Jung [1]


Jung [1]

Jung, 1) (Junge, Jungius) Joachim, Naturforscher und Mathematiker, geb. 21. Okt. 1587 in Lübeck, gest. 17. Sept. 1657 in Hamburg, studierte in Rostock Mathematik, erhielt 1609 einen Lehrstuhl der Mathematik in Gießen, gab ihn aber 1614 wieder auf, lebte mit Ratichius und Helvich in Augsburg, begab sich 1615 nach Lübeck, studierte dann bis 1618 in Rostock Medizin, promovierte in Padua, kehrte 1619 nach Rostock zurück, gründete daselbst 1622 eine gelehrte Gesellschaft und wurde 1625 Professor der Mathematik an der dortigen Universität und 1628 Rektor des Johanneums in Hamburg. Er war ein heftiger Gegner der Scholastiker und wird von Leibniz dem Kopernikus und Galilei an die Seite gestellt. Als Botaniker stellte er zuerst die Begriffe von Art und Gattung auf und gab die Grundlage zu einer botanischen Kunstsprache, die später von Linné ausgebildet wurde. Von seinen Schriften sind besonders zu nennen: »Doxoscopiae physicae minoris, seu Isagoge physica doxoscopica« (hrsg. von Fogel, Hamb. 1662); »Isagoge phytoscopica« (hrsg. von Vaget, das. 1678); »Opuscula botanico physica etc.« (hrsg. von Albrecht, Koburg 1747). Vgl. Guhrauer, J. Jungius und sein Zeitalter (nebst Goethes Fragment über J., Stuttg. 1851); Avé-Lallemant, Des Dr. Joach. J. aus Lübeck Briefwechsel (Lüb. 1863) und Das Leben des Dr. Joach. J. (Bresl. 1882); E. Wohlwill, J. J. und die Erneuerung atomistischer Lehren im 17. Jahrhundert (Hamb. 1887) und dessen Festrede: Joachim J. (das. 1888).

2) Johann Heinrich, genannt J.-Stilling, deutscher Schriftsteller, geb. 12. Sept. 1740 im Dorfe Grund im Nassauischen als Sohn armer Leute, gest. 2. April 1817 in Karlsruhe, wuchs in den Kreisen einer pietistischen Sekte auf, die seit dem Ende des 17. Jahrh. in stillen Gegenden Westdeutschlands eine abgeschlossene Existenz führte, war zuerst Kohlenbrenner, dann Schneider, erwarb sich als Autodidakt einige Bildung, ward Hauslehrer und studierte endlich noch Medizin in Straßburg, wo er auch mit Goethe in engern Verkehr trat. Nachdem er hierauf in Elberfeld als Arzt gewirkt und sich namentlich durch geschickte Staroperationen Ruf erworben hatte, erhielt er 1778 eine Anstellung an der Kameralschule in Kaiserslautern und siedelte später mit dieser Anstalt als Professor der Landwirtschaft nach Heidelberg über. 1787 folgte er einem Ruf als Professor der Ökonomie und Kameralwissenschaften nach Marburg, kehrte aber 1804 als ordentlicher Professor der Staatswissenschaften nach Heidelberg zurück und verbrachte die letzte Zeit seines Lebens als badischer Geheimrat in Karlsruhe. J. eröffnete seine literarische Laufbahn mit Romanen, welche die Welt- und Lebensanschauung der Pietisten spiegeln, und in denen Erinnerungen an das eigenartige Dasein der Sektierer niedergelegt waren. Zu ihnen gehören: »Geschichte Florentins v. Fahlendorn« (Mannh. 1781–83, 3 Bde.); »Geschichte des Herrn v. Morgenthau« (Berl. 1779, 2 Bde.); »Theobald, oder die Schwärmer« (Leipz. 1784–85, 2 Bde.). Höher steht seine Autobiographie, die in verschiedenen Folgen und Fortsetzungen als »Heinrich Stillings Jugend« (Berl. 1777), »Heinrich Stillings Jünglingsjahre« (das. 1778), »Heinrich Stillings Wanderschaft« (das. 1778), »Heinrich Stillings häusliches Leben« (das. 1789) und »Heinrich Stillings Lehrjahre« (das. 1804) erschien. Reichtum der Anschauung und höchst empfindsame Darstellung verleihen diesem Werk einen sehr eigenartigen Charakter. Es erschien in neuer Gestalt u. d. T.: »Heinrich Stillings Leben, eine wahre Geschichte« (Berl. 1806, 5 Bde.); den Schluß dazu: »Heinrich Stillings Alter« (Heidelb. 1817), lieferte sein Enkel Schwarz (eine neue Ausgabe des Ganzen u. d. T.: »J. Stillings Lebensgeschichte« erschien Stuttg. 1857 u. 1899; auch in Reclams Universal-Bibliothek u. ö.). Bekannt machten seinen Namen insbes. seine zahlreichen pietistisch-mystischen Schriften, z. B. »Das Heimweh« (Marb. 1794–97, 4 Bde.; neue Ausg., Stuttg. 1876), »Szenen aus dem Geisterreich« (Frankf. 1797–1801; 8. Aufl., Stuttg. 1898), »Theorie der Geisterkunde« (das. 1808; neue Ausg., Leipz. 1903) und »Apologie der Theorie der Geisterkunde« (das. 1809), Schriften, in denen er den Verkehr abgeschiedener Geister mit dieser Welt als faktisch voraussetzt und in theologisch-mystischem Sinn erklärt. Die zahllosen Angriffe auf diese Werke verbitterten seine letzten Lebensjahre. Seine letzten »Erzählungen« (Frankf. 1814–15) sowie seine von Schwarz herausgegebenen »Gedichte« (das. 1821) sind unbedeutend. Eine liebevolle Charakteristik Jungs gibt Goethe in »Dichtung und Wahrheit«. Eine neue Ausgabe seiner »Sämtlichen Werke« erschien Stuttgart 1843–44 in 12 Bänden.

3) Alexander, Schriftsteller, geb. 28. März 1799 zu Rastenburg in Ostpreußen, gest. 20. Aug. 1884 in Königsberg i. Pr., widmete sich seit 1826 in Berlin und Königsberg dem Studium der Theologie und Philologie, seit 1837 vorwiegend dem der Literatur, und trat später als Schriftsteller besonders auf literarhistorischem und sozialem Gebiet auf. Wir führen von seinen Schriften an: »Vorlesungen über die moderne Literatur der Deutschen« (Danz. 1842); »Frauen und Männer« (Königsb. 1847); »Charaktere, Charakteristiken und vermischte Schriften« (das. 1848, 2 Bde); »Friedrich Hölderlin und seine Werke« (Stuttg. 1848); »Der Bettler von James Park«, Roman (Leipz. 1850); »Goethes Wanderjahre und die wichtigsten Fragen des 19. Jahrhunderts« (Mainz 1854); »Das Geheimnis der Lebenskunst« (Leipz. 1858, 2 Bde.); »Rosmarin, oder die Schule des Lebens«, Roman (das. 1862, 5 Bde.); »Joseph v. Schelling und eine Unterredung mit demselben« (das. 1864); »Über Franz v. Baaders Dogmatik als Reform der Sozialwissenschaft« (Erlang. 1868); »Darwin, komisch-tragischer Roman in Briefen an einen Pessimisten« (Jena 1873, 3 Bde.; 2. Aufl. 1879); »Panacee und Theodicee. Illustrationen, Karikaturen der Gegenwart« (Leipz. 1875); »Moderne Zustände« (Rostock 1880). Nach seinem Tod erschien noch: »Die Harfe von Discatherine. Bekenntnisse eines Dichter-Philosophen«, ein Seitenstück zu »Rosmarin« (Leipz. 1885, 2 Bde.). J. gehört zu den Ausläufern der jungdeutschen Richtung, welche, die grundverschiedenen Aufgaben der Publizistik, Kritik und poetischen Darstellung miteinander vermischend, hauptsächlich durch Reflexion und geistreiche Einfälle, die ihr Gedanken heißen, zu wirken suchte.

4) Julius, Geschichtsforscher, geb. 11. Sept. 1851 zu Imst in Tirol, studierte in Innsbruck, Göttingen und Berlin, habilitierte sich 1875 in Innsbruck und ward 1884 außerordentlicher, 1887 ordentlicher Professor der alten Geschichte an der deutschen Universität in Prag. Er schrieb außer einer Anzahl kleinerer Aufsätze zur römischen Geschichte: »Römer und Romanen in den Donauländern, historisch-ethnographische Studien« (Innsbr. 1877, 2. Aufl. 1887); »Die romanischen Landschaften des römischen Reiches« (das. 1881); »Leben und Sitten der Römer in der Kaiserzeit« (Leipz. u. Prag 1883, 2 Tle.); »Fasten der Provinz Dacien, mit Beiträgen zur römischen Verwaltungsgeschichte« (Innsbr. 1894); »Grundriß der Geographie von Italien und dem Orbis Romanus« (in J. v. Müllers »Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft«, 2. Aufl., Münch. 1897); »Italien und die römische Weltherrschaft« (im 4. Band von Helmolts »Weltgeschichte«, Leipz. 1900).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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