Oghusen

Die Oghusen (in den Orchon-Inschriften: Oġuz) waren eine frühere türkische Stammeskonföderation. Sie waren eine der Stammeskonföderationen, die nach dem Zusammenbruch des Göktürkenreichs auftauchten bzw. wiedererschienen.[1] Oġuz ist die türkische Eigenbezeichnung. Historische arabische Quellen verweisen mit ‏غوزّDMG Ġuzz[2], byzantinische Quellen verweisen mit Ούζοι (Usen, Uz) auf die Oġuz.[3] Seinen Namen bekam dieser Stammesbund vom legendären Heerführer Oġuzhan (Oghus Khagan).

Nach eineinhalb Jahrhunderte langer Ansiedlung am Fluss Syrdarja und am Aralsee spaltete sich um 1050 ein Zweig von den Oghusen ab und eroberte Persien, Aserbaidschan und später Anatolien. In diesen Gebieten gründeten sie das Reich der Seldschuken. Aus dem Zweig, der sich abgespalten hatte, sind die heutigen Türken und Aserbaidschaner hervorgegangen. Die heutigen Turkmenen gehen dagegen auf die Oghusen zurück, die damals am Aralsee geblieben waren.[4]

Muslimische Quellen im Seldschukenreich benennen zum Islam konvertierte Oghusen ‏تركمن‎ / Türkmen. Türkmen ersetzte die Benennung Oġuz zur Zeit der Mongoleninvasionen (ab Mitte des 13. Jahrhunderts) vollständig.[5][6] Moderne Ausarbeitungen verwenden in Form von Oghusen/Türkmenen beide Begriffe.[7]

Inhaltsverzeichnis

Namensherkunft

Oġuz ist von der alttürkischen Wortwurzel bzw. uq abgeleitet. bzw. uq deutet eine Verwandtschaft an. Andere Beispiele für daraus abgeleitete Worte sind die neutürkischen Begriffe oğul (der Nachwuchs, der Sohn), oğlan (der Junge, der Knabe; ursprünglich war dies der Plural von oğul), oğlaq (junge Ziege/junger Ziegenbock), oğuš/uğuš (Sippe, Stamm). oğša-/oqša- steht für jemandem ähneln und stammt möglicherweise von derselben Wurzel /uq ab. Somit wird Oğuz (und auch Oğur) mit die Verwandten übersetzt und kann demnach Stammesvereinigung, Clan, Sippe/Stamm, Stammesuntergruppe, Vereinigung verwandter Stämme/Clans bedeutet haben.[8][9] Deshalb ist in geschichtlichen Quellen dem Oġuz meist ein numerischer Präfix vorgestellt, der die Anzahl der Untergruppen kennzeichnet, z. B. Üç Oġuz (Die drei Stammesgruppen), die Tiele / uighurischen Toquz Oġuz (Die neun Stammesgruppen), Sekiz Oġuz (Die acht Stammesgruppen).

Die Erwähnung Oġuz in türkischen und uighurischen Inschriften (z. B. Orchon-Runen) verweisen großteils wahrscheinlich auf die Toquz Oġuz.[9]

Die Oġuz und ihre Untergruppen

Die Oġuz waren eines der bedeutendsten Stammeskonglomerate im Reich der Göktürken. Laut Ibn al-Athir kamen sie in den Jahren 775783 zur Zeit des Kalifen Al-Mahdi am Syrdarja an. Hier gründeten sie ein Gemeinwesen, das aus 22-25 Stämmen und Clans bestand, das ihrem Yabghu unterstand. Die Verwendung des Titels Yabghu oder auch Yabġu deutet darauf hin, dass die Oġuz bereits im göktürkischen Reich, das im Jahr 742 untergegangen war, einen hohen Status in der Hierarchie der Stammeskonföderationen genossen.

Raschid ad-Din berichtet, dass die Oġuz in zwei Subkonföderationen unterteilt waren: die Bozok und die Üçok. Mahmud al-Kashghari gibt eine leicht unterschiedliche Auflistung der Untergruppen der Bozok und der Üçok an.[1] Eine weitere wichtige geschichtliche Quelle stammt von Abu'l-Gazi.[10]

Die Bozok

Die Bozok bestanden aus folgenden Untergruppen:

Die Üçok

Die Üçok bestanden aus folgenden Untergruppen:

Die für die weitere Geschichte so bedeutenden Dynastien der Seldschuken entstammten den Kınık, die Osmanen führten sich auf die Kayı zurück, die Ak Koyunlu führten sich auf die Bayındır zurück.[1]

Flucht und Landnahme am Aralsee

Ursprünglich siedelten die Oghusen in der Nähe des Kerulen und der Selenga. Zur Zeit des Göktürkenreiches (6.-8. Jh) tauchen sie wiederholt in der Geschichte auf. Noch zu dieser Zeit spalteten sich die Oghusen in rivalisierende Stammesverbände: Bezeichnungen wie Dokuz-Oghusen, Otuz-Oghusen, Toguz-Oghusen, Sekiz-Oghusen oder Üch-Oghusen spiegeln verschiedene Zusammenschlüsse und Spaltungen dieser Nomaden wider.

Zur Zeit des zweiten Göktürkenreiches mussten vor allem 716-18 von Kül-Tegin (einem Sohn des Reichsgründers Ilteris) Aufstände der Sekiz-Oghusen in der heutigen Mongolei blutig niedergeschlagen werden. Infolgedessen wurde 744/45 das zweite Göktürken-Reich (681-745) von einer Allianz beseitigt: Erstaunlicherweise wurde die eigentliche Revolution von Angehörigen der Karluken geplant. Die Karluken fanden recht schnell Verbündete, indem sich die Stämme der Otuz-Oghusen und der Uiguren an den Aufständen beteiligten. Doch war diese Allianz mehr als kurzfristig.

Es kam zwar noch zur Gründung des Uigurenreiches, das anfänglich noch von Karluken, Otuz-Oghusen und eigentlichen Uiguren getragen wurde, aber binnen zweier Jahre kam es zu ernsten Konflikten, bei denen die Karluken schließlich geschlagen und fortan als Vasallen der Uiguren betrachtet wurden. In drei Aufständen 747-750, 752-753, 757-759 erhoben sich auch die Sekiz-Oghusen in der Mongolei und am Altai erfolglos gegen die Vorherrschaft der Uiguren.

Während die Karluken nun ihre Herrschaft am Altai und am Talas/Tschüi begründeten, mussten die schwächeren Otuz-Oghusen (vor ihnen und den Uiguren) noch weiter nach Westen ausweichen und sich gegen 775 am Aralsee und dem unteren Syrdarja niederlassen. Dort gerieten sie um 889/93 mit dem Samaniden-Emir Ismael († 907) in Konflikt, der sowohl Otuz-Oghusen als auch Karluken schlug. Die Otuz-Oghusen verdrängten daraufhin 889 die Petschenegen am Ural-Fluss, während die Karluken nach ihrer Niederlage am Talas 893 ihren Druck auf das Samanidenreich schon bald wieder erhöhten.

Oghusen und Seldschuken

Ab dem 7. Jahrhundert wanderten die ersten Sekiz-Oghusen aus der späteren Mongolei ab und ließen sich schließlich westlich der Herrschaftsgebiete der Otuz nieder. Beide Völker verschmolzen schließlich miteinander, so dass man wieder von einem einheitlichen Oghusen-Volk sprechen konnte. Dort gründeten sie schließlich ein gemeinsames Reich: Dieses Reich etablierte sich seit dem im Ustplateau. Das ist die Region zwischen Aralsee und Kaspischem Meer. Reichshauptstadt war Yengi-Kent (heute „Yeni Kent“, türk. für „Neue Stadt“).

Einige Oghusen lebten auch östlich des Aral und nördlich vom Jaxartes (Syrdarja). Die Oghusen führten weiterhin ein überwiegend unstetes Nomadenleben und ihre Behausung war seit alters her die Yurt – die Jurte. Doch sie hatten auch die Oberherrschaft über mehrere Städte: Yengi-Kent, Cend, Sabran, Atlih, Salic, Ordu und Balac waren die bedeutendsten von ihnen. Mit der Zeit wurde ein Teil der Oghusen sesshaft und zu Händlern.

Im 11. Jahrhundert zogen die nur lose organisierte Oghusen-Stämme über ein großes Gebiet, das sich von der Mongolei bis zum Kaspischen Meer erstreckte. Dabei kam es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Nachbarn:

  • Die Sekiz-Oghusen zogen aus der Mongolei nach Süden ab und ließen sich im einstigen samanidischen Gebiet nieder. Das geschah im 11. Jahrhundert und betraf die Gebiete Mawarannahr (Transoxanien), Chorassan, Nord- und Mitteliran. Der Sekiz-Oghuse Dukak Khan (der Vater Seldschuks) bekam von den Chasaren den Titel Temür-yalig (der Eisenere Bogen) verliehen, da er als Söldner in deren Diensten stand. Um 903 starb Dukak und dessen Sohn Seldschuk trat die Nachfolge an; aber in Gegensatz zu seinem Vater trat er in die Söldnerdienste des Oghus-yabgu und dieser nahm ihn als Ziehsohn auf. Doch bereits 997 verweigerte Seldschuk dem Oghus-yabgu seine Dienste und stellte auch die Steuerzahlungen ein. Darauf hin erwog der Oghus-yabgu um 998/99 einen Feldzug gegen seinen einstigen Ziehsohn. Doch zu diesem Feldzug sollte es nicht mehr kommen, da Seldschuk um 1000 nach Cend flüchtete und sich außerhalb des Machtbereiches des Oghusen-Herrschers befand. Dort begründete er seine eigene Dynastie – die späteren „Seldschuken“ klinkten sich nun aus der gemeinsamen Oghus-Geschichte aus.
  • Um 1054 zog eine andere Gruppe der Oghusen (von den Byzantinern „Uzoi“ d. h. Uzen genannt) quasi als Vorhut der Kyptschaken auf den Balkan, wo sie 1065 vernichtet wurde.


Literatur

  • Milan Adamovic Die alten Oghusen, in Materialia Turcica 7/8, 1981/1982,1983 S. 26-50
  • Peter B. Golden The migrations of the Oğuz, in Archivum Ottomanicum 4, 1972, S. 45-84
  • J. R. Hamilton Toquz-Oguz and On-Ouygur, in Journal Asiatique 250, 1962, S. 23-63
  • Karl Reichl Türkmenische Märchen: mit Übersetzung, Glossar und Anmerkungen, aus der Reihe Materialia Turcica, Band 4, Bochum 1982, ISBN 3-88339-265-0
  • Hanspeter-Achmed Schmiede Dede Korkuts Buch: Das Nationalepos der Oghusen, Übersetzung aus dem oghus-türkischen, Hückelhoven 1995, ISBN 3-86121-034-7

Einzelnachweise

  1. a b c Edith G. Ambros/P. A. Andrews/Çiğdem Balim/L. Bazin/J. Cler/Peter B. Golden/Altan Gökalp/Barbara Flemming/G. Hazai/A. T. Karamustafa/Sigrid Kleinmichel/P. Zieme/Erik Jan Zürcher, Artikel Turks, in Encyclopaedia of Islam, Brill, digitale Edition, Abschnitt 1.2 The tribal history of the Central Asian Turks
  2. Claude Cahen, G. Deverdun, P. M. Holt, Artikel Ghuzz in Encyclopaedia of Islam[…] GHUZZ, form generally used by Arabic authors for the name of the Turkish Oghuz people. […]
  3. Peter B. Golden An Introduction to the History of the Turkic Peoples: Ethnogenesis and State-Formation in Medieval and Early Modern Eurasia and the Middle East, 1992, S. 205
  4. Milan Adamovic Die alten Oghusen in Materialia Turcica 7/8, S.45
  5. „Die arabischen Quellen sprechen jetzt von Turkmenen und meinen islamisierte Ogusen.“: Professor Dr. Klaus Kreiser: Von der Chinesischen Mauer über Transoxanien nach Anatolien, in: Kleine Geschichte der Türkei, S. 22
  6. Encyclopaedia of Islam, Volume X, Leiden Brill 2000, ISBN 9004112111, S. 682, Artikel Türkmen
  7. Halil İnalcık Devlet-i ʿAliyye, 2009, S. 3ff. Abschnitt Anadolu'ya Oğuz/Türkmen Göçleri, Anadolu Selçuklu Sultanlığı
  8. Peter B. Golden An Introduction to the History of the Turkic Peoples: Ethnogenesis and State-Formation in Medieval and Early Modern Eurasia and the Middle East, S. 96
  9. a b Peter B. Golden An Introduction to the History of the Turkic Peoples: Ethnogenesis and State-Formation in Medieval and Early Modern Eurasia and the Middle East, 1992, S. 206
  10. Peter B. Golden An Introduction to the History of the Turkic Peoples: Ethnogenesis and State-Formation in Medieval and Early Modern Eurasia and the Middle East, 1992, S. 207

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