Thierreich

Thierreich. Die Thierkunde oder Zoologie wurde von dem großen Aristoteles gegründet, später von Plinius dem Aeltern, und in neuerer Zeit besonders von Linné, Pennant, Blumenbach, Lamarck, Cüvier, Tiedemann und Oken ausgebildet. Hier einige allgemeine Bemerkungen über die Thiere. Das Hauptmerkmal derselben ist eine mit Empfindung verbundene Bewegung, entweder nur einzelner Theile, wie bei den Polypen, oder des ganzen Körpers; sodann eine Oeffnung am Haupte oder am vordern Ende des Körpers, die zu einem Schlauche führt, in welchen sie mittelst willkührlicher Bewegung ihre Nahrungsmittel bringen. Mit den Pflanzen gemein haben sie den kunstvollen, innern Zusammenhang von Gefäßen, Schläuchen und andern Organen oder Werkzeugen, durch welche ihre Ernährung, ihr Wachsthum und ihre Fortpflanzung bewirkt wird, – den Organismus. Jedes ihrer Organe aber hat ein Leben oder eine ursprüngliche Lebenskraft für sich. Die verschiedenen thierischen Thätigkeiten oder Funktionen, welche im Innern des thierischen Körpers durch die zusammenwirkende Kraft der Organe entstehen, sind die Verdauungs-, Athmungs-, Empfindungs- und Fortpflanzungsthätigkeit. Der Charakter des Thieres ist vorzüglich in seiner freien Bewegung ausgedrückt, welche durch Muskelfasern, Bänder etc. und Nerven vermittelt wird. Die Kraft dieser Bewegung ist bei ihnen bisweilen außerordentlich und hat Anlaß zu merkwürdigen Berechnungen gegeben. So kann ein Haifisch, wenn er nicht ruht, in 30 Wochen die Welt umschwimmen; der Abbatroß fliegt 500 deutsche M. vom Lande; der Condor erhebt sich in unermeßliche Höhen; der Floh springt 80 mal so weit als er lang ist, und eine Fliege macht für gewöhnlich in einer Sekunde 600 Flügelschläge. Auf jede Bewegung folgt zur gewissen Zeit naturgemäß der Schlaf, welcher Zustand bei vielen Thieren in den täglichen Perioden durch Müdigkeit herbeigerufen wird, bei andern auch noch in den größeren Perioden des Winters, als Winterschlaf. – Eigentliche Vernunft mangelt den Thieren; doch ihre Gelehrigkeit, ihr sich dem menschlichen Verstande so oft annähernde Entwickelungsfähigkeit sind durch viele der merkwürdigsten Beispiele hinänglich documentirt. Die eigentliche thierische Vernunft dagegen, d. i. das Vermögen, ohne eigne Ueberlegung gerade das Richtige zu ergreifen, wird Instinkt genannt. Mit diesem verwandt ist der Kunsttrieb, jene thierische Aeußerung, welche einen Stoff außer sich handhabt und, wie beim Nestbauen, einen bestimmten Gebrauch davon macht, um ihn zu ihren Zwecken zu benutzen. Und wie mannichfaltig ist nicht dieser Kunsttrieb und Instinkt, der Bau und die Gestalt der Thiere! Die kleine schlanke Form unserer Eidechse dehnt sich im Süden zu dem kolossalen und gepanzerten Körper des furchtbaren Krokodils aus. In den ungeheuren Katzen von Afrika und Amerika, im Tiger, im Löwen, im Jaguar, ist die Gestalt eines unserer kleinsten Hausthiere nach einem größern Maßstabe wiederholt. Welch ein Abstand von dem schlanken, schön gebauten Hirsche, an welchem Alles Leben und Bewegung ist, und dem Elephanten, der seinen 7000 Pfund schweren Körper auf säulenartigen Beinen trägt und doch sich so schnell mit ihnen bewegen kann, daß kaum ein Roß ihn einholt! Welch' ein Contrast zwischen diesem Riesenthiere und der Bisamratte, die nur ein halbes Quentchen wiegt, zwischen dem Condor, der mit ausgespannten Flügeln 15 F Breite hat, und dem Kolibri, der, ausgetrocknet, nur 30 Gran wiegt; zwischen dem Eie des Straußes und dem des Kolibri; zwischen dem Geier, der sein Riesennest auf himmelhohen Forsten baut, und dem Schneidervogel, der sein tütenförmiges Nest wunderbar aus Blättern zusammennäht! – So die Thiere nach ihrem charakteristischen Lebensäußerungen, nach ihrem Bau, nach den Stoffen, welche sie abscheiden und produciren, vergleichend, betrachtend, und nach allen diesen Erscheinungen zusammenordnend, hat man sie im gewöhnlichen Leben in folgende Klassen getheilt: Säugethiere, Vögel, Amphibien, Fische, Insekten und Würmer. Vergl. die einzelnen Artikel.

4.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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