Turkvölker


Turkvölker
Das Verbreitungsgebiet der Turkvölker

Der Begriff Turkvölker bezeichnet mehrere in Zentral- und Westasien, aber auch in Sibirien und Osteuropa beheimatete Ethnien, die vor allem durch die Zugehörigkeit zur Sprachfamilie der Turksprachen miteinander verbunden sind.[1]

Die Zahl der Angehörigen turksprachiger Völker wird zwischen 130 und 150 Millionen angegeben,[2] die vor allem in der Türkei, Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan und Kirgisistan leben.

Trotz ihrer Zerstreuung vom osteuropäischen Balkanraum über die Türkei und den Kaukasus bis hin in den zentralasiatischen und sibirischen Siedlungsraum sind die Turksprachen untereinander sowohl im grammatischen Bau wie auch im Grundwortschatz noch sehr nahe miteinander verwandt. Aufgrund dieser nahen Sprachverwandtschaft ist eine mündliche Verstehbarkeit unter ihnen – teilweise aber mit großen Schwierigkeiten – noch gegeben.[3] Von einem früheren vermuteten Sprachbund mit den altaischen Sprachen wird heute abgesehen und die unmittelbare Verbindung zwischen den Turk- und den altaischen Sprachen als gemeinsame Sprachfamilie gilt als umstritten.

Die im 19. Jahrhundert entstandene politische und kulturelle Bewegung, die auf die Gemeinsamkeit der Turkvölker zielte, wurde Panturkismus genannt. Die Wissenschaft, die sich mit den Sprachen, der Geschichte und den Kulturen der Turkvölker beschäftigt, wird als Turkologie bezeichnet.

Die Kulturen, traditionellen Wirtschaftsformen und Lebensweisen der Turkvölker sind vielfältig, und ihre Geschichte ist vielschichtig.

Inhaltsverzeichnis

Alternativbezeichnungen

Die Turkvölker werden mitunter auch als „Türkvölker“, „türkische Völker“ oder auch grob verallgemeinert nur als „Türken“ bezeichnet.

Um eine Verwechslung mit den in der heutigen Türkei lebenden Volksgruppen, die dort per Gesetz offiziell als „Türken“ bezeichnet werden, mit den übrigen eine Turksprache sprechenden Nationen zu vermeiden, ist es in Europa üblich geworden, diese generell als „Turkvölker“ (englisch Turkic people) zu bezeichnen. „Türke“ wird hier ausnahmslos auf den Staatsbürger der Republik Türkei bzw. im engeren auf den Sprecher des Türkei-Türkischen angewendet. Die Praxis der Unterscheidung zwischen den eigentlichen Türken und anderen türkischsprachigen Volksgruppen hatte seinen Ursprung im Russland des 19. Jahrhunderts.[4]

In der turksprachigen Turkologie ist es im Gegensatz allgemein üblich, hier von den „türkischen Völkern“ (türkisch Türk halkları) beziehungsweise schlicht allgemein von „Türken“ (Türkler) zu sprechen.

Religion

Heute sind die meisten Angehörigen der Turkvölker Muslime, die Mehrheit wiederum Sunniten, und Schiiten. Aber es gibt unter ihnen auch Angehörige anderer Religionen wie etwa Schamanisten, Tengristen, Buddhisten, Juden und Christen.

Namensherkunft

Die Bezeichnung „Türke“ leitet sich vom Namen einer nomadischlebenden Stammesföderation des 6. Jahrhunderts ab, die sich selbst als Türk („die Mächtigen“) bezeichneten und unter der Führung des A-shih-na-Clans stand.[5] Der Term „Türke“ taucht erstmals 552 n. Chr. auf, als der Stamm der „Türk“ seine Stammesföderation begründete, der heute als „Reich der Göktürken“ (auch mitunter „Reich der Kök-Türken“ geschrieben) bekannt ist. Gök türk bzw. kök türk bedeutet „Himmels-“ oder „Blautürken“. Die Etymologie der Wörter gök/kök und türk sind heute unklar und umstritten.[6] Eine Verbindung der Türk zu den verschiedenen iranischsprachigen Völkern Zentralasiens wird jedoch vielfach vermutet, da sich sowohl die Namen „gök/kök“ und „A-shih-na“ als auch fast alle Titel anscheinend von iranischen Sprachen ableiten lassen[7] sowie auch der Name des führenden Clans (Aschina), welcher wahrscheinlich aus dem Sakischen entlehnt war und „blau“ bedeutete (vgl. alt-türkisch gök=„blau“).[8] Auch die Namen der Reichsgründer, Bumın Kagan und Iştemi, sind nichttürkischen Ursprungs.[9] Aber es scheint auch, dass sich andere Herrschaftsbegriffe wie „Kaġan“, „Şad“, „Tegin“ oder „Yabgu“ aus anderen Sprachen ableiten lassen.[10] Diese kriegerische Stammesföderation wurde von den Han-Chinesen als 突厥 Tūjué, ältere Transkriptionen sind T'u-chüeh, Tu-küe oder Tür-küt, bezeichnet. Diese Bezeichnung leitet sich offensichtlich vom Namen „Türk“ ab.[11] Als unmittelbare Herkunftsstätte wird heute allgemein das Altaigebirge angesehen.[12]

Nach Josef Matuz reichte die Urheimat der Turkvölker im Norden über den Baikalsee hinaus ins heutige Sibirien hinein, im Westen sei sie von Altai und Sajangebirge, im Osten von den Bergen des Tian Shan und im Süden vom Altungebirge im heutigen Xinjiang umgrenzt worden.[13] Michael Weiers geht davon aus, dass Ende des 3. Jahrhunderts im heutigen Nordchina verschiedene Stämme auftauchen, die er als nun „Urtürken“ bezeichnet. Um diesen Kern gruppierten sich mehrere andere Stämme. Nach griechischen, persischen und chinesischen Quellen hielten sich damals dort folgende bedeutenden Stammesverbände auf: Xiongnu-Hu (so genannte östliche „Hunnen“), die Tab'a, die hunnischen Xia und die türkischen und protomongolischen Ruanruan.[14]

Ursprung und Gliederung der frühen Turkvölker

Der Ursprung der heutigen Turkvölker ist unbekannt. Geschichtlich greifbar wurden sie ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. So werden unter anderem die „Türk“ mit den Xiongnu in Verbindung gebracht, deren Vasallen und Waffenschmiede sie waren.[10] Im Jahre 177 v. Chr. vertrieb der Chanyu der Xiongnu Mao-tun die konkurrierenden Yüeh-chih und etablierte seine Stammesföderation als wichtigste Macht in der heutigen Mongolei und in Ostturkestan.[15] Vielfach werden die Xiongnu als die Vorfahren der heutigen Turkvölker und der Mongolen angesehen. Doch diese These gilt als umstritten und konnte nicht eindeutig belegt werden.[16] Unstrittig ist jedoch, dass die Xiongnu teilweise Vorläufer der heutigen Turksprachen benutzten bzw. dass zumindest die herrschende Schicht in dieser Föderation turksprachig war und ein anderer Teil altmongolische und tungusische Sprachen verwendete. So werden sie denn auch überwiegend als „turko-mongolisch“ beschrieben und bezeichnet.[17]

Über die Sprache der Xiongnu ist nicht viel bekannt. Es existieren legendlich einige Personennamen und Wörter aus dem Kriegswesen sowie aus dem täglichen Leben. Die wenigen bekannten Wörter weisen zwar eine enge Verbindung zu den Turksprachen hin, aber sie beweisen nicht, dass die Xiongnu ausschließlich turksprachig waren.[18] So weist Josef Matuz ausdrücklich auf die Schwierigkeit mit der Zuordnung der Hunnen zu den Turkvölkern hin:

„Hypothesen, wonach die europäischen oder die asiatischen Hunnen, letztere in den chinesischen Annalen unter der Bezeichnung Hiung-nu erwähnt, Türken gewesen seien, lassen sich mangels Überlieferung nicht nachweisen. Das gleiche gilt für die Juan-Juan, die asiatischen und auch für die europäischen Awaren.“

Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte.[19]

Eine Problematik, die allgemein anerkannt ist.[20]

Nach dem Zerfall des Xiongnu-Reiches gehörten die „Türk“ zum Reich der Ruanruan, das ebenfalls nomadisch organisiert war. Auch hier waren die „Türk“ erst einmal nur Vasallen und Waffenfabrikanten der neuen Herrscherschicht.[10]

Die Stammesföderation der „Türk“ war in einzelne Unterstämme (alttürkisch bodun) gegliedert. Die „Türk“ beherrschten ein Territorium (El) und besaßen ihre Einrichtungen (törö).[10] Vielfach benannten sich die Unterstämme nach einem ihrer Gründer.

Geschichte

Vorgeschichte

Die frühen Türken, das heißt die Stammesföderation der „Türk“, stellten nur einen Zusammenschluss verschiedener nomadischer Volksstämme dar. Im Grunde waren sie lediglich eine Interessengemeinschaft, die sich für die Erweiterung ihrer Weidegründe und die Beherrschung der wenigen Oasenstädte einsetzte. Doch bevor diese Stammesföderation selbst zu einem zentralasiatischen Machtfaktor werden sollte, übte sie Vasallendienste für andere nomadisch-organisierte Stammesverbände aus. So beispielsweise für die Xiongnu und die Ruanruan.

Gründung des Türk-Reiches

Aufgrund der Weigerung des letzten Ruanruan-Fürsten, dem Khan der „Türk“, Bumın, eine Prinzessin zur Frau zu geben, unterstellte sich dieser der Oberherrschaft des damaligen chinesischen Reiches und zerschlug im Jahr 552 das Steppenreich der Ruanruan. Dieses Reich umfasste das Gebiet zwischen der chinesischen Grenze, der heutigen Mongolei, dem Xinjiang und dem Kaspischen Meer. Sein Einflussbereich erstreckte sich vom Baikalsee im Norden, über die heutige Kasachensteppe bis zum Schwarzen Meer. Anfänglich war die Bezeichnung „Türk“ nur dem Adel vorenthalten. Schließlich aber wurde es im Laufe der Zeit zu einer reinen Stammesbezeichnung.[10] Nach dem frühen Tod des Reichsgründers Bumın (553) zerfiel das erste Türkenreich in zwei Flügel. Das Westreich wurde von Iştemi (dem Bruder Bumıns) und das bedeutendere Ostreich mit dem für alle Steppennomaden heiligen Ötükän (dem heutigen Changai-Gebirge) wurde von Bumıns Sohn Muhan beherrscht.[21] Die Geschichte des Reiches wurde unter einem späteren Herrscher in den mit Orchon-Runen beschrifteten Steinstelen für die Nachwelt festgehalten. In westlichen Quellen werden die „Türk“ das erste Mal beim spätantiken Geschichtsschreiber Theophanes von Byzanz (spätes 6. Jahrhundert) erwähnt.

Während das türkische Ostreich ab 580 zu einer chinesischen Provinz herabsank, da es sich ab diesem Zeitpunkt an ausnahmslos unter der Oberherrschaft des chinesischen Kaisers befand, konnte sich das Westreich länger halten. So schloss dieses bereits um 560 mit den iranischen Sassaniden ein Bündnis gegen die Hephthaliten. Nach ihrem gemeinsamen Sieg über diese zerstritten sich jedoch die Bündnispartner über die Aufteilung ihrer Beute.[22] Unter ihrem Khan Tardu (reg. 575–603), dem Nachfolger Iştemis, sagte sich das Westreich 584 vom Ostreich los und des begann mit Zustimmung der damals in China herrschenden Sui-Dynastie seinen eigenen Machtbereich auszubauen. Dabei erschien Tardu nun offiziell als Verbündeter des chinesischen Kaisers.[21] So gelang es dem Westreich sein Herrschaftsgebiet weiter auszudehnen und Tardu trat auch in diplomatischen Beziehungen mit dem Byzantinischen Reich in seinem Krieg gegen die konkurrierenden Awaren. Als jedoch die Byzantiner sich mit diesen selbst verbündeten, kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen des türkischen Westreiches und dem Byzantinischen Reich.[21]

In den Jahren 588 und 589 zogen die „Türk“ des Westreiches, die sich nun als „On-Ok“ („Volk der 10 Stämme“) bezeichneten, mehrmals gegen die Sassaniden in den Krieg und gelangten dabei auch bis nach Herat.

Nach Tardus Tod folgten ihm einige unbedeutende Khagane, von denen wir aktuell nur die chinesischen Namen kennen. Unter Khagan Tong Yehu konnte das Westreich einige Gebietsteile des Ostreiches erobern, sodass dieses nun vom Altai bis zum Kaspischen Meer reichte. Nach Tongs Tod wurde das türkische Westreich ab 657 nach und nach in chinesische Protektorate umgewandelt und 659 endgültig in den chinesischen Gesamtstaat eingegliedert.[21]

Nach der Eingliederung des Westreiches begannen 679 erste Aufstände der frühen Turkvölker gegen die Chinesen. So machte sich dann 683 der Aschina-Fürst Kutlug auf, die verschiedenen türkischen Stämme unter seiner Führung zu vereinen. Als „Elteriş“ („Reichssammler“) wurde er der neue Herrscher der Türken, stellte in nur einem Jahr das Göktürkenreich in seinen alten Grenzen wieder her und begann nun gezielte Einfälle in das chinesische Gebiet.[21] Diese Zeit wird in den um 727 entstandenen Steinstelen am Orchon beschrieben, deren Errichtung dem damaligen Reichsminister Tonyukuk zugeschrieben wird.

Die Erben des Türk-Reiches

Um 744 oder 745 erhoben sich die Uiguren gegen die Herrschaft der „Türk“. Sie töteten den letzten amtierenden Khagan der „Türk“ (Ozmış), zerschlugen deren nomadisch-geprägten Staat und errichteten nun eine eigene Herrschaft in dem von Turkvölkern bewohnten Gebiet. Die Uiguren verstanden es, sich von der nomadischen Traditionen ihrer Vorgänger zu lösen und sehr gute Beziehungen zum chinesischen Nachbarn aufzubauen. Im Reich der Uiguren nahmen die iranischsprachigen Sogder eine wichtige Position ein, denn bereits gegen Ende der 750er Jahre nahm deren Herrscher Bögü Kontakt mit den sogdischen Manichäern auf. Im Zuge dieser Beziehungen traten die Uiguren 762 zum Manichäismus über, der die alte Religion des Tengrismus ablöste. Dadurch waren die Uiguren auch das erste Turkvolk, das eine anerkannte Hochreligion annahm.[23]

Um 840 erhoben sich die am Jenissej siedelnden Kirgisen gegen die uigurische Oberherrschaft und in einem kurzen Krieg zerschlugen sie das Reich der Uiguren. Die Kirgisen traten nun an die Stelle einer neuen Herrscherschicht, doch war dieses neue Türkenreich bereits wieder nomadisch-geprägt. Die Jenissej-Kirgisen jener Zeit werden von chinesischen Historikern überwiegend als blond bis rothaarig und mit hellen Augen beschrieben. Demnach wiesen sie alle Kennzeichen von Indoeuropäern auf und man vermutet, dass die Kirgisen im Laufe der Zeit ihr heutiges „mongolisches Aussehen“ und die türkische Sprache angenommen hätten.[24]

Die überlebenden Uiguren wanderten schließlich in den Süden und Südwesten ab, wo sie zwei neue Uigurenreiche gründeten. Von diesen existierte das westuigurische Reich von Qoço am längsten, da es sich 1209 freiwillig der Mongolenherrschaft des Dschingis Khan unterstellte und bis zum Ende der Yuan-Dynastie bestehen blieb.[25] Das Uigurenreich im Tarimbecken wurde bereits 1028 von einem tibetanischstämmigen Volk, den Tanguten ausgelöscht.[23]

Das Entstehen weiterer turkvölkisch geprägter Staaten und Einführung der islamischen Religion

Mit dem Ende des Göktürkenreiches entstanden in der Folgezeit weitere turkvölkisch geprägte Nomadenstaaten. Diese waren einst Vasallen des westlichen Türkenreiches gewesen und konnten nach dessen Untergang nun eigene Wege gehen. So errichteten die Chasaren zwischen dem 6. und 11. Jahrhundert in Südrussland ein weiteres Türkenreich, dessen Oberschicht sich von den „Türk“ und deren Stämme sich aus einem Ogurenvolk ableitete.[23] Im Gegensatz zu den meisten anderen Turkvölkern nahmen die Chasaren das Judentum als Staatsreligion an.

Nach der Ausbreitung des Islam im 8. Jahrhundert in Mittelasien wurden viele Turkvölker zum Islam bekehrt.[26] Die turkstämmige Dynastie der Karachaniden war die erste, die 999 zum Islam konvertierte. In ihrem Gebiet wurde nun der Islam als alleinige Religion festgeschrieben und die Karachaniden eroberten Buchara und stürzten die damals herrschenden Samaniden. Eine zentrale Rolle spielte in der Auseinandersetzung der beiden Dynastien der Dschihad der Samaniden gegen die zentralasiatischen Nomaden, welche jedoch im Kern politisch motiviert war und nur der Vergrößerung der eigenen Armee gediente. Im 12. Jahrhundert wurde das Reich der Karachaniden von den mongolischen Kara Kitai unterworfen.[23]

Turkvölkische Militärsklaven und deren politischer Aufstieg

Als die Araber Transoxanien eroberten, gerieten auch einige türkische Stämme in arabische Gefangenschaft. Fortan dienten sie den abbasidischen Kalifen als Sklaventruppen.[23] Die Mamelucken, überwiegend türkische Militärsklaven, rissen in Ägypten die Macht an sich und herrschten fast 300 Jahre lang, bis sie von den ebenfalls türkischen Osmanen unterworfen wurden. So kam es auch, dass das erste von einem muslimischen Türken gegründete Großreich aus den Reihen jener Militärgeneräle hervorging: die Sultane von Ghazna.

961 gelangte Alp Tigin, ein ehemaliger Militärsklave im Dienste der Samaniden, an die Macht und löste den verstorbenen Herrscher Abd al-Malik in Balch im persischen Chorasan als regionalen Fürst ab. In Zabul errichtete er ein kleines Fürstentum, welches später unter seinem Nachfolger expandieren sollte. Als eigentlicher Begründer der Dynastie gilt jedoch sein Sohn Mahmud (989–1030). Obwohl die Ghaznawiden wohl ethnische Türken waren, lassen historische Dokumente und Biographien jedoch stark daran zweifeln, dass sie sich selbst auch als solche gesehen haben. Als persischsprachige Familie, die auch kulturell von der einheimischen Bevölkerung Chorasans assimiliert worden war, waren die Ghaznawiden der Anfang eines kulturellen Phänomens innerhalb der muslimischen Gesellschaft, welches erst mit dem Siegeszug der späteren Osmanen (siehe unten) sein Ende fand: Nachkommen nomadischer Turkstämme wurden zum Islam bekehrt, übernahmen daraufhin die persische oder arabische Sprache und verbreiteten nun selbst diese Kultur in andere Regionen (Indien, China, Anatolien).[27]

Von den Seldschuken zum Osmanischen Reich

Die größten Kontrahenten der Ghaznawiden war wiederum eine türkische Dynastie: Die Seldschuken.[26] Diese siedelten damals an den Ufern des Aralsees und begannen, von dort aus ein eigenes Reich aufzubauen. Im 10. und 11. Jahrhundert wanderten viele dieser Seldschuken nach Anatolien aus und begründeten dort mehrere Dynastien. Eine von ihnen war die im Jahr 1299 begründete osmanische, die sich von einem seldschukischen Kleinfürsten namens Osman ableitete.[28] Die Osmanen waren ursprünglich ein kleiner turkmenischer Stamm, dem der Sultan der Rum-Seldschuken ein kleines Fürstentum (Beylik) an der Grenze zum Byzantinischem Reich überließ. Die meisten Türken der Türkei sehen sich selbst als Nachkommen der osmanischen Türken. Diese wiederum waren Angehörige der so genannten „Westoghusen“. Der Ursprung dieser als „Oghusen“ bezeichneten Stämme liegt in der heutigen Mongolei.

Schrift und Sprache

Das Prototürkische, also die Ursprungssprache aller lebenden Turksprachen, ist noch nicht konstruiert. Versuche dazu sind jedoch schon vorhanden.[29]

Im frühen Mittelalter verwendeten die Turkvölker ein Runenähnliches Schriftsystem, das die Wissenschaft heute als „Runentürkisch“ bezeichnet. Dieses Schriftsystem wurde später von einem semitischen Schriftsystem abgelöst, das heute als „syro-uigurisches Alphabet“ bezeichnet wird und die Basis des heutigen mongolischen Alphabetes darstellt. Nach der Übernahme des Islam setzten sich bei den Turkvölkern das arabische Alphabet durch.

In den 1920er wurde begonnen, die arabischen Schriftsysteme durch lateinisch-basierte abzulösen (siehe Türkische Lateinalphabete). Doch bereits in den 1930er Jahren wurden die meisten von ihnen auf ein kyrillisches Alphabet umgestellt. Allein die heutige Türkei verwendete seit 1928 nur noch das lateinische Alphabet, während die turksprachigen Minderheiten in den arabischen Staaten, dem Iran und Afghanistan weiterhin mit arabischen Schriftsystemen arbeiten.

Mit dem Zusammenbruch der damaligen Sowjetunion (ab 1989) wurde von den meisten Turkvölkern beschlossen, im Bereich der ehemaligen UdSSR eine erneute Latinisierung durchzuführen. Und mit Ausnahme der Staaten Kasachstan und Kirgisistan wurde diese inzwischen dort durchgeführt. Kasachstan und Kirgisistan begründen jeweils das Beibehalten des kyrillischen Alphabetes mit der russischen Minderheit in ihren Ländern.

Die Turksprachen werden in vier Gruppen eingeteilt. Demnach bestehen die Turksprachen aus folgenden Gruppen:[30]

  1. Südwestliche Gruppe (Oghusische Gruppe)
  2. Nordwestliche Gruppe (Kyptschakische Gruppe)
  3. Südöstliche Gruppe (Türki- oder Uigurische Gruppe)
  4. Nordöstliche Gruppe (Sibirische Gruppe)

Die aktuelle Klassifizierung der Turksprachen ist im dortigen Artikel aufgeführt.

Galerie: Die heutige Verbreitung der Turkvölker

Siehe auch

Literatur

  • Carter Vaughn Findley: The Turks in World History, Oxford Press 2005, ISBN 0-19-517726-6
  • Peter Benjamin Golden: An Introduction to the History of the Turkic Peoples: Ethnogenesis and State-Formation in Medieval and Early Modern Eurasia and the Middle East, Wiesbaden 1992, ISBN 3-447-03274-X
  • Dschalal Mamadow, Vougar Aslanow: Turan. Geheimnisvolles Reich der Turkvölker. In: Wostok, Informationen aus dem Osten für den Westen. Berlin. Heft 2/2003, S. 75–77; Abstract: [2]
  • K. Heinrich Menges: The Turkic Language and People, Wiesbaden 1968
  • Colin Renfrew: World linguistic diversity. Scientific American 270(1), 1994, S. 118
  • Colin Renfrew: Archaeology and language: the puzzle of Indoeuropean origins. Jonathan Cape, London 1987, S. 131–133
  • Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken in Zentralasien. Eine Einführung in ihre Geschichte und Kultur. Darmstadt 1992, ISBN 3-534-11689-5
  • Udo Steinbach: Geschichte der Türkei. München 2003, ISBN 3-406-44743-0
  • Bert Fragner, Andreas Kappeler (Hg.): Zentralasien. 13. Bis 20. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft. Wien 2006.

Mehrbändiges Werk Philologiae Turcicae Fundamenta:

  • Philologiae Turcicae Fundamenta Band I (Sprachen der Türkvölker), hrsg. Jean Deny et al., Wiesbaden 1959
  • Philologiae Turcicae Fundamenta Band II (Literaturen der Türkvölker), hrsg. Louis Bazin et al., Wiesbaden 1964
  • Philologiae Turcicae Fundamenta Band III (Geschichte der Türkvölker): Hans Robert Roemer, Berlin 2000 (= Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: History of the Turkic Peoples in the Pre-Islamic Period, Berlin 2000, ISBN 3-87997-283-4)

Einzelnachweise

  1. Peter B. Golden: An Introduction to the History of the Turkic Peoples. S. 1.
  2. [1] im Internet Archive
  3. Heinz F. Wendt: Fischer Lexikon Sprachen. Kapitel „Turksprachen“, S. 317.
  4. Carter Vaughn Findley: The Turks in World History. S. 6.
  5. Carter Vaughn Findley: The Turks in World History. S. 38.
  6. Vgl. M. Weiers: Kök-Türken. 1998 (PDF).
  7. „[…] Über die Ethnogenese dieses Stammes ist viel gerätselt worden. Auffallend ist, dass viele zentrale Begriffe iranischen Ursprungs sind. Dies betrifft fast alle Titel […]. Einige Gelehrte wollen auch die Eigenbezeichnung türk auf einen iranischen Ursprung zurückführen und ihn mit dem Wort „Turan“, der persischen Bezeichnung für das Land jenseits des Oxus, in Verbindung bringen.“ Wolfgang-Ekkehard Scharlipp, in: Die frühen Türken in Zentralasien. S. 18.
  8. The linguistically non-Turkic name A-shih-na probably comes from of the Iranian languages of Central Asia and means blue […]” Carter Vaughn Findley, in: The Turks in World History. S. 39.
  9. […] The founders of the Türk Empire, Istemi and Bumin, both had non-Turkish names […]. Far from leading to a pure national essence, the search for Turkic origins leads to a multiethnic and multilingual steppe milieu.” Carter Vaughn Findley, in: The Turks in World History., S. 19.
  10. a b c d e Peter Zieme: Die Alttürkischen Reiche in der Mongolei. In: Dschingis Khan und seine Erben. Das Weltreich der Mongolen. Sonderband zur Ausstellung 2005/2006, S. 64.
  11. Wolfgang-Ekkehart Scharlipp: Die frühen Türken. S. 14.
  12. Wolfgang-Ekkehart Scharlipp: Die frühen Türken. S. 18.
  13. Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. 5. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, S. 9 und 323.
  14. Vgl. M. Weiers: Türken, Protomongolen und Prototibeter im Osten. 1998 (PDF).
  15. Wolfgang-Ekkard Scharlipp: Die frühen Türken. S. 9.
  16. Klaus Kreiser: Kleine Geschichte der Türkei. Stuttgart 2003, S. 20.
  17. Carter Vaughn Findley: The Turks in World History. S. 28.
  18. Wolfang-Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken. S. 2.
  19. Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. 6. Auflage. Primus Verlag, Darmstadt 2010, ISBN 978-3-89678-703-3, S. 9.
  20. […] The Xiongnu were a confederation of tribal peoples. As usual in tribal societies, their confederation and even the member tribes were probably polyethnic in origin. […] It has been widely held that the Xiongnu, or at least their ruling clans, had or were acquiring a Turkic identity, or at least an Altaic one. […]” Carter Vaughn Findley, in: The Turks in World History. S. 28 f.
  21. a b c d e Peter Zieme: Die Alttürkischen Reiche in der Mongolei. In: Dschingis Khan und seine Erben. Das Weltreich der Mongolen. Sonderband zur Ausstellung 2005/2006, S. 65.
  22. Vgl. M. Weiers: Kök-Türken. 1998 (PDF).
  23. a b c d e Vgl. Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. 6. Auflage. Primus Verlag, Darmstadt 2010, ISBN 978-3-89678-703-3, S. 10 ff.
  24. Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken. S. 89.
  25. Peter Zieme: Die Alttürkischen Reiche in der Mongolei. In: Dschingis Khan und seine Erben. Das Weltreich der Mongolen. Sonderband zur Ausstellung 2005/2006, S. 67.
  26. a b Vgl. Lindenmuseum – Der lange Weg der Türken.
  27. Vgl. Encyclopaedia Iranica: Ghaznavids. (Online-Version).
  28. Vgl. World Civilizations- The origins of Ottomans Richard Hooker.
  29. Gerhard Doerfer Proto-Turkic: Reconstruction Problems. In: Belleten. 1975/1976.
  30. Vgl. Turkologie, Gutenberg-Universität.

Weblinks

 Commons: Turkvölker – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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