Raucourt, Francisca Maria Sophie Saucerotte

Raucourt, Francisca Maria Sophie Saucerotte, Schauspielerin des Théatre français, geb. am 3. März 1756 zu Nancy, begleitete ihren Vater, der Komiker war, als Kind noch auf Reisen und betrat bereits im 12. Jahre in Spanien die Bühne. 1770 nach Frankreich zurückgekehrt, gab sie die Rolle der Euphemie in Rouen, ward nach Paris berufen und bildete sich dort unter Brizard's Leitung weiter aus. Mademoiselle R. war von überraschender Schönheit, Figur und Haltung einnehmend und majestätisch, und wohl selten hat eine Künstlerin in ihrer Jugend so glückliche Anlagen gezeigt, als sie, wiewohl ihrem Spiele damals, wie auch in späteren Zeiten jenes tiefe Gefühl, jene durchdringende Wärme des Ausdruckes abging, die durch keine Kunst zu ersetzen ist. Ihr ganzes Wesen, ihr stolzer, selbstständiger Charakter eigneten sich daher mehr zu Heldenrollen, in denen Kraft und Stärke vorwalten. Länger als ein Jahr zog sie eine zahllose Menge von Zuschauern herbei, die ihrem künstlerischen Streben die begeistertsten Huldigungen darbrachten. Aber dieses Glück erweckte ihr gar bald Neider und Feindinnen unter den übrigen Töchtern Melpomenen's, die nichts unversucht ließen, um ihr die Gunst des Publikums zu rauben. Böswillige Zungen bemühten sich ihren guten Ruf, der bis dahin ihren seltenen Anlagen einen erhöhten Glanz verliehen hatte, durch Schmähungen aller Art zu beflecken; ja man sagte ihr Vergehen nach, die sie mit ihren eifrigsten Bewunderern entzweiten. Sei es nun, daß die gehässigen Verleumdungen ihrer Feindinnen den Sieg davon trugen, oder, daß die Zerstreuungen, in denen sie lebte, einen Rückschritt in der Kunst bewirkten, kurz, die allgemeine Begeisterung sank zu den lautesten Beweisen des Mißfallens herab. Nachdem sie länger als zwei Jahre die bittersten Demüthigungen ertragen hatte, verschwand Mademoiselle R. 1776 plötzlich von der Bühne und aus Paris; sie setzte dadurch ihre Mitspieler, als auch ihre zahlreichen Gläubiger in nicht geringe Verlegenheit. Was sich in der Zwischenzeit bis zu ihrer Rückkehr zutrug, ist von geringem Interesse. Wir finden sie im Temple wieder, dem einzigen Zufluchtsorte für zahlunfähige Schuldner. Hierauf reiste die schöne Flüchtlingin an nordischen Höfen umher, schloß sich nach ihrer Zurückkunft einer Schauspieler-Truppe an, die zu Fontainebleau Vorstellungen gab, und trat endlich 1779 als Dido unter den lautesten Beifallsbezeugungen am théatre français von Neuem auf. Sie suchte jetzt durch ernste Studien das bisher unter allerlei Vergnügungen Versäumte nachzuholen; ihre Fortschritte in der Kunst blieben nicht unbemerkt. Beim Ausbruche der Revolution traf sie das Schicksal der meisten ihrer Kunstgenossen. Sechs Monate saß sie in strenger Hast, und verdankte ihre endliche Befreiung und das Leben einzig den uneigennützigen Bemühungen eines Mitgliedes des Wohlfahrts-Ausschusses. Madem. R. vereinigte sich hierauf mit ihren früheren Gefährten am Odeon-Theater, welches sie jedoch bald mit dem der rue Feydeau vertauschte, und endlich selbst ein zweites théatre français errichtete, bei dem sie die Direction übernahm. Durch die kräftige Unterstützung der Herren Larive, Saint Fal und Saint Phix erfreute sich ihr Unternehmen des besten Erfolges, als die Ereignisse des 18. fructidor ihre schönsten Hoffnungen vernichteten. Erst im Jahre 1799 bei der allgemeinen Vereinigung der französischen Schauspieler erwies sich ihr das Schicksal günstiger, indem ihr Napoleon, der sich durch ihr kräftiges, wahres Spiel angezogen fühlte, einen reichen Jahrgehalt aus seiner Chatulle anwies. Noch übertrug er Madm. R. die Organisirung einer Schauspielergesellschaft, die in Italien Vorstellungen geben sollte. Den 12. Oct. 1806 eröffnete sie in Mailand die Bühne mit Iphigenie in Aulis, in der sie die Rolle der Klytämnestra gab. Aber so wahr auch ihre Erkenntlichkeit gegen einen so großmüthigen Beschützer sein mochte, blieb doch die Dankbarkeit, die sie an die königliche Familie fesselte, überwiegend. Mit großer Freude begrüßte sie den Tag, der diese auf den Thron Frankreichs zurückführte. Madem. R. überlebte jedoch dieses Ereigniß nicht lange. Von einer entzündlichen Krankheit befallen, starb sie den 15. Januar 1815 im 59. Jahre ihres Alters. In dem Augenblicke des Scheidens soll sie mit großer Kaltblütigkeit gesagt haben: »Dieß ist meine letzte Rolle, ich will sie würdig durchführen.« Die Sterbende ahnte nicht, daß ihren irdischen Ueberresten noch eine zu spielen bleibe. Die Geistlichkeit von St. Roch weigerte sich die Todte in ihre Kirche aufzunehmen, und erbitterte dadurch das Volk, welches die Thore des Heiligthums einstieß und alles in Verwirrung brachte. Hierauf geleitete eine große Volksmenge den Trauerzug auf den Kirchhof des Père la Chaise, wo der Grabhügel der ausgezeichneten Künstlerin mit ihrer sehr ähnlichen Marmorbüste geschmückt ist.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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