Stimme [1]

Stimme [1]

Stimme (Vox), im physiologischen Sinne der Inbegriff der Töne, die beim Durchgang des Atems durch den Kehlkopf willkürlich erzeugt werden. Der menschliche Kehlkopf ist ein Zungenwerk mit membranösen Zungen. Als Windrohr dienen die Luftröhre und deren Verästelungen, als Zungen die beiden untern oder wahren Stimmbänder, und das Ansatzrohr wird gebildet von den obern Teilen des Kehlkopfes (den Morgagnischen Taschen, die nach oben von den sogen. falschen, an der Stimmbildung sich nicht beteiligenden Stimmbändern begrenzt werden) sowie von der Schlund-, Mund- und Nasenhöhle (vgl. die Abbildungen bei »Sprache«, S. 780). Die Luftröhre leitet die unter einem gewissen Druck stehende Ausatmungsluft gegen die gespannten Stimmbänder, zwischen deren freien Rändern nur ein schmaler Spalt, die Stimmritze, offen bleibt, durch welche die Luft entweicht. Der Luftstrom, mit dem die Stimmbänder angeblasen werden, versetzt sie, wenn sie in die geeignete Stellung und Spannung gebracht worden sind, in Schwingungen und erzeugt so einen Ton oder richtiger einen Klang. Zur Hervorbringung selbst der schwächsten Töne ist eine gewisse Stärke des Anblasens nötig, d. h. es muß die Luft im Windrohr eine gewisse Spannung haben, die wir ihr durch eine aktive Exspirationsbewegung geben. Bei großer Kraftlosigkeit der Atmungsmuskeln oder bei einer Öffnung in der Luftröhre (nach Tracheotomie) geht daher die S. verloren. Menschen mit gut entwickeltem Brustkorb haben eine kräftige S.; der Brustkorb selbst wird durch die S. in Schwingungen versetzt, welche die auf den Brustkorb ausgelegte Hand wahrzunehmen vermag (Pektoralfremitur). Auch am ausgeschnittenen Kehlkopf eines toten Menschen oder Tieres lassen sich durch Anblasen von der Luftröhre her Stimmtöne erzeugen, wenn man für genügende Spannung der Stimmbänder und Bildung einer engen Stimmritze Sorge trägt. Entfernung der falschen Stimmbänder beeinträchtigt dabei die Stimmbildung nicht. Beim Lebenden wird die Bildung der engen Stimmritze dadurch bewirkt, daß durch Muskeltätigkeit die Gießkannenknorpel aneinander gerückt und mithin die freien Stimmbandränder einander genähert werden. Die Höhe der im Kehlkopf erzeugten Töne ist abhängig von der Länge und dem Grade der Spannung der Stimmbänder. Mit langen Stimmbändern (beim Mann) ist eine tiefe, mit kurzen Stimmbändern (beim Kind und Weib) eine hohe Stimmlage verbunden. Für jedes einzelne Stimmorgan ist die Spannung der Bänder das Hauptveränderungsmittel der Tonhöhe: je größer die Spannung, um so höher der betreffende Ton. Die Spannung der Stimmbänder erfolgt durch Muskeltätigkeit, wobei ihr vorderer Ansatzpunkt sich von dem hintern entfernt. Die große Modulationsfähigkeit der Stimmhöhe ist durch die seine Abstufung des Grades jener Muskelwirkung bedingt. Die Tonhöhe steigt jedoch nicht bloß mit zunehmender Spannung der Stimmbänder, sondern kann auch innerhalb gewisser Grenzen durch zunehmende Stärke des Luftstroms, der durch die Stimmritze geht, gesteigert werden. Ein und dieselbe Tonhöhe ist also erreichbar entweder durch stärkere Bänderspannung bei zugleich schwachem Ausatmungsstrom oder mittels schwächerer Spannung der Bänder bei stärkerm Luftstrom. Im erstern Falle hat der Ton einen angenehmern Klang, aber beide Faktoren sind wichtige Variationsmittel der Tonhöhe. Auch erklärt sich hieraus, daß die höchsten Töne niemals schwach, die tiefsten niemals sehr stark gegeben werden können. Obschon während des Ausatmens mit Abnahme des Luftvorrats auch die Kraft des Anblasens abnimmt, so kann der Ton trotzdem auf gleicher Höhe erhalten werden durch zunehmende Spannung der Stimmbänder. Das Ansatzrohr der musikalischen Zungenwerke wird am menschlichen Stimmorgan durch diejenigen Abschnitte der Luftwege vertreten, die oberhalb der Stimmbänder liegen, also durch die Rachen-, Mund- und Nasenhöhle. Dieses Ansatzrohr beeinflußt zwar nicht die Tonhöhe, wohl aber die Klangfarbe und auch die Stärke des Tones. Zuhalten der Nase, Schließen oder Öffnen des Mundes z. B. verändern in der Tat niemals die Höhe, wohl aber den Klang und die Stärke der Töne. Ein Verschluß der Nase ändert, wenn der Ausatmungsstrom schwach und der Mund weit geöffnet ist, den Klang der Töne verhältnismäßig nur wenig; bei starkem Luftstrom aber wird der Klang näselnd, indem die Wände der Nasenhöhle die Schallwellen nicht bloß reflektieren, sondern auch die von ihnen eingeschlossene Luft in stärkere, den Klang modifizierende Schwingungen gerät.

Nach dem Umfang der menschlichen S. unterscheidet man als Stimmlagen den Sopran oder die höhere Frauenstimme, den Alt oder die tiefere Frauenstimme, den Tenor oder die hohe Männerstimme und den Baß oder die tiefe Männerstimme. Mezzosopran und Bariton sind Zwischenlagen. Der Sopran liegt ungefähr eine Oktave höher als der Tenor, der Alt um ebensoviel höher als der Baß. Zwischen dem tiefsten Baß- und höchsten Sopranton liegen etwas über 31/2 Oktaven. Rechnet man die Stimmen von seltener Tiefe und Höhe dazu, so beträgt der ganze Umfang der Menschenstimme sogar 5 Oktaven; ihr tiefster Ton (E) hat 80, ihr höchster (c3) 1024 Schwingungen in der Sekunde. Eine gute Einzelstimme umfaßt 2 Oktaven (und etwas darüber) musikalisch verwendbarer Töne. Stimmen von größerm Umfang sind nicht so selten, ja selbst ein Gebiet von 31/2 Oktaven wurde schon beobachtet. Der Baß erreicht ausnahmsweise f1, Kinderstimmen und der Frauensopran manchmal f3, ja selbst a3. Nur wenige Töne, nämlich von c1-f1, sind allen Stimmlagen gemein. Das beistehende, von Joh. Müller angegebene Schema erläutert die Grenzen des Stimmumfanges in ihren verschiedenen Lagen.

Tabelle

Die Menschenstimme zeigt unendlich viele individuelle Modifikationen und Klangarten. Hierfür sind außer der Regelmäßigkeit, d. h. der gleichen Dauer, der Schwingungen der Stimmbänder, wodurch die Reinheit der S. vorzugsweise bedingt wird, namentlich die Teile des Ansatzrohres, deren Form, Größe, Elastizität etc. maßgebend. Abgesehen von den individuellen Klangarten unterscheidet man zwei Hauptregister, die Bruststimme und die Kopf- oder Fistelstimme. Der Klang der erstern ist voll und stark, die auf die Brust gelegte Hand fühlt deutliche Vibrationen; die Falsett- oder Fisteltöne (s. Falsett) dagegen sind weicher. Die Flüsterstimme beruht auf einem tonlosen, d. h. ohne Mitwirkung des Stimmklanges geschehenden Anblasen des Ansatzrohres und Mitbenutzung der stimmlosen Konsonanten. Pathologische Veränderungen der Stimmen (Stimmfehler) können auf organischen oder funktionellen Affektionen des Kehlkopfes und des oberhalb desselben gelegenen Teiles des Respirationsorgans beruhen, bei denen entweder die Erzeugung der tonangebenden Schwingungen der Stimmbänder mehr oder weniger aufgehoben oder die willkürliche Modifizierung derselben unmöglich gemacht worden, oder die Klangfarbe der im Kehlkopf erzeugten Töne eine abnorme geworden ist. Die wichtigsten Stimmfehler sind Heiserkeit und Stimmlosigkeit (Aphonie, s. d.). Häufig, namentlich beim Stimmwechsel, ist auch das Überschnappen der S. (Hyperphonie), wobei die Töne der S. leicht aus dem Brustregister in das Falsettregister umschlagen.

Vgl. v. Kempelen, Der Mechanismus der menschlichen Sprache nebst der Beschreibung einer sprechenden Maschine (Wien 1791); Joh. Müller, Über die Kompensation der physischen Kräfte am menschlichen Stimmorgan (Berl. 1839); Liskovius, Physiologie der menschlichen S. (Leipz. 1846); Merkel, Anthropophonik (das. 1857) und Die Funktionen des menschlichen Schlund- und Kehlkopfes (das. 1862); Roßbach, Physiologie der menschlichen S. (Würzb. 1869); Luschka, Der Kehlkopf des Menschen (Tübing. 1871); Fournié, Physiologie des sons de la voix et de la parole (Par. 1877); Helmholtz, Lehre von den Tonempfindungen (5. Aufl., Braunschw. 1896); Grützner, Physiologie der S. und Sprache (in Hermanns »Handbuch der Physiologie«, Bd. 1, Teil 2, Leipz. 1879). Hygienisches: Mandl, Die Gesundheitslehre der S. in Sprache und Gesang (Braunschw. 1876); Trüg, Die menschliche S. (nach Lunn, Düsseld. 1892); Jähn, Vorlesungen über den Bau und die Funktion des menschlichen Kehlkopfes für Sänger etc. (Berl. 1895); Bottermund, Die Singstimme und ihre krankhaften Störungen (Leipz. 1896) und Gesundheitspflege der S. (das. 1904); Ephraim, Die Hygiene des Gesanges (das. 1899); Imhofer, Die Krankheiten der Singstimme für Ärzte (Berl. 1904); Gutzmann, Stimmbildung und Stimmpflege (Wiesbad. 1906).

Die Stimmen der Tiere.

Die meisten Säugetiere besitzen stimmbildende Apparate, ähnlich dem des Menschen, die auch wohl mit besonders stark entwickelten Morgagnischen Taschen zur Verstärkung der S. (so bei den Brüllaffen) verbunden sind. Je umfangreicher der Kehlkopf und die Stimmbänder, desto lauter ist die S. Bei den meisten Säugetieren ist sie nicht sehr umfangreich; manche bringen Töne von sehr verschiedener Höhe hervor, nicht aber auch die dazwischen liegenden. Einige geben Laute von sich nicht nur beim Ausatmen, sondern auch beim Einatmen; so beruht die charakteristische S. des Esels und das Wiehern des Pferdes teilweise auf einer inspiratorischen Stimmbildung. Hohe Töne beruhen oft auf der Fistelstimme, so beim Hund, wenn er sich nach etwas sehnt oder Schmerzen empfindet. Die S. der Vögel, namentlich der Männchen, ist ungemein entwickelt. Obenan stehen die Singvögel und die Papageien. Mit Ausnahme der Strauße, Störche und einiger Geier haben sämtliche Vögel zwei Kehlköpfe. Der obere entspricht anatomisch dem der Säugetiere, hat aber mit der Stimmbildung nichts zu tun; der untere, die sogen. Syrinx, liegt in der Brust an der Gabelung der Luftröhre und ist entweder einfach oder doppelt. In ihm wird die S. hervorgebracht, und zwar im wesentlichen wie bei den Säugetieren, also nach dem Prinzip der membranösen Zungenpfeifen. Von den Reptilien und Amphibien haben nur wenige eine S., soz. B. die Krokodile und die Frösche. Sind auch die meisten Fische stumm, so wußte doch schon Aristoteles, daß manche brummen können. In der Tat geben manche Seefische (Trigla, Balistes, Cottus etc.), ferner viele tropische Flußfische Töne von sich, indessen kommen diese auf ganz verschiedene Weise zustande (zum Teil mit Hilfe der Schwimmblase) und sind nie echte Stimmen. Dies gilt auch von den wirbellosen Tieren, denen ja ein Kehlkopf fehlt. Spezielles über die Tonapparate der Insekten s. d. (S. 861) und Stridulationsapparate. Vgl. Landois, Tierstimmen (Freiburg 1875) und Ton- und Stimmapparate der Insekten (Leipz. 1867); Voigt, Exkursionsbuch zum Studium der Vogelstimmen (3. Aufl., Dresd. 1903).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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