Sophie von Rußland

Sophie von Rußland, die unglückliche Stiefschwester Peter des Großen, wurde 1667 dem Czar Alexis Michaelowitsch in erster Ehe von Maria Milostawska geboren. Nach dem Tode dieser Letztern erhielt sie und ihre beiden Brüder, Fedor und Iwan, in Natalien Nariskin eine Stiefmutter im vollen Sinne des Worts. Es lag im Plane dieser Fürstin, ihrem jungen, geistvollen Sohne Peter um jeden Preis die Thronfolge zu erringen. Fedor, nach des Vaters Tode nur kurze Zeit Regent, starb schon 1682, Iwan, blind und fast blödsinnig, sollte vereint mit Peter, so wollte es des Volkes Stimme, unter Sophien's Vormundschaft an seine Stelle treten. Da erregte Peter's Mutter von einer starken Partei unterstützt, den ersten Aufstand zu Gunsten ihres Sohnes, doch unheilbringend standen ihr mit der Unterthanen Mehrzahl die furchtbaren Leibgarden der russischen Czaren, die kampfgewohnten Strelitzen, entgegen. Die Sache der Stiefkinder triumphirte und die schöne, kluge, von ganz Rußland geliebte Sophie, die zärtliche Pflegerin des armen Iwan, hatte, indem sie sich als weise Regentin bewährte, nur eine einzige Gegnerin – Natalien. Keineswegs durch den ersten üblen Erfolg abgeschreckt, bereitete sie und ihr Sohn im Stillen die große Umwälzung vor, welche dem Reiche neuen Glanz durch fremde Sitten und Wissenschaften bringen sollte. Die tiefe Unwissenheit, die eiserne Last herkömmlicher Gebräuche, welche über den vielen Völkern lag, die unter Sophien's mildem Scepter ruhig im gewohnten Gleise hingingen, sollte und mußte im Laufe der Zeiten höherer Ausbildung und Gesittung Platz machen; Sophie mußte Peter's Ruhme zum Opfer werden. Wie dieser sich zu seinem großen Berufe vorbereitete, gehört in die Geschichte seines Lebens, wir erwähnen hier nur, daß 1680 bei einem zweiten bedeutenderen Aufstande, den seine Anhänger erregten, die Entscheidung anfänglich zweifelhaft war. Sophien's Streiter trieben ihn mit der Mutter zu Bobraschensko ins Kloster der h. Dreifaltigkeit, wo er sich wie in einem Kastell vertheidigte und endlich einen vollständigen Sieg errang. Vergebens waren jetzt Sophien's Botschaften an den jungen Sieger, und als sie sich persönlich aufmachte, um zu des Bruders Füßen ein milderes Urtheil für sich und die Ihrigen zu erflehen, da traf sie schon unterwegs der Befehl, der sie ins Kloster verbannte. Der Reichskanzler und Feldherr Wasilei Galozin, der seit Fedor's Tode an der Spitze der Geschäfte stand und Sophien's treuer Rath gewesen war, mußte das Vaterland verlassen, ihre besten Freunde starben durch Henkers Hand; aus dem Blute der Gerichteten, aus dem Gräuel des Bürgerkriegs stieg die Aufklärung unaufhaltsam mit neuen Einrichtungen und Gesetzen. Iwan hieß noch Czar, Peter schmückte den scheinbar getheilten Thron durch Großthaten und Weisheit. Vergeblich bemühte sich Sophie nach Pol en zu entfliehen, sie wurde zur strengen Hast ins Kloster Dewitz gebracht und dort, weil man ihren muthigen Sinn kannte, auf das Strengste bewacht. Dessenungeachtet wurde ihr Name nach wenigen Jahren für die vielen Mißvergnügten, die Peter's Regierung erregt hatte, zum Vorwande einer dritten, schrecklichen Rebellion. Mit entsetzlicher Härte erdrückte Peter dießmal den Widerstand gegen seine Herrschaft. Vertilgung war das Losungswort, die Hinrichtungen der Aufrührer wurde unter Sophien's Fenstern vollzogen und ihre zerstückten Glieder an den Gittern derselben aufgehangen. Sie, die Beklagenswerthe, deren Loos nur mit dem der noch elenderen Eudoxia Lapuchin, Peter's Gemahlin, die ebenfalls in den gräßlichen Thronenstreit verwickelt war, verglichen werden kann, entging dem Tode nur durch Lefort's (Peter's Erziehers) Fürsprache. Nach den oben geschilderten Scenen stürmte indeß der zornige Bruder in ihren Kerker, überhäufte sie mit Beschuldigungen, Schmähreden und Mißhandlungen, denen sie nur Thränen und Betheuerungen ihrer Unschuld entgegen setzen konnte, bis sie ohnmächtig zusammen brach. Was in einer so starken und wie die Geschichtsschreiber, die das Glück Peter's bestach, sagen, so herrschsüchtigen Seele, als die Sophien's bei so vielen Unbilden vorgehen mußte, wird Jeder fühlen. Die Jugendkraft des schönen, muthigen, vielleicht noch hoffenden Weibes bekämpfte eine Zeitlang das Weh eines solchen Schicksals, bis sie den Schleier nahm und 1704 starb. Um eine von so tiefem Schmerze zerrüttete Organisation vollends aufzulösen, bedurfte es wohl kaum des Giftes, das sie der Sage nach bekommen haben soll. Ihr Andenken, wie das Eudoxiens, wurde durch den Schimmer des hellern Tages, den Peter und Katharina über Rußland heraufführten, verdunkelt. Beiden Frauen werden Verbrechen Schuld gegeben, die sie wahrscheinlich nie begingen, viele, die sie nicht begehen konnten. Die Geschichte würde sie Heldinnen, große Kaiserinnen nennen, wenn sie gesiegt hätten, der Nachruhm der Ueberwundenen ist Schmach.

F.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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