Maria Feodorowna, Kaiserin von Rußland

Maria Feodorowna, Kaiserin von Rußland, Kaiserin von Rußland. Starke Seelen sucht das Unglück heim, aber an ihrer kräftigen, gottergebenen Brust brechen sich seine Wogen, und der Fels steht noch als Sieger, wenn längst die Brandung ohnmächtig gewichen. – Eine solche hochherzige Seele besaß die erhabene Frau, deren kurzen Lebensabriß hier dem Leser vorzuführen wir versuchen. Maria, die Tochter des Herzogs Friedrich Eugen von Würtemberg, geb. den 25. October 1759 zu Treptow an der Rega, wo ihr Vater Chef eines königl. preuß. Regimentes war, kam 1776 mit ihrer Mutter, einer Prinzessin von Brandenburg-Schwedt, nach Berlin, wo sich damals der Großfürst Paul, kurz nach dem Tode seiner ersten Gemahlin, aufhielt. Auf den jungen Thronerben Rußlands, dessen Charakter sich bei mannigfachen guten Eigenschaften durch Härte, Schroffheit und Willkür auszeichnete, machte Mariens blendende Schönheit, ihr Geistesadel, und vor allem die Sanftmuth ihres Herzens den lebhaftesten Eindruck. Er warb um Mariens Hand – wo die Politik gebietet, muß die Liebe schweigen, und Liebe, die gewaltige Vermittlerin, hat ja so oft das Schroffe gesänftigt, die wilde Leidenschaft gebändigt; die große Katharina segnete den Bund und Maria ward die Gemahlin des Großfürsten. Sie trat zur griech. Religion über und die Vermählung wurde den 18. Octbr. desselben Jahres zu Berlin gefeiert. – Festlichkeiten verherrlichten den Tag, welcher Rußland dereinst eine Kaiserin geben sollte. Maria gebar ihrem Gatten die Großfürsten: Alexander, Constantin, Nicolaus und Michael, dann die Großfürstinnen: Maria (jetzt Großherzogin von Weimar s. d.), Helena (Erbprinzessin von Mecklenburg-Schw.), Katharina (Königin von Würtemberg) und Anna (Kronprinzessin der Niederlande). – All' diesen fürstlichen Sprößlingen war Maria die liebevollste, zärtlichste Mutter, ihr leuchtendes Vorbild, der Segensquell, der jetzt noch in mehrern Sprossen wohlthätig fortwirkt und das Andenken der edelsten Frau stets von Neuem auffrischt. Katharina, deren Liebe Maria im vollsten Maße besaß, starb 1796, Paul bestieg den Thron der Cäsaren, ward aber durch den langen Druck und die Abhängigkeit, in welcher ihn seine Mutter lange Jahre gehalten, jetzt noch mürrischer und launenhafter. Das Bereich seines Waltens war nicht mehr das der milden Häuslichkeit, er wurde mißtrauisch und verstimmt selbst im Familienkreise, und bald besaß auch Maria sein Herz nicht mehr. Die edle Dulderin warf sich in die Arme ihrer trefflichen Kinder und erntete hier Liebe, wo sie Liebe gesäet; ihnen gehörte ihre Sorgfalt, ihre Zärtlichkeit, ihr Wachen und Träumen; dem Gatten aber blieb sie unabänderlich treu in Hochachtung und Verehrung, in inniger Ergebenheit. Da nahte die schreckliche Katastrophe, wo einige gereizte Große in der Stimmung des Kaisers harte Maßregeln gegen seine eigene Familie vermuthend, ihre Hand mit dem Blute ihres Fürsten befleckten. Welch' ein Meer von Schmerzen und Befürchtungen für das edle Herz der Kaiserin! Aber die Sorge für ihre Kinder gab ihr Kraft, auch das Schrecklichste zu tragen. Angebetet von ihren erlauchten Sprößlingen, wie vom ganzen Volke des unermeßlichen Reiches, sah sie den Liebling der Nation, Alexander I., den Thron seiner Väter besteigen. – Nun kam aber die drangvolle Zeit des jahrelangen Krieges, der politischen Wirren, die Zeit, wo der Welteroberer die wichtigsten Throne gestürzt oder erschüttert; drohend, Vernichtung sinnend, erschien er in der Zarenstadt Moscau und bedrohte den Norden des Reiches. Welche Feder wäre im Stande, das zu schildern, was Maria litt – wie Furcht und Hoffnung abwechselnd ihre Brust durchstürmten! – Doch Rußland sollte nicht untergehen; der Kaiser erschien selbst auf dem Kampfplatze, und der europäische Riese erlag dem Klima. – Jubelnd empfingen den Sohn die Mutterarme, und eine goldene Zukunft schien von nun Marien zu leuchten. Das Schicksal wollte es anders. 1803 hatte ihr der Tod die innig geliebte Tochter Helena geraubt, 1819 folgte dieser die herrliche Katharina von Würtemberg (sd.). – Um sich von diesem neuen Schmerze zu erholen, besuchte sie noch einmal ihr theures Vaterland. Die Reise war ein Triumphzug, überall schlugen der noch immer engelschönen Frau die Herzen entgegen, alle Völker der deutschen Gauen huldigten ihr. Zurückgekehrt in den Kreis ihrer Lieben genoß sie von da an Jahre des schönsten Friedens, des herrlichsten Stilllebens. Mariens Wirken gehörte ihrer Familie, es gehörte aber auch im weitesten Sinne des Wortes dem Volke. Sie hat, ohne Uebertreibung, Millionen Thränen getrocknet, sie war die Beschützerin aller Wohlthätigkeitsanstalten, die Mutter der Armen. – Doch nur 6 Jahre dauerte dieses schöne Erdenglück, es nahte das verhängnißvolle Jahr 1825. Alexander unternahm seine große Reise nach den südlichen Provinzen, um nicht wieder zurückzukehren. Aus Taganrog am schwarzen Meere erscholl bald die Trauerkunde, daß der beste der Söhne nach kurzem Krankenlager, fern von der Mutter, fern von den liebenden Geschwistern, verblichen sei. Eine Meuterei in Petersburg bei der Thronbesteigung ihres Drittgebornen, Nicolaus, bedrohte dessen Leben, doch die Hyder der Anarchie wurde erwürgt, und so erblühten der geprüften Fürstin noch einige glückliche Jahre. Den 5. November 1323, in demselben Monat, wo 3 Jahre vorher Alexander vollendet, schlug ihre Scheidestunde. Sie endete, segnend noch in der Todesstunde, im Kreise der Ihrigen. Ihre Theilnahme an den Schicksalen des griechischen Volkes hat ihre letzten Lebensjahre mit unverwelklicher Glorie umgeben; ihr Herz jubelte, als Nicolaus zur Rettung der unterdrückten Hellenen in den Kampf zog. Aus dem Feldlager eilte er nach Petersburg, um den Scheidekuß der sterbenden Mutter zu empfangen. Die Trauer bei ihrem Tode konnte eine europäische genannt werden, und in ihrem Testamente hat sie die Wohlthätigkeitsanstalten des weiten Reiches auf das Reichlichste bedacht.

–.n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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