Thiere

Thiere

Thiere (Animalia), sind organische Naturproducte mit freiwilliger Bewegnug, welche empfinden u. sich der Empfindung bewußt werden. A) Unterscheidungsmerkmale. Wie die Mineralien auf die Weise entstehen, daß sich einzelne Theilchen (Molecüle) einander anziehen od. sich an einander lagern u. chemisch od. mechanisch mit einander verbinden, so wachsen sie auch dadurch, daß sich gleiche Theile von außen anlagern, u. wenn sich das Mineral einmal gebildet hat, so verändert es sich nicht mehr, seine Theilchen behalten immer zu einander die Lage, welche sie ursprünglich erhalten; das Thier dagegen ist in immerwährender Thätigkeit, nimmt Nahrung in sich auf, diese verwandelt sich in Blut, dieses durchströmt das Thier u. in dem Thiere zeigt sich noch die Bewegung des Wachsthums, der Zersetzung u. Wiedererneuerung. Die T. haben auch ein bestimmtes Lebensziel, indem sie während ihres Lebens beständig einige ihrer Theilchen durch Zersetzung verlieren, welche zuletzt aber nicht mehr durch neue ersetzt werden, so daß der Körper endlich ganz abstirbt, nachdem er längere od. kürzere Zeit gelebt hat. Die Mineralien sind ferner in Hinsicht ihrer Masse homogen, die T. dagegen heterogen, da sie aus verschiedenen Geweben u. Flüssigkeiten zusammengesetzt sind. Von den Pflanzen unterscheiden sich die T. durch die freiwillige Bewegung, während die Pflanzenbewegung stets von irgend einem äußeren Einflusse abhängt, sei es durch mechanischen Reiz auf ihr Zellgewebe. od. durch andere Einflüsse, wie durch Licht u. Wärme. In den meisten Fällen hat das T. einen Magen, eine innere Körperhöhle, in welchen es durch eine Öffnung (Mund) seine Nahrung aufnimmt; dagegen ist die ganze Pflanze ein Magen u. jede Wurzelfaser ein Mund, durch welchen sie Flüssigkeit in sich aufnimmt. Ein Centralorgan für die Ernährung, wie das Herz des T-s, fehlt jeder Pflanze, ebenso das Nervensystem, welches auf die äußeren Eindrücke reagirt od. der Sitz der Sensibilität ist.

B) Der Körper des T-s, dieses als Organismus betrachtet, ist aus Organen zusammengesetzt, welche größtentheils doppelt, symmetrisch zu beiden Seiten geordnet od. aus zwei sich auf gleiche Weise entsprechenden Hälften gebildet sind, wovon nur niedere T. eine Ausnahme machen. Mehre dieser Organe bilden, zu Erreichung gemeinschaftlicher Zwecke vereinigt, Systeme, so das Generations-, Verdauungs-, Gefäß-, Respirations-, Nerven-, Muskel-, Knochen-, Haut-, Drüsen-, Capillargefäß-, Pfortadersystem (s.d. a.) u. m. a. Bei dem lebendigen normalen Zusammenwirken der zu diesen Systemen gehörigen Organe u. bei dem Vorhandensein der zum Bestehen des individuellen Organismus nothwendigen äußeren Bedinanngen, als angemessener Nahrungsmittel, atmosphärische Luft, Wasser, Wärme, Licht etc., erhält sich derselbe nicht nur im Kampfe gegen die äußere Natur, wenn diese nicht allzu heftig u. zerstörend auf ihn einwirkt, sondern assimilirt sich (s. Assim ilation) einen Theil derselben, reproducirt sich durch ihn (s. Reproduction, Absonderung). Die auf diese organische Metamorphose u. das dadurch bedingte materielle Bestehen des Organismus Bezug habenden vitalen Verrichtungen geschehen durch einen, dem chemischen u. galvanischen analogen, aber durch die Gesetze des individuellen Lebens eigenthümlich modificirten Proceß, vermöge welchem die aus der äußern Natur durch Mund, Lungen, Haut aufgenommenen Stoffe, in den Organen der Verdauung, Chylification, Respiration, Blutbereitung in organische Masse umgewandelt, in den Capillargefäßen an die verschiedenen Organe abgesetzt, zugleich aber auch die nicht assimilirbaren Stoffe, so wie die durch den Lebensproceß abgenutzten, unbrauchbar u. lästig gewordenen Theile des Körpers den Aussonderungsorganen zugeführt u. entfernt werden. Dieser Wechsel von Assimilation u. Excretion, durch welchen der thierische Körper sich ununterbrochen erneuert u. welcher eine nothwendige Bedingung des Lebens ist, dauert bis zum Tode fort, wo dann der Organismus, als solcher, zu sein aufhört, seine Masse den Gesetzen der allgemeinen Natur anheim fällt u. diesen gemäß ihre Bestandtheile neue, ganz von den bisherigen verschiedene chemische Verbindungen eingeben (s. Verwesung).

C) Bei der chemischen Zerlegung thierischer Theile lassen sich nachweisen: a) Elementarstoffe: Sauer-, Kohlen-, Wasser-, Stickstoff; um letztern in den Körper zu bringen, sind stickstoffhaltige Nahrungsmittel als Eiweiß, Kleber, Fleisch etc. nöthig, da der meiste Stickstoff, welcher eingeathmet wird, auch wieder ausgeathmet wird. Ferner Phosphor, Kalk, Fluor, erster mit Sauerstoff u. als Säure mit dem Kalk, welcher den T-n eben so eigenthümlich ist, wie die Kieselerde den Pflanzen, verbunden in den Knochen; Schwefel, Magnesia in geringerem nicht constantem Verhältniß; Eisen, hauptsächlich im Blute; Natron. b) Aus den Verbindungen der genannten Stoffe gehen folgende, dem Thierreich eigenthümliche Producte des organischen Chemismus hervor: Gallert-, [511] Eiweiß-, Faser-, Käse-, Harnstoff, Ammoniak, Blutroth, Schleim, Pikrômet, Osmazom, Milchzucker, welche endlich durch Verbindungen unter sich od. mit neuen Antheilen der Elementarstoffe, die verschiedenen festen u. flüssigen Theile des Körpers: Haut, Fett, Muskeln, Knochen, Nerven, Blut, Lymphe, Galle, Harn, so wie auch verschiedenartige krankhafte Erzeugnisse bilden.

Da der Zweck des thierischen Lebens nicht allein Erhaltung des Individuums, sondern auch Fortpflanzung ist, so verdienen D) die Geschlechtsverhältnisse besondere Aufmerksamkeit. Daß alle T. durch Zeugung von ihrer Art abstammen, ist jetzt fast ganz entschieden, u. die Nachrichten von einer künstlichen Belebung des unorganischen Schleimes durch Galvanismus beruhen auf Irrthum. Für eine Generatio aequivoca od. Belebung der unorganischen Stoffe durch äußere Kräfte zur Entstehung neuer Thier- od. Pflanzenformen sind zur Zeit noch immer keine schlagenden Beweise vorhanden (s.u. Zeugung). In den Körpern mehrer zeigen sich eiförmige Massen, welche, wenn sie eine gewisse Größe erlangt haben, sich herausdrängen u. eigene Individuen bilden; bei andern reißen sich einzelne Theile, wie Äste od. Zweige, z.B. bei den Armpolypen, los; bei noch andern, selbst schon höher stehenden, kann durch Zerlegung in kleine Theile eine eben so große Anzahl neuer Geschöpfe gleicher Art erzielt werden, als man Theile machte, was auf eine viel regsamere Lebenskraft, als bei allen übrigen Geschöpfen hindeutet. Indessen bei weitem die meisten Arten der T. trennen sich durch den Unterschied des Geschlechts (s.d. unt. Genitalien), als männliche u. weibliche Individuen in zwei Hälften, welche nach vollendeter Ausbildung des Körpers zur Erzeugung neuer Individuen ihrer Art reif werden. Bei einigen, ebenfalls aus den niedern Klassen, ist in einem u. demselben T. beiderlei Geschlecht zu finden (Zwitter), was zur Vollendung des Zwecks sich fortzupflanzen eben so dienlich ist, als ob die Geschlechter getrennt wären. Diese Bildung ist bes. bei Weichthieren u. einigen Würmern vorherrschend. Bei ihnen ist also der Zeugungsact ein doppelter, der männliche u. weibliche zugleich. Ist der Thierkörper ausgebildet genug, so werden die verschiedenen Geschlechter durch den Geschlechtstrieb von einander gegenseitig angezogen, u. es wird durch deren momentane Vereinigung bei der Zeugung in den weiblichen Körper der Keim zu einem neuen gleichartigen Individuum gelegt. Die meisten Fische u. einige Amphibien machen in so fern eine Ausnahme, als sich in dem Weibchen dieser Keim ohne Zuthun des Männchen bildet, aber, wenn er von jenem ausgestoßen ist, von diesem außerhalb des weiblichen Körpers erst seine Befruchtung erhält. Dieser befruchtete Keim durchläuft entweder seine ersten Entwickelungsstufen, durch die er vom Wasser umgeben, aus einem Schleimbläschen zu einem T. wird, in dem mütterlichen Leibe (s. Embryo), od. in einem, von dem weiblichen T. gelegten u. von diesem bebrüteten (s. Brüten) od. auch nur der atmosphärischen od. Erdod. Wasser- od. Sonnenwärme ausgesetzten Ei. Wenn das T. lebendig geboren od. aus dem Ei zum selbständigen Leben hervorgegangen ist, wird es im erstern Falle eine Zeit lang von dem mütterlichen T. gesäugt, im zweiten bei vielen Vögeln eine Zeit lang von den Alten gefüttert, hat bei vielen Amphibien u. den Insecten noch mehre Verwandlungen zu überstehen, bedarf auch bei den höhern Thierklassen längere Zeit, ehe es die gehörige Größe u. vollständige Ausbildung, mit welcher zugleich die Zeugungsfähigkeit verbunden ist, erlangt.

E) Der Haushalt der T. ist nach dem bei ganzen Klassen, od. Familien, od. Geschlechtern, od. einzelnen Individuen vorherrschenden Lebenstrieb sehr verschieden. Darin, daß alle zur Erhaltung ihres Lebens einathembare Luft, Wärme u. Licht brauchen, daß sie die genommene Nahrung durch bes. dazu eingerichtete Organe ihrem Körper assimiliren u. das Unbrauchbare abführen, kommen sie alle überein; aber in Lebensart, Aufenthalt, Sicherungsmittel gegen Feinde. etc. ist die Verschiedenheit unendlich. Die meisten nähren sich durch thierische od. vegetabilische Stoffe, manche mit beiden, wenige sind auch zugleich mit auf mineralische hingewiesen. Zu letztern gehören alle solche, welche feste Bestandtheile als Kalk abscheiden, so wie die Vögel, welche Steinchen zum Zerreiben ihrer Nahrung nöthig haben. Der Bau der Freßwerkzeuge ist verschieden, jedesmal aber der Nahrung entsprechend, sei es Saug- od. Stechrüssel, Mund od. Schnabel, erster mit od. ohne Gebiß; bei vielen T-n der höhern Klassen kann man aus dem Bau dieser Werkzeuge auf die Nahrung selbst schließen. Mehre T. nähren sich schmarotzend von den Säften der Pflanzen (Blatt- u. Schildläuse) od. der T. u. Menschen (Läuse, Milben, Eingeweidewürmer); noch andere scheinen, nachdem sie im Larvenzustande sich gehörig ernährt haben, auf die Dauer ihres Zustandes nicht mehr der Speise zu bedürfen, wie man aus der Beschaffenheit ihrer Freßwerkzeuge schließen kann (Tagthierchen). Von der Nahrung u. der Bequemlichkeit dieselbe zu erlangen, hängt ein großer Theil der übrigen Lebensart ab, daher sie sich in Land-, Wasser- u. Luftthiere theilen, daher die größere od. geringere Geselligkeit einzelner Arten, zum Theil die Anlegung der Wohnungen, der Winterschlaf mehrer, namentlich Säugthiere u. der Insectenpuppen, welche letztere oft zu Eis frieren, ohne das Leben zu verlieren, ja selbst die kurze Lebensdauer der meisten Insecten, das Wandern einiger Säugthiere u. das Ziehen vieler Vögel. Bemerkenswerth sind auch die verschiedenen Gewebe u. Netze, welche nur zum Fange der Nahrung dienlich sind. Doch ist der Aufenthalt (Nester, Höhlen, Baue) zugleich zur Sicherheit gegen Feinde u. zum Schutz für die Brut eingerichtet, je nach dem Bedürfniß, so daß die Alten ihren Jungen um so weniger Schutz angedeihen lassen, mit je mehr Behülflichkeit sie selbst ins Leben treten. Am mannigfaltigsten sind die Wohnungen der Insecten (Gänge in Pflanzen, T-n, Erde, Gespinnste, Zellen etc.). Als Waffen aber sind ihnen zum Theil die wunderbarsten Mittel von der Natur gegeben, Zähne (zum Stoßen, Nagen u. Beißen), Hörner, Krallen, Schnäbel, Stacheln, Schuppen, Schilder, harte Schalenhäuser, so wie Geschwindigkeit im Fluge, Schwimmen u. Laufen, ferner Gift in verschiedenen Formen, endlich allerhand stinkende od. verdunkelnde Säfte, welche sie um sich verbreiten. Rücksichtlich der Menge, in welcher sich die T. fortpflanzen, zeigen sich bei den Säugthieren die geringste Zahl, gewöhnlich die Hälfte von der Zahl der Brustwarzen, viele bringen nur eins, die fruchtbarsten 8–10 auf einmal; größer ist die Anzahl der Eier bei den Vögeln, bes. bei zahm gemachtem Gefieder; am größten ist sie bei Fischen, deren[512] einige wohl auf mehre Hunderttausende, ja selbst (der Flunder) auf eine Million Eier in sich tragen od. ablegen, von denen freilich viele Speise der Raubthiere werden, ehe sie ausschlüpfen. Unter den Insecten kommen die zahlreichste Menge von Jungen bei Bienen, Ameisen u. Termiten vor. Endlich rücksichtlich der Äußerungen des geistigen Lebens findet sich eine große Verschiedenheit sowohl in den einzelnen T-n, als in den Geschlechtern u. Familien, als endlich in den Klassen, am auffallendsten bei den T-n höherer Stufen. Wie z.B. jedes einzelne Hausthier seinen eigenthümlichen Charakter mehr od. weniger vorstechend ausspricht, so ist überhaupt dem Hundegeschlechte mehr Offenheit u. Gutmüthigkeit, den Katzen mehr Schlauheit u. Hinterlist, dem Pferde Ausdauer u. Stolz, dem Kameele Geduld etc. eigen. Ihre Geistesthätigkeit zeigt sich aber auch bei dem Instincte u. Kunsttrieben, bei welchen offenbar ist, daß manche Erzeugnisse der thierischen Kunst durch innern Trieb vielleicht nur ein einziges Mal ausgeführt werden (Gespinnst der Raupe), wenn andere nach Beschaffenheit der Umstände sich zu richten verstehen, wozu in der Geschichte der Insecten, Vögel u. Säugthiere viele Belege sich finden. Das innere, geistige Princip, was den Organismus der Thierkörper belebt u. die empfangenen Eindrücke von Außen nach Umständen zu ändern u. zu modificiren versteht, nennt man Thierseele (s.d.). Offenbar wirkt in der Thierseele ein Empfindungsvermögen mittels der Sinneswerkzeuge u. der ihnen beigegebenen Nerven, abgleich schon der verschiedenartige Bau jener Werkzeuge auch auf Empfindungen schließen läßt, welche den menschlichen oft unähnlich sind. Aber die Ausdrücke jener Empfindungen stimmen mehr od. weniger mit den Äußerungen der menschlichen Seele überein, u. man bemerkt daher an T-n Begierden, Affecte, Gedächtniß, Erinnerungskraft, Wohlwollen, Abneigung, Gram (bis zum Tode), eine Art Urtheilskraft, ja selbst Empfänglichkeit für Lob u. Tadel, Eitelkeit etc.; ferner zeigen manche T. Gelehrigkeit u. Belohnung u. Strafe bleibt nicht ohne Wirkung auf sie; auch haben sie nicht nur eine Stimme als Ausdruck ihrer Empfindungen (Gesang der Vögel, Lockstimme, Angstruf etc.), sondern auch unter sich eine Art Sprache (Thiersprache, s. Sprache S. 589), welche zwar vorzüglich von T-n einer Gattung od. Art, aber nicht selten auch von nicht zu ihnen Gehörigen verstanden wird; sie verstehen zum Theil des Menschen Rede, haben endlich Träume (Hunde, Kühe, Schweine, Kanarienvögel u.a.). Diese Andeutung eines geistigen Lebens im T. od. einer Thierseele macht sich bes. bei den T-n höherer Klassen, ganz bes. aber bei Hausthieren, welche durch Umgang mit Menschen sich verschlechtern od. vervollkommnen können, bemerklich, zeigt sich aber beim freilebenden T. ebenfalls; das aufmerksame Hinblicken des Raubthiers nach einer sichtbar gewordenen Beute, das Wedeln der Katzen, Hunde u.a. mit dem Schwanze, die List sich eines Fraßes zu bemächtigen etc. sind Beweise dafür. Je tiefer die Klassen stehen, desto schwächer werden jene Andeutungen, od. desto weniger werden sie vielleicht der menschlichen Beobachtung bemerkbar, bis man endlich im Infusionsthierchen nur in seiner größeren od. geringeren Lebhaftigkeit noch einen ganz schwachen Anhaltepunkt hat.

F) Zahl der T. Einen allgemeinen Überblick su geben wird der menschlichen Forschung vielleicht nie möglich werden, da die Zahl der täglich neu entdeckten Arten u. Gattungen u. noch mehr der Individuen jeder Klasse, die Insecten, Weichthiere u. Infusorien mit begriffen, sich unendlich mehrt. Die Zahl der uns bekannten Wirbelthiere gibt Karl Lucian Bonaparte auf folgende Weise: Säugethiere 1700, dazu noch 520 fossile, Vögel 7000, froschartige Amphibien 200, fossile 50; Schuppenamphibien 1000, fossile 200, Fische 6500, dazu 1200 fossile. Von Käfern allein kennt man über 30,000 Arten.

G) Die Verbreitung der T. über die Oberfläche der Erde ist eben so allgemein, als die der Pflanzen, hingegen ist das Gedeihen u. Bestehen der einzelnen Gattungen u. Arten durch bestimmte Locale u. klimatische Verhältnisse bedingt u. an dieselben gebunden. Je nach dem Ort ihres Aufenthalts unterscheidet man Wasser- u. Landthiere u. solche, welche sich in die Luft erheben können. Da das Thierreich sich aus dem Wasser hervorbildet, ist auch den niedrigsten Thierklassen, den Polypen, Radiarien, Zoophyten, Weichthieren, Medusen, vielen Anneliden, Krabben, Insecten, bes. vielen Larven der letztern, den Fischen, den Amphibien zum Theil, so wie auch den am tiefsten stehenden Vögeln u. Säugethieren, den Schwimmvögeln u. den Cetaceen das Wasser zum Aufenthalt angewiesen, während die vollkommneren T. auf dem trockenen Lande leben u. der atmosphärischen Luft mehr bedürfen Ebenso gehörten die in den ältesten Gebirgsschichten aufgefundenen Thierreste Wasserthieren an, u. erst in den jüngern begannen die Landthiere. Die Wasserthiere, u. vorzugsweise die das Meer bewohnenden, sind wegen der sich mehr gleich bleibenden Temperatur des Wassers weniger an gewisse Breitegrade gebunden, was bei den höhern T-n immer mehr der Fall ist. So bedürfen Insecten die nöthige Temperatur, ja zum größten Theil eine bestimmte Vegetation. Von. den Vögeln sind nur wenige allgemein verbreitet; mehre wechseln als Zugvögel ihr Vaterland, sehr viele bewohnen bestimmte Zonen, ja zum Theil nur beschränkte Gegenden; die meisten, durch den üppigsten Federschmuck od. durch Größe ausgezeichnete Gattungen finden sich in der heißen Zone. Von den Säugethieren sind viele durch den Menschen als Hausthiere, welche sich meistens in Hochasien wild finden, fast über die ganze Erde verbreitet worden. Von den übrigen sind nur wenige ihrer Organisation nach befähigt, die verschiedenen Klimate der Erde zu ertragen u. meist nur auf eine mehr od. minder ausgedehnte Fläche angewiesen. Nur des Menschen treuer Gefährte, der Haushund, kann alle Zonen, in so fern sie ihm nur einigermaßen Subsistenzmittel darbieten, bewohnen u. sich an alle Klimate gewöhnen. Gewisse Gattungen od. Arten werden nur in einzelnen Ländern od. Erdtheilen, auch in verschiedenen Gegenden, wenn auch nicht denselben, doch in entsprechenden Arten gefunden. Amerika hatte bei seiner Entdeckung u. hat zum Theil noch keine Pferde, Gemsen, Schuppenthiere u.a., dafür Tapire, Faulthiere, Ameisenfresser, Vampyrs, Truthühner, Trompetenvögel, Colibris, Tukans etc., u. als entsprechend mit andern die Kaimans (statt der Krokodile u. Gaviale), die Boas (statt der Pythone), die Lamas (statt der Kameele) etc. Australien ist reich an sonderbaren Gestalten, als: Leierschwanz, Känguruh, Schnabelthier etc.; Afrika hat Giraffen, [513] Hyänen, Antilopen, Makis, Strauße u.a.; Asien die eigentlichen Affen, Tiger, Schuppenthiere, Pfaue etc. In Europa sind vielleicht keine ihm bes. eigenthümliche Gattungen; der Zusammenhang mit Asien ist zu bedeutend, obschon manche Arten Mäuse nicht die russische Grenze überschreiten, so wenig auch Hindernisse im Wege liegen.

H) Die Wichtigkeit der T. läßt sich aus einem doppelten Gesichtspunkte betrachten, einmal in so fern sie auf die ganze Haushaltung der Natur einwirken, dann in wie fern sie dem Menschen nützlich od. schädlich werden. In erster Beziehung führen die T. einen unaufhörlichen Vertilgungskrieg sowohl unter einander selbst, indem sie. sich verzehren, od. den Lebensunterhalt erschweren, ihre Fortpflanzung hindern etc., als auch u. vorzüglich gegen das Pflanzenreich, welches zuletzt doch den Nahrungsstoff aller T. mittelbar od. unmittelbar darbietet. Dieser Krieg verliert freilich viel von dem Schreckhaften, das er zu haben scheint, durch die unerschöpfliche Bildungskraft der Natur, welche jede entstandene Lücke bald auszufüllen weiß, u. muß zuletzt doch die Gesammtkräfte der organischen Schöpfung stärken u. erhalten. In anderer Beziehung sind einige Thierklassen treue u. unermüdliche Gehülfen in der Haushaltung der Natur. Die Insecten sind hier bes. wichtig, sie wehren dem üppig wuchernden Unkraute u. zerstören es oft schon im ersten Keime; sie reinigen die Luft von den schädlichen Ausdünstungen verfaulender Körper, welche theils von ihnen aufgezehrt, theils wohlthätig für Pflanzenwuchs, unter die Erde gescharrt werden; sie befördern auch durch Übertragung des Pollens der Pflanzen die Befruchtung dieser; sie zerstören aber auch in eben dem Maße, wie sie nutzbar werden, die Production ganzer Gegenden (z.B. die Heuschrecken, Termiten). Nicht minder wichtig scheint die Rolle der Würmer, Weichthiere u. überhaupt Seegeschöpfe niederer Klassen zu sein, auch sie müssen die Natur des überflüssigen, vielleicht schädlichen, von andern Geschöpfen ausgeworfenen Stoffs entledigen u. ebenfalls für Reinigung der Atmosphäre u. Erhaltung einer gefunden respirablen Luft Sorge tragen. Und so haben nicht allein ganze Klassen, sondern auch einzelne Familien, Gattungen, Arten, ihre Bestimmung für den Haushaltder Natur.

I) Der Nutzen, welchen die T. dem Menschen bringen, ist eben so groß, als mannigfaltig. Viele dienen als Nahrungsmittel, andere gewähren ihm Material zur Kleidung, Wohnung u. zu vielen Bedürfnissen des Lebens, od. dienen ihm gezähmt, durch Benutzung ihrer Kraft zur Vollbringung von vielerlei Geschäften. Anderseits bringen sie aber auch mancherlei Gefahr, Nachtheil u. Unannehmlichkeit, theils insofern manche als reißende od. giftige T. das Leben des Menschen od. das seiner Hausthiere bedrohen, theils in so fern sie die Erzeugnisse des Ackerbaues zerstören, den Gärten, Forsten, Gebäuden u. vielen Producten der Gewerbe u. Künste verderblich, auch überhaupt durch übermäßige Vermehrung lästig u. nachtheilig werden u. zu einem fortwährenden Kampf gegen dieselben nöthigen, insofern die Natur nicht selbst der allzugroßen Vermehrung einzelner Thierarten Schranken setzt, welches theils dadurch, daß ein großer Theil der T., auf thierische Nahrung angewiesen, auf die Verminderung anderer hinwirkt, theils durch noch nicht hinreichend erforschte atmosphärische Verhältnisse geschieht.

K) Die T. in ihrer Gesammtheit als, Thierreich u. als ergänzender Theil des allgemeinen Lebens, welches nur als organisches einen Sinn hat, erscheinen als die höchste Blüthe u. das freieste Hervortreten des Erdenlebens. Wenn auch das Thierreich als ein Ganzes höher als das Pflanzenreich u. zunächst über diesem steht, so darf man dies doch nicht so verstehen, als schlösse sich in der Reihe der Naturwesen die vollkommenste Pflanze zunächst an das unvollkommenste Thier an. Pflanzen u. T. sind vielmehr als zwei Schößlinge einer gemeinschaftlichen Wurzel zu betrachten, welche Anfangs fast gleichförmig neben einander hervorsprossend, allmälig auseinander gehen u. sich in verschiedene, immer vollendetere Formen verzweigen. Betrachtet man das Thierreich als eine Gesammtmasse, so ist nicht allein die oben erwähnte stufenweise Ausbildung der T. offen u. klar vorliegend, sondern auch die besondere Ausbildung einzelner Organe in einzelnen Klassen. In dem Menschen nur sind alle Organe u. Sinne gleichförmig ausgebildet u. schon dadurch (seine geistige Natur noch abgerechnet) wird er zur Krone der Thierwelt. Diese seinen Organen entsprechende Gebilde finden sich in den einzelnen Abtheilungen wieder, wenn auch vielleicht in einigen gewissermaßen vollkommener, doch nie in einer so regelmäßigen Ordnung, u. nicht mit Unrecht ist der Mensch der Typus od. Repräsentant der ganzen Thierwelt genannt worden. In den höher entwickelten Klassen sieht man den Typus der früheren Klassen in ihren Ordnungen sich wiederholen, u. so zieht sich durch das Thierreich ein bewundernswerther Zusammenhang, welcher um so merkwürdiger ist, je mehr sich neben der unerschöpflichen Bildungskraft der Natur eine so ungemeine, durch noch unerkannte Gesetze bestimmte Verschiedenheit der äußeren Formen stattfindet.

L) Geschichte der Erkenntniß der T. Die T. sind von langer Zeit her, nicht blos um ihres Einflusses auf das Menschengeschlecht, sondern als Erzeugnisse der Natur Gegenstände der menschlichen Aufmerksamkeit gewesen, ja man hat diese Aufmerksamkeit bis zur Abgötterei gesteigert, wie denn jetzt noch in mehren Ländern Afrikas u. Asiens einigen göttliche Verehrung zu Theil wird (s. unten M). Aber auch wissenschaftliche Untersuchungen wurden nicht unterlassen. Große Verdienste um Zoologie hat Aristoteles; Plinius u. Älianos sammelten blos Aufgefundenes od. Gehörtes, zum Theil Wunderbares, oft ohne Kritik u. ohne Wahrheit. Die neuere Zeit ließ erst wieder eigenthümliche Forschungen ans Licht treten. Im 16. Jahrh. erschienen Werke von Aldrovandi u. Salviani (Italiener), Geßner (Deutscher), Belon u. Rondelet (Franzosen), Watton (Brite), als brauchbare, zum Theil durch Kupfer geschmückte Vorarbeiten. Im 17. Jahrh. setzten Malpighi, Harvey, Swammerdam u. Ray diese Forschungen fort. Ihnen folgte nach geraumer Zeit Linné, dessen Ansichten einen neuen wichtigen Abschnitt in der wissenschaftlichen Bearbeitung auch des Thierreiches bildeten. Von dieser Zeit an gewann dieser Theil der Naturgeschichte eine große Menge theilnehmender Freunde, u. nicht allein die Masse des Gesammelten wuchs ins Große, sondern auch Berichtigungen, neue Ansichten, Vergleichungen übertrafen an Reichthum u. Gehalt die Schätze fast aller früheren Jahrhunderte. Unter ihnen ragen die Werke von Réaumur, Buffon, Frisch, Rösel, Müller, Bloch, [514] Pennant, Latham, Illiger, Fabricius, Lacépède, Cuvier, Oken, Latreille, Savigny, Temminck, Rudolphi, Meigen, Kirby, Owen, Ehrenberg u. A. ehrenvoll hervor. Insbesondere bearbeiteten die allgemeine Zoologie: Aldrovandi, Brisson, Cuvier, Illiger, Linné, Müller, Oken, Pennant u. A.; die vergleichende Anatomie: Haller, Blumenbach, Cuvier, Al. von Humboldt, Meckel, Oken u. A.; die Geschichte der Säugethiere: Buffon, Blainville, Georg u. Fr. Cuvier, Pennant, Schreber, Temminck, Karl Luc. Bonaparte, H. G. L. Reichenbach, Schinz, A. Graf Keyserlingk u. I. H. Blasius, Kaup, Andreas u. Rud. Wagner, Temminck u. A.; der Vögel: Bechstein, Brehm, Brisson, Frisch, Latham, Naumann, Temminck, Andusson, George Robert Gray, H. Schlegel, Gould, Dupetit-Thouars, Strickland, Lafresnay, Lesson, Fr. Boie, Loddiges, H. G. L. Reichenbach, Cabanis, Baldamus u. A.; der Reptilien: Fitzinger, Lacépède, Merrem; der Fische: Bloch, Lacepède, Schneider, Cuvier, Blainville, Agassiz; der Mollusken: Blainville, Brooker, Chemnitz, Draparnaud, Férussac, Martini, Poli; der Ringelwürmer: Müller, Schweigger, Blainville; der Krustenthiere u. Spinnen: Ferussac, Hahn, Herbst, Jurine, Latreille, Risso, Valkenaer, Brougniart, Desmarest, Burmeister; der Insecten: Bosc, Burmeister, Clairville, Esper, Fabricius, Germar, Gravenhorst, Hübner, Kirby u. Spencer, Lamarck, Latreille, Meigen, Panzer, Rösel, Sturm, Swammerdam; der Zoophyten: Bosc, Péron; der Eingeweidewürmer: Bremser, Fischer, Rudolphi; der Polypen u. Infusorien: Esper, Lamarck, Lamouroux, Ehrenberg (s.d. a.) u. A. Die größten Sammlungen von Naturalien dieses Reiches finden sich in Paris, Leyden, Wien, Berlin, London, München, Dresden, Hamburg, s. Zoologische Gärten. Hinsichtlich der systematischen Eintheilung s. Zoologische Systematik.

M) In religiöser u. symbolischer Beziehung spielen die T. bei allen Völkern seit der ältesten Zeit eine große Rolle. Schon hinsichtlich ihres Gebrauchs gab es im Orient Religionsgesetze, welche die T. als Nahrung theils zuließen, theils untersagten, jene als reine, diese als unreine (s. Speisegesetze); ebenso waren sie für den Cultus theils opferbar, theils von Opfern ausgeschlossen. Als Symbole, sofern das Übersinnliche u. Abstracte unter Bildern von T-n nach deren Eigenschaften u. Eigenthümlichkeiten dargestellt wird, kommen die T. sowohl in der poetischen als auch in der Volkssprache vor, z.B. in der Bibel: der Bock für sittliche Unreinheit, Esel = Frieden, Fuchs = List, Hirsch = eine nach Gottes Gnade dürstende Seele, Hund theils als bissig = zu schaden strebender Feind, als stiller = sorgloser Wächter, Lamm = Geduld, Unschuld, Löwe = göttliche Macht, Stier = menschliche Macht, Schaf = Frömmigkeit, Schwein. – Gemeinheit, Wolf = Verderber, Mörder; Adler = Kraft, Taube = Arglosigkeit, Reinheit, Keuschheit, Heiligkeit; Ameise = Fleiß, Schlange = Arglist, Klugheit, Wurm = Niedrigkeit etc.; als Cultusbilder im A. T. die Cherubim eine Zusammenstellung aus Mensch, Löwe, Stier u. Adler, als Symbol der Vereinigung der Eigenschaften Gottes in Einem Wesen. Symbolisch brauchten auch die Griechen u. Römer die T., z.B. den Hahn für Wachsamkeit, Pfau = Unsterblichkeit, Pelikan = aufopfernde Mutterliebe, Delphin = rettende Menschenliebe etc. Ebenso galt bei den Germanen der Hund als Symbol der Treue, die Katze = Häuslichkeit, Wolf = Bosheit, Tücke, Gefräßigkeit, Fuchs = List, Hase = Feigheit, Eber = gewaltige Kraft, Tapferkeit, Storch = eheliche Treue, Schwalbe u. Lerche = Frömmigkeit; vgl. Thierfabel. Aus der Bibel u. dem Heidenthume wählte die Christliche Kirche ihre Thiersymbole, so den Stier für ausharrenden Fleiß (für die das Menschenherz durch Lehre bearbeitenden Lehrer), Löwe = der nach Menschenraub ausgehende Teufel, geschmücktes Roß = Sieg über Tod, Seepferd = Auferstehung, Hahn = Morgen der Auferstehung nach der Nacht des Todes, Rabe = Galgenlohn, Phönix = Herrlichkeit nach Widerwärtigkeiten, Eidechse = nach Licht verlangende Seele etc. Beim Thierdienst, d.h. der religiösen Verehrung gewisser T., welche bes. dem orientalischen Heidenthum eigen ist, gilt die Verehrung eigentlich nicht dem Thiere als solchem, sondern als dem Symbole einer göttlichen Kraft, indeß ist der Thierdienst deshalb nicht erst secundär aus der Thiersymbolik entsprungen zu denken, sondern er ist ursprünglich, so weit wir die betreffenden Religionen ins Alterthum hinauf verfolgen können. Der Grund, warum Menschen T. als Götter verehrten, ist nicht zunächst der Nutzen, welchen ihnen T. gewährten, denn sie verehrten auch schädliche T., sondern er liegt wohl mehr ursprünglich in der Anschauung von der pantheistischen Naturkraft gewisser T. Die Euemeristen, d.h. die Mythenerklärer, welche nach Euemeros (s.d.) alle Götter als einstige Menschen erklärten, deuteten auch den Thierdienstals aus dem Dienst vergötterter Menschen wegen ihrer Beziehung zu gewissen T-n entsprungen, so des Amun als Widder, weil derselbe die Schafzucht eingeführt habe, der Semiramis als Taube, weil dieselbe von Tauben genährt worden sei etc. Im Allgemeinen kann man rücksichtlich des Thierdienstes annehmen, daß von den Orientalen die Ägyptier wirkliche T., die Vorderasiaten aber mehr Thierbilder verehrt haben. In Ägypten hielt sich der Thierdienst von der ältesten Zeit bis in die letzte Zeit des Heidenthums u. bestand neben der Thiersymbolik, welche sich in der Hieroglyphik kund gibt. Verehrt wurde vor allem der Stier (als die Sonne), dann Bock, Schaf, Hund, Hundsaffe, Katze, Wolf, Löwe, Nilpferd, Spitzmaus, Ichneumon, Sperber, Scarabäus, Krokodil, einige Schlangen u. Fische, s. Ägyptische Mythologie S. 219. Der Phönix (s.d.) gehört in die mythische Astronomie. Neben den T-n selbst kommen auch Thierbilder vor, woraus Einige geschlossen haben, daß die T. bloße Masken der Götter gewesen wären, z.B. Anubis mit dem Hunds-, Osiris mit dem Sperber-, Isis mit dem Rindskopf; indeß wird Isis euch ganz als Kuh dargestellt. Unter den Thierbildern der Vorderasiaten zeichnen sich bes. aus der Stier (Moloch) allenthalben, die Schlangen u. Fische bei den Babyloniern, der Nergal (Hase) bei den Cuthäern, einzeln der Esel als das Symbol der männlichen Zeugungskraft. Wo bei den Hebräern ein Thierdienst erscheint, so ist er ausländisch, namentlich aus Ägypten mitgenommen, so die eherne Schlange, welche Moses als Symbol des heilbringenden Gottes in der Wüste aufrichtete, u. das goldene Kalb (Stier), welches das Volk götzenhaft am Sinai verehrte; der Eselsdienst ist den Israeliten mit Unrecht zugeschrieben worden, wie den Christen von ihren Gegnern (s. Onolatrie). Unter den andern vorderasiatischen Völkern hatten die Assyrer u. Perser Thier[515] dienst u. Thiersymbole, u. ihre Götter werden auch nicht in menschlicher, sondern in thierischer Gestalt gebildet. Zu den bei den Assyrern göttlich verehrten T-n gehören: Adler (Nisroch), Geier, Strauß, Taube, Ziege; ihre Thierbilder waren Compositionen, so Stiere mit Menschenköpfen, geflügelte Stiere, Löwen, Pferde, s. Assyrien S. 846. Bei den Persern war Kajamorts der Urstier; die Verehrung der Schlange erhielten sie wahrscheinlich erst durch babylonischen Einfluß, da ihnen die Schlange ursprünglich als Symbol des Bösen (Ahriman) galt; ihre Thierbilder sind den assyrischen ähnliche Compositionen. In Griechenland sind T. nie göttlich verehrt worden. In alten Localsagen kommen zwar T. als Vermittler von Naturgaben vor, wie in Kreta, wo Bienen (Melissen), Tauben u. eine Ziege (Amalthea) das Kind Zeus nähren, od. des Verkehrs zwischen Göttern u. Menschen, namentlich bei der Weissagung, wie in Dodona (s.d.) eine Taube; u. werden gewaltige Naturkräfte u. Erscheinungen als T. dargestellt, wie in Arkadien der Sturmwind als Bärin (Artemis) u. das Winterbrausen in den Gebirgen als Wolf (Zeus): indeß weist dies mehr auf eine uralte Thiersymbolik hin, wie auch in der vorhomerischen Zeit Here als Kuh, Athene als Nachteule, Poseidon als Roß, Apollo wahrscheinlich als Schwan u. noch später die Wassergötter überhaupt u. die Flußgötter insbesondere als Stiere od. mit Stierhaupt, wegen des tobenden u. brüllenden Tosens des erregten Wassers, u. als Schlangen, wegen des krummen Ganges der Gewässer, dargestellt wurden. In der hellenischen Zeit erscheinen die T. durchaus als Symbole, u. zwar meist als den Göttern geheiligte T. mit den Göttern zugleich, so Zeus mit dem Adler, Poseidon mit dem Delphin, Hermes mit dem Bock, Asklepios mit der Schlange, Here mit dem Pfau, Aphrodite mit Tauben od. Sperlingen, Athene mit der Eule, Artemis mit der Hirschkuh etc. Zuweilen nehmen die Götter auch die Gestalten ihrer T. an, wie Zeus des Adlers, als er die Ägina raubte; freilich brauchen sie dazu auch T., welche ihnen gerade nicht eigen waren, wie derselbe Zeus sich bei Europa in einen Stier, bei Leto in einen Schwan verwandelte etc. Reich ist die spätere griechische Mythe an Verwandlungen von Menschen durch Götter in T., vgl. Lykaon, Tereus, Koronis, Philomele, Prokne etc. In dem germanischen Heidenthum kommen auch heilige T. vor, u. zwar theils solche, welche verehrt wurden, theils solche, welche in Bezug zu den Göttern standen. Vor allen das Pferd, welches zu Orakeln u. zu Opfern diente; bes. galt der Hengst als heilig, während bei dem Rind dies von der Kuh gilt, so spielt in der nordischen Mythologie die Kuh Audhumbla (s.d.) bei dem ersten Menschengeschlecht eine wichtige Rolle u. Kühe sind in der deutschen Mythologie der Nerthus (Hertha) heilig; der Eber war das Thier des Freyr, der Bock das des Thor, der Falke das der Freia; mit Scheu wurde betrachtet u. Ehrerbietung bezeugt dem Bären u. Wolf; der erstere galt den Germanen als der König der Thiere; der Wolf ist das Heroenthier, daher zwei Wölfe die Beisassen Odins waren u. Fenrir, Loki's Sohn, erschien in Wolfsgestalt. Auch von den Vögeln waren viele heilig; in solche verwandelten sich bes. die nordischen Götter u. Göttinnen, jene nahmen Adler-, diese Falkengestalt an; die Elfen erscheinen in Spechtgestalt; der Rabe ist bes. der weissagende Vogel, daher Odin (s.d.) neben den zwei Wölfen noch zwei Raben hat, welche ihm die Kundschaft aus der Menschenwelt bringen. Neben dem Raben waren auch Eule, Hahn, Specht, Elster, Kukuk weissagende Vögel; namentlich sind Rabe u. Eule die Todtenvögel, da jener den Helden von Odin den Befehl zu sterben brachte u. die Eule den andern Leuten durch ihr Krächzen den Tod meldete; Hahn u. Specht sind bes. die Wetterpropheten; die Schwalbe ertheilte den Menschen gute Rathschläge, daher war sie, nebst dem Storch, als glückbringend in Häusern wohlgelitten; die Schlange umwand in der nordischen Mythologie die Welt (s. Midgardschlange) u. wurde bei den Longobarden als heilbringend verehrt. Fremde Thiergestalten waren der Drache u. Lindwurm (s.d.). Als Opferthiere galten außer Pferd u. Eber, noch Kuh, Schaf, Gans u. Hahn. Außerdem hatten im germanischen Heidenthum viele T. auch eine Bedeutung für die ihnen Begegnenden; von guter Vorbedeutung war bes. Hirsch, Schaf, Sperber, Habicht, Adler, Holzhäher, Lerche etc.; von schlimmer: Fuchs, Hase, Elster, Kukuk etc.; von zweideutiger der Rabe. Davon hat sich im Volksglauben noch jetzt Vieles erhalten. Auch die Slawen hatten heilige Thiere, so verehrten die Wilzen das Pferd; den Böhmen galt der Sperber als heiliger, den Böhmen u. Polen der Kukuk als weissagender Vogel. Gleichermaßen bei andern nordischen Völkern, so schrieben die Esten, Liven u. Preußen dem Pferde weissagende Kraft zu u. die Lithauer verehrten die Schlangen, indem sie dieselben im Hause hegten u. ihnen Opfer brachten. In Indien galten mehre T. als heilig; Stier, Schiwa's Thier; Kuh, das Symbol der Parvati; Elephant, als Symbol der Kraft u. Klugheit; Schwan, Brahma's Thier; Adler od. Geier. Wischnu's Reitthier; der Rabe, als Symbol der Seele der Verstorbenen, Papagei Kama's Thier etc.; der große hindostanische Affe wird noch von den Braminen mit ehrerbietiger Ceremonie gefüttert.

N) In der Heraldik kommen T., zu den gemeinen Figuren gehörend, aus allen Klassen vor, sowohl in ganzer Figur, als in einzelnen Theilen, u. man hat bei ihnen sowohl die Gestalt als die Tinctur zu beachten. Hinsichtlich der Gestal stimmen sie entweder mit der Natur überein, od. sie haben einen eigenthümlichen heraldischen Typus (Löwe, Leopard, Adler, Greif), in beiden Fällen findet eine nähere Angabe nicht statt, dagegen muß jede Abweichung mit den gehörigen Kunstausdrücken, welche bei einzelnen T-n anders sind, bezeichnet werden. Hinsichtlich der Tinctur wird die natürliche Farbe bei natürlich gebildeten T-n nicht gemeldet, die heraldisch gebildeten dagegen haben keine eigenthümliche Farbe mehr, daher muß dieselbe jedesmal angegeben werden. Als Regel kann man annehmen, daß bei Vierfüßlern die Bewehrung (Gewehr, mit hohen aufgeworfenen Waffen), nämlich Zähne, Hörner Klauen; bei Vögeln Schnabel u. Füße, bei Fischen Zunge u. Flossen von anderer Farbe sind, als der übrige Körper, u. zwar golden, wenn der übrige Körper von Farbe, roth, wenn er von Metall ist. Die Stellung zum Schilde u. zu anderen Figuren darf nicht unangemeldet bleiben. Die allgemeinen Kunstausdrücke sind: stehend, wenn das Thier keinen seiner Füße erhebt (die gewöhnliche Stellung); sitzend, wenn es auf dem Hinterleibe ruht u. die Vorderfüße gerade niedergestellt hat; liegend, wenn es auf dem Bauche ruht; zieht es den Leib zusammen, so heißt es gekrüpst; erhebt es nach seiner Stellung entweder den rechten od. linken Vor[516] derfuß, so ist es gehend (schreitend); streckt es die Vorderfüße von sich, laufend (rennend). Aufgerichtet (aufrecht) ist das Thier, welches auf den Hinterfüßen steht (welches bei einigen Vierfüßern auch aufbäumend, springend, bei Ziegen u. Gemsen kletternd genannt wird); wiedersehend (zurücksehend), wenn es den Kopf zurückwendet; wenden sich zwei gegen einander, so sagt man einwärts od. gegen einander gekehrt. Ist von einem T. nur die ganze vordere Hälfte sichtbar u. diese an die Linie od. den Rand des Schildes geschlossen, so heißt es wachsend (hervorgehend, schreitend); ragt es aus dem Fuße hervor, aufsteigend; ist nur Kopf u. Hals sichtbar, hervorbrechend (hervorschauend, naissant). Behalsbandel ist ein Thier, welches ein Halsband, beringet, welches einen Ring in der Nase hat; sind die Schwänze, Hörner, Ohren, Augen von anderer Farbe als das übrige, so heißt es geschwänzt, behörnt, beohrt, beseelt, (feurig). Theile sind abgeschnitten, abgehauen, wenn sie glatt, aber abgerissen, wenn sie dergestalt abgesondert sind, daß noch Stückchen Haut od. Fleisch herabzuhängen scheinen.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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