Voltaire

Voltaire, François Maria Arouet de. Wer kennt nicht den Philosophen von Ferney, den großen Mann mit kleinen Leidenschaften, so freigebig und schonungslos mit seinem Spott und seiner Satyre, und doch so empfindlich und leicht verletzt durch fremden Tadel, für alle Zeiten einer der größten dramatischen Dichter Frankreichs und der intime Freund Friedrich's des Großen! Jene denkwürdige Zeit des königlichen Frankreichs, so reich an Ruhm, Glanz und Elend, das berüchtigte siècle de Louis XIV., das die Franzosen wie eine ungetreue Geliebte verwünschen und doch lieben, mußte nothwendig auch seinen Historiographen geboren sehen. Und dieß war Voltaire, der Verfasser der Henriade, der Trauerspiele: Oedipus, Artemire, des Brutus, der Zaire, Alzire, Merope, des Muhammed, Orest, der Semiramis, der eben so lasciven als witzigen Pucelle d'Orleans, des Orphelin de la Chine, der Histoire de Charles XlI., der Essai sur l'histoire générale, sur les moeurs et l'esprit des nations etc. Dieser Mann, von dem ein Schriftsteller sagt, er habe die Physiognomie eines Adlers und einer Meerkatze zugleich gehabt, übte durch seinen gewaltigen Geist einen so großen Einfluß auf seine Zeitgenossen, daß sein Name fast mit allen Notabilitäten der damaligen Epoche in Berührung kam, und seine Lebensgeschichte selbst einen interessanten Theil der Geschichte jener Zeit ausmacht. Geb. zu Chatenay bei Paris am 20. Februar 1694, genoß er eine vorzügliche Bildung und zeigte bereits als Knabe so ungewöhnliche Anlagen, daß die bekannte Ninon de l'Enclos ihn besonders lieb gewann und ihm ein Legat aussetzte. Dagegen lehnte er sich entschieden gegen den Wunsch seines Vaters, die Rechtswissenschaft als Brodstudium zu wählen, auf, studirte die berühmtesten Dichter seiner Nation und suchte den Umgang der gebildetsten und geistreichsten Männer seiner Zeit, wodurch er sich jenen seinen Ton aneignete, dessen Gepräge alle seine späteren Geistesprodukte tragen und der ihm einen so gewichtigen Rang in der damaligen Gesellschaft sicherte. Um ihn indeß von der eingeschlagenen Bahn abzuleiten, ward der junge V. als Page mit dem Gesandten nach Holland gesendet. Eine Liebesintrigue mit der Tochter der Frau von Noyer veranlaßte jedoch seine Rückkehr und nöthigte ihn einige Zeit, die Geschäfte eines Advocalen zu treiben. Dieß hielt ihn indeß nicht ab, mehrere Gedichte zu schreiben, von denen eins voll beißender Satyre gegen die Regierung ihm eine 1½ jährige Gefangenschaft in der Bastille zuzeg. Zwei Jahre darauf, 1718, erschien sein Oedipus. Dieses Trauerspiel wurde der Grundstein zu seinem Glücke und Ruhme. Es fand ungeheueren Beifall, verschaffte ihm die Erlaubniß, nach Paris zurückzukehren und söhnte ihn mit seinem Vater aus. In dieser Zeit entbrannte der junge Dichter in Liebe für die Marschallin Villars, ermannte sich jedoch bald wieder, schrieb seine Artemire, ging 1722 mit Frau von Rupelmonde nach Brüssel, machte dort Rousseau's Bekanntschaft, entzweite sich jedoch für immer mit diesem und kehrte nach Paris zurück, wo wir ihn wegen eines Duells 1726 abermals in der Bastille finden. Durch die Marquise de Prie, Geliebte des Regenten, befreit, mußte er dennoch Frankreich verlassen, ging nach England, gefiel aber dort in den höheren Cirkeln nicht und kehrte nach Frankreich zurück, um kaufmännische Geschäfte zu treiben, durch welche er ein bedeutendes Vermögen gewann. Seine Lettres philosophiques, welche die Kirche angriffen, zogen ihm eine abermalige Verbannung zu, während welcher er bei der Marquise du Châtelet in der Champagne lebte. Inzwischen war V's Dichterruhm längst im Auslande verbreitet, er stand bereits mit Friedr'ch dem Großen in Briefwechsel, wurde 1741 zu einer politischen Sendung nach Berlin gebraucht, zum Gentilhomme ordinaire und Geschichtschreiber von Frankreich ernannt, erhielt 1746 eine Stelle in der Akademie, lebte längere Zeit in Lüneville am Hofe des Königs Stanislaus und kehrte endlich 1749 nach Paris zurück. Das Jahr darauf folgte V. den vielfachen Einladungen Friedrich's nach Berlin, wurde von diesem Monarchen zum Kammerherrn ernannt, erhielt einen Orden und schloß mit ihm jene berühmte Freundschaft, die aber nur ein Jahr dauerte und mit einer völligen Ungnade endete. Seine pucelle d'Orléans war der Grund, warum man ihm den Aufenthalt in Paris verweigerte. Er hielt sich einige Jahre in Colmar, dann in Genf auf, und kaufte endlich das Landgut Ferney, wo er mit seiner Nichte, Madame Denis, den Rest seines Lebens zuzubringen gedachte. Zahlreiche Schriften waren die Resultate seiner Zurückgezogenheit, in welcher er sich durch vielfache Wohlthaten die Liebe seiner Umgebungen erwarb, häufige Besuche von Reisenden empfing und mit fast allen berühmten Personen seiner Zeit einen lebhaften Briefwechsel führte. Katharina von Rußland sandte ihm eine selbst verfertigte elfenbeinerne Dose, wofür V. mit einem selbstgestrickten Armbande dankte. Im Jahre 1778 konnte er dem Wunsche nicht widerstehen, noch einmal Paris zu sehen. Er fand dort eben so viele Freunde als Feinde, wurde aber mit Schmeicheleien und Auszeichnungen überhäuft. Er selbst sagte: »Man erstickt mich, aber mit Rosen.« Inzwischen war diese Glanzperiode auch die letzte seines Lebens; er starb noch in demselben Jahre am 30. Mai. Der Charakter Voltaire's war ein sonderbares Gemisch der heterogensten Eigenschaften. Er war im Umgange ein vollendeter Hofmann, schmeichelte den Großen und bekämpfte doch ihre Schwächen; stets bereit, die Fehler Anderer durch den beißendsten Spott zu rügen, besaß er doch nicht Kraft genug, die Wahrheit von Anderen zu ertragen. Ein entschiedener Feind aller Vorurtheile, wurde er selbst von denselben beherrscht. Er war geizig und doch mildthätig. Er verrichtete viele wahrhaft lobenswerthe Handlungen, aber die wenigsten flossen aus lauteren Quellen. Er wurde von Vielen bewundert, aber von fast Niemand geliebt. Seine Schriften tragen das Gepräge der Eleganz und des seinen Tactes, was eine Folge des Umgangs mit der großen Welt war. Seine Ansichten sind eben so neu als vielseitig und geben Zeugniß von seinem außerordentlichen Scharfblick und seiner gewaltigen Herrschaft über die verschiedenartigsten Ideen und Gedanken. Unter seinen Schöpfungen sind die dramatischen unstreitig die vorzüglichsten. Er arbeitete noch im 80. Jahre des Tages 14 Stunden, und besorgte selbst eine Ausgabe seiner Werke. Außer dieser erschienen später mehrere und unter diesen eine von Düpont in 70 Bänden.

B.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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