Geschichte Syriens

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Neolithikum

Siedlungen aus dem PPNA stammen aus der Zeit, in der sich Ackerbau und Viehzucht langsam entwickelten. Die rechteckigen Häuser z. B. von Mureybit stammen aus der folgenden Epoche des PPNB, als sich die neolithische Lebensweise bereits durchgesetzt hatte, Keramik aber noch unbekannt war. Man benutzte Gefäße aus Gips, gebranntem Kalk (Vaiselles blanches) und Stein. Obsidian aus Anatolien weist auf frühe Handelsbeziehungen.

Syrien im Altertum

Karte Syriens im Altertum

Das Gebiet des heutigen Syrien wurde ab etwa 2350 v. Chr. von den Akkadern beherrscht. Die durch Ausgrabungen bekannt gewordene Sprache von Ebla (Eblaitisch) auf dem Gebiet des heutigen Syrien ist eng mit dem Akkadischen verwandt. Nordsyrien war Teil des Mitanni-Reiches, etwa um 1350 v. Chr. wurde es von den Hethitern erobert. Das aramäische Reich Aram mit der Hauptstadt Damaskus existierte vom 13. Jh. v. Chr. bis 733 v. Chr. Ab etwa 900 v. Chr. wurde Syrien nach und nach Teil des Neuassyrischen Reiches, das 625 v. Chr. vom Neubabylonischen Reich abgelöst wurde. Das Perserreich der Achämeniden eroberte schließlich das Neubabylonische Reich und das heutige Syrien in Jahre 539 v. Chr.

Griechisch-römische Zeit

Alexander der Große eroberte nach der Schlacht bei Issos in den Jahren 332 und 331 v. Chr. das heutige Syrien. Nach dem Tode Alexanders wurde Syrien Teil des Diadochen-Reiches der Seleukiden, ehe es 64 v. Chr. zur Römischen Provinz Syria wurde. Das Reich von Palmyra erklärte unter der Königin Zenobia im Jahre 267 die Unabhängigkeit von Rom, wurde aber vom römischen Kaiser Aurelian im Jahre 272 besiegt. Bei der Teilung des Römischen Reichs im Jahre 395 fiel es an Ostrom.

Syrien unter der Herrschaft der Umayyaden und Abbasiden (636–945)

Schon kurz nach der Begründung des Islam durch Muhammad wurde das byzantinische Syrien von den Arabern 636 nach der Schlacht am Jarmuk erobert. Es wurde schnell in das Kalifat integriert und bildete das Zentrum für den Aufstieg der Umayyaden im Kalifat. Nach der Durchsetzung Muawijas als Kalif (661) verlagerte er die Hauptstadt des Kalifats nach Damaskus, womit Syrien das neue Kernland des Reiches wurde. 750 wurden die Umayyaden von den Abbasiden gestürzt. Diese verlegten die Hauptstadt in die irakische Garnisonsstadt Kufa und gründeten Bagdad als neues Zentrum des Reiches.

Syrische Fürstentümer und der Kampf gegen die Kreuzfahrer (945−1174)

Seit 902 gewannen die Hamdaniden in Aleppo und Mossul an Einfluss und wurden nach 945 faktisch von den Abbasiden unabhängig, als diese unter die Kontrolle der schiitischen Buyiden gerieten. In ihrer Residenz Aleppo förderten die Hamdaniden bis zu ihrem Sturz 1002 die arabische Kultur. Darauf konnten die Fatimiden ihre Kontrolle über Nordsyrien ausweiten, bis sie ihrerseits zwischen 1071 und 1079 von den Seldschuken vertrieben wurden. Diese konnten jedoch keine stabile Herrschaft aufbauen, so dass Syrien bald wieder in mehrere kleine Fürstentümer zerfiel.

Durch die Zersplitterung Syriens sowie dem Niedergang des Seldschukenreichs und des Fatimidenreichs wurde die Eroberung der Küstengebiete durch die Kreuzfahrer des Ersten Kreuzzugs (1098–1099) erheblich erleichtert. Die Kreuzfahrer gründeten in der Folgezeit das Königreich Jerusalem in Palästina, das Fürstentum Antiochia, sowie die Grafschaften Tripolis und Edessa. Die muslimischen Herrscher in Syrien, u. a. die Assassinen, gingen bald zu einer Koexistenz mit den Kreuzfahrern über, da diese mit den Küstenstädten auch die wichtigsten Handelszentren in der Levante kontrollierten.

Seit 1127 begann der Widerstand unter dem Atabeg Imad ad-Din Zangi von Aleppo (1127–1146). Er begründete die Dynastie der Zangiden und eroberte 1144 die Grafschaft Edessa. Dies wurde der Auslöser für den 2. Kreuzzug (1147–1149), der vor Damaskus scheiterte. Unter Nur ad-Din Zangi (1146–1174) wurde der Kampf gegen die Kreuzfahrer fortgeführt und das ganze muslimische Syrien und der Nordirak um Mossul vereinigt. 1168 gelang es seinem General Sirkuh auch Ägypten zu besetzen.

Syrien unter der Vorherrschaft Ägyptens (1174–1517)

Sirkuhs Nachfolger Saladin stürzte 1171 die Fatimiden und gründete die Dynastie der Ayyubiden in Ägypten. Der Konflikt zwischen Nur ad-Din und Saladin wurde nur durch den Tod Nur ad-Dins (1174) verhindert. Daraufhin wurde auch Syrien von Saladin unterworfen und Teil des Ayyubidenreichs von Ägypten. Da Saladin immer wieder Verwandte in Syrien als Regenten einsetzte, kam es zu Machtkämpfen innerhalb der Familie der Ayyubiden. Nachdem die ägyptischen Mamelucken die Mongolen 1260 in der Schlacht von Ain Djalut besiegt hatten, gelang es ihnen, Syrien fest in das Reich einzugliedern und die Angriffe der persischen Il-Khane auf Syrien abzuwehren. Bis 1291 wurden unter Sultan Chalil auch die letzten Kreuzfahrer aus den syrisch-palästinensischen Küstengebieten vertrieben. Der Frieden mit den Il-Khanen 1322 führte in Syrien durch den Handel mit Asien zu einem starken Wirtschaftsaufschwung, der erst durch die Invasion Timur Lenks um 1400 unterbrochen wurde. 1517 kam Syrien nach der Unterwerfung der Mamelucken durch die Osmanen unter deren Herrschaft.

Syrien unter der Herrschaft der Osmanen (1517−1832)

Unter den Osmanen begann seit dem 17. Jahrhundert der Niedergang Syriens. Wirtschaftlich verlor das Land seine Bedeutung für den Transithandel aus Asien, nachdem die europäischen Händler den Seeweg nach Indien entdeckt hatten. Der europäische Handel war so effizient, dass Syrien später die Gewürze aus Asien über Europa bezog. Dazu kam, dass die Osmanen zunehmend die Kontrolle über die Provinz an recht autonome Statthalter verloren, die meist aus den bedeutenden Familien von Damaskus stammten. Solange die Tribute an die Osmanen entrichtet wurden, konnten sie unbehelligt regieren. So kontrollierte der al-Azm-Clan zwischen 1725 und 1807 fast ganz Syrien. Die schwache Zentralregierung führte auch zu verstärkten Einfällen arabischer Beduinen, was zu einem Rückgang der landwirtschaftlich genutzten Fläche führte. Seit dem 16. Jahrhundert begann sich der Libanon unter den Emiren der Drusen zunehmend von Syrien zu lösen.

Herrschaft Muhammad Alis in Syrien (1832−1840)

Im Jahre 1832 überrannte Muhammad Ali Syrien und marschierte nach Anatolien. Der Sieg in der Schlacht von Konya führte zum Vertrag von Hünkar Iskelesi, der Muhammad Ali am 27. Mai 1832 zum Statthalter (Wali) von Syrien machte. Die ägyptische Herrschaft wurde von Ibrahim Pascha, dem Sohn Muhammad Alis ausgeübt. Dieser errichtete in Damaskus eine zentrale Regierung für Syrien. Er gründete Schulen, reformierte das Rechts- und Steuersystem und förderte die Ausbildung. Er stellte Juden und Christen rechtlich mit den Muslimen gleich. Durch verschiedene Maßnahmen belebte er die Wirtschaft.

Am 10. Oktober 1840 übernahmen jedoch die Osmanen wieder die Herrschaft. Grund dafür war eine Intervention der europäischen Mächte, denen Muhammad Ali zu mächtig geworden war.

Erneute Herrschaft der Osmanen (1840–1918)

Die Osmanen übernahmen die zentrale Verwaltung Ibrahim Pashas und dehnten die 1839 begonnen Reformpolitik (Tanzimat) auch auf Syrien aus. Blutige Unruhen zwischen Christen und Drusen bzw. Sunniten in Syrien und dem Libanon gipfelten 1860 in einem Christenmassaker in Damaskus. Auf Druck Frankreichs wurde der Libanon nun auch organisatorisch von Syrien getrennt und direkt dem Sultan in Istanbul unterstellt. In den folgenden Jahrzehnten erreichten die intensiven osmanischen Reformen auch die syrische Wirtschaft, die sich zu entwickeln begann. Unter anderem wurde das Land an das osmanische Eisenbahnnetz angeschlossen und die Hedjas-Bahn von Damaskus nach Medina gebaut (1900−1909). Während des Ersten Weltkrieges (1914–1918) standen die Araber auf der Seite der Entente und vertrieben unter Führung der Haschimiten und Thomas Edward Lawrence 1918 die Osmanen aus Damaskus.

Syrien unter französischer Herrschaft (1920–1945)

In den Jahren 1920–1922 erhielt Frankreich vom Völkerbund das Völkerbundmandat für Syrien und Libanon zugesprochen. Es umfasste das Gebiet der heutigen Staaten Syrien und Libanon sowie der heutigen türkischen Provinz Hatay. 1920 errichtete Faisal I., ein Sohn des Scherifen von Mekka Hussain I. ibn Ali, ein unabhängiges arabisches Königreich Syrien unter dem Einschluss von Libanon, Palästina und Jordanien. Bereits wenige Monate später wurde er von Frankreich gestürzt und Französische Truppen besetzten das Land. 1922 wurde gemäß den Beschlüssen der Konferenz von Sanremo das arabische Gebiet Syrien und Libanon, als Völkerbundsmandat an Frankreich übertragen, das Völkerbundsmandat für Palästina fiel an Großbritannien zur helfenden „Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“. Dies geschah infolge der territorialen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg, den Friedensverträgen mit dem Osmanischen Reich von Sèvres 1920 und dessen Revision in Lausanne 1923.

Ursprünglich wollte Frankreich keinen geeinten syrischen Staat, sondern beabsichtigte eine Aufteilung in sechs Staaten mit eigener Regierung, wobei religiöse und konfessionelle Gesichtspunkte eine Rolle spielen sollten.

Diese Absichten lösten Mitte 1925 einen Aufstand der Drusen aus, worauf Frankreich mit Bombardierungen reagierte. Der wachsende innere und auch äußere Druck (seitens Großbritanniens) führten schließlich dazu, dass zunächst die Gebiete um Damaskus und Aleppo zum Staat Syrien zusammengeschlossen wurden. Neben der Zulassung von politischen Parteien wurde auch eine Verfassung ausgearbeitet. 1937 kamen die Gebiete um Latakia und der Drusenstaat zum Staatsgebiet hinzu.

In Anlehnung an das Abkommen zwischen dem Irak und Großbritannien von 1922 wurde 1936 ein Vertrag mit Frankreich geschlossen, in dem die Unabhängigkeit Syriens in Aussicht gestellt wurde. Dieser Vertrag wurde von Frankreich allerdings nicht ratifiziert.

1939 trat Frankreich das Gebiet um Iskanderun an die Türkei ab – offenbar, um die Türkei als Verbündeten im Zweiten Weltkrieg zu gewinnen. Nachdem Paris von deutschen Truppen besetzt worden war und die französische Verwaltung sich auf die Seite des Vichy-Regimes unter Marschall Henri Philippe Pétain schlug, marschierten freifranzösische Truppen mit britischer Unterstützung in Syrien ein. Im Auftrag Charles de Gaulles wurde das Mandat für beendet und Syrien für unabhängig erklärt. Es folgte später die Anerkennung durch die Sowjetunion, die Vereinigten Staaten und Großbritannien.

1945 wurde Syrien Gründungsmitglied der Vereinten Nationen und der Arabischen Liga.

Frankreich war jedoch immer noch militärisch präsent, was zu antifranzösischen Demonstrationen führte und in der französischen Bombardierung von Damaskus gipfelte. Nachdem der britische Premierminister Winston Churchill mit der Entsendung von Truppen drohte und die Vereinten Nationen Frankreich zum Rückzug aufforderten, lenkte Frankreich ein: am 15. April 1946 verließen die letzten Truppen das Land.

Die Chronik im Einzelnen:

  • 16. Mai 1916: Sykes-Pikot-Abkommen zur Abgrenzung der britischen und französischen Interessen in Syrien für die Zeit nach dem Weltkrieg.
  • 1. Oktober 1918: Einmarsch Alliierter Truppen und des Emirs Faisal in Damaskus.
  • 27. Oktober 1918: Sandjak Alexandrette französisch besetzt.
  • 10. Dezember 1919: Bildung einer nationalen syrischen Regierung in Damaskus.
  • 7. März 1920: Proklamation eines unabhängigen Königreichs unter Faisal (später Faisal I. von Irâq).
  • 28. April 1920: Alliierte beschließen französisches Völkerbundsmandat Groß-Syrien (vom Völkerbund 24. Juli 1922 bestätigt und 29. September 1923 in Kraft gesetzt).
  • 25. Juli 1920: Einzug französischer Truppen in Damaskus ein und Vertreibung König Faisals.
  • 31. August 1920: Autonomes Gebiet der ‘Alawiten (= Nusairier, eine schiitische Sekte) bestehend aus dem ehemaligen Sandjak Latakiye (al-Lâdhikîya), dem Norden des Sandjaks Trablus-ı Sham (Tripoli)und einem Teil des Kaza Masyâf des Sandjaks Hamâh.
  • 20. Oktober 1921: Vertrag von Ankara über die Grenze zur Türkei (entlang der Bagdadbahn).
  • 12. Juli 1922: État des Alaouites (‘Alawiten-Staat).
  • 24. Juli 1922: Sandjak Alexandrette als eigenständiges Gebiet unter syrische Mandatsverwaltung.
  • 1922–1924: Fédération des États de Syrie aus dem État d’Alep (Aleppo) einschließlich Alexandrette, dem État de Damas (Damaskus), dem État des Alaouites (‘Alawiten) und dem État des Drouzes (Djébel druze). Diese Föderation existierte aber nur auf dem Papier.
  • 1. Januar 1925: État Indépendant des Alaouites. Syrien Einheitsstaat aus den Gebieten Damaskus und Aleppo.
  • 1925–1926: Aufstand der Drusen.
  • 14. Mai 1930: ‘Alawiten-Gebiet wird Gouvernement de Lattaquié (Latakia).
  • 1936: Gebiete der ‘Alawiten und Drusen zu Syrien.
  • 10. Januar 1937: Provinzen der Republik Syrien.
  • 1937–39 separatistische Bewegung im Djabal ad-Durûz, 1937 der Kurden in der Djazîra, 1939 der ‘Alawiten.
  • 2. September 1938: Sandjak Alexandrette als Republik Hatay von Syrien getrennt.
  • 1. Juli 1939: Autonomie für ‘Alawiten, Drusen und die Kurden der Djazîra (Sandjak Zôr).
  • 29. Juli 1939: Hatay türkisch.
  • 22. Juni 1940: Nach der Kapitulation Frankreichs bleibt die Mandatsverwaltung gegenüber dem Vichy-Regime loyal.
  • 8. Juni 1941: Einmarsch britischer und freifranzösischer Truppen.
  • 27. September 1941: General Catroux erklärt Syrien und Libanon für unabhängig; die französische Herrschaft bleibt aber de facto bestehen.
  • 20. Juni 1942: Autonomie der Gebiete beendet.
  • 17. August 1943: Wahl des ersten Staatspräsidenten.
  • 12. April 1945: Syrien wird Mitglied der UNO.
  • Mai 1945: Verstärkung der französischen Truppen. Blutige Zusammenstöße zwischen Franzosen und Syrern.
  • 29. Mai 1945: Franzosen bombardieren Damaskus. Britische Intervention.
  • 14. April 1946: Abzug der letzten französischen Truppen.

Syrische Arabische Republik (seit 1946)

Am 17. April 1946 wurde die Syrische Arabische Republik (arabisch ‏الجمهورية العربية السوريةal-ğumhūrīya al-̔arabīya as-sūrīya) ausgerufen. Seither ist der 17. April syrischer Nationalfeiertag.

Die ersten Jahre der jungen Republik waren durch politische Instabilität und Regierungskrisen gekennzeichnet. Dazu trug auch die Niederlage im ersten Palästinakrieg 1948 bei.

Der Aufstieg des Panarabisten Gamal Abdel Nassers in Ägypten nährte auch in Syrien Hoffnungen auf die Schaffung eines gemeinsamen arabischen Staats. Im Vorfeld des Sueskriegs bildeten beide Länder ein gemeinsames Oberkommando; nach schweren Spannungen zwischen der Baath-Partei und der Kommunistischen Partei Syriens wurde aus Furcht vor einer kommunistischen Machtübernahme eine Delegation nach Ägypten entsandt, wo die Vereinigung der beiden Staaten beschlossen wurde. Am 1. Februar 1958 wurde der Zusammenschluss Ägyptens und Syriens zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) bekanntgegeben.

Da von Anfang an die ägyptische Seite dominierte und die wichtigsten Politikbereiche bestimmte, wuchs die Unzufriedenheit in Syrien. Hinzu traten wirtschaftliche Probleme. Ein Putsch syrischer Offiziere im September 1961 bedeutete schließlich das Ende der Vereinigten Arabische Republik. Nach einem weiteren Putsch im März 1963 erlangte die Baath-Partei zum ersten Mal die Macht im weiterhin zerstrittenen Syrien. Eine Vereinigung Syriens mit Ägypten und dem Irak zur Vereinigten Arabischen Republik von 1963 scheiterte an aufkommenden Differenzen zwischen dem irakischen und dem syrischen Flügel der Baʿth-Partei.

Nach dem gegen Israel verlorenen Sechstagekrieg im Juni 1967 und dem Verlust des Golans folgte eine von allgemeiner Niedergeschlagenheit gekennzeichnete Phase.

Hafiz al-Assad

Aus den jahrelangen Machtkämpfen innerhalb der Ba'ath-Partei ging am 16. November 1970 schließlich Hafiz al-Assad als Sieger hervor. Assad, unter Salah Dschadid noch Verteidigungsminister, ließ den Altpräsidenten und einige seiner Anhänger verhaften, nachdem er selbst einst aus politischen Gründen einige Zeit im Gefängnis verbringen musste. 1971 ließ er sich mit 99,2 % der Stimmen (ohne Gegenkandidaten) zum Staatspräsidenten wählen; im selben Jahr wurde er Generalsekretär der Ba'ath-Partei.

1973 wurde eine neue Verfassung verabschiedet, in der die Position des Staatspräsidenten weiter aufgewertet wurde. Des Weiteren soll die Schari'a fortan eine der Hauptgrundlagen der Gesetzgebung sein (sie wurde zuvor als einfache Quelle für die Legislative bezeichnet). Dies folgte nach dem gescheiterten Versuch Assads in Syrien eine Verfassung ohne jegliche religiöse Elemente, d. h. streng laizistisch einzuführen und den Staat in eine Volksrepublik umzubenennen, was in der Bevölkerung auf großen Widerstand stieß, da dies v. a. eine weitere Annäherung an den Ostblock und die Möglichkeit eines christlichen Präsidenten bedeutet hätte, wo doch schon dem Alawiten Assad Misstrauen entgegengebracht wurde. Im neuen Verfassungsentwurf wurde daher wieder festgelegt, dass der Staatspräsident Muslim sein muss, um die Bevölkerungsmehrheit der Sunniten zu beruhigen, denen die Alawiten, zu denen auch al-Assad gehört, zu mächtig geworden waren.

Im Jom-Kippur-Krieg von 1973 gelang es der syrischen Armee kurzzeitig, einen kleinen Teil der von Israel besetzten Golanhöhen zurückzuerobern.

Ein Kennzeichen von Assads Politik war die Unterdrückung der islamistischen Opposition, die zu Terroranschlägen durch Muslimbrüder führte. Nach einem weiteren Anschlag in der Militärakademie 1979, dem 50 alawitische Kadetten zum Opfer fielen, ging die Regierung verschärft gegen die Muslimbrüder vor.

Ein folgenschwerer Aufstand, wiederum von Muslimbrüdern angezettelt, ereignete sich im Februar 1982 in der mittelsyrischen Stadt Hama. Die Armee griff mit Panzern und Flugzeugen ein, und bei heftigen Kämpfen wurden große Teile der Altstadt zerstört und viele Menschen getötet (siehe Demozid). Der Niederschlagung des Aufstands folgte eine umfangreiche Verhaftungswelle, die der fundamentalistischen Opposition das Rückgrat brach. In der Folge verstärkte sich Assads Machtposition.

Nach der Intervention syrischer Truppen auf Seiten der muslimischen Milizen endete der libanesische Bürgerkrieg 1990/1991. Von da an bis 2005 garantierten syrische Truppen im Libanon den brüchigen Frieden zwischen den Volksgruppen.

1994 kam Assads ältester Sohn Basel, der sein Nachfolger werden sollte, bei einem Autounfall in der Nähe des Flughafens von Damaskus ums Leben.

Baschār al-Assad

Nach dem Tod Hafiz al-Assads am 10. Juni 2000 wurde am 10. Juli sein zweitjüngster Sohn Baschar al-Assad nach einer Verfassungsänderung bezüglich des Mindestalters eines Präsidenten mit einer Mehrheit von 97,29 % (offizielles Wahlergebnis) zum neuen Präsidenten gewählt.

Baschār, der unter anderem in London studiert und auch dort geheiratet hatte, galt als liberaler als sein Vater. Erstes Anzeichen eines neuen politischen Kurses war die Freilassung von 600 politischen Gefangenen im November 2000. Der Damaszener Frühling begann: Baschar al-Assad verfolgte einen Reformkurs, dessen Umsetzung jedoch bei konservativen Kräften auf Widerstand stieß. Allgemein erhoffte sich die Bevölkerung eine weitere Öffnung des Landes, wie sie von Hafiz al-Assad in den 1990er Jahren begonnen worden war. Unter Baschar wurde unter anderem die Benutzung des Internets erlaubt.

Im September 2001 wurden wiederum zahlreiche bekannte Oppositionelle inhaftiert. Nach Demonstrationen und Zusammenstößen mit den Sicherheitsdiensten wurden im Frühjahr 2004 hunderte syrischer Kurden, darunter auch Kinder, verhaftet.

Im Februar 2005 wurde in Beirut ein Attentat auf den Fahrzeugkonvoi von Rafiq Hariri verübt, den ehemaligen und langjährigen Regierungschef des Libanon. Da es Hinweise auf Geheimdienst-Aktivitäten gab, wuchs der internationale Druck auf Syrien. Insbesondere die USA machten dessen Führung für das Attentat verantwortlich. Auch Frankreich forderte von Syrien die volle Souveränität Libanons zurück. Im Mai 2005 gab Präsident Assad diesen Forderungen teilweise nach.

Seit dem Frühling 2011 kommt es in Syrien im Rahmen der Protestwelle in der Arabischen Welt zu Massenprotesten der Bevölkerung gegen die Regierung. Die Proteste werden von Sicherheitskräften und der Armee gewaltsam bekämpft.

Literatur

  • Encyclopaedia of Islam (EI2) s. v. DIMASHK, ISKANDARÛN, AL-LÂDHIKÎYA, NUSAYRIYYA, AL-SHÂM.
  • Konferenzen und Verträge (Vertrags-Ploetz), Teil II, Band 4 A, 2. Aufl., Würzburg 1959
  • Stephen Hemsley Longrigg: Syria and Lebanon under the French Mandate, London 1958
  • Marlies Heinz: Altsyrien und Libanon. Geschichte, Wirtschaft und Kultur vom Neolithikum bis Nebukadnezar, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002
  • Peter W. Haider, Manfred Hutter und Siegfried Kreuzer (Hrsg.): Religionsgeschichte Syriens. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, Berlin, Köln 1996
  • Werner Ende und Udo Steinbach (Hrsg.): Der Islam in der Gegenwart. Entwicklung und Ausbreitung, Kultur und Religion, Staat, Politik und Recht, Verlag C.H. Beck, München 2005

Weblinks


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