Ludwig Beck (General)
Ludwig Beck, 1937

Ludwig August Theodor Beck (* 29. Juni 1880 in Biebrich; † 21. Juli 1944[1] in Berlin) war ein deutscher Heeresoffizier (seit 1938 Generaloberst), der sich am versuchten Staatsstreich vom 20. Juli 1944 gegen Adolf Hitler beteiligte.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Kaiserreich und Erster Weltkrieg

Beck entstammt einer alten hessischen Offiziersfamilie. Er wurde als Sohn des Industriellen Ludwig Beck und dessen Frau Bertha Beck (geb. Draudt) geboren. Ab 1898 wohnte die Familie in der Villa Beck in Biebrich (seit 1926 Stadtteil von Wiesbaden).

Villa Beck in Wiesbaden-Biebrich, 2006

Nach seinem Abitur an der Diltheyschule in Wiesbaden 1898 trat Ludwig Beck Junior am 12. März 1898 als Fahnenjunker ("Avantageur") in das Feldartillerie-Regiment Nr. 15 der preußischen Armee in Straßburg ein. In den Jahren 1898 und 1899 absolvierte er die Kriegsschule in Neiße. Am 18. August 1899 wurde er zum Leutnant befördert. 1902 und 1903 war er an der vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule in Charlottenburg, von 1908 bis 1911 an der Kriegsakademie Berlin. Zwischen diesen Kommandierungen sowie bis 1912 war er jeweils wieder in seinem Regiment in Straßburg und Saarburg in Lothringen tätig, ab März 1912 war er an den Großen Generalstab in Berlin kommandiert, zu dem er mit Wirkung zum 1. Oktober 1913 bei gleichzeitiger Beförderung zum Hauptmann auch versetzt wurde. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde er zunächst Zweiter Generalstabsoffizier beim VI. Reserve-Korps, 1916 Erster Generalstabsoffizier bei der 117., später bei der 13. Reservedivision. Er wurde in verschiedenen Positionen an der Westfront verwendet. Am 12. Mai 1916 heiratete er Amelie geb. Pagenstecher, die anderthalb Jahre später am 16. Februar 1917, kurz nach der Geburt seiner Tochter Gertrud am 30. Januar 1917, starb.[2] Zum Ende des Jahres 1916 wechselte er in den Generalstab beim Oberkommando der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz. Am 18. April 1918 wurde er zum Major befördert.[2]

Weimarer Republik

Nach Kriegsende war er in der Abwicklungsstelle des Großen Generalstabes tätig und wurde 1919 in die durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages stark verkleinerte Reichswehr übernommen. Zwischen 1919 und 1922 hatte er Truppenkommandos inne und war auch im Auftrag des Generals von Seeckt tätig. Zum 1. Oktober 1922 wurde er Abteilungs-Kommandeur beim Artillerie-Regiment 6 in Münster (Westfalen). Ein Jahr später übernahm er für zwei Jahre die Leitung der Führergehilfenausbildung, der ehemaligen Kriegsakademie, beim Wehrkreiskommando VI, ebenfalls in Münster. Danach war er für vier Jahre Chef des Generalstabes beim Wehrkreiskommando IV in Dresden. Nach seiner Beförderung zum Oberst am 1. Februar 1929 war er ab dem 1. Oktober 1929 für zwei Jahre Kommandeur des Artillerie-Regiments 5 in Fulda [2].

Der breiteren Öffentlichkeit wurde der damalige Oberst Beck 1930 im sogenannten Ulmer Prozess vor dem Reichsgericht in Leipzig gegen die Leutnants Ludin und Scheringer sowie Oberleutnant Wendt aus dem Artillerie-Regiment 5 in Ulm wegen nationalsozialistischer Zellenbildung in der Reichswehr als Zeuge unter anderen neben Hitler bekannt. Als deren Regimentskommandeur setzte er sich vehement für seine angeklagten Offiziere ein, denen er mit folgender Spitzfindigkeit zur Seite sprang: „Es wird täglich der Reichswehr gesagt, sie sei eine Führerarmee; was soll sich ein junger Offizier anders darunter vorstellen?“[3]

Am 1. Februar 1931 zum Generalmajor befördert, wurde Beck ein Jahr später Artillerieführer IV in Dresden. Im Oktober des Jahres übernahm er für ein Jahr das Kommando bei der 1. Kavalleriedivision in Frankfurt an der Oder. Seine Beförderung zum Generalleutnant erfolgte noch am 1. Dezember des Jahres 1932. In die Jahre von 1931 bis 1933 fiel seine Überarbeitung der Vorschrift über Die Truppenführung.[2]

Zeit des Nationalsozialismus

Generalstabschef des Heeres

Ludwig Beck, 1936

Im Oktober 1933 wurde Beck Chef des Truppenamtes im Reichswehrministerium, 1935 Generalstabschef des Heeres.[4][2] Nach kurzer Zeit erhielt er am 1. Oktober 1935[2] den Dienstgrad eines Generals der Artillerie. Als Generalstabschef war er neben anderen Militärs für die Aufrüstung des Heeres zuständig. Im Juni 1937 führten ihn Gespräche mit Marschall Pétain, General Gamelin und Kriegsminister Daladier nach Paris.[2] Nachdem Adolf Hitler am 5. November 1937 vor dem Reichsaußenminister (Konstantin Freiherr von Neurath), dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht (Werner von Blomberg) sowie den Oberbefehlshabern des Heeres (Werner von Fritsch), der Kriegsmarine (Erich Raeder) und der Luftwaffe (Hermann Göring) seine Kriegsziele offen dargelegt hatte, kritisierte Beck die Absicht des Führers, die Tschechoslowakei so schnell wie möglich anzugreifen. Er fand Hitlers Darlegungen niederschmetternd,[5] als Hoßbach ihm eine Kopie seiner Niederschrift zeigte. Beck lehnte zwar nicht grundsätzlich eine Expansion in Richtung Österreich und Tschechoslowakei ab, aber ihn entsetzte die Verantwortungslosigkeit, mit der Hitler bereit war, Deutschland in einen Krieg mit den Westmächten hineinzuführen.[6] In einer späteren, schriftlichen und zehn Punkte umfassenden Kritik stellte er es als wünschenswert dar, das Militär an den Entscheidungen über Krieg und Frieden zu beteiligen.[7]

Im Jahr 1938 versuchte Beck, ein gemeinsames Vorgehen der Generalität gegen die Kriegsplanungen Hitlers zu organisieren und schlug von Brauchitsch den geschlossenen Rücktritt der Generalität vor, falls Hitler weiterhin zum Krieg dränge. Das anschließende Generalstreffen am 4. August 1938 zeigte, dass alle Kommandierenden Generale einen sich ausweitenden Krieg zu diesem Zeitpunkt als Katastrophe ansahen. Bei der Frage, ob ein Angriff auf die Tschechoslowakei unvermeidlich auch zum Konflikt mit den Westmächten führe, widersprachen nur die Generäle Busch und von Reichenau. Als Reichenau kurz darauf Hitler von dem Treffen berichtete, verlangte dieser die Abberufung des Generalstabschefs.[8] Schon in der Blomberg-Fritsch-Krise hatte er einem Minister anvertraut, der einzige Offizier, den er fürchte, sei Beck: „Der Mann wäre imstande, etwas zu unternehmen.“[9] Am 18. August 1938 bat Beck um Enthebung von seiner Stellung und übergab am 27. August die Dienstgeschäfte an Franz Halder,[2] verzichtete allerdings auf Bitten Hitlers auf die öffentliche Bekanntgabe seiner Demission, was ihr die politische Symbolkraft nahm. Mit Wirkung vom 1. November 1938 schied er aus dem aktiven Dienst aus, wobei er den Charakter eines Generalobersten erhielt.[10][2]

Widerstand und Tod

In den folgenden Jahren engagierte sich Beck im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Beck lebte während der Kriegsjahre zurückgezogen in seiner Berliner Wohnung. Die Generäle und Marschälle gingen ihm zwar aus dem Weg, aber mehr und mehr wurde seine Wohnung zur Zentrale der kleinen Zirkel des nationalkonservativen Widerstandes. Sie wurde ständig von der Gestapo observiert. Neben Carl Friedrich Goerdeler wurde er zu einer zentralen Figur des Widerstandes. Am 8. Januar 1943 trafen erstmals Vertreter des militärischen und zivilen Widerstandes, unter anderem des Kreisauer Kreises, unter der Leitung Becks in der Berliner Wohnung Yorcks zusammen, um ihre internen Unterschiede in der Beurteilung des Regimes, von dessen Beseitigung und der zukünftigen Rolle Deutschlands in Europa einander anzugleichen.[11] Bei diesem Geheimtreffen wurde Goerdeler als Kanzler einer Übergangsregierung akzeptiert. Beck war in späteren Vereinbarungen der Widerständler als neues Staatsoberhaupt (Reichsverweser) vorgesehen.

Nach dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde die Widerstandsgruppe um Beck im Bendlerblock in Berlin kurz vor Mitternacht gefangengenommen. Ihm selbst wurde nach eigener Bitte durch Generaloberst Friedrich Fromm die Gelegenheit zur Selbsttötung gegeben. Nachdem diese zweimal fehlgeschlagen war, erteilte Fromm einem Offizier den Befehl, den Sterbenden zu erschießen. „Doch der erklärte sich dazu außerstande und gab den Befehl an einen Feldwebel weiter, der Beck in ein Nebenzimmer zog und dort erschoss.“[12] So entging Beck einer demütigenden Verhandlung vor dem Volksgerichtshof wegen Hochverrats, wie sie unter anderem Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben und Generaloberst Erich Hoepner erdulden mussten.

Becks Leiche wurde, zusammen mit weiteren Opfern des 20. Juli, auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg begraben. Wenig später wurden die Toten von der SS exhumiert, im Krematorium Wedding verbrannt und die Asche auf den Berliner Rieselfeldern verstreut.

Auszeichnungen

Gedenken

Gedenktafeln befinden sich in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock in Berlin (seit 1960), an der Villa Beck in Wiesbaden-Biebrich (seit 1964) und an Becks einstigem Wohnhaus Goethestraße 24 in Berlin-Lichterfelde.

1956 übernahm die kurz zuvor gegründete Bundeswehr die NS-Ordensburg in Sonthofen (Allgäu), die zu Hitlers Zeiten gebaut wurde und als Adolf-Hitler-Schule der NSDAP genutzt wurde, als Kaserne und gab ihr den Namen Generaloberst-Beck-Kaserne.

1964 widmete ihm die Deutsche Bundespost eine von E. und Gerd Aretz gestaltete Briefmarke aus einem Block zum 20. Jahrestag des 20. Juli 1944.

Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage

Die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden vergibt seit 2004 jährlich den Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage an Personen, die Zivilcourage in einem besonderen Bezug zu Wiesbaden gezeigt haben.[14] Zu den bisherigen Preisträgern und Preisträgerinnen zählen: Susanne Lewitzke (2008), Serap Çileli (2006), Sonja Fatma Bläser (2006), als erster Preisträger Therarajah Balakumar (2004),[15] und andere. Aufgrund von Kandidatenmangel wird der Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage seit 2010 international und daneben ein weiterer Preis für Zivilcourage ausgeschrieben.[16]

Film

Ludwig Beck wurde im Film unter anderem von folgenden Schauspielern dargestellt:

Siehe auch

Literatur

Weblinks

 Commons: Ludwig Beck – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Vgl. Joachim Fest: Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. S. 280
  2. a b c d e f g h i Daten und Einheiten nach den Angaben in Nachlass und den biographischen Daten im Bestand des Bundesarchives, gesehen 5. Mai 2010
  3. zitiert nach John W. Wheeler-Bennet, „Die Nemesis der Macht“, Düsseldorf 1954, S.238
  4. Joachim Fest: Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. S. 379 (Kurzbiographien).
  5. Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. S. 91.
  6. Vgl. Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. S. 91.
  7. Vgl. Joachim Fest: Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. S. 62.
  8. Vgl. Joachim Fest: Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. S. 86f.
  9. Vgl. Kurt Sendtner: Die deutsche Militäropposition im ersten Kriegsjahr. S. 441.
  10. Das Deutsche Heer 1939, Gliederung, Standorte, Stellenbesetzung am 3.1.1939, Bad Nauheim 1953
  11. Vgl. Joachim Fest: Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. S. 167f.
  12. Joachim Fest: Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. S. 280.
  13. a b c d e f g h i j k Rangliste des Deutschen Reichsheeres, Mittler & Sohn Verlag, Berlin 1930, S.109
  14. Landeshauptstadt Wiesbaden: Flyer zur Ausschreibung des Ludwig-Beck-Preises für Zivilcourage für das Jahr 2006 (PDF)
  15. Hessische Wirtschaft (IHK-Magazin Wiesbaden) vom März 2005: Preis für Zivilcourage (PDF)
  16. Wiesbadener Kurier vom 10. Dezember 2010: Neue Verwirrung um Ludwig-Beck-Preis; Wiesbadener Kurier vom 15. Juli 2009 "Belohntes Verhalten" oder "Unsichtbares sichtbar machen"

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