Milzbrand


Milzbrand

Milzbrand (Anthrax [»Karbunkel«], Pustula maligna, Karbunkelkrankheit, Beulenseuche, Beulenfieber, sibirische Pest, volkstümlich auch Milzseuche, Blutseuche, Blutstaupe, Blutschlag, Rücken- oder Lendenblut, Rankkorn, Darmfeuer, fliegen der Brand), eine der ältesten (schon in den lateinischen Klassikern erkennbar beschriebene), häufigsten und verbreitetsten Tierseuchen, der am meisten Rinder und Schafe, dann Pferde, seltener Ziegen und Schweine, häufiger als die letztern drei noch das Wild, ferner Kamele und, besonders in Sibirien, massenhaft die Renntiere zum Opfer fallen. Die Seuche ist jedoch auch auf viele andre Tiere (auch Hunde) sowie namentlich auf den Menschen übertragbar. Der M. charakterisiert sich als eine eigenartige Blutzersetzung, die fast stets stürmisch verläuft und tödlich endet, jedoch in verschiedenen Formen, mit oder ohne äußere lokale Erkrankung (Karbunkelbildung), auftritt. Bei der hochakuten Form (apoplektischer M., Anthraxapoplexie) stürzen die Tiere plötzlich zusammen und verenden binnen einer Stunde. Der akute M. bedingt plötzliche schwere Allgemein erkrankung, namentlich mit hohem Fieber, und tötet in 2–12 Stunden. Die häufigste Form bei Pferd und Rind ist der subakute M., bei dem die Tiere unter ähnlichen Erscheinungen in 24–48 Stunden, längstens in 7 Tagen, sterben. Die karbunkulöse Form des Milzbrandes endlich bewirkt harte, heiße, schmerzende, später kalt und brandig werdende Hautschwellungen sowie ähnliche Geschwülste in der Schleimhaut des Maules (Zungenanthrax), des Rachens (Milzbrandbräune) und des Mastdarmes (Rückenblut wegen der blutigen Exkremente), tritt besonders bei Rindern, Pferden und Schweinen, vor allen auch beim Menschen (und Hund) auf und führt ebenfalls in 3–7 Tagen zum Tode. Das plötzliche Auftreten schwerer Allgemeinerkrankung mit hohem Fieber und der rasche Verlauf veranlassen an sich den Verdacht auf M. Der Nachweis des Milzbrandes durch die Obduktion ist nicht immer leicht. Im allgemeinen finden sich starke, weiche (selbst breiige) Milzschwellung (daher der Name), teerartiges Blut, Blutungen und sulzige Ergüsse an verschiedenen Stellen und endlich in allen Organen (im Kapillarblut) besonders in der Milz und im Blut überhaupt. Der den M. erzeugende Milzbrandbazillus, dessen Nachweis jedoch schwierig wird, wenn die Obduktion erst längere Zeit nach dem Tode gemacht werden kann, der Bacillus anthracis (s. Tafel »Bakterien«, Fig. 5), ist von allen pflanzlichen Krankheitserregern zuerst erforscht worden, schon 1857 von Brauell-Dorpat im Blute des Tieres gesehen und 1863 von Davaine als Krankheitsursache erkannt. Jedoch erst Robert Koch hat Formen, Entwickelung und Übertragung des Bazillus aufgeklärt (1877 in Cohns »Beiträgen zur Biologie der Pflanzen« und 1881 in den Arbeiten des kaiserlichen Gesundheitsamtes); die Bakteriologie hat davon ihren Ausgang genommen. Die Milzbrandbazillen sind bis 0,003 mm lange dicke Stäbchen, die gern Ketten bilden und dann wie Fäden erscheinen, in denen jedoch unter besondern Färbmethoden die einzelnen Bazillen durch lichte Querstreifen abgegrenzt sind und einen charakteristischen gallertartigen Hof zeigen, wodurch sie sich von ähnlichen Bazillen (Bazillen des malignen Ödems oder Kadaverbazillen, Fäulnisbazillen, Heubazillen) unterscheiden lassen (frisches Material vorausgesetzt). Im lebenden Körper vermehren sie sich durch Längenwachstum und Querteilung. Im toten, uneröffneten Körper findet keine Vermehrung statt (wegen Sauerstoffmangel), durch Fäulnis werden sie schließlich getötet. Kommen die Bazillen jedoch aus dem Körper heraus (mit den Abgängen bei der Öffnung des toten Tieres), so wachsen sie bei Wärme, Feuchtigkeit und Luftzutritt zu wirklichen langen Fäden aus, in denen sich ihre Dauerform, die Sporen, als glänzende Pünktchen entwickeln. Diese sind fast unverwüstlich, halten sich überall im Erdreich, an Pflanzen, auch im Wasser, sind selbst nach jahrelanger Austrocknung noch wirksam und können im Boden vegetieren. So können Plätze und, durch Vermittelung des fließenden und Grundwassers, ganze Flächen und Distrikte mit Milz brandsporen verunreinigt werden (Milzbranddistrikte), wenn Blut und Abgänge eines milzbrandkranken Tieres auf den Boden gelangt sind. Auch die Verscharrung ungeöffneter Kadaver (die, um den Sauerstoff abzuschließen, möglichst tief vorgenommen werden muß) verunreinigt häufig den Ort, weshalb Verbrennung oder technische Vernichtung dringend ratsam, leider nicht immer ausführbar ist. Die Sporen können nun wieder in Tierkörper gelangen, am häufigsten, indem sie den an sporenhaltigen Plätzen gewachsenen Pflanzen anhaften, aber auch durch kleine Hautverletzungen. Sie entwickeln sich dann wieder zu Bazillen, und das Tier erkrankt an M. Diese miasmatische (s. Miasma) Übertragungsform, bei der Bazillen aus dem Körper erst in den Erdboden gelangen, hier Sporen bilden und nach mehr oder weniger langer Zeit die Sporen aus dem Boden wieder in einen Tierkörper kommen, ist bei M. die gewöhnliche. Die kontagiöse Übertragung, wobei der Ansteckungsstoff von Tier zu Tier übertragen wird, ist seltener. Direkte Ansteckung eines Tieres durch das andre kommt kaum vor. Durch Zwischenträger kann jedoch übertragung erfolgen, und zwar namentlich durch Fliegen und Mücken, die an kranken oder freiliegenden toten Tieren gesessen haben. Der M. ist daher zwar eine Infektionskrankheit, aber nicht eine ansteckende Krankheit oder Seuche im gewöhnlichen Sinne, d. h. er ergreift nicht viele Tiere zugleich oder rasch nacheinander. Meist erkranken nur hin und wieder einzelne Tiere, aber auf Gütern, deren Äcker und Wiesen mit Milzbrandsporen verunreinigt sind, entstehen dadurch ooch alljährlich eine ganze Anzahl von Verlusten (Milzbrandgüter, die deswegen minderwertig sind). Doch kann der M. auch seuchenartig auftreten, namentlich bei Schafen und vor allem beim Wild, weil hier die im Freien, namentlich an Tränken etc., liegenden ersten Gefallenen nicht bloß den Boden verunreinigen, sondern von ihnen aus durch zahllose Insekten der M. verbreitet wird. Deshalb sind auch die Verheerungen des Milzbrandes unter den Renntieren sehr groß. Die veterinärpolizeilichen Maßregeln bezwecken hauptsächlich, die Verunreinigung des Bodens 4u verbitten, unschädliche Beseitigung der Kadaver samt der Haut (möglichst, ohne daß Blutabfluß stattfindet) und des Düngers; Desinfektion von Geräten und Ställen. Bricht M. unter dem Wild aus, so ist das Fallwild möglichst aufzusuchen und zu verbrennen. Fallplätze, verunreinigte Suhlen etc. sind abzugattern und neue anzulegen; kranke Stücke sind abzuschießen und ungeöffnet zu verbrennen. Diese Maßregeln sind im allgemeinen nur imstande, die immer weitere Ausbreitung der Milzbranddistrikte zu verhindern, zur Abnahme haben sie den M. im ganzen noch nicht gebracht. In Deutschland beträgt der Jahresverlust 5000 Haustiere; vier Fünftel davon sind Rinder. Die Zahl der Fälle hat sich in den letzten Jahren sogar erheblich vermehrt, jedoch nur scheinbar, indem infolge eingeführter Entschädigung jetzt alle Fälle zur Anzeige gelangen, was früher trotz der seit 1880 gesetzlich angeordneten Anzeigepflicht nicht der Fall war. In Milzbranddistrikten wäre eine sichere Schutzimpfung von großem Wert. Die erste, von Pasteur angegebene Impfmethode betraf den M. Nach dieser Methode (mit auf verschiedene Weise abgeschwächten Bazillen) sind seither in allen Ländern viele Impfungen ausgeführt worden. Jedoch macht die Impfung selbst Verluste und der Schutz ist nicht unbedingt, so daß sich die Impfung nur in ausgeprägten Milzbranddistrikten bei Rindern lohnt. Neuerdings wird auch beim M. eine Kombination von Schutzserum- und Bazillenimpfung (s. Schutzimpfung) angewandt (Methode Sobernheim), die noch weiterer Erprobung bedarf.

Auf den Menschen geht der M. über durch Einimpfung von bazillenhaltigem Material in die Haut, am häufigsten an den Händen von Personen, die mit Milzbrand lieren oder Teilen derselben (Häute, Haare, Borsten, Felle, Lumpen) in Berührung kommen; auch Insekten, die sich auf Milzbrandtieren infiziert haben, können durch ihren Stich M. hervorrufen. Seltener wird milzbrandhaltiger Staub (beim Wollesortieren und Zupfen) eingeatmet. Hier und da werden auch noch kranke Tiere trotz dringendem Milzbrandverdachtes gesetzwidrig geschlachtet und schnell verwertet. Der Genuß des Fleisches erzeugt tödliche Erkrankung an Fütterungsmilzbrand. Sehr selten erfolgt die Infektion ohne nachweisbare Eingangspforte, wohl durch die Schleimhaut von Mund und Nase. Die Regel ist beim Menschen der Hautkarbunkel. In den Jahren 1887–92 erkrankten in Deutschland 446 Personen an M. und starben 66 (15 Proz.). An der Stelle der Hautinfektion bildet sich alsbald ein kleiner roter Fleck, der sich sehr schnell zu einem harten Knoten (Milzbrandkarbunkel, Pustula maligna) umwandelt, an dessen Spitze sich ein von rotem Hof umgebenes Bläschen entwickelt. Dasselbe platzt, trocknet zu einem Schorf ein, in dessen Umgebung unter Weiterverbreitung der Röte und Härte ein Kranz neuer Bläschen aufschießt, die gleichfalls eintrocknen und zur Vergrößerung des ursprünglichen Schorfes beitragen. In dieser Weise dehnt sich unter Schmerzen und Fieber die entzündliche Härte und die Schorfbildung, welche der Ausdruck eines Gewebszerfalles ist, immer weiter aus. Die Lymphgefäße sind als entzündete Stränge zu fühlen, die Lymphdrüsen geschwollen. Begrenzt sich der Gewebszerfall, so werden die abgestorbenen Gewebe abgestoßen, und der entstandene Defekt heilt durch Granulation und Narbenbildung. Tritt dies nicht ein, so kommt es, gewöhnlich in der zweiten Hälfte der ersten Woche, durch Eindringen der Milzbrandbazillen zu einer Allgemeininfektion (Milzbrandsepsis), die sich durch intensive Störungen des Allgemeinbefindens, Verdauungsstörungen, Ohnmachten, zuweilen Delirien, Diarrhöen, Erbrechen, sehr hohes Fieber äußert und zum Tod führt. Mitunter kann aber auch schon in den ersten 24 Stunden nach der Infektion, nicht selten bei vollkommen erhaltenem Bewußtsein der tödliche Ausgang erfolgen. Dabei vermehren sich die Milzbrandbazillen im Blut dermaßen, daß sie zuletzt große Gefäßgebiete völlig anfüllen. Fast ausnahmslos tritt der Tod ein bei dem Lungenmilzbrand durch Einatmung, der zunächst wie eine schwere Lungenentzündung verläuft und bald die Zeichen der Allgemeininfektion verrät. Dasselbe gilt von dem Darmmilzbrand (Fütterungsmilzbrand). Hier bilden sich zahlreiche brandige Schleimhautgeschwüre, es bestehen bei hohem Fieber heftige, meist blutige Durchfälle, Erbrechen, Austreibung des Leibes. Die Behandlung kann sich nur auf die Milzbranderkrankung der Haut erstrecken. Gleich nach der Verletzung, oder bevor noch ein Übertritt der Keime ins Blut stattgefunden, vermag ausgiebiges Umschneiden, Ausglühen mit dem Galvanokauter oder Ausätzen der Impfstelle mit rauchender Salpetersäure allen Folgen vorzubeugen. Wo dies nicht möglich ist, da ist langdauernde, starke Erwärmung der erkrankten Stelle von Nutzen, da der Milzbrandbazillus bei höhern Temperaturen (40–42°) schlecht gedeiht. Er wird also im Wachstum gehemmt, wenn man durch Auflegen heißer Kompressen oder Auflegen einer von heißem Wasser durchströmten Schlauchspirale die Haut stark erwärmt. – Der M. des Menschen gehört zu den Krankheiten, die der Anzeigepflicht und der obligatorischen Desinfektion unterliegen. Letztere ist nach den Landesgesetzen auszuführen. Leichen von an M. Gestorbenen sind in mit Kaliseifenlösung (15 g Kaliseife in 101 warmen Wassers gelöst) getränkte Tücher zu legen und alsbald aus der Wohnung zu schaffen; waschbare Sachen sind, in Sublimatlösung (ein Teil einer Lösung von 1: 1000 mit 5 Teilen Wasser verdünnt) getränkt, sofort eine halbe Stunde in Kaliseifenlösung zu kochen, nicht waschbare Gegenstände (Betten, Kissen etc.) in einer Desinfektionsanstalt zu desinfizieren, Fußböden, Fenster, Türen, Möbel mit Kaliseifenlauge feucht abzureiben, tapezierte Wände mit einem feuchten Schwamm abzuwischen. Zum Schutz der Arbeiter gegen Erkrankung der Arbeiter an M. hat das kaiserliche Gesundheitsamt 22. Nov. 1902 eine »Belehrung über Gesundheitsschädigungen durch den Verkehr mit ausländischen Rohhäuten« veröffentlicht. Eine Bekanntmachung des Bundesrats vom 22. Okt. 1902 regelt Einrichtung und Betrieb der Roßhaarspinnereien, Haar- und Borstenzurichtereien sowie Bürsten- und Pinselmachereien. Vgl. Hadernkrankheiten.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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