Orleans, Anna Maria Luise, Herzogin von Montpensier

Orleans, Anna Maria Luise, Herzogin von Montpensier, Anna Maria Luise, Herzogin von Montpensier, geb. am 29. Mai 1627, die geistreiche Tochter Gastons von Orleans, übte großen Einfluß auf die Unruhen der Fronde, und spielte überhaupt in der Geschichte des 17. Jahrh. keine unwichtige Rolle, obgleich eigentlich alle Ereignisse ihres Lebens sich um Heirathsprojekte drehen. Schon in der frühesten Kindheit hatte man ihr eingeprägt, ihr Cousin Ludwig XIV. werde sie einst heirathen, und diese Hoffnung, mit der sie sich fast 15 Jahr vergeblich trug, mußte auf die Entwickelung ihres Charakters bedeutend einwirken. Nachdem der König sich bestimmt dagegen erklärt hatte, sollte Anna den Grafen von Soissons, nach dessen frühem Tode aber den Kardinal-Infanten, Bruder der Königin Mutter, heirathen. Doch auch dieser starb noch vor der Hochzeit. Weitere Pläne auf Philipp IV. von Spanien, Kaiser Ferdinand III., den Prinzen Karl von Wales, Erzherzog Leopold Wilhelm von Oestr. und den Herzog von Savoyen scheiterten nach und nach, besonders durch Entgegenwirken des Hofes. Aufgebracht über diese Intriguen schlug sich ihr Vater zur Partei der Fronde, und Anna eilte nach Orleans (1652), diese Stadt dieser Partei zu erhalten. Die Bevölkerung wollte eben königliche Truppen einlassen und wies deßhalb die Herzogin zurück. Ungeduldig umschwärmte sie die Wälle. entdeckte bald ein unbewachtes Pförtchen und schlüpfte nicht ohne Beschwerde in die Stadt, in der sie nun sechs Wochen lang despotisch herrschte. Triumphirend zog Anna darauf nach Paris, wo die Frondeurs sie zu ihrer Heldin erklärten und wo sie selbst die Kanonen der Bastille auf die königl. Truppen richtete. Allein der Hof siegte und die Herzogin ging in's Exil auf ihr prachtvolles Schloß Bois-le-Vicomte. Hier vertrieb sie sich die Zeit durch Schriftstellerei und bereitete die bekannten Memoiren vor. Endlich (1657) erhielt sie die Erlaubniß wieder, am Hofe zu erscheinen, und jetzt schlug ihr der König seinen Bruder Philipp als Gatten vor. Sie wollte aber weder diesen, noch den Sohn des Prinzen von Condé, oder den König Alphons VI. von Portugal heirathen, und Ludwig XIV. exilirte sie deßhalb abermals. In der Einsamkeit von St. Fargeau begann der Graf von Lauzun ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Er war ein Sonderling, und wie sie selbst in ihren Memoiren sagt »der Ruf, ein Sonderling und Mann von Ehre zu sein, hat jederzeit auf mich gewirkt.« Die mehr als 40jährige Prinzessin unterzog sich den größten Demüthigungen, um die Erlaubniß zur Verbindung mit dem nicht ebenbürtigen Geliebten zu erhalten. Wirklich willigte der König ein, und schon war der Ehecontract, in dem sie Lauzun ihre sämmtlichen Güter, 22 Millionen Livres (Francs) an Werth, schenkte, aufgesetzt und die Gratulationen empfangen, als es der königl. Familie gelang, Ludwig XIV. umzustimmen. Anna fiel ihm voller Verzweiflung zu Füßen, doch vergebens, sie vermochte selbst nicht die Gefangenschaft ihres Geliebten abzuwenden. Dieser wurde 10 Jahre zu Pignerol gefangen gehalten und erst 1682 befreit, als Frau von Montespan die Prinzessin zur Schenkung ihrer meisten Güter an den Herzog von Maine, Sohn des Königs und der Montespan, veranlaßt hatte. 1683 gestattete man ihr endlich eine heimliche Heirath mit Lauzun. Doch dieser fand an der fast 60jährigen Frau keinen Gefallen mehr und mißhandelte sie sogar. Nach 2 Jahren trennten sich beide immer. Die letzten Jahre ihres bewegten Lebens füllte die so hart geprüfte Fürstin mit Andachtsübungen und frommen Werken aus und starb am 5. April 1693. – Stolz und Eitelkeit waren die Triebfedern aller ihrer Handlungen, Ehrgeiz und politische Umtriebe erfüllten ihre Jugend, später empfand sie die Trübsale einer in ihren Jahren zu ungleichen Heirath. Bei alledem können ihr ausgezeichnete Eigenschaften nicht abgesprochen werden. Die geistreichen Memoiren der Herzogin von O. erschienen zuerst 1728 in 6 Bänden, und gehören zu den interessantesten über jene Zeit.

S.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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