Minnesänger

Minnesänger. Man kann nicht von dem deutschen Minnegesange reden, ohne einen Blick auf den Boden zu werfen, aus welchem diese zarte Blüthe der Dichtkunst früher noch als in Deutschland sproßte, auf die Provence, wo Troubadours und Jongleurs vom Ende des 11. Jahrhunderts an ihre Pflege begannen und bis zur Mitte des 13. sorglich und kunstreich den heitern Minnesang ausbildeten. Dort in dem liebewarmen, lebensfrischen, glühenden Süden trat die Poesie aus dem Volke, ein einfach natürliches Kind mit unbewußten Reizen. Die Reichen und Vornehmen zogen sie an ihre Höfe, bildeten sie freudig aus, und gaben ihr die wohlgefällige Form der Kunst. Frauenhuldigung, Lob der Liebe, der Schönheit, der Tugend, der Keuschheit, und jeder edlen Regung waren es nun, die in zahllosen Liedern gefeiert, und immer wieder gefeiert wurden. Alle Gluth der Begeisterung, alle Schwungkraft der Phantasie bot der Minnesänger auf, seine erkorene Dame über alles zu erheben, was sich auf Erden und im Himmel mit ihr vergleichen ließ. Sie war ihm die Unvergleichliche, wobei es übrigens nicht darauf ankam, ob sie schon durch andere Bande gefesselt wurde, und ob sie die huldigende Zuneigung erwidern konnte und durfte oder nicht. Reine Lyrik war der Typus des Minnegesanges, obgleich die Sänger auch nicht selten in die Gebiete der Epopoe (des Heldengedichts), der Satire, ja der Politik abschweiften. Der deutsche Minnesang entfaltete sich am reinsten und schönsten gegen das Ende des 12. Jahrhunderts. Die Meister des Gesanges, deren Deutschland unzählige hatte, wählten sich die mannichfaltigsten Formen für ihre Lieder, verfielen aber zuletzt in eine gewisse Steifheit, in welcher dann die spätern zunftmäßigen Meistersänger, welche mit den Minnesängern der Ritterzeit ja nicht zu verwechseln sind, das alleinige Heil suchten, die, nicht nach schönen Gedanken, sondern nach pedantischer Regelrichtigkeit strebend, jene nur sehr schwach nachzuahmen vermochten. Aus den ältern Epopoen gebar sich zur Zeit des Minnesanges manche jüngere, die Mythe und die Legende wurden gepflegt, immer aber klang Huldigung der Frauen durch alle Weisen, welche meist von den Dichtern mit Harfen oder Lautenspiel begleitet wurden. In diese wahrhaft poetische Zeit fällt der berühmte Wartburgkrieg, und es erheben sich die glänzenden Namen Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Ofterdingen, Klinsor von Ungarland, Walther von der Vogelweide, Gottfried von Straßburg, Ulrich von Lichtenstein etc. Die deutschen Kaiser und Fürsten, besonders die Hohenstaufen, übten wetteifernd die holde Kunst des Gesanges, schützten und belohnten die Dichter. Deutschland war ein Lustwald, den nach jeder Richtung hin freier und froher Gesang durchklang. Der Lieder Arten waren mancherlei, Erzählung, Ballade, Legende, Marienlieder, Kreuzfahrerlieder, reine Minnehuldigung etc. Nach der Mitte des 13. Jahrhunderts erstarben allmälig die hellen Farben des Minnesanges, und die glänzenden Blüthen und Blätter fielen vom Baume deutscher Lyrik. Gleichwohl traten noch einzelne Dichter auf, wie Heinrich von Weißen, genannt Frauenlob (s. d.), und Barthel Regenbogen, der schon mehr zur Meistersängerei sich hinneigte. An die Stelle des verhallten Minnesanges trat nun mehr und mehr der Meistergesang. In ihm wurde Form und Schule, was früher freier Erguß der Empfindung gewesen war, dazwischen aber grünte die urthümliche Poesie im Herzen des deutschen Volkes ungehemmt fort und kümmerte sich wenig um den Regelzwang der Zunftsänger. Zarte Huldigung der Frauenschönheit, der Frauentugend, der Frauenliebe, Preis des Lenzes, der Treue, der Freundschaft, des Weines u. s. w. sind die unerschöpflichen Themas jungaufsprossender Lyrik, deren tausendfache Variationen nie verstummen werden, so lange es Herzen gibt, die für die warmen Empfindungen empfänglich sind, welche jene Grundelemente der Poesie erwecken.

–ch–


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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