Tuilerien

Tuilerien. Welch' wunderbaren Anblick gewährt dieses unproportionirte, überlange, traurig symmetrische Gebäude am rechten Seineufer in Paris! Zwei ungeheuere, mit riesigen Dachperrücken und einer Masse gigantischer Kaminbouquets versehene Blockhäuser sind angebaut, um es mit den Flügeln des Louvre zu verbinden. Leiden so die T. seit geraumer Zeit an schwerfälligen Anbauten, ungestalteten Dächern, Kaminen, welche den Palast einer Tuch- oder andern Fabrik ähnlich machen, und Blitzableitern, die nach dem Himmel gezückten Schwertern gleichen, – was liegt daran, daß Louis Philipp noch ein Hauptgebäude hinzufügt, einen der Flügel ausdehnt und die neue Façade mit einer alterthümlichen Schminke bestreicht? Und doch redet ein eigenes Leben uns an aus diesen kahlen Königsmauern; eine ganze, blutige, unheilvolle Geschichte starrt hervor aus den hochgeschweiften Gesimsen; und jeder Schlag des Hammers an die ehrwürdigen Wände tönt traurig wieder in dem Herzen denkender Geschichtsfreunde. Noch schwebt Katharina's von Medicis, seiner Gründerin, grauer Schatten um den Palast; lächelnd wandelt Heinrich IV., mit majestätischer Gravität Ludwig XIV. an uns vorüber, die beide das erst einem artigen Schlößchen gleichende Gebäude mit stolzen Galerien umthürmten..... Doch da rauscht plötzlich über ganz Paris ein tausendstimmiges Hurrahgeschrei; ein goldener Wagen, bespannt mit acht milchweißen Pferden, hält vor des Palastes Pforte; – armer Ludwig XVI.! Eben holten dich die Damen der Halle aus deinem Versailles herbei (1789), damit du fortan inmitten deiner »getreuen« Stadt Paris leben und herrschen sollest. Wie ahnungsvoll, wie schauerlich-freudig erklingt das Vivatgeschrei, als du die Stufen des Schlosses betrittst, – das du nur wieder verlassen solltest, um in trauriger Gefangenschaft bis an deinen Tod zu schmachten. Und schon hör' ich (10. August 1792), wie das Volk heranstürmt racheschnaubend; wie die treuen Schweizer das Haus ihres Herrn vertheidigen mit ihrem Herzgeblüt; wie der Pöbel durch die königl. Gemächer raset; wie der König..... Doch schweige Kampfgetös! Ein anderes, todtbleiches, gramumwölktes Bild zeigt sich jetzt meinen Blicken. Langsam, auf elendem Karren, naht sich eine abgehärmte, doch im tiefsten Elende noch majestätische, weibliche Gestalt. Starr und thränenlos ist ihr Auge; endloser Jammer redet von dieser hohen Stirn; zermalmender Schmerz aus dem gebleichten Haar; und eben wirft sie einen langen, langen Blick über die T., einen Blick, wie ihn Niobe warf, – ach, noch einmal, zum letzten Mal, betrachtet den Palast ihrer glücklicheren Vorgängerin Katharina von Medicis die unglückselige Maria Antoinette. Und schon naht sie sich dem schwarzen Gerüst; der blitzende Stahl zuckt hernieder; der weiße Hals.... »Es lebe der Kaiser!« erschallt es jetzt aus dem Garten der T., vom Carrousselplatz, von allen Straßen und Alleen der Umgegend tausendstimmig zum Himmel empor. Der Sieger der Pyramiden, von Marengo, von Austerlitz etc. hält seinen Einzug nach ruhmwürdigem Feldzug... Doch welche der Leserinnen kennte nicht die stolze und melancholische Geschichte des Palastes der T.? Die hundert Tage, die Wiederkehr der Bourbons, die Katastrophe von 1830, Louis Philipp's bedrohetes Leben, die reizende Orléansbraut von dem Gestade der Ostsee, – ja, ein würdiges, historisches Monument sind diese T. mit ihren zwei großen Galerien, vier Hauptfaçaden und 8 Pavillons, wie dem Pavillon der Flora, den einst Napoleon, später Ludwig XVIII. bewohnte, und dem Pavillon Marsan, in welchem Karl X. als König und schon als Graf Artois seine Gemächer hatte. An den Hof der T., nach der Stadt zu, und von demselben durch einen schönen Triumphbogen und ein Gitter abgesondert, ist der Carrousselplatz. Allein nichts ist so parisisch in Paris, als der Garten der T. Ein Viereck, so breit als das Schloß selbst, schließt er sich gegen Westen demselben an; auf zwei Seiten von langen Terrassen (unter welchen die Terrasse Rivoli, ehemals der Feuillants, die berühmteste) eingeschlossen, ursprünglich nach des berühmten Le Notre Entwurfe angelegt, ist er fast ein Nationalpark zu nennen, der jedem Bürger angehört, welcher einen Hut auf dem Kopfe und keinen Pack in der Hand trägt. (Leute in Mützen und Päcke tragend dürfen den Garten nicht passiren.) Zu jeder Stunde des Tages bietet dieser Garten einen neuen Anblick; zu jeder Stunde erneuert sich sein Publicum, und die neuen Spaziergänger unterscheiden sich von ihren Vorgängern stets auch im Gange, Physiognomie und Zweck ihres Erscheinens. Sind am Morgen die T. von artistischem und literarischem Geruche durchweht, so treten mit zunehmendem Tage an die Stelle der Künstler und Gelehrten die politischen Naturfreunde, die unter schattigen Bäumen in frischer Luft Europa's Horizont studiren. Gegen Mittag langen die Bonnen mit den kleinen Kindern an. Von 3–4 Uhr strömt die schöne Welt herbei; gegen sieben Uhr kommen die Leute herbei, die den Tag über ernstlich und anstrengend beschäftigt waren, und nun eine gesunde Luft athmen und die vergönnten Mußestunden süßem Nichtsthun widmen wollen. Endlich wird der Garten der T., nachdem er nun nach und nach literarisch, politisch, lärmend, modisch und erquickunggewährend gewesen, zuletzt melodisch; denn die Militairmusik bringt allabendlich vor dem Schlosse ihre Serenade.

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http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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