Triest

Triest. Traurig schaut der Löwe von St. Marcus in die Fluthen des adriatischen Golfs; düsteres Schweigen herrscht unter den Säulenhallen des Dogenpalastes; wie ein entmasteter Bucentaur, in stiller Melancholie lagert am nie alternden Meere die gealterte Venezia. Aber ein neues Reis entsproßte der Adria an den Küsten des Königreichs Illyrien, und breitet jetzt seine goldenen Aeste gleich riesigen Merkurstäben weit über das Land aus. Glühend drückt das Meer seinen Busen (den triester Meerbusen) in das illyrische Land; lustig flattern die Wimpel im Hafen von T., dieser lebenvollen Frei- und Hauptstadt des gleichnamigen Guberniums. Wie zwei freundlich vereinte Genien strecken sich am Fuße des kastellgekrönten Tiber- oder Schloßberges die düstere Alt-, und die moderne und regelmäßige Neustadt aus; liebend vereinen sich in letzterer die Theresienstadt und die Vorstädte Joseph- und Franzensstadt, durch 11 stattliche Brücken mit einander verbunden; und 34 öffentliche Plätze bieten genugsamen Raum zum Verkehr für die 53,000 Einw., lauter geschworne Vasallen des Gottes Merkur. In der Altstadt befindet sich der große Platz (la piazza grande) mit dem Stadthause, dem alten »Uhrthurme« und der 26 F. hohen Bildsäule Karl's VI. aus weißem Marmor. Auf dem Theaterplatze erhebt sich, mit der hintern Front gegen den Hafen gekehrt, das große, neu und herrlich verzierte Theater. Die Höhe neben dem Kastell krönt die alte Domkirche des h. Justus mit dem Denkmale des hier ermordeten Winkelmann. Herrlich ist die Aussicht vom hohen Kastell: stolz und sicher wiegt sich zu den Füßen des Schauenden die gewaltige Seestadt in des Oceans Ebbe und Fluth; weithin schweift der Blick über den Wasserspiegel bis an den kleinen Nebelsaum über Venedigs goldenem Lagunengrabe; durch die ganze Landschaft braust des Lebens fröhlicher Krieg. Blickt man aber hinab von der andern Seite des Berges, – da säuselt der tiefe, schweigsame Friede des Gottesthales herauf; denn hier liegen die Friedhöfe der Stadt. – Auf einer schönen Ebene nordöstlich von der Altstadt ruht die Theresienstadt; mitten in dieselbe ergießt sich aus dem Meere der mit vielen Schiffen bedeckte große Canal (canale grande), welchen Maria Theresia erbaute. Die hohen massiven Häuser, die großen, breiten Straßen dieses Stadttheils gewähren den imposantesten Anblick. An dem Börsenplatze, welchen die geschmackvollsten Gebäude, eine kunstreiche Fontaine und die Statue Leopold's I. zieren, liegt die prachtvolle Börse, eines der schönsten Gebäude dieser Art in ganz Europa. – Südwestlich von der Altstadt zieht sich längs dem von Molos geschützten Hafen die freundliche Josephsvorstadt hin. Am nördlichsten liegt die Franzensvorstadt, mit dem berühmten »neuen Lazarethe,« einem sehr weitläufigen Gebäude mit einem besondern abgeschlossenen Hafen, in welches 60 Kauffahrteischiffe und 200 Fremde der Contumaz wegen eingeschlossen werden können. – Die zahlreichen und schönen Kaffehäuser, das Theater, Redouten und Bälle etc. bieten in der Stadt den Triestinern hinreichende Unterhaltung; und die reizende Umgegend reicht ihnen mit verschwenderischer Hand die Freuden der Natur. In ihren Villen und Landhäusern (Manderien) genießen die Reichen der balsamischen Abendkühle; und öffentliche Gärten und Spaziergänge, wie der eine halbe Stunde von der Stadt gelegene Prater (il boschetto), die Villen Fontana, Montfort, Campo Marzio, Sartorio, Monbijou etc., der Rosetti'sche Garten und der schöne Garten Trapp, die Luftpfade im Augarten, im St. Johannisthale, am Bache Rojano, auf den Höhen von Gretta, am Ufer von St. Andreas etc., reichen aus dem unerschöpflichen Füllhorne der immer neuen Natur allen Ständen und Klassen Genuß und Erholung.

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http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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