Armenier

Die Armenier (armenisch Հայեր Hajer) sind ein Volk, das seit über 2700 Jahren im Gebiet zwischen dem Hochland Ostanatoliens und dem Südkaukasus heimisch ist. Zugleich sind die Armenier die Titularnation der heutigen Republik Armenien, wo sie auch mit Abstand den Großteil der Bevölkerung ausmachen.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Die älteste nachgewiesene Sprache im Gebiet des späteren Armeniens ist Urartäisch, das seit Ende des 9. Jahrhunderts v. Chr. schriftlich überliefert ist. Es ist mit dem Hurritischen verwandt und – im Gegensatz zum Armenischen – mit Sicherheit keine indoeuropäische Sprache.[1]

Wann die Armenier in das Gebiet um den Van-See einwanderten ist umstritten. Gamkrelidze und Ivanov halten die Armenier für Ureinwohner Ostanatoliens. Da der nächste Verwandte der armenischen Sprache das Griechische ist, und die Sprache, abgesehen von zahlreichen Lehnwörtern, wenig Ähnlichkeiten mit dem Persischen zeigt, hält Diakonoff dies für unwahrscheinlich.[2] Einige Autoren wollen die Einwanderung nach dem Fall von Urartu 714 ansetzten,[3] Diakonoff[4] plädierte 1968 für eine Einwanderung vor der Entstehung des urartäischen Reiches, da dieses eine Barriere für eine Einwanderung dargestellt hätte und Dokumente vorhanden sein müssten.

Zimansky[5] hält es dagegen für wahrscheinlich, dass Armenier aus dem Gebiet von Muschki im Westen unter Rusa II. im 6. Jh. v. Chr. deportiert wurden und so in das Gebiet des Van-Sees gelangten.

Unter Sarduri II. wurden in Urartu die šurele vom Militärdienst befreit. Diakonoff[2] sieht in ihnen die ethnischen Urartäer. Danach bestand das Heer vor allem aus den hura_dele (LUA.SI), den Kriegern, die vielleicht der deportierten Bevölkerung Urartus entstammten (A.SI.RUM). Diakonoff nimmt an, dass diese deportierten Bewohner „Proto-Armenier“ waren.[2] Diakonoff will die zur Zeit von Tiglat-Pilesar I. im Tur Abdin nachgewiesen Muschki mit den Armeniern gleichsetzen.[2] Kapantsan versuchte, hethitische Lehnworte im Armenischen nachzuweisen.

Geschichte

Historisch kann man Armenien seit dem 18. Jahrhundert in Ostarmenien (unter persischer, später russischer Herrschaft) und Westarmenien (unter osmanischer Herrschaft) aufteilen. Die Westarmenier wurden durch den Völkermord, den die Osmanen während des Ersten Weltkrieges verübten, in ihrem angestammten Siedlungsraum nahezu ausgelöscht. Die heutige Republik Armenien entstand nach dem Ersten Weltkrieg und wurde 1921 sowjetisiert; nach dem Zerfall der Sowjetunion erklärte sie sich 1991 unabhängig.

Im Osmanischen Reich, der heutigen Türkei, spielten die (christlichen) Armenier teilweise eine ähnliche Rolle in Staat und Gesellschaft wie die phanariotischen Griechen, und übernahmen nach der griechischen Unabhängigkeit 1823 zum Teil sogar deren Rolle als loyale Staatsdiener des Reiches. Armenier hatten hohe Staats- und Regierungsämter inne, und bildeten einen wichtigen Teil des diplomatischen Dienstes des Osmanischen Reiches. Von 1860 bis 1915 war der osmanische Gouverneur der autonomen Provinz Libanon in der Regel Armenier.

Die Armenier wurden im Osmanischen Reich schon 1894 bis 1895 und 1909, besonders aber von 1915 bis 1918 verfolgt. Etwa 1,5 Millionen fielen im Ersten Weltkrieg dem Völkermord zum Opfer. Eine Anzahl von Armeniern konnte fliehen und siedelte sich in Kaukasus-Armenien an. Einige wurden auch von Türken und Kurden aufgenommen und versteckt. Heute leben etwa 50.000 Armenier in der Türkei, die große Mehrheit in Istanbul.

Während der landesweiten staatlich inszenierten Pogrome gegen nichtmuslimische Minderheiten in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955 durch die Regierung des Ministerpräsidenten Adnan Menderes wurden neben Griechen, Juden und Aramäern auch Armenier Opfer. Die armenische Gemeinde in Istanbul, die von der Verhaftungswelle von April 1915 weitgehend verschont geblieben war, verließ daraufhin, wie auch die griechische Bevölkerung, in großer Zahl die Stadt. Der Großwesir des Osmanischen Reiches, Damat Ferid Pascha, räumte im Jahr 1919 einen Genozid an den Armeniern ein.[6]Dennoch wird die systematische Verfolgung und Vertreibung der Armenier bis heute von der türkischen Regierung – wie von allen vorherigen türkischen Regierungen – abgestritten. Die Anerkennung des Völkermordes wird durch den Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches mit Strafe bedroht.[7][8]

Sprache

Die armenische Sprache bildet einen eigenständigen Zweig innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts schuf der Mönch Mesrop Maschtotz im Auftrag des Königs und des Katholikos Sahak Parthev das armenische Alphabet, das bis heute nahezu unverändert gebräuchlich ist.

Die Diaspora

Etwa 3 Millionen Armenier leben in der Republik Armenien. Seit Jahrhunderten gibt es armenische Gemeinschaften im Iran und in Georgien. Starke historische Minderheiten der Armenier gibt es außerdem noch in Georgien, Aserbaidschan (seit dem Konflikt um Bergkarabach nahezu vollständig geflohen), in der Türkei, im Irak, in der Ukraine, Polen, Ungarn, Rumänien und in Bulgarien (dazu Armenier in Europa)

Es gibt eine große armenische Diaspora, die sich vor allem in Russland (Moskau,, Sankt Petersburg und Rostow am Don), Frankreich, den USA, Kanada, Australien, Südamerika (hier vor allem in Argentinien und Brasilien), sowie im Nahen Osten (Libanon, Syrien, Jordanien, Israel, Kuwait, VAE und Ägypten) konzentriert. Des Weiteren leben noch kleine armenische Minderheiten in Kasachstan, Usbekistan, Tunesien und Griechenland.

In Deutschland leben derzeit etwa 30.000 Armenier; darunter solche, die in den 1970er Jahren aus der Türkei als damals so genannte Gastarbeiter nach Deutschland einwanderten, solche, die während und nach der Islamischen Revolution aus dem Iran nach Deutschland flüchteten, und solche, die während und nach der Perestroika aus der ehemaligen Sowjetunion aus verschiedenen Gründen auswanderten (als professionelle Spezialisten, politische Flüchtlinge, Asylbewerber, Ehepartner von Russlanddeutschen).

Die Überweisungen an Verwandte in der Heimat sind wichtig für die Übertragungsbilanz des Landes. Armenien profitiert von einer Vielzahl von Stiftungen der Diaspora.

Berühmte Armenier und Personen armenischer Abstammung

Literatur

  • I. M. Diakonoff: Predystorija Armjanskogo Naroda. Erevan 1968.
  • I. M. Diakonoff: The Prehistory of the Armenian People. New York 1984.
  • A. E. Redgate: The Armenians. Blackwell, Oxford 1999.
  • Paul E. Zimansky: Archaeological enquiries into ethno-linguistic diversity in Urartu. In: Robert Drews (Hrsg.): Greater Anatolia and the Indo-Hittite Language family. Institute for the Study of Man, Washington 2001, 15-26.
  • G. B. Djahukian: Did Armenians live in Asia Minor before the 12th century BC? In: T. L. Markey, J. A. Greppin (Hrsg.): When worlds collide, Indo-Europeans and Pre-Indoeuropeans. Ann Arbor 1990, 25-31.

Weblinks

 Commons: Armenier – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Armenier – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Paul E. Zimansky: Archaeological enquiries into ethno-linguistic diversity in Urartu. In: Robert Drews (Hrsg.): Greater Anatolia and the Indo-Hittite Language family. Institute for the Study of Man, Washington 2001, 15-26
  2. a b c d John A. C. Greppin and I. M. Diakonoff: Some effects of the Hurro-Urartian people and their languages upon the earliest Armenians. Journal of the American Oriental Society 111/4, 1991, 727
  3. A. E. Redgate: The Armenians. Blackwell, Oxford 1999
  4. I. M. Diakonoff: Predystorija Armjanskogo Naroda. Erivan 1968
  5. Paul E. Zimansky: Archaeological enquiries into ethno-linguistic diversity in Urartu. In: Robert Drews (Hrsg.): Greater Anatolia and the Indo-Hittite Language family. Institute for the Study of Man, Washington 2001), 25
  6. Gunnar Heinsohn: Lexikon der Völkermorde. Rowohlt Verlag, Reinbek 1998, Seite 80.
  7. Die Meinungsfreiheit lässt auf sich warten Neue Zürcher Zeitung, 2. April 2011. Abgerufen am 11. Oktober 2011
  8. Orhan Pamuk erhielt Strafe wegen Beleidigung des Türkentums Doğan Haber Ajansı, 28.März 2011, abgerufen am 11. Oktober 2011

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