Spanien (Frauen)

Spanien (Frauen). Sei mir gegrüßt, du herrliche Maja (s. Majo), mit deiner enganschließenden, kurzen Basquina, du bist die echte, liebliche Tochter des alten S's von unverfälschtem Nationalcharakter. Wie reizend und verführerisch ist deine Kleidung; wie zart, wie sittig trittst du jetzt mit dem Majo zum Tanz hervor! Der Bolero beginnt sanft und voll Schwermuth. Träumerisch steht die Maja vor dem Jüngling, aber jede, auch die leiseste, ihrer Bewegungen ist voll Zartheit und Anmuth. Sie betrachtet voll Verwunderung, mit süßer Scham ihren halb bittenden, halb fordernden Tänzer. Soll sie ihm nahen? Soll sie ihn fliehen? Aengstlich sucht sie sich ihm zu entziehen; ein heißes Verlangen zieht sie zu ihm hin; bald flieht sie, bald sucht sie ihn auf; jetzt will sie ihm schmollen, und verräth einen Augenblick später nur um so lauter ihre heiße Liebe. Endlich sinken sich beide in die Arme, zephyrleicht fliegen sie in des Rhythmus melodischem Wechsel dahin.... Welch' liebliche Musik! welch' anmuthiger Tanz! welch' schöne Tänzerin! Doch so tanzen nur die andalusischen Frauen, jene schlanken, elastischen, hingebenden und phantastischen Frauen, die stets voll guter Dinge, holder Ideen, tausend schelmischer Wünsche, flüchtig und pikant, von den Spaniern selbst »Saladas,« d. i. gesalzene Frauen, genannt werden. Selbst die ernstesten, kirchlichen Festzüge verherrlichen die reizenden Andalusierinnen auf's Wundersamste mit religiösen Reigen. Eine Guirlande von lebenden Blumen schlingen sie sich auf der Straße um den heiligen Schein des Hochwürdigsten; sie heben und senken sich, als brächten sie dem Herrn ihre Huldigungen dar; es ist ein rhythmisches, wunderbares Gebet, gewoben aus Seufzern, Schwebungen, Gesten, aus bald flehenden, reuig gesenkten, bald begeisterten und entsühnten Blicken; es sind tanzende Magdalenen, jede ihrer Bewegungen ein Gebet um Gnade und Segen von Oben.... Welch' liebliche Sitte! welch' anmuthiger Tanz! welch' schöne Tänzerinnen! Aber es ist auch schwer, fast unmöglich, der Grazie der Andalusierinnen, wie auch der der meisten übrigen Spanierinnen, zu widerstehen. Die Lebhaftigkeit der Phantasie, der treffende, fast beißende Witz, feurige Blicke, Lieblichkeit der Stellung, der gefälligste Anstand in jeder Bewegung, – dieß alles zusammen bildet jene geheimnißvolle, unerklärliche, Alles bezaubernde Mischung, welche wir die spanische Grazie nennen möchten. Die Spanierin spricht nicht mit der lüsternen Sprache des Verlangens: Alles nimmt bei ihr den schmachtenden Ausdruck einer leidenschaftlichen Schwermuth an; Zärtlichkeit und Hoheit, Stolz und Entsagung strahlt zugleich aus den schwarzen, unendlich tiefen Augensternen durch die langen Wimpern wundersam hervor. In diesen Augen liegt ihr ganzes Herz; sie sind die Spiegel ihrer Seele. Ost ist ihre äußere Gestalt nicht eben blendend; oft entbehren die Züge den Regelmäßigkeit, allein trotz dem liegt in ihrem Wesen etwas unbeschreiblich Süßes, was man lieben, was man anbeten muß. Wer hörte nicht von den Blumen Andalusiens mit den lieblichen Kelchen voll der süßen Thautropfen liebender Zähren? Fesselt und entzückt nicht Alles an ihnen, – ihre sanften Züge wie ihr seiner Teint, das Zauberische ihres Provinzialdialekts, wie die Anmuth und Zuvorkommenheit ihres Betragens? Frühzeitig entwickelt das milde Klima ihr Temperament und ihren Körper, und ihr netter, knapper Anzug scheint recht eigentlich erfunden zu sein, um ihre schöne Bildung, ihre herrlichen Gestalten zu heben Darum liebt und verehrt auch der Spanier die Frauen nicht, – er betet sie an. Von allen den ritterlichen Gesinnungen der Vorzeit hat sich allein die Huldigung der Frauen in ihrer ganzen Reinheit erhalten. Bei seiner poetischen und feurigen Einbildungskraft gefällt sich der Spanier, der Sclave eines lieblichen Wesens zu sein. Man sagt in S. nicht, wie in Frankreich, zu einer Dame: »ich habe die Ehre, Ihnen meine ergebenste Aufwartung zu machen;« man fragt nicht trocken wie in England: »Wie befinden Sie sich?« Man grüßt sie stets: »Sennora, beso a vos los pies,« »Sennora. ich küsse Ihre Füße,« – eine Ehrenbezeugung, welche die Dame dem Oberhaupte der Kirche gleichstellt. In Gesellschaft naht sich der Spanier nur dann einer Dame, wenn er ihr eine Aufmerksamkeit bezeigen kann; will sie die Treppe herabsteigen, so bietet man ihr eilig die Hand; tritt sie in die Kirche, so reicht man ihr das Weihwasser. Allenthalben hat sie das größte Vorrecht, den ersten Platz, die ersten Ehrenbezeugungen. Unter den niedrigen Standen müssen alle Handlungen des Gatten durch die Blicke seiner Frau belebt werden, wie die Pflanzen durch die Strahlen der Sonne. Stets darauf bedacht, wie er die Gefährtin seines Lebens unterstützen könne, theilt er oft ihre niedrigsten Verrichtungen. Freilich sind heftiger Stolz, ein schwer zu besiegender Eigensinn, glühende Rachsucht eben keine liebenswürdigen Eigenschaften der Spanierinnen; dafür aber sind sie seelenstark, heroisch, voll der edelsten Kraft und einer unwillkührlich hinreißenden Hoheit, und schon ihre ganze Persönlichkeit, der majestätische Gang, die sonore Stimme, die Heftigkeit aller ihrer Geberden und Bewegungen drückt die Eigenheiten ihres Inneren aus. Leider entwickeln sich ihre Reize zu früh, um nicht schon zeitig zu verwelken, und eine Spanierin von 40 Jahren erscheint oft als noch einmal so alt. – Zu stolz, um niederträchtig und veränderlich zu sein, ist die Spanierin der größten Opfer fähig – jedoch in der Wahrheit mehr um ihrer selbst willen. Darum betrachtet sie auch ihren Liebhaber (Amanta) stets als ihren Anbeter, als ihren Sclaven, von dem sie völlige Hingebung seines ganzen Wesens fordert. Er muß ihr unaufhörlicher Gesellschafter, ihr beständiger Begleiter sein, alle ihre kleineren und größeren Bedürfnisse unverdrossen besorgen, jeden ihrer leisesten Wünsche als den strengsten Befehl achten. Verheirathet sie sich, so tritt an die Stelle des Amanta der Cortejo; – so nennt man den Liebhaber einer verheiratheten Frau. Dieser hat dem Ehegatten zum Trotz alle Pflichten und Verbindlichkeiten des Amanta als Hausfreund, Gesellschafter, Liebhaber und Sclave seiner Herrin über sich; – eine seltsame, und geschichtlich noch nicht gründlich erörterte Sitte, welche sich wenig zu der alten Eifersucht der spanischen Ehemänner schickt. So lebt und webt die Spanierin in einem immerwährenden, anmuthigen Wechsel von Lieb' und Gegenliebe, zärtlichem Entgegenkommen, stolzem Befehlen, zarter Aufmerksamkeit; und ist sonst durch Zeit, Ort und Verhältnisse keine Annäherung gestattet, so wird in ihrer Hand der Fächer zum beredten Dolmetscher ihrer Wünsche und Geständnisse. Diese stille Fächersprache ist so interessant, daß man in einer von Damen und Herren gemischten Gesellschaft sein kann, ohne ein Wort zu sprechen und doch ohne sich zu langweilen.. Da die alte, spanische Nationaltracht wie bei den Männern so auch bei den Frauen meist von französischen Moden verdrängt worden ist, so tragen sich jetzt die Damen bei Besuchen, im Wagen, im Schauspielhause und auf Bällen französisch; spanische Tracht aber legen sie nur an, wenn sie zu Fuß ausgehen oder die Kirche besuchen. Sie besteht in einer Schnürbrust und einem engen Corset, dem schon erwähnten kurzen Unterröckchen (basquina). Auf dem Kopfe tragen sie die Mantilla, die an die Stelle des arabischen Schleiers getreten ist: sie ist schwarz oder weiß, und meist von sehr seinen Spitzen, und die artigen Spanierinnen wissen sich ihrer mit liebenswürdiger Koketterie zu bedienen. Die Schuhe, welche sie tragen, sind höchst geschmackvoll und ausgesucht, und fast immer von Seide, oft auch mit Stickereien verziert. – Der Spanier pflegt sprichwörtlich von den Frauen seines Landes zu sagen: »die Biscayerin ist die fleißigste, die Catalonierin die häuslichste, die Castilianerin die sprödeste, die Andalusierin die feurigste, und die – meiner Provinz die schönste.« Biscaya's Frauen vereinigen spanische Grandezza mit französischer Grazie. Die tiefschwarzen Augen, das vollendete Ebenmaß, die Harmonie der ganzen Gestalt, – Alles entzückt, Alles verführt. Die Catalonierinnen haben nicht das Graziöse, aber wohl den schönen Teint, die schöne Farbe der Valencianerinnen; auch sind sie ernster und stolzer. Doch stets waren es die Andalusierinnen, welche den Malern zu Madonnen und Anadyomenen saßen. Aber ganz S. ist ein herrlicher Frauengarten, wo jeder einzelne Theil von eigenthümlicher Schöne strahlt. Im feurigen Welschland glühen und blühen, hassen und lieben die Elviren und Annen des Don Juan; hier weilt und herrscht ein Frauengeschlecht, welches die Natur zum schönsten Modell ihrer Herrlichkeit erschuf, welches meist Alles lieblich und poetisch auffaßt, und wenn es einmal liebt, sich dem höchsten und innigsten Gefühle der Liebe hingibt. Und kann es unter den schönen, poetischen Lebensformen Hesperiens etwas Romantischeres geben, als eine Brautwerbung von Valencia? In Begleitung eines Trovadors erscheint der Freier am bestimmten Abend vor der Schwelle seiner Geliebten. Der Sänger tritt vor das mit Blumen geschmückte Fenster der Schönen und beginnt in des Bräutigams Namen in lieblichen Versen ihre Schönheit zu rühmen; er vergleicht ihren Wuchs mit einer Palme, ihre Lippen mit Granaten, ihre Sanftmuth, ihr weibliches Wesen, mit dem stillen Walten der Taube, der Schwalbe, des Schwans. Mit verstellter Sprödigkeit fragt die Braut den Geliebten: »wer er sei, und was er wolle?« Mit feuriger Zärtlichkeit antwortet dieser: »Dich will ich, mein süßer Engel; alle Sterne drehen sich in Liebesharmonien, die Turteltaube girrt, die Nachtigall schlägt; – sollen wir uns nicht auch lieben?« Da ergibt sich das stolze Herz der Schönen; hastig wirft sie den Kranz aus den Haaren dem Freier zu und verspricht, ewig nur ihm anzugehören.

B....i.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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