Scott, Walter

Scott, Walter. Viele der ausgezeichnetsten Dichter unserer Tage sammelten Honig aus den Blumenkelchen der Gegenwart; Walter S. schöpfte aus den krystallenen Tiefen der Vergangenheit. Als Dichter sah er in den Landen der Jetztwelt nichts als die dampfenden Maschinen der Industrie, nichts als Banden, in die man die göttliche Natur mit ihren Bergen und freigebornen Strömen schlug, auf daß sie ihr dunkelrothes Herzgeblüt lasse, der bleichen Gierde nach Gold. Da wandte er mit heiliger Wehmuth die Blicke rückwärts, und weihte sein Saitenspiel und sein Herz dem Hause der Stuarts und den Helden des Nordens, ihren Turnieren und Feldschlachten, ihrer Thatkraft und Minne. Geb. (am 15. August 1771) und erzogen in Edinburgh, mitten unter den Sagen und Wehen der romantischen Vergangenheit, im Angesicht der alten Fürstenburg Holyrood-House, die in ihrem Trauerkleide mit dem vergelbten, gothischen Spitzengrund den Knaben wie ein bleiches Königsbild gemahnte, mußte der Gesang in seiner Dichterbrust echt heimathlich erblühen. Zwar studirte er die Rechte und wurde (1792) ein geachteter Sachwalter in seiner Vaterstadt: aber seine Themis lauschte immer hinter der Binde hervor, nicht um falsch zu richten, sondern von heißer Sehnsucht bewegt, die magischen Nebelgestalten der Vergangenheit zu schauen. Sein erstes nahmhaftes Gedicht war die Ballade »Glenfinlas« mit ihrem stolzen Stempel des Nordens, und bald darauf brachte er Caledoniens herrlichen Sprachenschatz in einem würdigen Tempel in Sicherheit, in seiner, durch tiefe Kennerschaft des Mythenthums, der Geschichte und Poesie ausgezeichneten Sammlung der »Bardengesänge von der schottischen Grenze« (the minstrelsy of the Scottish border). Walter S. war 35 Jahr alt, als er »das Lied des letzten Minstrels« (the lay of the last minstrel) veröffentlichte, ein Gedicht, welches auf jeder Seite den Geist jenes alten Schottlands athmet, das seine eigene Krone besaß und seinen eigenen Ruhm. Die Perle seiner Dichtungen jedoch, wodurch er die meisten Herzen gewann, ist die 1810 erschienene »Jungfrau vom See,« – ein herrliches Nationalepos mit seinen Schlachten, Zweikämpfen und den wechselreichen Abenteuern treuer Minne, voll Kühnheit und metrischer Pracht. – So glänzt S. als ein wahrhaft nationaler, heroischer Barde: jedoch, vielleicht gedrängt von einem jugendlicheren Nebenbuhler, – Byron – wählte er sich später ein anderes Feld der literarischen Thätigkeit, welches er mit origineller Schöpferkraft siegreich seiner eigensten Production unterwarf, – wir meinen den historischen Roman Der »Waverley« mit seinen Gebirgshäuptlingen und hochländischen Sitten eröffnete im Jahre 1812 würdig die stolze Reihe jener geschichtlichen Novellen, die trotz ihrer zuweilen lästigen Breite, wegen der Mannichfaltigkeit und Tiefe ihrer Charaktere, ihrer dramatischen Lebendigkeit und Kraft und ihrer ganz neuen Fernblicke in unbekannte Länder und Zeiten, in ganz Europa mit glühendem Interesse gelesen wurden. Alles, selbst das Alltäglichste, erscheint darin in romantischem Licht Der Kerker von Edinburgh (in dem Romane »das Herz von Mid-Lothian«) gab ihm Stoff zu einer Dichtung, die alle Herzen in den Blumenkerker seiner Muse bannt. Aus dem dürren Staube unbestimmter Sagen führte er den prächtigen Bau seines »Ivanhoe« auf; aus einem Hufschmied, arbeitend im Schmutze seiner Werkstatt, schuf er einen Helden und ließ ihn dennoch bei seinem Ambos. Die Ossiansnebel des Grampiangebirgs, der Schmelz südlicher Fluren, die dunkeln Federbüsche nordischer Häuptlinge, die bleichen Wangen bangender Liebe, – dieß alles sind nur einzelne, liebliche Farben seiner reichen, prismatischen Phantasie. Während uns sein abenteuerlicher »Robin der Rothe« und »die Schwärmer« mit ihrem Balfour von Burley, mit dem stolzen und wilden Claverhouse, dem unbekümmerten Bothwell, dem schlauen und muthigen Cuddie mitten unter das grauenhaft-magische Wogen und Drängen der Gebirgsströme mit ihren wilden Leidenschaften versetzen, duftet sein »Astrolog« wieder lieblich nach der Ebene, ist seine »Braut von Lammermoor« über und über trüb angehaucht von dem elegischen Vorgefühl nahenden Jammers. – S. wurde 1820 zum Baronet erhoben und lebte glücklich und frei in schriftstellerischer Muße auf seinem Landsitze Abbotsfort. 6 Jahr später machte jedoch sein Verleger Constable in Edinburgh Bankerott, wodurch S. nicht allein die sich so mühsam in einer langen Reihe von Jahren mit der Feder erworbenen Güter verlor, sondern auch unverschuldet in höchst bedeutende Schulden gerieth. Allein der thatkräftige Mann ertrug mit Seelengröße den Wechsel des Schicksals, und beschloß trotz seines vorgerückten Alters abermals durch literarische Arbeiten sich wieder vom Boden zu erheben. Noch in demselben Jahre reiste er nach Paris, um daselbst Materialien zu seinem Werke »das Leben Napoleon's« zu sammeln, welches das Jahr darauf in 9 Bänden auch wirklich erschien, allein seiner Einseitigkeit wegen weniger Beifall erhielt. Am 23. Febr. 1827 bekannte sich S. selbst öffentlich als den alleinigen Verfasser der Romane des »großen Unbekannten« und besorgte 1829 eine neue Ausgabe derselben in mehr als 60 Bänden mit Anmerkungen. Um seine, durch solche geistige Anstrengungen sehr angegriffene Gesundheit wieder herzustellen, unternahm er 2 Jahre später eine Reise nach dem Süden, wurde aber auf derselben immer kränker, so daß er seine Rückkehr beschleunigen mußte. Schwach und bewußtlos ward er nach Abbotsfort gebracht, wo er am 21. Sept. 1832 starb und in den prachtvollen Ruinen der Kirche zu Driburg Abbey am Tweed begraben wurde.

S....r.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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