Gentrifizierung
Yachthafen in den St. Katharine Docks, Juni 2004: Symbol für die Gentrifizierung der Londoner Docklands

Die Gentrifizierung (von englisch Gentry [dʒɛntri] ‚niederer Adel‘), teils auch Gentrifikation (von engl. Gentrification), ist ein aus der Stadtsoziologie kommender Begriff, der einen bestimmten sozioökonomischen Umstrukturierungsprozess urbaner Quartiere beschreibt. Dabei geht es um die soziokulturellen und immobilienwirtschaftlichen Veränderungen in ursprünglich preisgünstigen Stadtvierteln, in denen Immobilien zunehmend von wohlhabenderen Eigentümern und Mietern belegt und baulich aufgewertet werden und in denen in diesem Zuge Gruppen mit einem niedrigeren Sozialstatus ersetzt oder verdrängt werden. Zumeist sind innenstadtnahe Stadtteile von Metropolen von derartigen Vorgängen betroffen. Kommt es in entsprechenden Quartieren von Global Cities auf extrem hohem Preisniveau zum Immobilienankauf durch internationale Investoren, wird auch von Supergentrifikation gesprochen.[1][2][3]

Der Begriff und die Erscheinung umfassen vielfältige, multidimensionale Aspekte der Stadtentwicklung und der Stadtökonomik. Häufig stehen sie im Zusammenhang mit der Metropolisierung und der Reurbanisierung von Städten. Daher gilt die Gentrifizierung seit Jahrzehnten als ein zentrales Thema und Konfliktfeld der Stadtgeographie und Stadtsoziologie.[4] Nach dem Soziologen Chris Hamnett können einzelne der gängigen Theorien nicht umfassend erklären, wieso ein Viertel gentrifiziert wird und das andere nicht. Auch bleibt laut Hamnett im Dunkeln, warum – global betrachtet – die Gentrifikation sich im Wesentlichen auf einige wenige Großstädte konzentriert, die bereits zu Zeiten der Industrialisierung Bedeutung hatten.[4] Zuweilen wird kritisiert, dass der Begriff in öffentlichen Auseinandersetzungen als inflationäre Universalmetapher[5] oder als obsoletes politisches Schlagwort ohne fundierte Belege eingesetzt werde.[6]

Inhaltsverzeichnis

Entstehung und Umfeld des Begriffs

Der Begriff wurde 1964 von der britischen Stadtsoziologin Ruth Glass geprägt. Sie bezeichnete damit den Zuzug von Mittelklassefamilien in den ursprünglich vor allem von Arbeitern bewohnten Londoner Stadtteil Islington.[7][8] Eine Gentrifizierung im engeren Sinne zeichnet sich nach Jürgen Friedrichs durch den Austausch einer statusniedrigeren durch eine statushöhere Bevölkerung aus. Nach Andrej Holm gehören dazu wesentliche Änderungen des Nachbarschaftsmilieus und der nachbarschaftlichen Beziehungen.

Gerhard Hard ordnet den Begriff unter den neuen Urbanisierungsdiskurs der 1970er Jahre ein.[9] Dabei werde der Begriff erheblich überhöht. Die tatsächliche Gentrifizierung sei oft auf nur wenige Häuserblöcke und symbolträchtige Plätze begrenzt.[10] Genauso bleibt Hard zufolge das Wohnungsangebot im Umfeld der Kernstädte nach wie vor sehr gering, die wesentlichen Wanderungsbewegungen gingen ins Umland. Wichtiger sei die Bedeutung im Rahmen einer von wenigen eloquenten Trendsettern geführten Diskussion zur Stadtentwicklung.[9]

Räume, Motive und Akteure

Der Prozess einer Gentrifizierung ist eingebettet in ein hochkomplexes Wirkungsgefüge, dessen weitreichende Zusammenhänge noch nicht umfassend erforscht sind und daher auch noch nicht vollständig erklärt werden können. Hierzu gehört etwa die Frage, in welchen historischen Zusammenhängen Gentrifizierung in früheren Gesellschaften stattfand.

Den Hintergrund für die Gentrifizierung bilden heute Prozesse der Entstehung einer postindustriellen Gesellschaft und der Globalisierung. In diesem Zusammenhang werden zum Teil neuartige Geschäfts-, Dienstleistungs-, Kontroll- und Innovationskompetenzen in den Zentren von Global Cities, Metropolen, Metropolregionen und Megalopolen entwickelter Nationen konzentriert. Die Konzentration lässt sogenannte Fühlungs- und Agglomerationsvorteile entstehen. Diese Kompetenzen an diesen zentralen Orten nehmen qualifizierte und entsprechend bezahlte Beschäftigte wahr, Angehörige der Wissens- und Informationsgesellschaft bzw. der sogenannten Kreativen Klasse. Deren Lebensstil und deren Konsumverhalten, insbesondere deren Wohnortwahl, ist ein entscheidender Faktor für die Reurbanisierung und die Entwicklung gentrifizierter Stadtstrukturen. Weitere gesellschaftliche Rahmenbedingungen nehmen hierbei Einfluss auf das Tempo, die Intensität und die Richtung der Gentrifizierung. In Nordamerika verläuft sie nicht nur wegen der fortgeschrittenen Globalisierung, sondern auch aufgrund allgemein liberalerer Voraussetzungen im Steuer- und Mietrecht, wegen einer stärkeren Tradition des Erwerbs und Verkehrs von Immobilien sowie aufgrund einer generell zurückhaltenderen Rolle der Kommunen und des Staates in Fragen des Sozialwesens und der Stadtplanung deutlich gravierender und schneller.[11]

Ursachen der Gentrifizierung liegen im Besonderen in den Bedürfnissen und Lebensstilen einzelner Gruppen der postindustriellen Gesellschaft, die sich nicht zuletzt durch Individualisierung und neue Arbeitswelten gewandelt haben. Jedenfalls machen sich diese Veränderungen auch auf dem Immobilienmarkt, insbesondere dem Wohnungsmarkt, durch Nachfrage nach entsprechenden Miet- und Eigentumsobjekten in zumeist zentralen sowie durch Altbaubestand, urbane Dichte und Nutzungsmischung geprägten Lagen bemerkbar.

Eine Rolle bei der Entstehung einer Gentrifikation spielen häufig die bessere Erreichbarkeit eines Standorts durch neue Verkehrsmittel oder die Aufwertung eines Standorts durch Verringerung einer Umweltbelastung. Wichtige Hintergründe für diese Stadtentwicklungsprozesse liefern die Umweltpolitik und Trends zur Deindustrialisierung. Etwa eine neue U-Bahn-Linie, der Wegfall belastender Einrichtungen und Strukturen (z.B. innerstädtische Kraftwerke, Schlachthöfe, Markthallen und Güterbahnhöfe) sowie die Aufgabe von Hafen-, Industrie- und Gewerbegebieten (z.B. Docklands) können die betreffenden Stadtteile wesentlich entlasten und aufwerten, so dass sie für neue Bevölkerungsgruppen attraktiv werden. Oft sind sie dann gemeinsam mit den gewerblich-industriellen Altstandorten in eine großangelegte Umstrukturierung einbezogen. Hierbei wird die ansässige Bevölkerung nach und nach durch eine wirtschaftlich leistungsfähigere Klientel ersetzt, die diese Standorte mit sukzessive steigenden Preisen nachfragt, anmietet, ankauft, umnutzt, für ihre Bedürfnisse herrichtet und umgestaltet. Im Vergleich zu etablierten, konventionelleren Wohngegenden lassen sich gerade anfangs erhebliche Preisvorteile realisieren, denn allgemein gilt: Je früher in einen Aufwertungsprozess investiert wird, um so höher ist der Ertrag des Investors.

Ein weiteres Motiv für die Segregation in gentrifizierten Stadtvierteln ergibt sich im Zusammenhang mit der Schulortwahl der Eltern für ihre Kinder. Offenbar erscheinen die Schulen gentrifizierter Stadtviertel vielen Eltern als vorzugswürdig.[12]

Eine Rolle spielt für viele Interessenten das sich im Zuge der Gentrifizierung verbreiternde und vertiefende Angebot mit freizeitbezogenen, gastronomischen, medizinischen und haushaltsnahen Dienstleistungen, z.B. für die Haushaltsreinigung und die Kindererziehung. Eine zentral gelegene Wohnung bietet neben der geringeren Entfernung zu den Arbeitsplätzen in zentralen Geschäfts- und Bürovierteln in der Regel auch den Vorteil einer hohen Mobilität durch öffentliche Verkehrsmittel, ein Umstand, der zur Abschaffung oder zur Verringerung der Kosten eines privaten Verkehrsmittels genutzt werden kann. Zentral gelegene Wohnungen in Quartieren mit guter Infrastruktur werden außerdem häufig aus Gründen einer altersgerechten Wohnform und Lage sowie mit dem Gedanken einer Absicherung der Altersversorgung erworben.

Aufgrund ihrer spezifischen Mobilität, ihrer oft geringeren finanziellen Möglichkeiten, ihrer Akzeptanz oder Vorliebe für urbane, benachteiligte und ungewöhnliche Orte, ihrer Kreativität, eines Gespürs für Trends und eines ausgeprägteren Bedürfnisses zur innovativen Selbststilisierung sind Künstler, Homosexuelle[13] sowie Jugendliche und junge Erwachsene oft wichtige Vorboten und Pioniere einer späteren Gentrifizierung. Sie „entdecken“, nutzen und prägen im Sinne einer angesagten Location der Jugendkultur, als einen Ort der Bohème oder der alternativen Szene die potenziellen Gentrifizierungsstandorte auf einem niedrigen Preisniveau um. Somit werden diese Räume für weitere, einkommensstärkere Gruppen als Wohn-, Freizeit- und Gewerbestandort attraktiv. In der Folge einer absehbaren Nachfrage durch finanzkräftige Menschen und Unternehmen werden die Standorte schließlich für die gewinnorientierte Immobilienwirtschaft besonders interessant. Denn die Ressourcenallokation und der Vertrieb der Güter, die zentral gelegene, hochwertige Wohnungen darstellen, oder der Dienstleistungen, die in diesem wirtschaftlichen Zusammenhang erbracht werden können, ist für sie ein gewinnbringendes Geschäftsfeld. Investoren, Projektentwickler, alte und neue Eigentümer sowie Makler entfalten dann, durch Juristen, Planer, Fachingenieure, Banken und Marketingspezialisten beraten, zahlreiche Aktivitäten zum Erwerb, zur Aufwertung und zur Vermarktung der Standorte. Häufig werden sie darin von der politischen Führung und den Planungsverwaltungen einer Stadt unterstützt. Dieser sozioökonomische Zusammenhang ist insbesondere in den Metropolen westlicher Länder festzustellen. Die Gentrifizierung kommt in einigen Fällen, so unter anderem in Russland, fast ohne Künstler, Homosexuelle und junge Leute als die symbolischen Gentrifizierer aus, die oft selbst zu den schwachen Einkommensgruppen zählen.[14]

Eine erhebliche Rolle für einen Genrifizierungsprozess scheinen auch die Symbolik und die Ästhetik eines Standorts zu spielen, denn dessen typische bauliche Strukturen, teilweise auch dessen signifikante Innenausstattungen und Gebrauchsspuren, werden bei einer Umprägung bewusst gut ablesbar erhalten, so dass sie einen bedeutungsvollen Kontrast zu den neuen Nutzern und Nutzungen bilden. Nicht selten werden die Interieurs gentrifizierter Orte mit historischen, ländlichen oder punkigen Möbeln und Objekten bewusst prestigeträchtig, anachronistisch oder nonkonformistisch gestaltet. In der Form des Architekturzitats nimmt die neue Architektur an Gentrifizierungsstandorten häufig Bezug auf historische Stile, Bauweisen und Bauformen. Insofern kann der Prozess der Gentrifizierung auch in den konsumsoziologischen und sozialpsychologischen Kontext von Mode, Prestigedenken, Statussymbolik oder einer inszenierten Gegenkultur zum modernen, rationalisierten und technisierten sowie psychisch belastenden Berufsalltag gesetzt werden (vgl. Nostalgie, Retrowelle, Cocooning).

Exkurs: Künstlerviertel

Als eine spezielle Ausprägung der Gentrifizierung kamen im 19. Jahrhundert – insbesondere durch die Strömungen des Naturalismus und des ImpressionismusKünstlerkolonien auf. In Siedlungen wie Berlin-Wilmersdorf, Berlin-Friedrichshagen (Friedrichshagener Kreis, Neue Gemeinschaft), München-Schwabing (Kosmiker) oder Düsseldorf-Kaiserswerth gründeten besonders Maler, aber auch weitere Künstlergemeinschaften wie Schauspieler und Musiker, Wohn- oder Lebensgemeinschaften. Oft entstanden deren Viertel und Kolonien zunächst im ländlichen Umfeld der Großstädte und der Residenzen mit ihrer zahlungskräftigen Kundschaft, so Worpswede, Grötzingen, Dachau, Barbizon und Murnau. Viele dieser Künstlerkolonien wurden schließlich in Städte eingemeindet. Mit neuen Verkehrsmitteln wie Eisenbahn oder Straßenbahn noch erreichbar, befriedigten sie die Sehnsucht nach dem Landleben und der Gartenstadt. Jahrzehnte später veränderten sich viele Künstlerviertel und -kolonien nochmals, etwa das Quartier Latin in Paris und Greenwich Village in New York, indem sie zu bevorzugten Wohnlagen und zu Touristenmagneten avancierten.

Exkurs: Rolle der Schwulenszene

Homosexuelle Männer werden aufgrund ihres Lebensstils und ihrer Wohnortpräferenzen zu den gentrifiers gezählt. Ihre Rolle als Akteure und Pioniere der Gentrifikation hat Manuel Castells an Beispielen amerikanischer Großstädte untersucht, insbesondere am Beispiel San Francisco.[15] Der Spielfilm Quinceañera von 2006 stellt eine vergleichbare Situation in Los Angeles dar. Die amerikanische Dokumentation Flag Wars (2003, von Linda Goode Bryant)[16] zeigt verschiedene Spannungen zwischen einer städtischen schwarzen Gemeinde und wohlhabenden LGBT-Ankömmlingen in Columbus, Ohio. Die Konflikte um die Gentrifizierung führen zu Rassismusvorwürfen auf der einen und Homophobieanschuldigungen auf der anderen Seite. Bekannt wurde ein tatsächliches Vorkommnis in Washington, D.C., wo 2006 eine schwarze christliche Gemeinde im traditionsreichen, schwarzen Stadtteil Shaw einer in der Nachbarschaft einer Kirche geplanten Schwulenbar die Ausschanklizenz streitig machte.[17]

Exkurs: Chinatowns

Die amerikanische Soziologin Min Zhou unterscheidet Chinatowns von anderen klassischen "Einwanderervierteln". Chinatowns seien länger stabil und böten über eine Übergangsstation Möglichkeiten für unterschiedliche Gruppierungen und Schichten, sie seien als eigene Wirtschaftszonen anzusehen.[18] Das in dem Sinne erfolgreiche Gentrifizieren, das Etablieren als Touristenattraktion wie auch das Kommen und die dauerhafte Ansiedlung von Menschen und Aktivitäten mit asiatischem Bezug jenseits von China wird dabei als positives Zeichen gesehen.

Forschungsfelder, Forschungs- und Erklärungsansätze

Die Erforschung des Phänomens begann in Nordamerika. Bekannte Beispiele sind SoHo oder der Meatpacking District, das Schlachterviertel in Manhattan. Hier fanden sich bis in die 1980er und 1990er Jahre durch belastendes Gewerbe geprägte Stadtviertel. Dies wird von der Wiederaufwertung ehemals wohlhabender und zwischenzeitlich verelendeter Viertel unterschieden. In den USA ist der Prozess deutlich schneller und gravierender als in den deutschsprachigen Ländern, weil dort der Grundsteuer und Vermögenssteuer vergleichbare Abgaben nach den tatsächlichen Bodenwerten und nicht nach niedrigen Einheitswerten berechnet werden. Die USA und Großbritannien haben einen deutlich höheren Anteil von Wohneigentum auch bei Geringverdienern. Bei einer anstehenden Gentrifizierung können diese erhebliche Spekulationsgewinne realisieren und sich an anderer Stelle eine andere Immobilie kaufen.

Die von alternativer Subkultur geprägte Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain im Juni 1990
Die Mainzer Straße nach der vollständigen Sanierung im Jahr 2006

Gentrifizierungsprozesse laufen nach typischen Mustern ab: Wegen niedriger Mietpreise wie zunehmend attraktiver Lage werden einzelne Stadtteile für „Pioniere“ (Studenten, Künstler, Subkultur) attraktiv. Diese werten die Stadtteile durch kulturelle Aktivitäten auf und setzen einen Segregationsprozess in Gang. Studenten steigen ins Berufsleben ein, verdienen deutlich mehr Geld als zuvor und gründen Familien. Künstler etablieren sich und bringen weitere Interessenten in die Stadtteile. Investoren sehen Chancen zur Wertsteigerung, Häuser und Wohnungen werden (teils systematisch) aufgekauft und restauriert, Szene-Clubs und Lokale entstehen – nun steigen die Mieten weiter, und finanziell schwache Alteingesessene wandern zunehmend ab. Die Bevölkerungsstruktur und der Charakter der Viertel wandeln sich. Die Gentrifizierung geht einher mit einem allgemeinen Segregationsprozess.

Nach der Theorie vom „doppelten“ Invasions-Sukzessions-Zyklus[19] stellen bereits die Studenten und Künstler die ersten „Invasoren“ dar. Sie verdrängen andere soziale Gruppen und schaffen ein neuartiges soziales Milieu, das besser in Wert gesetzt werden kann (Sanierungen) und damit das Umfeld zur zweiten „Invasorenwelle“, den sogenannten „Gentrifiers“, schafft. Die vorherigen Gruppen werden immer stärker verdrängt, und es erfolgt eine Aufwertung von innenstadtnahen, ehemals marginalen Wohnvierteln (ein Prozess von Reurbanisierung). Chris Hammnett zufolge wirkt sich die Gentrifizierung nicht nur auf die Bewohnerschaft, sondern auch sehr intensiv auf das Wohnungs- und Raumangebot und dessen Qualität aus („Luxussanierung“).

Oftmals entstehen anhaltende politische Konflikte durch die Gentrifizierung und ihre sozialen Folgen. Den Wertsteigerungen durch Verkauf von Wohneigentum und Wegzug steht das Interesse an einer gewachsenen Sozialstruktur und Atmosphäre gegenüber.[20] Demgegenüber sieht der Geograph Neil Smith[21] rein ökonomische Erklärungsansätze für die Gentrifizierung im Rahmen der Mietlückentheorie. Diese erklärt allerdings nicht, wieso es zu unterschiedlichen und zeitlich wechselnden Vorlieben und damit zu Mietpreisunterschieden für das ein oder andere Stadtviertel kommt.

Gentrifizierung ist Forschungsgegenstand verschiedener Disziplinen, unter anderem der Raumforschung und der Stadtplanung, der Geographie, der Stadtforschung, der Stadtbaugeschichte und der Stadtmorphologie, der Volkskunde, der Soziologie und der Wirtschaftswissenschaften.

Beispiele

Gustave Caillebotte: Straße in Paris an einem regnerischen Tag - Gentrifikation und gentrifiers im Paris des 19. Jahrhunderts
Die Promenade von Brooklyn Heights mit dem Blick auf Manhattan
„Sterbt Yuppies“, Graffiti in Cambridge, Massachusetts

Das heutige Phänomen Gentrifizierung ist bereits aus der römischen Antike bekannt.[22] Im Paris des 19. Jahrhunderts führte der Stadtumbau des Präfekten Baron Haussmann und die damit einhergehende Immobilienspekulation zur verstärkten Ansiedlung der Bourgeoisie im Zentrum und zur Verlagerung von Arbeiterwohnungen an den Stadtrand.[23]

In der Schweiz beobachtet man Gentrifizierung bei den Züricher Stadtteilen Seefeld und Aussersihl.[24][25] In Wien sind beispielsweise das Karmeliterviertel und das Ottakringer Brunnenmarktviertel von einem Gentrifizierungsprozess milderer Ausprägung betroffen, am Spittelberg ist der Prozess bereits abgeschlossen.[26]

Die Arbeiterstadt Cambridge in den USA befindet sich in unmittelbarer Nähe der Eliteuniversitäten Harvard und M.I.T. Die angestammten Einwohner sind vor allem Irisch-Amerikaner und setzen sich gegenüber der WASP-Klientel der Universitäten deutlich ab. Dabei werden einzelne lokale Forderungen wie im Falle der Populistin Louise Day Hicks zur Abschaffung des sogenannten Busing auch als rassistisch kritisiert. Die angestammte Einwohnerschaft ist im Gegensatz zu vielen anderen Vierteln in der Lage, sich gegenüber den oft aufgrund von Zeitverträgen nur temporär anwesenden Forschern zu behaupten und einem kompletten Bewohneraustausch entgegenzuwirken. Das dichtbesiedelte und nach wie vor multikulturelle Cambridge gilt als eine der linkesten Städte der USA[27] und wurde deswegen schon spöttisch als „Volksrepublik Cambridge“[28] bezeichnet.

Das heutige Szeneviertel Aker Brygge in Oslo
Düsseldorf-Oberkassel: Stadtviertel mit Tendenzen zur Supergentrifizierung

In Oslo, heute eine der teuersten Städte Europas, sind von der Gentrifizierung unter anderem die ehemaligen Arbeiterviertel Rodeløkka, Kampen sowie Grünerløkka betroffen. Aus dem früheren Industrieufer Aker Brygge wurde die teuerste Lage der Stadt. Man spricht von einigen Abschnitten als Vorzeichen des „neureichen Norwegens“.[29] Dabei sind allgemein symbolische Aspekte der Stadtgestaltung und des städtischen Raumes beim Gentrifizierungsprozess wichtig.[10]

In Berlin galten bis 1989 die Viertel Kreuzberg und nach dem Mauerfall Berlin-Friedrichshain und Prenzlauer Berg als Gegenstand von Gentrifizierungsprozessen. Die Volkskundlerin Barbara Lang spricht dabei von einem Mythos Kreuzberg,[30] der mit der Realität nur wenig zu tun habe. Dabei werde mit Gentrifizierung eine angeblich von außen geplante und verursachte, regelrecht gewaltsame Umgestaltung eines angestammten Milieus bezeichnet. Lang zufolge sei der Gegensatz von Yuppies und Alternativen konstruiert. Zum einen seien die Verbraucher und Bewohner zumeist dieselben, aber die Konsumgewohnheiten wie kulturellen Ansprüche hätten sich geändert.[30] Die tatsächlichen messbaren Anzeichen für Gentrifizierung in Kreuzberg seien deutlich geringer als in anderen Städten. Wenn die angestammte Kreuzberger Alternativszene aus der Mode käme, sei dies auch auf das Desinteresse der Generation X an derlei monolithischen Lebensentwürfen zurückzuführen.[30] Langes Begriff einer „symbolischen Gentrifizierung“ gilt als wichtige Erweiterung des Begriffs und wurde auch auf das benachbarte Friedrichshain übertragen.[31]

Loretta Lees vom King’s College London spricht angesichts der City of London von einem Prozess der „Supergentrifizierung“ durch Investmentbanker und weitere äußerst vermögende international Berufstätige. Die Supergentrifizierung des Londoner Viertels Notting Hill wurde in der zugehörigen Verfilmung thematisiert, in der ein kleiner Buchhändler eine millionenschwere Hollywoodschauspielerin kennenlernt. Beim Islingtoner Sprengel Barnsbury, in dem Tony Blair mit seiner Familie vor seiner Wahl 1997 lebte, lagen Preise für kleinere Einzelhäuser mit Garten um 700.000 Pfund und mehr. Vergleichbare Immobilien in benachbarten Vierteln lagen 2006 zumeist hundert- oder zweihunderttausend Pfund darunter.[32] Die typischen Neuankömmlinge in Barnsbury haben eine Oxbridge-Universitätsausbildung. Sie sind zwar wohlhabend, aber im Gegensatz zu klassischen Superreichen auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen und verdienen 150.000 Pfund und mehr jährlich vor allem in der benachbarten City of London.

In den USA gilt Brooklyn Heights in New York als supergentrifiziert. In Deutschland zeigt der Standort Düsseldorf-Oberkassel eine Tendenz zur Supergentrifizierung. Preise für Einfamilienhäuser rangieren hier – getrieben durch internationale Nachfrage – im Durchschnitt bei 1,4 Millionen Euro mit jährlichen Preisanstiegen von mehr als 20 Prozent.[33]

Konfliktlösungsstrategien

Historische und technische Umbruchprozesse (vgl. Mauerfall oder Industrialisierung und Deindustrialisierung) lassen sich nicht verhindern. Daher wird die Aufwertung von verelendeten oder lange vernachlässigten Stadtvierteln in der Regel befürwortet, um einen Stadtverfall zu vermeiden.

Der Münchener Stadtteil Schwabing wurde bereits im 19. Jahrhundert durch die Anlage von Universität und Kunstakademie erheblich aufgewertet. Die Einbindung der ehemaligen Münchener Umlandgemeinde in eine ärmliche Vorstadt, deren Stadterhebung wie Eingemeindung als Inviertel des Jugendstils und bevorzugte Künstlerwohnlage Wahnmoching erfolgte bereits im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Diese von der Urbanisierung nicht zu trennende Gentrifizierung wurde in einer Vielzahl von literarischen Zeugnissen begleitet und verarbeitet. Es kam dennoch im 20. Jahrhundert zu erheblichen Konflikten.

Ursachen der regelrechten Straßenschlachten im Rahmen der Schwabinger Krawalle von 1962 waren vor allem kulturelle Themen, so die Frage der Ruhestörung durch Straßenmusiker. In München wurde darauf lange vor den 68er-Unruhen begonnen, die Stadtentwicklung in Kooperation mit den Bewohnern zu begleiten und zu moderieren. Zudem wurde das Vorgehen der Ordnungskräfte durch den Einsatz von Psychologen, moderner Technik und neuer Polizeieinsatzstrategien angepasst.[34] Das Instrument der Erhaltungssatzung ist in München unter anderem im Bereich des Lehels und der Maxvorstadt noch 2010 im Einsatz und ermöglicht unter anderem über ein Vorkaufsrecht der Stadt eine Einschränkung der Luxussanierung und Aufteilung von Wohnobjekten in teure Einzelwohnungen.[35]

Bereits 1974 wurden bei der Erneuerung der lange vernachlässigten Altstadtquartiere in Bologna ein Sanierungsprogramm aufgestellt, das unter anderem in einer Resolution des Europarats anerkannt und für andere Quartiere empfohlen wurde.[36] In Bologna wurden den Bewohnern während der Sanierung Ausweichquartiere angeboten. Die denkmalgerechte Sanierung der historischen Substanz wurde von der Stadt finanziell unterstützt, die Eigentümer umgekehrt zu moderaten Mieten bzw. Mieterhöhungen verpflichtet. Einige Bauten wurden einer Neunutzung zugeführt, welche die sozialkulturellen Bedürfnisse und Wünsche der bestehenden Bevölkerung berücksichtigte.

Peter Marcuse empfiehlt gezielten Sozialen Wohnungsbau, der über städtebauliche Verträge der planenden Kommunen mit Privatinvestoren oder über eine entsprechende staatliche Subventionierung aus Steuermitteln finanziert werden kann.[37]

Literatur

  • Jürgen Friedrichs, Robert Kecskes (Hrsg.): Gentrification. Theorie und Forschungsergebnisse. Leske + Budrich, Opladen 1996, ISBN 3-8100-1662-4, S. 11–15.
  • Andrej Holm: Die Restrukturierung des Raumes. Stadterneuerung der 90er Jahre in Ostberlin. Interessen und Machtverhältnisse. transcript, Bielefeld 2006, ISBN 3-89942-521-9.
  • Andrej Holm: Wir Bleiben Alle!. Gentrifizierung – Städtische Konflikte um Aufwertung und Verdrängung. Unrast, Münster 2010, ISBN 978-3-89771-106-8.
  • Katja Schmitt: Ein Kiez im Wandel. Gentrification und Nutzungskonflikte am Helmholtzplatz. SBV Schkeuditzer Buchverlag, Schkeuditz 2005, ISBN 3-935530-46-3.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Loretta Lees: Super-gentrification: The Case of Brooklyn Heights, New York City. In: Urban Studies. Vol. 40, No. 12, S. 2487–2509, November 2003, Website abgerufen am 23. Juni 2011
  2. Nachricht im Portal Gentrification Blog vom 27. November 2009, abgerufen am 7. August 2011
  3. Leben in London: Angriff auf das Zentrum, Artikel vom 26. November 2009 im Online-Portal der Frankfurter Rundschau, abgerufen am 7. August 2011
  4. a b Chris Hamnett: The blind men and the elephant: the explanation of gentrification. Transactions of the Institute of British Geographers 1991, v. 16, S. 173–189., (frz. Text siehe Chris Hamnett: Les aveugles et l’éléphant: l’explication de la gentrification. In: Strates. Nr.9, 1996-97, Crises et mutations des territoires)
  5. Andrej Holm: Ein ökosoziales Paradoxon - Stadtumbau und Gentrification. In: Geographie-Blog RaGeo 20. März 2011, abgerufen am 25. Juni 2011
  6. Werner Kurzlechner: Kollwitzplatz: Prekäres Paradies. In: Der Tagesspiegel.online, 29. April 2009, abgerufen am 23. Juni 2011
  7. Rowland Atkinson, Gary Bridge: Gentrification in a Global Context. Routledge 2005, ISBN 0-415-32951-7
  8. Ruth Glass: London: aspects of change. London: MacGibbon & Kee 1964
  9. a b Gerhard Hard: Dimensionen geographischen Denkens. In: Osnabrücker Studien zur Geographie. V&R unipress, 2003, ISBN 3-89971-105-X. (Band 2 der Aufsätze zur Theorie der Geographie)
  10. a b Oddrun Sæter, Marit Ekne Ruud: Byen som symbolsk rom. Bypolitikk, stedsdiskurser og gentrifisering i Gamle Oslo. Universitetet i Oslo/Byggforsk forlag, Oslo 2005. (Die Stadt als symbolhafter Raum. Stadtpolitik, Stadtdiskurs und Gentrifizierung in der Osloer Altstadt, erschienen im Verlag Stadtforschung, Schriften der Universität Oslo)
  11. Nicole Gatz: Aktuelle Segregationsprozesse in Berlin: Eine qualitative Fallstudie zum Prenzlauer Berg. GRIN Verlag, 2010, ISBN 978-3-640-63840-6. (Akademische Schriftenreihe)
  12. J. Feddersen und P. Unfried: Gentrifizierung schädlich für Kinder – „Prenzlauer Berg ist Apartheid“, Artikel vom 12.11.2011 im Online-Portal taz.de, abgerufen am 13. November 2011
  13. M. Castells: Cultural identity, sexual liberation and urban structure: the gay community in San Francisco. In: M. Castells: The City and the Grassroots: A Cross-Cultural Theory of Urban Social Movements. Edward Arnold, London 1983, S. 138–170.
  14. Cordula Gdaniec: Kommunalka und Penthouse: Stadt und Stadtgesellschaft im postsowjetischen Moskau. LIT Verlag, Münster 2005 ISBN 3-8258-6968-7.
  15. Castells (1983) S. 160.
  16. Flagwars
  17. In Shaw, Pews vs. Bar Stools. In: The Washington Post. 
  18. Min Zhou: Chinatown: The Socioeconomic Potential of an Urban Enclave Conflicts. In: Urban & Regional. Temple University Press, Philadelphia 1995, ISBN 1-56639-337-X.
  19. Geraffte Darstellung in: Michael Windzio: Vorlesung: Empirische Stadtsoziologie WS 06/07, Arbeitspapier vom 27. November 2006, abgerufen am 3. Juli 2011
  20. E. Penalver: Land Virtues. In: Cornell Law Review. Ithaca NY 94.2009, S. 821, 842. ISSN 0010-8847
  21. Neil Smith: Toward a Theory of Gentrification A Back to the City Movement by Capital, not People. In: Journal of the American Planning Association. 45:4, 1979, S. 538–448. doi:10.1080/01944367908977002
  22. Helen Parkins, Christopher John Smith: Trade, traders, and the ancient city. Routledge, 1998, S. 197.
  23. Max Rousseau: Die Stadt als Mobilitätsmaschine, Artikel vom 17. Juli 2011 im Portal taz.de, abgerufen am 27. Juli 2011
  24. Die «Yuppisierung» des Seefeldes. In: tagesanzeiger.ch.
  25. Viel Sympathie für Langstrasse. In: stadt-wohnen.ch.
  26. Niederer Stadtadel. In: Wiener Stadtzeitung Falter. 13. August 2008, abgerufen am 27. August 2010
  27. Studie zu der politischen Ausrichtung von Städten in den USA.
  28. Wicked Good Guide to Boston English.
  29. Tone Huse: Tøyengata – et stykke nyrikt Norge. (Die Tøyengata, ein Stück neureiches Norwegen), Flamme Forlag, Oslo 2010.
  30. a b c Barbara Lang: Mythos Kreuzberg: Ethnographie eines Stadtteils (1961-1995). Campus Verlag, 1998, ISBN 3-593-36106-X.
  31. Péter Niedermüller: Soziale Brennpunkte sehen? In: Berliner Blätter. Ausgabe 32, LIT Verlag, Münster 2004, ISBN 3-8258-6996-2.
  32. Lewis Smith: There's plain gentrification … and then you have Islington. In: The Times. 1. September 2006.
  33. Corpus Sireo Makler: City Report Wohnen 2011. Düsseldorf 2011, und Jo Achim Geschke: Knapper Wohnraum treibt in Düsseldorf die Preise hoch. In: Der Westen. 22. Juni 2011, abgerufen am 24. Juni 2011
  34. Michael Sturm: Wildgewordene Obrigkeit? In: Gerhard Fürmetz (Hrsg.): Schwabinger Krawalle. Essen 2006, S. 59–105.
  35. Vorkaufsrecht und Erhaltungssatzung in der Landeshauptstadt München.
  36. 1974 Europarat-Symposium Nr. 2 – Schlussresolution: Die sozialen Aspekte der Erhaltung historischer Ortskerne. Europarat (Bologna, 22. bis 26. Oktober 1974)
  37. Florian Urban: Das Recht auf vier Wände, Interview mit Peter Marcuse in der Süddeutschen Zeitung vom 11. Juli 2006, Homepage von Peter Marcuse, abgerufen am 30. Juni 2011

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