annelies Laschitza: Karl Liebknecht. Eine Biographie in Dokumenten. Berlin 1987, ISBN 978-3-320-00814-7
  • Annelies Laschitza: Die Liebknechts. Karl und Sophie – Politik und Familie. Aufbau Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-351-02652-3[12]
  • Helmut Trotnow: Karl Liebknecht – eine politische Biographie. Köln 1980
  • Elisabeth Hannover-Drück, Heinrich Hannover (Hrsg.): Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Frankfurt am Main 1967
  • Ossip K. Flechtheim: Karl Liebknecht zur Einführung. 2. Auflage, Hamburg 1986
  • Willy Kerff: Karl Liebknecht – Fragment einer Biographie. Dietz Verlag, Berlin 1967
  • Manfred Scharrer: Karl Liebknecht (1871–1919). In: Michael Fröhlich (Hrsg.): Das Kaiserreich. Darmstadt 2001

Zeitgeschichte

  • Bernt Engelmann: Wir Untertanen – ein Deutsches Anti-Geschichtsbuch und Einig gegen Recht und Freiheit, Frankfurt am Main 1976
  • Sebastian Haffner: Die Revolution 1918/19; auch erschienen unter dem Titel Der Verrat.

Belletristik

  • Alfred Döblin: Karl und Rosa. Verlag Karl Alber, Freiburg/München 1950

Filme

  • 1965: Solange Leben in mir ist, Regie: Günter Reisch
  • 1969: Der Fall Liebknecht-Luxemburg, Regie: Dieter Ertel und Gustav Strübel (Dokumentarspiel in 2 Teilen, das die Hintergründe der Morde an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg thematisiert. Für die Dokumentation wurden Überlebende von 1919 interviewt. Auch Waldemar Pabst, der den Geheimbefehl zur Erschießung gegeben hatte, ließ sich für den Film auf ein Interview ein)
  • 1972: Trotz alledem!, Regie: Günter Reisch
  • 2002: Karl Liebknecht – Ein Kämpferleben!, Regie: Jens Geutebrück

Weblinks

 Commons: Karl Liebknecht – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Wilhelm Liebknecht hatte Karl Marx, Paul Singer, August Bebel und Friedrich Engels gebeten, Pate seines Sohnes zu sein.
  2. Familienfoto auf www.sozialistenfriedhof.de
  3. Karl Liebknecht: Militarismus und Antimilitarismus. Unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung. Leipziger Buchdruckerei, Leipzig 1907. Vgl. dazu Horst Syrbe: Zur nationalen Bedeutung von Karl Liebknechts Schrift „Militarismus und Antimilitarismus“. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 3, Diez, Berlin 1961, S. 573–592. Nachdruck als: Karl Liebknecht: Rekrutenabschied. Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung. Weltkreis-Verlags-GmbH, Dortmund 1971.
  4. Der Hochverratsprozeß gegen Liebknecht vor dem Reichsgericht. Verhandlungsbericht nebst einem Nachwort. Buchhandlung Vorwärts, Berlin 1907. Vgl. Zeitungsberichte im Vorwärts vom 11. Oktober 1907 und vom 13. Oktober 1907 (Titelblätter).
  5. Zeitungsbericht im Vorwärts vom 29. September 1908, Titelblatt.
  6. Amtliche Entscheidungssammlung des Ehrengerichtshofs für Anwaltssachen beim Reichsgericht (EGH). 14. Band, Seite 81–84. Vgl. Zeitungsbericht im Vorwärts vom 13. Oktober 1908, S. 2.
  7. Karl Liebknecht in der Datenbank der Reichstagsabgeordneten
  8. Vgl. Ralf Hoffrogge: Richard Müller – der Mann hinter der Novemberrevolution. S. 38–41.
  9. Ralf Hoffrogge: Richard Müller – der Mann hinter der Novemberrevolution. S. 63–73; Buchauszug online
  10. Eduard Stadlter: Erinnerungen. Band 3: Als Antibolschewist 1918–1919. Neuer Zeitverlag GmbH, Düsseldorf 1935, S. 46–52
  11. Von diesem damaligen Schlossportal Nr. IV des Berliner Stadtschlosses aus rief Liebknecht am 9. November 1918 die „Freie Sozialistische Republik Deutschland“ aus. Beim Bau des Staatsratsgebäudes ab 1962 wurde das Portal zur Erinnerung an dieses Ereignis rekonstruiert.
  12. Rezension von Volker Ullrich, Die ZEIT, 3/2008, S. 44 (Ein Sozialist, wie er im Buche steht.)

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