Archipelagus

Archipelagus. So nennt man im Allgemeinen jede Inselgruppe, wie z. B. der indische Archipel, der australische Archipel etc. Den Namen ohne Beisatz führen zwei Inselgruppen, welche zwischen Griechenland und Kleinasien liegen: die Sporaden und die Cykladen. Letztere, näher bei Europa, bilden einen Kreis (cyclus, daher der Name) um das große Delos. Die größte derselben ist Naxos, im Alterthume berühmt und durch die schönen Mythen von Theseus, Ariadne und Bacchus (s. d.) verherrlicht. Der Marmor gibt dem von Paros wenig nach, er verhärtet an der Luft und wird dadurch fast unverwüstlich. – Paros selbst ist halb so groß wie Naxos (4 Quadrat Meilen), hat den trefflichsten Marmor und ist mit Alterthümern der merkwürdigsten Art angefüllt. – Nahe an Paros liegt die Insel Antiparos mit der merkwürdigen Höhle, welche die Aufmerksamkeit vieler tausend Reisenden auf sich gezogen hat. Sie ist der Geburtsort der beiden größten Bildhauer Phidias und Praxiteles (s. d.). – Delos, das Vaterland des Apollo und der Diana, soll, wie die Mythe sagt, mitten aus dem Meer entstanden und in die Cycladen getrieben worden sein, um der Latona einen Zufluchtsort vor der zürnenden Juno zu bieten. – Melos ist gleichfalls reich an Alterthümern, worunter sich die schönste und bescheidenste Venus befindet, ein Meisterwerk erster Größe. – Nicht minder interessant sind die Sporaden, Scio oder Chios, das Vaterland Homer's; Samos, der Ort, wo die Sage, welche Schiller im »Ring des Polykrates« behandelt, entsprang; Patmos, wo Johannes der Heilige im Exil unter einem Baume lebte, welcher noch steht. Da, wo der Apostel die Offenbarung schrieb, sind jetzt Kaffeehäuser, Bäder, eine Moschee, bedeckt von denselben Zweigen, welche dem Propheten Schatten gaben. Kos gegenüber dem heiteren Gnidos, das Vaterland des Hippokrates. Rhodus (s. d.), durch die Mönchsritter, Rhodiser und das Wunderwerk der Welt, den Koloß, berühmt und Lesbos, das Asyl des Aristoteles. – Sie alle gehören zu der großen Inselgruppe, welche vorzugsweise den Namen Archipelagus führt. Unter dem glücklichsten Himmelsstriche gelegen, nicht zu sehr durch die Sonnengluth verbrannt, weil der Schooß des Meeres sie kühlt und doch durchwärmt von ihrem milden Athem, erzeugen sie Alles, was der Mensch nur Köstliches wünschen kann. Beinahe eine Jede dieser kleinen Inseln bildete vor Zeiten ein eigenes Königreich, die Kultur, die Kunst blühte hier auf hoher Stufe, fast jede schmückte ein Tempel, auf allen findet man noch die herrlichsten Ruinen, Denkmale von seltener Schönheit, Statuen vom höchsten Kunstwerth. Die größten Meister wurden unter diesem von der Sonne besonders begünstigten Himmelsstriche geboren und gebildet. Der Frauen Reizendste suchte man auf den paradiesischen Inseln des Archipelagus und so sind vielleicht alle die Fabeln von Najaden, Nereiden, Nymphen, von der Thetis und Amphitrite nur von den schönen Frauen jener Inseln zu verstehen. – Aber die Welt der Wunder ist entflohen; die Zeit stürzte die herrlichsten Denkmäler der Kunst und grausame Feinde zerstörten selbst, was die Natur geschaffen. Mit Feuer und Schwert sind sie wechselweise von Türken, Griechen und anderen Völkern, worunter die Venetianer oben an stehen, verwüstet worden. Ein überaus reicher Boden ersetzte bald Alles wieder, was die Natur Schönes hat; doch die edlen Geschlechter, welche hier wohnten, kehren nicht zurück aus dem Grabe ferner Jahrhunderte. Jene Werke der Kunst, die Ideale eines Skopas, Zeuxis, Apelles etc. sind unwiederbringlich verloren.

V.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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  • Archipelăgus — (verkürzt Archipēl, v. gr., würde ein Erzmeer heißen, nach gewöhnlicher Annahme aus Aegaeum pelagus, dem griechischen Namen des A. 2), verderbt), 1) eine mit vielen Inseln angefüllte Meergegend, so der Mulgrave A., Mendana. A. etc., bes. 2) der… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Archipelăgus — (abgekürzt Archipel, zuerst im 13. Jahrh. in der italienischen, aus dem griechischen Aegaeon pelagos entstandenen Form Arcipelage gebraucht), eine inselreiche Meergegend oder die zahlreichen Inselgruppen selbst, die bald losgetrennte Teile… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • ARCHIPELAGUS — I. ARCHIPELAGUS pars Maris mediterranei inter Graeciam et Asiam minorem. Sic in specie dicitur, vulgo Archipelago: olim Mare Aegeum, inter Insulas Graeciae, Thraciae et Asiae minoris adlabitur. Hic Christiani, ductu Iohannis Austrii, Turcicam… …   Hofmann J. Lexicon universale

  • Archipelagus — Ein Archipel (m.), [arçi pe:l], (lat. Archipelagus; erst später in der italienischen Form Arc(h)ipelago gebraucht) bezeichnet eine inselreiche Meergegend. Der Begriff gilt heute vielfach als Synonym für „Inselgruppe“, also eine Ansammlung von… …   Deutsch Wikipedia

  • ARCHIPELAGUS Chilvensis — in America meridionali prope oram Australem regni Chiles. Quibusdam Archipelagus Ancudianus. Vide Chilva …   Hofmann J. Lexicon universale

  • ARCHIPELAGUS Maldivarum — pars Oceani Indici circa Insul. Maldivas, in Asia, versus oram Malabaricam, ubi infinitae Insulae. Vide Maldivae. Olim Hippadis mare: Sic Mexicanus, vide sinus Mexicanus. Sic Noci Belgii Archipelagus, pars Oceani Borealis, insulis plurimis… …   Hofmann J. Lexicon universale

  • ARCHIPELAGUS S. Lazari — pars Oceani Orientalis ob plurimas sparsas Insulas sic dicta; versus Latronum Insul. Veniunt nempe hôc nomine Insulae, a sinu Bengalensi, usque ad Moluccas et Philippinas, omnes uberrimô aromatum proventu eoque commerciis Europaeorum percelebres …   Hofmann J. Lexicon universale

  • Ostindischer Archipelagus — Ostindischer Archipelagus, 1) die im Bengalischen Meerbusen gelegenen, zu Vorder u. Hinterindien gehörigen Inseln, also Ceylon, die Lakediven u. Malediven, die Andamanen, Nikobaren, die Mergui u. die Prinz Wales Inseln; 2) so v.w. Indischer… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Ost-Archipelăgus — Ost Archipelăgus, so v.w. Indischer Archipelagus …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Östlicher Archipelagus — Östlicher Archipelagus, so v.w. Indischer Archipelagus …   Pierer's Universal-Lexikon

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