Corday, Charlotte

Corday, Charlotte

Corday, Charlotte. Bei Nennung dieses Namens regt sich gleichzeitig Mitleid und Bewunderung in unserem Herzen. Von dem Gefühle für Recht begeistert, und von heißer Liebe für das Wohl ihres Vaterlandes durchdrungen, trat die Jungfrau in eine ihr bisher fremd gebliebene Welt, wo die blutigste Anarchie ihren blutbefleckten Thron aufgeschlagen hatte. Sie erglühte von patriotischem Haß gegen den wüthendsten Feind ihres Vaterlandes, und glaubte durch einen Mord diesem eine Wohlthat zu erweisen. Charlotte Corday wurde den 28. Juli 1768 im Departement der Orne geboren und lebte zu Caen im Hause ihres Vaters, Johann Franz Corday, aus einer altadeligen Familie. Sie vereinigte in einem seltenen Grade alle Gaben der Schönheit; besonders ward man von der Zierlichkeit ihres Wuchses, von dem Glanze ihrer Haut und dem Feuer ihres Auges geblendet. Ihr 25. Jahr hatte Charlotte erreicht, als der Entschluß, Marat zu tödten, in ihr zuv Reise kam; ihre Züge und ihr ganzes Wesen sprachen es aus, daß, indem sie sich über die gewöhnlichen Kräfte ihres Geschlechtes erhob, sie dennoch dessen liebenswürdigste Bescheidenheit zierte. Die Sorge, zu gefallen, schien ihr sehr nichtig, und obgleich sie sich in ihrem häuslichen Leben eine Art von Unabhängigkeit verschafft hatte, übte sie doch die Pflichten der kindlichen Liebe mit der größten Zärtlichkeit und mit freudiger Hingebung. Vielleicht hatte der Stolz ihrer Seele sie für andere Gefühle unfähig gemacht, die so mächtigen Einfluß auf das Schicksal der Frauen auszuüben pflegen. Nur eine Leidenschaft beschäftigte seit langer Zeit ihre ganze Seele: es war die für ihr Vaterland. Täglich verglich sie diesen Gegenstand ihrer innigsten Verehrung mit dem häßlichen, blutigen Gespenste der damals in Frankreich herrschenden Freiheit. Als nun die geächteten Deputirten des Nationalconvents zu Caen ankamen, und Charlotte ihr Unglück und sie selbst persönlich kennen lernte, erfüllten Unwille und Mitleiden sie mit einer Art von Fanatismus. Zu weit vom Schauplatze der Begebenheiten entfernt, begriff sie deren Ursachen in mancher Hinsicht nicht; sie sah Tausende von Tyrannen, und wähnte, daß diese einem einzigen Oberhaupte gehorchten. Der grausamste unter ihnen schien ihr auch der gewandteste zu sein, und so warf sie ihre Blicke allein auf den blutdürstigen Marat. Durch seinen Tod hoffte sie das Leben und die Wohlfahrt von Hunderttausenden zu erkaufen. Ihr Vorhaben war sofort unwandelbar seiner Ausführung gewiß, und schon im Voraus genoß sie die Freude einer großen That. Unter dem Vorwande einer kleinen Landreise verließ Charlotte Corday das väterliche Haus, und begab sich nach Paris. Den ersten Tag ihrer Ankunft daselbst wandte sie dazu an, sich einiger übernommenen Aufträge zu entledigen, die ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schienen. Den folgenden Tag ging sie in das Palais royal, um selbst das Messer zu kaufen, welches sie in das Herz des Ungeheuers tauchen wollte Nach mehreren vergeblichen Versuchen, Marat in seinem Hause zu sprechen, schrieb sie ihm folgendes Billet, dessen düsterer Doppelsinn sie tröstete, sich zur Schmeichelei gegen den gezwungen zu sehen, den sie aus tiefster Seele haßte. »Bürger! ich komme so eben von Caen an: Ihre Vaterlandsliebe läßt mich vermuthen, daß Sie mit Vergnügen die unglücklichen Begebenheiten dieses Theiles der Republik kennen lernen werden: ich werde mich zu Ihnen verfügen, seien Sie so gut und bewilligen Sie mir eine kurze Unterredung; ich werde Sie in den Stand setzen, Frankreich einen großen Dienst zu erweisen.« Den andern Morgen begab sie sich in Marat's Wohnung, wo ihr dieselbe Frau, die ihr schon einmal den Zutritt versagt hatte, wieder störend entgegentrat. Aber Marat hörte ihre Stimme aus seinem Gemache und befahl, daß man Charlotte zu ihm führe, obgleich er sich gerade im Bade befand. Jener fragte sie nach manchen Dingen, und unter andern auch nach den Namen aller nach Caen geflüchteten Deputirten; sie diktirte sie ihm, worauf Marat sie sorgfältig und mit schlecht verhohlener Freude auf seine Proscriptionsliste setzte; schon dachte er der Strafe nach, die er über die Unglücklichen verhängen wollte, als Charlotte mit den Worten: »die Deinige ist bereit,« das tödtende Messer aus dem Busen zog, und es tief in Marat's Brust senkte. Mit dem Schrei »mir thust du das,« hauchte er seine schwarze Seele aus. Es eilten Leute herbei, Charlotte sah sich ihrer Wuth Preis gegeben, dennoch wagte sie nicht einen Versuch zur Rettung, sondern stellte sich unter den Schutz der herbeigekommenen Wache, die sie in die Gefängnisse der Abtei abführte, bis sie vor das Revolutionstribunal geladen wurde. Nachdem der Protokollführer ihr die Anklageacte vorgelesen hatte, und man zum Zeugenverhör schritt, unterbrach sie die Aussagen der Zeugen mit den Worten: »Alle diese Details sind unnöthig, ich habe Marat getödtet.« Charlotte glaubte die Stunde ihres Ruhmes gekommen, als sie vor ihren Richtern stand; selbst einen Vertheidiger hatten ihr die Jakobiner bewilligt. Das Volk drängte sich in ungeheurer Masse hinzu, um sie zu sehen. Laut rief man ihr Verwünschungen zu, allein im Stillen bewunderte man sie, und manche Zähre des Mitleids floß zu ihrem Andenken. Wir können dieses seltene Beispiel von Enthusiasmus und Seelenstärke nicht besser schildern, als wenn wir einige ihrer Antworten anführen. Der Präsident fragte sie nach ihrem obigen Eingeständnisse: Was hat Sie zu diesem Morde bewogen? – Charlotte: Seine Verbrechen. – Präsident: Was verstehen Sie unter seinen Verbrechen? – Charlotte: All' das Unheil, das er seit der Revolution verursacht hat, und das, was er Frankreich noch vorbereitete. – Präsident: Wer sind diejenigen, die Sie zu diesem Morde angereizt haben? – Charlotte: Niemand. Ich hatte dieses Vorhaben nach dem 31. Mai gefaßt, wo man die wahren Stellvertreter des Volkes ächtete. – Präsident: Sie haben also aus den öffentlichen Blättern ersehen, daß Marat ein Anarchist war? – Charlotte: Ja, ich wußte, daß er ganz Frankreich einem gewissen Untergange zuführte. Ich habe, fügte sie hinzu, indem sie ihre Stimme sehr stark erhob, einen Menschen getödtet, um noch Hunderttausende zu retten; ich habe einen Bösewicht dem Tode geopfert, um Unschuldige zu retten; ich habe einem wilden Thiere das Leben genommen, um meinem Vaterlande die ersehnte Ruhe wieder zu geben. – Allen Fragen, die man ferner noch an sie richtete, begegnete sie mit derselben unbefangenen Freimüthigkeit. – Hierauf nahm Chauveau, der von dem Tribunale zum Vertheidiger der Angeklagten erwählt worden war, das Wort, indem er darzulegen suchte, daß diese unzerstörbare Ruhe und diese gänzliche Verläugnung ihrer selbst, welche keine Gewissensbisse ankündiget und sich selbst dem Tode gegenüber noch gleich bleibt, durch nichts Anderes sich erklären ließe, als durch die höchste Exaltation des pol:tischen Fanatismus. – Es erfolgte nun die Besprechung der Geschworenen, und nach ihrer einstimmigen Erklärung sprach das Tribunal die Todesstrafe gegen Charlotte Corday und die Confiskation ihres Vermögens zum Besten der Republik aus. – Charlotte wurde noch auf kurze Zeit in das Gefängniß zurückgeführt. Auf dem Wege zum Blutgerüste hörte sie nur Beifallklatschen und Bravo's: ein Lächeln war das einzige Zeichen, wodurch sich ihre Gefühle verriethen. Selbst im entscheidenden Augenblicke des Todes hatte ihr Gesicht noch alle Farbe und Frische des Lebens. Ihr Kopf fiel unter dem blutigen Eisen den 17. Juli 1793 und zerstörte ihr jugendliches Dasein in der schönsten Blüthe.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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