Charles de Gaulle
Charles de Gaulle (1963)
Charles de Gaulle (1942)

Charles André Joseph Marie de Gaulle [ʃaʀl ɑ̃ˈdʀe ʒoˈzɛf maˈʀi dəˈgoːl] (* 22. November 1890 in Lille, Nord; † 9. November 1970 in Colombey-les-Deux-Églises, Haute-Marne) war ein französischer General und Staatsmann. Im Zweiten Weltkrieg führte er den Widerstand des Freien Frankreich gegen die deutsche Besatzung an und war danach von 1944 bis 1946 Chef der Provisorischen Regierung. Im Zuge der Algerienkrise wurde er 1958 mit der Bildung einer Regierung beauftragt und setzte eine Verfassungsreform durch, mit der die Fünfte Republik begründet wurde, deren Präsident er von 1959 bis 1969 war. Die auf ihn zurückgehende politische Ideologie des Gaullismus beeinflusst die französische Politik.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft und Bildung

Geburtshaus de Gaulles in Lille

De Gaulle wuchs in einer katholisch-konservativ geprägten und gleichzeitig sozial fortschrittlichen Intellektuellenfamilie in Lille auf: Sein Großvater war Historiker, seine Großmutter Schriftstellerin. Sein Vater, der an verschiedenen katholischen Privatschulen lehrte, bevor er seine eigene gründete, ließ ihn die Werke von Barrès, Bergson, Péguy und Maurras entdecken.

Während der Dreyfus-Affäre distanzierte sich die Familie von reaktionär-nationalistischen Kreisen und unterstützte den aus antisemitischen Gründen verurteilten Alfred Dreyfus. 1908 trat de Gaulle in die Militärschule Saint-Cyr ein, die er 1912 mit Diplom und Ernennung zum Leutnant verließ. Anschließend trat er in die französische Armee ein. Er wurde dem 33. Infanterieregiment in Arras zugeteilt, dessen Kommandeur seit 1910 Oberst Henri Philippe Pétain war.

Erster Weltkrieg

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs stieg er vom Oberleutnant zum Hauptmann auf. Bereits im ersten Gefecht bei Dinant erlitt de Gaulle am 15. August 1914 eine Verwundung. Er kehrte dann als Chef der 7. Kompanie zum 33. Infanterieregiment an die Champagne-Front zurück. Am 10. März 1915 wurde er erneut im Gefecht verwundet. Er war entschlossen, weiterzukämpfen, und widersetzte sich seinen Vorgesetzten, indem er auf die feindlichen Gräben feuern ließ. Wegen dieses Akts des Ungehorsams enthob man ihn für acht Tage seiner Funktionen. Dennoch hatte sich de Gaulle als fähiger Offizier hervorgetan und der Kommandeur des 33. Infanterieregiments bot ihm an, sein Adjutant zu werden.

Michail Tuchatschewski auf dem Höhepunkt seiner Macht als Marschall der Sowjetunion, wahrscheinlich aufgenommen im Jahr 1936

Am 2. März 1916 wurde sein Regiment in der Schlacht um Verdun bei der Verteidigung des Dorfes Douaumont in der Flanke des Forts von Douaumont von den Deutschen attackiert. De Gaulles Kompanie war schließlich fast vollständig vernichtet, die Überlebenden in einer Ruine eingeschlossen. Laut offiziellem Bericht versuchte de Gaulle daraufhin einen Ausbruch, wurde durch einen Bajonetthieb schwer verwundet und ohne Bewusstsein aufgefunden. Nach anderer Darstellung mehrerer Beteiligter ergab sich de Gaulle einer deutschen Einheit, ohne einen Ausbruchsversuch unternommen zu haben.

In deutscher Gefangenschaft musste er zunächst im Krankenlager wiederhergestellt werden. Während seiner Internierung in Deutschland brachte man ihn nach einem erfolglosen Fluchtversuch von der Festung Rosenberg bei Kronach in ein speziell für aufsässige Offiziere vorgesehenes Lager in der Festung Ingolstadt. Er versuchte auch von dort zu fliehen. Einmal kam er sogar bis in die Nähe von Ulm, ehe man ihn erneut fasste. 1918 kam de Gaulle schließlich auf die Wülzburg bei Weißenburg in Bayern. Ein „jämmerliches Exil“ („lamentable exil“), mit diesem Ausdruck beschrieb er seiner Mutter sein Schicksal eines Gefangenen.

Um die Langeweile zu ertragen, organisierte de Gaulle für seine Mitgefangenen umfangreiche Exposées über den Stand des laufenden Krieges. In der Gefangenschaft lernte er M. N. Tuchatschewski kennen, den er in französischer Sprache unterrichtete. De Gaulles fünf Fluchtversuche scheiterten nicht zuletzt an seiner Körpergröße von 1,95 m, die in der damaligen Zeit sehr außergewöhnlich war. Darüber hinaus unterstützte er mehrere teilweise erfolgreiche Fluchtversuche anderer inhaftierter Kameraden. Nach dem Waffenstillstand im November 1918 wurde er von der Wülzburg entlassen. Von den zweieinhalb Jahren der Gefangenschaft behielt er eine bittere Erinnerung und schätzte sich selbst als „Heimkehrer“ und Soldat ein, der seinem Land nichts genützt hatte.

Zwischenkriegszeit

Während des polnisch-sowjetischen Krieges von 1919/1920 trat de Gaulle freiwillig der französischen Militärmission in Polen bei und war Infanterieausbilder der neuen polnischen Armee. Er nahm an den Kämpfen am Fluss Zbrucz teil und erhielt dafür die höchste polnische Militärauszeichnung Virtuti Militari. Auf der Gegenseite war der Oberbefehlshaber der sowjetischen Streitkräfte sein alter Freund aus Ingolstadt, Michail Tuchatschewski. Die Erfahrungen in Polen beeinflussten seine späteren taktischen Ansichten stark. De Gaulle setzte auf schnelle Manöver, den Einsatz von Panzern und den Verzicht auf Schützengräben.

Nach seinem Einsatz in Polen hielt de Gaulle Vorlesungen an der Ecole militaire St. Cyr (1921) und der Ecole de guerre (1922 bis 1925), bevor er schließlich 1925 in den persönlichen Stab des Marschalls Pétain berufen wurde. Im Jahre 1928 sah er außerdem Deutschland wieder: Er diente in diesem Jahr bei den französischen Besatzungstruppen. 1929 bis 1931 bekleidete er einen Posten in Beirut im französischen Mandatsgebiet Libanon.[1] Von 1931 bis 1937 diente er im Generalsekretariat des Nationalen Verteidigungsrates, bevor er 1937 Kommandeur des 507. Panzerregiments in Metz wurde. Er trat mit einigen Büchern und Artikeln zur Reorganisation der französischen Armee hervor, insbesondere „Vers l’Armée de Métier“, in denen er die damals neuen Ideen von mechanisierten Truppen und spezialisierten Panzerdivisionen auf der Grundlage eines Berufsheeres vorstellte. Ideen, die im Gegensatz zu den statischen französischen Theorien seiner Zeit standen. Diese manifestierten sich in der Maginot-Linie. Während Heinz Guderian und der deutsche Generalstab die Schriften de Gaulles interessiert zur Kenntnis nahmen und sich in ihren eigenen Bestrebungen bestärkt sahen, lehnte Marschall Philippe Pétain die Ideen de Gaulles ab, weshalb das Verhältnis zwischen den beiden Militärs in den 1930er Jahren immer schlechter wurde.

Zweiter Weltkrieg

General de Gaulle und General Mast, Tunis 1943

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war de Gaulle Oberst. Am 14. Mai 1940 wurde ihm der Befehl über die neue 4. Panzerdivision (5000 Mann und 85 Panzer) übertragen. Am 17. Mai führte er mit 200 Panzern ohne Luftunterstützung einen Gegenangriff Richtung Montcornet nordöstlich von Laon. Am 28. Mai hatte er mehr Erfolg, als seine Panzer die Deutschen bei Caumont zum Rückzug zwangen. Er war in der Phase der deutschen Invasion in Frankreich der erste und einzige französische befehlshabende Offizier, dem es gelang, die Deutschen zu einem Rückzug zu zwingen. Am 1. Juni hatte er den temporären Dienstgrad eines Brigadegenerals.

Am 6. Juni ernannte Premierminister Paul Reynaud ihn zum Staatssekretär des Kriegsstaates und zum Verantwortlichen für die Koordination mit Großbritannien. Als Kabinettsmitglied lehnte er den Waffenstillstand ab, verließ Frankreich am 15. Juni und setzte nach Großbritannien über. Dort vereinbarte er mit Winston Churchill am 16. Juni eine britisch-französische Kooperation gegen Deutschland. Als er am Abend nach Bordeaux zurückkehrte, den provisorischen Sitz der französischen Regierung, schickte sich Marschall Philippe Pétain an, legal die Macht zu übernehmen. De Gaulle missbilligte die Politik Pétains, der den Waffenstillstand mit dem Deutschen Reich zu unterzeichnen bereit war, weshalb er Pétains Tun als illegitim ablehnte. Mit 100.000 Goldfranc aus einem geheimen Fonds Paul Reynauds ausgestattet, floh er am Morgen des 17. Juni 1940 an Bord eines Flugzeugs von Bordeaux nach London.[2]

Appell vom 18. Juni

Text eines Aufrufs de Gaulles vom 3. August 1940, veröffentlicht in Großbritannien (plakatiert)

Da Philippe Pétain gleichzeitig ankündigte, mit Deutschland einen Waffenstillstand zu vereinbaren, erlaubte Premierminister Winston Churchill de Gaulle, über BBC zum französischen Volk zu sprechen.[3] Er rief darin französische Offiziere und Soldaten, Ingenieure und Facharbeiter der Waffenindustrie im Vereinigten Königreich auf, ihm zu folgen und beschwor, dass die Niederlage nicht endgültig sei („Was auch immer geschehen mag, die Flamme des französischen Widerstandes darf nicht erlöschen und wird auch nicht erlöschen[4]).[5] Er betonte auch die Bedeutung der Unterstützung durch Großbritannien und die Vereinigten Staaten.[5] In Frankreich konnte man den Appell zuerst am 18. Juni 1940 um 19 Uhr hören. Er wurde in den Zeitungen des noch unbesetzten Südfrankreich abgedruckt und in den folgenden Tagen von der BBC wiederholt ausgestrahlt. Der Appell gilt als de Gaulles größte Rede,[3] Régis Debray schreibt, auch wenn de Gaulles Appell „das Gesicht der Welt nicht verändert habe, so habe dank ihm immerhin Frankreich das seine gewahrt.“[2]

Das britische Kabinett hatte im Vorfeld dem französischen Innenminister Georges Mandel vorgeschlagen, sich nach England zu begeben und selbst einen Appell an die Franzosen zu richten. Mandel hatte durch seine wiederholten Mahnungen über die Bedrohungen durch das Deutsche Reich – und im Gegensatz zu seinem Freund und ehemaligen Ministerpräsidenten Léon Blum – charakterlich wie ein Staatsmann gewirkt. Mandel weigerte sich jedoch, Frankreich zu verlassen, um sich nicht dem Vorwurf der Desertion auszusetzen (er war Jude ebenso wie Blum) und empfahl, die Aufgabe de Gaulle zu übertragen.

Freies Frankreich

Charles de Gaulle und Winston Churchill in Marrakesch am 13. Januar 1944

Am 25. Juni 1940 gründete de Gaulle in London das Komitee „Freies Frankreich“ und wurde Chef der „Freien Französischen Streitkräfte“ (Forces Françaises Libres, FFL) und des „Nationalen Verteidigungskomitees“. Daraufhin wurde de Gaulle vom Kriegsrat der Vichy-Regierung im August 1940 wegen Hochverrats in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Die meisten Staaten erkannten das Vichy-Regime Marschall Pétains als die legitime Regierung Frankreichs an. Churchill bemühte sich zwar anfangs diplomatisch um das Vichy-Regime, unterstützte aber de Gaulle und ließ die in Nordafrika in Mers-el-Kébir unter dem Kommando von Pétains Marineminister Admiral François Darlan vor Anker liegende französische Kriegsflotte mit ungefähr 1300 Mann an Bord zerstören.

Der Libanon wurde als einer der ersten französischen Protektorate im September 1941 von alliierten Truppenverbänden befreit und der Kontrolle des Vichy-Regimes entzogen. Bei der anschließenden Machtübernahme durch das „Freie Frankreich“ kamen de Gaulle seine Kontakte aus seiner Dienstzeit in Beirut 1929-31 zugute. General Fouad Chehab, der spätere Staatspräsident, bildete einen Freiwilligenverband von 20000 Mann, der damals zu Beginn der Kampagne des Freien Frankreich einen erheblichen Teil des Truppenkontingents ausmachte.[1]

Mehrere französische Kolonialbesitzungen, vornehmlich in Afrika, darunter Kamerun und Tschad, später ab 1942 Diego Suarez auf Madagaskar und Dakar in Französisch-Westafrika unterstellten sich im Laufe des Krieges dem von de Gaulle organisierten Freien Frankreich, das von seinem Comité National Français regiert wurde. Er sorgte besonders dafür, dass Frankreich im Lager der Alliierten durch seine „Freien Französischen Streitkräfte“ (FFL), die an verschiedenen Fronten den Kampf fortsetzten, stets präsent blieb. Unter anderem stimulierte und förderte er dank Colonel Passy, Pierre Brossolette und besonders Jean Moulin die Résistance. Mit der Transformation zum „France combattante“, zum kämpfenden Frankreich strich er die politische Einheit des „France libre“ mit der „Résistance intérieur“ heraus.

Er stützte sich seit Juni 1940 auf das Freie Frankreich und verteidigte fortdauernd die Interessen Frankreichs im Krieg und für die Zeit danach, was in seinem Ausspruch gipfelt, „Frankreich hat keine Freunde, es hat nur Interessen“. Er bekam von Churchill die Unterschrift für den „accord des Chequers“ (7. August 1940), nachdem Großbritannien die Integrität aller französischen Besitzungen und die „integrale Restauration und Unabhängigkeit und die Größe Frankreichs“ erhalten sollte. Außerdem erbot sich die britische Regierung, die Ausgaben des freien Frankreichs zu finanzieren, aber de Gaulle bestand darauf, dass die Summen rückzahlbare Vorschüsse und keine Spenden wurden, die später einen Schatten auf ihn und die Unabhängigkeit seiner Organisation werfen würden. Die Vorschüsse wurden noch vor dem Ende des Krieges zurückgezahlt.

Trotz des durch die Verträge zwischen Churchill und de Gaulle besiegelten Vertrauens waren die Beziehungen angespannt. Mit Blick auf die Nachkriegsordnung bezeichnete Churchill de Gaulle in Telegrammen als „größten einzelnen Feind für den Frieden in Europa“ und „schlimmsten Feind Frankreichs“.[6] Churchill kritisierte, dass de Gaulle „sich als Retter Frankreichs aufspielen will, ohne einen einzigen Soldaten zur Operation beizusteuern“ und dass de Gaulles Verhalten und Persönlichkeit das größte Hindernis für die Beziehungen zwischen Frankreich und den Angloamerikanern seien.[6] Über die Invasion in der Normandie informierte Churchill de Gaulle erst fünf Tage vor der Landung.[6]

Auch die Beziehungen zu Franklin Delano Roosevelt waren problematisch, da der amerikanische Präsident kein Vertrauen in de Gaulle hatte. De Gaulle unterstellte den Amerikanern Arroganz und sagte „Ich bin zu arm, um mich zu beugen.“, Roosevelt unterstellte de Gaulle diktatorische Absichten.[7]

Sieg

General Charles de Gaulles Rede zur Bevölkerung Cherbourgs, 20. August 1944

Trotz seines Ausschlusses von der anglo-amerikanischen Landung in Nordafrika (Operation Torch) durch Roosevelt und vor allem trotz dessen Unterstützung für Admiral François Darlan und General Henri Giraud, die nach der Landung in Nordafrika das Vichy-Regime mit US-amerikanischer Duldung in Algier fortzusetzen suchten, gelang es de Gaulle im Mai 1943, in Algier Fuß zu fassen. Er schuf von dort das französische Komitee für die nationale Befreiung (CFLN), um die politischen Richtungen des befreiten Frankreichs zu vereinigen und stand alsbald an dessen Spitze. Das CFLN nahm im Juni 1944 den Namen Gouvernement provisoire de la République Française (GPRF) an und zog am 25. August 1944 in das befreite Paris ein.

Es gelang de Gaulle, eine alliierte Militärregierung für die besetzten Gebiete in Frankreich zu verhindern und schnell den freien Französischen Kräften die Regierungsgewalt für die befreiten Gebiete zu übertragen. In weiten Teilen der Bevölkerung wurde er als „Befreier“ gefeiert, obwohl er bei der Landung in der Normandie und dem folgenden Vormarsch der Alliierten keine militärische Rolle gespielt hatte. Auf der anderen Seite verstörte de Gaulle viele Résistants, als er sich nach dem Einmarsch in Paris nicht zuerst bei den Kämpfern der Forces françaises de l'intérieur (FFI), sondern bei den Gendarmes für ihre Unterstützung bedankte, die erst am letzten Tag die Seiten gewechselt hatten. Auch damit wollte er jede Auseinandersetzung unter den bewaffneten Franzosen vermeiden, die den Alliierten den Vorwand für eine Besatzungsregierung geliefert hätte. Gleichzeitig erklärte er mit seiner Rückkehr in das Kriegsministerium die Kontinuität der Dritten Republik und die Illegitimität des im Gefolge der Deutschen nach Sigmaringen geflohenen Vichy-Regimes.

De Gaulle wollte die Säuberungsaktion gegen französische Kollaborateure nicht den Siegermächten überlassen, sondern betrachtete dies als originäre Aufgabe der Franzosen. Am 4. April 1944 nahm das CFLN zwei kommunistische Kommissare auf. Am 27. November 1944 amnestierte de Gaulle den bei Kriegsbeginn in die Sowjetunion desertierten Generalsekretär der KPF Maurice Thorez und erreichte damit im Februar 1945 die Anerkennung Frankreichs durch die drei großen Alliierten als eine der zukünftigen Besatzungsmächte Deutschlands auf der Konferenz von Jalta. Anfang Dezember unterzeichnete de Gaulle einen auf zwanzig Jahre abgeschlossenen Hilfs- und Freundschaftsvertrag mit der UdSSR. Im Januar 1945 kam es zwischen de Gaulle und den USA zu Unstimmigkeiten bezüglich der Verteidigung Straßburgs während eines deutschen Gegenangriffes.

De Gaulle präsentierte seine Visionen der politischen Organisation eines demokratischen Staates am 16. Juni 1946 in Bayeux. Diese Reformen betrafen besonders ein modernes, staatliches Sozialsicherungssystem, und beinhalteten auch das Frauenwahlrecht.

Unmittelbare Nachkriegszeit

Bereits am 16. Mai 1945 erreichte de Gaulle die Aufnahme Frankreichs in den Weltsicherheitsrat der UNO als ständiges Mitglied. Nach dem Krieg wurde er am 13. November 1945 zum Ministerpräsidenten der provisorischen Regierung ernannt, trat aber nach Meinungsverschiedenheiten mit den seit den Wahlen im Oktober das Parlament dominierenden Sozialdemokraten und Kommunisten am 20. Januar 1946 zurück, weil er die neu ausgearbeitete Verfassung der Vierten Republik missbilligte. Er verlangte eine stärkere Stellung des Staatspräsidenten in der Verfassung, während die Mehrheit in der Nationalversammlung die Macht beim Parlament konzentrieren wollte. Möglicherweise ging de Gaulle davon aus, dass man ihn in das Amt zurückrufen würde, was seine Position gestärkt hätte. Nachdem dies nicht geschah, gründete er 1947 eine politische Bewegung, die Rassemblement du Peuple Français (RPF), um auf diesem Weg eine neue Verfassung durchzusetzen. Als dies misslang, zog er sich 1953 nach Colombey-les-Deux-Églises zurück.

Algerienkrieg

Im Anschluss an den Misserfolg der Vierten Republik in Französisch-Indochina und im Zuge des Algerienkriegs und der daraus folgenden konstitutionellen Krise ließ sich de Gaulle vom Staatspräsidenten René Coty am 1. Juni 1958 zum Ministerpräsidenten nominieren, vom Parlament wählen und mit den von ihm geforderten weitreichenden Notstandsmachtbefugnissen für sechs Monate ausstatten. Er nutzte diese Gelegenheit, um eine neue Verfassung beschließen zu lassen. Im September nahm das Volk in einem Referendum die neue Verfassung mit 83 % an, wodurch die Fünfte Republik entstand. Alle Kolonien – Algerien wurde nicht als Kolonie, sondern Bestandteil der Republik betrachtet – konnten wählen, ob sie an der Abstimmung teilnehmen oder ihre sofortige Unabhängigkeit wählen wollten – unter Fortfall aller weiteren französischen Unterstützung. Alle Kolonien nahmen an dem Referendum teil – mit Ausnahme Guineas. Im November gewann de Gaulle die Parlamentswahlen und erhielt eine komfortable Mehrheit. Am 21. Dezember wurde er zum Präsidenten der Republik mit 78 % der Stimmen in indirekter Wahl gewählt.

Präsidentschaft der Republik

De Gaulle übernahm die Funktionen des Präsidenten der Republik am 8. Januar 1959. Er ergriff einschneidende Maßnahmen, um das Land zu revitalisieren, besonders mit der Einführung des neuen Franc (der 100 alten Francs entsprach). Er lehnte die Dominanz der USA und der Sowjetunion in der internationalen Szene ab, behauptete Frankreich als unabhängige Großmacht, die mit einer eigenen Nuklearschlagkraft ausgestattet wurde, die letztlich die Großbritanniens übertraf. Als Gründungsmitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) legte de Gaulle sein Veto gegen den Beitritt Großbritanniens ein. De Gaulle sprach sich zunächst für eine Einheit des Mutterlandes und der Überseegebiete aus, auch die maßgeblich durch ihn geprägte Verfassung der Fünften Republik sah eine Unabhängigkeit nicht vor.[8] Unter dem Eindruck des Algerienkriegs ermöglichte im September 1959 eine Verfassungsänderung den früheren Kolonien Unabhängigkeit unter fortbestehendem französischen Einfluss im Rahmen der Communauté française.[8] 1962 unterzeichnete er einen Waffenstillstand in Algerien (Abkommen von Évian) und ließ ein Referendum durchführen, das die Unabhängigkeit verfügte und im April 1962 in Kraft trat. Im April 1962 wurde der Premierminister Michel Debré durch Georges Pompidou ersetzt. Im September 1962 schlug de Gaulle vor, die Verfassung dahingehend zu ändern, den Präsidenten der Republik durch eine Direktwahl zu wählen. Die Reform der Verfassung trat trotz des Widerstandes des Parlaments in Kraft. Im Oktober votierte die französische Nationalversammlung für einen Misstrauensantrag gegen die Regierung Pompidous, aber der General lehnte die ihm vom Premierminister angebotene Demission ab und entschied sich, die Nationalversammlung aufzulösen. Aus den Neuwahlen ging die gaullistische Parlamentsmehrheit gestärkt hervor. Bei den Präsidentschaftswahlen am 5. und 19. Dezember 1965 setzte sich de Gaulle in der Stichwahl gegen François Mitterrand mit 55,2 % der Stimmen durch.

Außenpolitik

Staatsbesuch in Bonn im September 1962
De Gaulle und Adenauer, 1963
De Gaulle bei der Einweihung des Palais Beauharnais in Paris (1968)

De Gaulle musste das Ende des Konflikts in Algerien abwarten, um seine Außenpolitik zu lancieren. In der Tat reduzierte die Bürde Algeriens („boulet algérien“) beträchtlich die französische Manövrierfähigkeit, und in der einen oder anderen Weise musste der Konflikt beendet werden. Die Politik der „nationalen Unabhängigkeit“ („l’indépendance nationale“) und der Lösung von „amerikanischer Bevormundung“ wurde danach verstärkt. Am 19. Dezember 1965 wurde er für ein weiteres Mandat von sieben Jahren zum Präsidenten der Republik wiedergewählt, jedoch erst im zweiten Wahlgang, bei dem er gegen François Mitterrand mit 13.083.699 Stimmen bzw. 55,19 % gewann. Seine Gegner warfen ihm seinen Nationalismus vor und argumentierten mit der abgeschwächten wirtschaftlichen Konjunktur in Frankreich.

International förderte de Gaulle die Unabhängigkeit Frankreichs weiter: Er trat 1962 nachdrücklich für ein „Europa der Vaterländer“ unter der Führung Frankreichs ein, zu dem er neben den EWG-Staaten (ohne Großbritannien) Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Griechenland gewinnen wollte und nahm dafür den Rücktritt von Ministerpräsident Debré in Kauf. Er verurteilte die militärische Hilfe der USA an die Republik Vietnam gegen die vom Việt Minh geführte kommunistische Rebellion der selbstproklamierten Volksrepublik Vietnam und forderte die USA im Interesse eines dauerhaften Friedens zum Abzug ihrer Truppen auf. Er verurteilte ebenfalls den israelischen Gegenschlag gegen die ägyptische Blockade der Meerenge von Tiran während des Sechstagekriegs und die dauerhafte Besetzung des Gazastreifens und des Westjordanlands. Unter de Gaulle näherte sich der einst engste Verbündete Israels, Frankreich, der arabischen Welt, insbesondere Ägypten, aber auch Syrien und Libanon an, verhängte ein Waffenembargo gegen Israel, ließ die bereits bezahlten Mirage-Kampfflugzeuge nicht ausliefern und überließ es von da an den Amerikanern, Israel mit Waffen zu beliefern. Zur Haltung de Gaulles trugen auch die zunehmenden israelischen Operationen im bis dahin prowestlichen Libanon ab 1967 bei. De Gaulle hatte 1929-31 (s. o.) im damals als Völkerbundsmandat französisch verwalteten Libanon gelebt und war persönlich eng mit zahlreichen Persönlichkeiten der seit Jahrhunderten frankophonen libanesischen Oberschicht verbunden, die ihn auch zum Teil bei der Kampagne des „Freien Frankreichs“ 1941-45 von Anfang an unterstützt hatten.[1] Bis zur Präsidentschaft Jacques Chiracs war die israelkritische, proarabische Orientierung französischer Außenpolitik eine gaullistische Konstante.

1958 lehnte de Gaulle die Unterstellung der französischen Mittelmeerflotte unter das NATO-Kommando ab. 1964 beendete de Gaulle das amerikanische Projekt einer multilateralen Atomstreitmacht (MLF), welche, unter internationaler Kontrolle stehend, zum Schutze Europas eingesetzt werden sollte. Zwei Jahre später forderte de Gaulle Strukturänderungen der NATO und drohte mit dem Austritt. Nach einem Ultimatum, in dem er den Abzug der NATO-Truppen bzw. ihre Unterstellung unter französisches Kommando forderte, zog sich Frankreich 1966 aus der integrierten militärischen Kommandostruktur der NATO zurück, während es weiterhin Mitglied der atlantischen Allianz blieb. Gleichzeitig wurde das europäische NATO-Hauptquartier SHAPE von Rocquencourt (Yvelines) nach Brüssel verlegt. Am 14. Dezember 1965 erklärte de Gaulle: „Selbstverständlich kann man auf den Stuhl wie ein Zicklein springen und rufen: ‚Europa, Europa, Europa!‘ Aber das führt zu gar nichts und bedeutet gar nichts.“ Dennoch war es Europa, das den Rahmen seiner Ambitionen festlegte, ein Europa, das selbst vom „Atlantik bis zum Ural“ geht, einen Strich durch den provisorischen Eisernen Vorhang ziehend.

In der Tat war die Hauptstütze der französischen Außenpolitik die Annäherung an den anderen Schwerpunkt des Kontinents: Deutschland. Es war der alte Traum der französischen Diplomatie, den de Gaulle wiederholte, während er den „Angelsachsen“ den Rücken kehrte. Sein vertrauensvolles Verhältnis zu Konrad Adenauer und seine strategische Politik verhinderten den Revanchismus Georges Clemenceaus, der das ohnehin schwierige Verhältnis Frankreichs zu Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg vergiftet hatte. Gemeinsam betrieben de Gaulle und Adenauer die deutsch-französische Freundschaft, die mit einem deutsch-Französischen Jugendwerk und zahlreichen Begegnungen gefördert wurde. Sie gipfelte im Élysée-Vertrag am 22. Januar 1963.

Den Beitritt des Vereinigten Königreichs zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft versuchte de Gaulle systematisch zu verhindern.[9] Neben der Befürchtung, die special relationship zu den USA könnte Großbritannien zu einem amerikanischen „trojanischen Pferd“ machen, sollen auch der mögliche Verlust der französischen Hegemonie in der europäischen Gemeinschaft und die Ablösung des Französischen als Arbeitssprache in Brüssel eine Rolle gespielt haben.[9]

De Gaulle war fanatisch antikommunistisch eingestellt. Seit seiner Rückkehr zur Macht 1958 ging er davon aus, dass keine Bedrohung durch eine russische Invasion bestünde. Er propagierte folglich die Normalisierung der Beziehungen mit diesen „vorübergehenden“ Regimen. Die Anerkennung des kommunistischen China ab dem 27. Januar 1964 ging in diese Richtung, wie auch seine Reise in die UdSSR im Juni 1966.

De Gaulle entließ zwar die ehemaligen französischen Kolonien in Afrika aus der Französischen Union in die Unabhängigkeit, schuf jedoch mit der Communauté française (dt. Französische Gemeinschaft) ein Gegenstück zum britischen Commonwealth of Nations, wobei die Communauté Française die Außen-, Verteidigungs- und Währungspolitik bestimmte. Alle ehemaligen Kolonien führten Referenden durch, in denen die Gründung bestätigt wurde. Lediglich in Guinea entschied sich die Mehrheit anders. Mitglieder wurden Dahomey, Côte d’Ivoire, Gabun, Kongo, Madagaskar, Mauretanien, Niger, Obervolta, Tschad, Senegal, Mali, Togo und Kamerun. Dabei spielte auch die Communauté Financière d’Afrique des CFA-Franc eine große Rolle, bei der die französische Zentralbank die Parität des CFA zum FF jahrzehntelang stabil hielt. Durch Kooperationsabkommen sicherte sich de Gaulle starke französische Einflussmöglichkeiten. Ein Teil der Communauté Française schloss sich zur Westafrikanischen Zollunion (UDAO) zusammen. 1966 wurde sie zur Zoll- und Wirtschaftsunion (UDEAO) ausgebaut. Weitere Einflussmöglichkeiten schuf sich de Gaulle auch mit der Gründung der staatlichen Vorläufergesellschaft von Elf Aquitaine, ERAP, die unter dem Einfluss ihres langjährigen Chefs, des ehemaligen französischen Verteidigungsministers und Gründers des Auslandsgeheimdiensts DGSS, Pierre Guillaumat, dem französischen Nachrichtendienst eine hervorragende Tarnung und immense finanzielle Ressourcen für seine Präsenz in Afrika bot.

Hauptsächlich in der Außenpolitik kam das gaullistische Denken vom Wesen der Nation zum Ausdruck: „eine gewisse Idee Frankreichs“. De Gaulle schöpfte seine Stärke aus dem Wissen über die Geschichte Frankreichs. Nach ihm war das Gewicht dieser Geschichte der Art, dass sie Frankreich eine besondere Position inmitten des Konzerts der Nationen gab. Für ihn und für zahlreiche Franzosen waren England und die USA nur Sprösslinge Frankreichs. Gleichfalls bewertete er die Institution der UNO als lächerlich und nannte sie „das Ding“ („le machin“), was ihn jedoch nicht daran hinderte, den ständigen Sitz Frankreichs im Weltsicherheitsrat einzunehmen.

Attentat von Petit-Clamart

Jean-Marie Bastien-Thiry, ein von de Gaulle persönlich beförderter Oberst der französischen Armee, war mit dessen Algerien-Politik nicht länger einverstanden. Er beschloss daher mit Unterstützung der Organisation de l’armée secrète (OAS, Organisation der geheimen Armee) den Präsidenten zu entführen oder – falls sich eine Entführung als unmöglich herausstellen sollte – zu töten. Das Attentat wurde organisiert und fand am 22. August 1962 auf einer Kreuzung in Petit-Clamart bei Paris statt.[10] Sie existiert heute nicht mehr. Der Anschlag scheiterte, da die elf Attentäter das verabredete Signal in der Dunkelheit übersahen und das Feuer zu spät eröffneten. Obwohl das Präsidentenfahrzeug, ein Citroën DS, von mehreren Kugeln getroffen wurde, blieben de Gaulle und seine Frau unverletzt. Eine Kugel verfehlte das Präsidentenpaar jedoch nur um einige Zentimeter. „Dies hätte ein schönes, sauberes Ende gemacht“, kommentierte de Gaulle, als er sich das Loch im Wagen ansah.

Obwohl das Attentat scheiterte, stoppte die OAS ihre Aktivitäten nicht. Bis heute ist de Gaulles Algerien-Politik teilweise heftig umstritten. Bastien-Thiry wurde gefasst, nach kurzem Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet. Seine gefassten Komplizen kamen mit zum Teil geringeren Strafen davon. De Gaulle hatte eine Begnadigung von Bastien-Thiry abgelehnt.

Das Attentat von Petit-Clarmart diente Frederick Forsyth als Vorlage für seinen 1971 erschienen Roman Der Schakal. Der Stoff wurde 1973 und ein weiteres Mal 1997 (komplett abgewandelt) verfilmt.

Atomstreitmacht

Überzeugt von der strategischen Bedeutung der Atomwaffe, engagierte de Gaulle das Land unter Protest der Opposition für die kostspielige Entwicklung der „force de frappe“ (Spötter, die sie nur als ein „Bömbchen“ („bombinette“) ansahen, nannten sie „farce de frappe“). Die Antwort de Gaulles war: „In zehn Jahren werden wir etwas haben, womit wir 80 Millionen Russen töten können. Ich glaube nicht, dass man ein Volk angreift, welches die Fähigkeit hat, 80 Millionen Russen zu töten, selbst wenn man 800 Millionen Franzosen töten könnte, vorausgesetzt es gäbe 800 Millionen Franzosen“. Dafür ließ er 1960 in der algerischen Wüste, ab 1966 auf dem Mururoa-Atoll im Pazifik Kernwaffentests durchführen. Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen wurden dabei bis zu 30.000 Algerier gesundheitlich geschädigt.[11]

John F. Kennedy hatte für die französische Unterstützung bei der Berlin- und Kubakrise Hilfe in der Nuklearfrage versprochen, aber hielt sein Versprechen nicht. Die Nuklearfrage vergiftete die franko-amerikanischen Beziehungen während der ganzen 1960er-Jahre. Deshalb musste man auf Richard Nixon warten, um erstmalig einen amerikanischen Präsidenten zu finden, der klar profranzösisch war. Mit ihm teilte de Gaulle seine Geringschätzung für Ideologien, multilaterale Verträge und Institutionen. Nixon umschiffte zunächst die verpflichtende amerikanische Legislative in der Nuklearfrage, bevor er offiziell den Weg der nuklearen franko-amerikanischen Zusammenarbeit öffnete. Das Gros der Arbeit war schon geleistet, und die französischen „Bömbchen“ („bombinettes“) waren schon sehr effizient. 1968 gelang es Frankreich ohne Hilfe der Amerikaner, die Wasserstoffbombe zur Detonation zu bringen.

Die Briten, deren Nuklearstreitmacht eng mit der der Amerikaner verknüpft war, fassten es als Ohrfeige auf, als de Gaulle Frankreich zur dritten Atommacht des Westens erklärte. Die force de frappe bestand aus landgestützten Mittelstreckenraketen auf dem Plateau d'Albion (mittlerweile geschlossen), seegestützten Mittelstreckenraketen auf U-Booten und Atombomben, die von Flugzeugen abgeworfen werden konnten. Nicht zuletzt um auch auf diesem Gebiet von den beiden Supermächten unabhängig zu bleiben, forcierte er den Bau eigener französischer Kampf- (der Dassault Mirage III) und Zivilflugzeuge (der Caravelle) und unterzeichnete mit Deutschland den Airbusvertrag zur Entwicklung des Großraumflugzeuges A300. Auch die europäische Trägerraketentechnik, deren ziviler Zweig ELDO mit den Europa-Raketen war, wurde von de Gaulle in diesem Zusammenhang vorangetrieben.

Während François Mitterrand sich heftig gegen dieses „Bömbchen“ sperrte, versagte sich de Gaulle nicht das Vergnügen, die Aufsicht des Projekts dessen Bruder Jacques Mitterrand anzuvertrauen. Dabei stichelte er: „Ist es, dass einer kritisiert, dann stellt der andere es sicher.“ Während der Amtszeit Präsident Mitterrands wurde sogar die Neutronenbombe eingeführt.

Konversion des Dollars

Auf Anregung des französischen Ökonomen Jacques Rueff war die Währungspolitik unter de Gaulle stark auf Gold ausgerichtet.[12] Im Februar 1965 kündigte de Gaulle an, Währungsreserven in US-Dollar im Rahmen des Bretton-Woods-Systems in Gold umzutauschen. Bis zum Sommer 1966 erhöhte Frankreich so den Goldanteil seiner Reserven auf 86 Prozent.[13] Im Unterschied zu anderen Ländern, die im gleichen Zeitraum Dollar in Gold tauschten, darunter auch Deutschland, beließ Frankreich das Gold nicht in den Tresoren der Federal Reserve, sondern bestand darauf, die Goldbarren nach Frankreich zu verschiffen, damit sie nicht „dem Zugriff einer fremden Macht preisgegeben“ seien.[13] Sein Ziel einer Rückkehr zum Goldstandard erreichte de Gaulle indes nicht.[14]

Die Affaire des „Québec Libre“

De Gaulle wollte an der 100-Jahr-Feier der Nation in Kanada und der Weltausstellung 1967 teilnehmen, provozierte jedoch die Empörung der Föderalisten, als er in Montréal vor einer Menge von 100.000 Québécois ausrief: „Es lebe das freie Québec!“ („Vive le Québec libre!“), begleitet von allgemeinem, großem Beifall. Dies löste eine Regierungskrise in Kanada aus. In der Folge der Rede de Gaulles, in der er unter anderem sagte „ich werde euch ein kleines Geheimnis verraten, das Ihr niemandem weitererzählen werdet: auf meinem Weg habe ich eine Atmosphäre gesehen, die mich an die Befreiung erinnert hat“ erklärte der kanadische Premierminister Lester B. Pearson seine Worte für „inakzeptabel“. De Gaulle antwortete, dass das Wort „inakzeptabel“ selbst inakzeptabel sei, sagte die vorgesehene Visite in Ottawa ab und kehrte an Bord des Kreuzers Colbert nach Frankreich zurück. De Gaulle erklärte, mit seiner Rede den Frankokanadiern zu helfen, „sich selbst zu befreien“, da „nach einem Jahrhundert der Unterdrückung, das für sie nach der englischen Eroberung folgte, ihnen nunmehr auch das zweite Jahrhundert … in ihrem eigenen Land weder Freiheit, noch Gleichheit, noch Brüderlichkeit brachte“.[15] Die New York Times bewertete dies als „groben Akt gaullistischer Einmischung in die inneren Angelegenheiten Kanadas“ und als „bedeutende Eskalation des Streites, der während des Besuchs General de Gaulles in Kanada begann“, einer Umfrage des L’Express zufolge verurteilten 56 Prozent der Befragten aus der Pariser Bevölkerung das Auftreten de Gaulles.[15]

Mai 1968

Die Mai-Unruhen von 1968 waren eine weitere Herausforderung. Am 24. Mai, zwei Wochen nach Beginn der Unruhen, nahm de Gaulle erstmals im Rundfunk und Fernsehen Stellung zu den Forderungen der Demonstranten und versprach vage, ein Referendum zu Reformen auf den Weg zu bringen.[16] Gleichzeitig forderten die Demonstranten den Rücktritt de Gaulles.[16] Am 29. Mai reiste de Gaulle heimlich nach Baden-Baden, der Zweck dieser Reise ist unklar.[16] Ein als mögliche Erklärung oft genanntes Treffen mit General Jacques Massu hält der Historiker Norbert Frei für unwahrscheinlich, er geht viel mehr davon aus, dass „die Staatskrise in diesem Moment in eine Nervenkrise übergegangen war“.[16]

Nach seiner Rückkehr nach Colombey-les-Deux-Églises, kündigte de Gaulle am 30. Mai 1968 in einer Rundfunkrede Neuwahlen an: „Als Inhaber der nationalen und republikanischen Legitimität habe ich seit 24 Stunden alle Eventualitäten, ohne Ausnahme, erwogen, die es mir ermöglichen würden, sie zu erhalten. Ich habe meine Entschlüsse gefasst. Unter den gegenwärtigen Umständen werde ich mich nicht zurückziehen. Ich werde nicht den Premierminister wechseln, der die Anerkennung von uns allen verdient. Ich löse heute die Nationalversammlung auf. Ich beauftrage die Präfekten, die Kommissare über das Volk geworden oder wieder geworden sind, die Subversion zu jeder Zeit und an jedem Ort zu verhindern. Was die Legislativwahlen angeht, so werden sie in den von der Verfassung vorgesehenen Fristen stattfinden, zumindest bis man hört, dass das ganze französische Volk mundtot gemacht wird, indem man es davon abhält, sich auszudrücken und gleichzeitig davon abhält, zu leben, durch dieselben Maßnahmen, durch die man versucht, die Studenten vom Studieren abzuhalten, die Lehrer vom Lehren, die Arbeiter vom Arbeiten. Diese Mittel sind Einschüchterung, Vergiftung und Tyrannei, ausgeübt seit langer Zeit in Folge durch organisierte Gruppen und eine Partei, die eine totalitäre Unternehmung ist, selbst wenn es schon Rivalen diesbezüglich gibt.“ Letzteres zielte auf die Kommunistische Partei Frankreichs.

Nach den vorangegangenen, enttäuschenden Reden schienen seine Anhänger den de Gaulle der großen Tage wiederzuentdecken: Eine Demonstration wurde für den 30. Mai 1968 organisiert, die nach Angabe der Organisatoren von einer Million Teilnehmern, nach Angaben des Polizeipräsidiums von 300.000 Teilnehmern besucht wurde. Die Wahlen vom Juni 1968 wurden ein großer Erfolg für die Gaullisten, die 358 von 487 Sitzen erhielten. Im Juli wurde Georges Pompidou durch Maurice Couve de Murville abgelöst.

Das Referendum zur Regionalreform und Rücktritt

De Gaulle am 2. März 1969 mit Richard Nixon und dessen Kabinett

Im Februar 1969 kündigte de Gaulle an, noch im Frühjahr 1969 ein Referendum über die Reform der Regionalverwaltung und des Senats abhalten zu wollen.[17] Wie schon 1962 sollte so eine Verfassungsänderung ohne Beteiligung der Nationalversammlung durchgeführt werden.[17] Im April kündigte de Gaulle an, dass er bei einer Ablehnung des Referendums sofort zurücktreten werde, das Referendum erhielt somit den Charakter einer Abstimmung für oder gegen de Gaulle.[18] In der Folge schloss sich Valéry Giscard d’Estaing mit seiner Partei der Républicains indépendants den Sozialisten an und forderte eine Ablehnung des Referendums.[18] Obwohl das eigentliche Ziel einer Regionalreform in der Bevölkerung sehr populär war,[19] wurde das Referendum mit 52,46 % der Stimmen abgelehnt und de Gaulle gab am 28. April 1969 kurz nach Mitternacht seinen Rücktritt vom Amt des Präsidenten der Republik bekannt.

Tod und Begräbnis

Nach seinem Rücktritt hielt de Gaulle sich kurz in Irland (von wo aus er per Brief wählte) auf und zog sich schließlich nach Colombey-les-Deux-Églises zurück, wo er an seinen Memoiren arbeitete. Nach einer weiteren Reise nach Spanien im Juni 1970 starb Charles de Gaulle am 9. November 1970 in Colombey-les-Deux-Églises an den Folgen des Risses eines Aorta-Tumors.[20]

Monument auf der Höhe über Colombey-les-Deux-Églises
Das Grab
Wandbild im Office de Tourisme von Colombey
De-Gaulle-Statue in Moskau nach der Enthüllung 2005

Sein Testament stammte aus der Zeit des Begräbnisses von General Jean de Lattre de Tassigny im Januar 1952. Dieser war nach seinem Tod vom offiziellen Frankreich und seinen Politikern in einer Art und Weise vereinnahmt worden, die de Gaulle mit Abscheu erfüllte. Dem entsprechend regelte er detailliert die Modalitäten seines Begräbnisses:

  • Ich möchte in Colombey beerdigt werden.
  • Bei meiner Beisetzung weder Politiker noch Minister!“ (Der Finanzminister Valéry Giscard d’Estaing nahm trotzdem teil, argumentierend, dass er nicht als Minister käme, sondern als einfacher Franzose) „Lediglich die Compagnons der Befreiung“ (was Jacques Chaban-Delmas und André Malraux einschloss). Alle anderen Offiziellen, inklusive Präsident Nixon, mussten sich mit der Teilnahme an einer einfachen Messe zu seinen Ehren zur selben Zeit in Notre Dame in Paris zufriedengeben.
  • Auf meinem Grab: ‚Charles de Gaulle, 1890–19…‘. Nichts anderes

Erinnerung

Zahlreiche öffentliche Straßen und Gebäude in Frankreich tragen seinen Namen. Im Besonderen die Place Charles-de-Gaulle in Paris und außerdem der Flughafen Paris-Roissy – Charles de Gaulle. Sein Name wurde auch dem gegenwärtig letzten französischen Flugzeugträger, der Charles de Gaulle gegeben. Sein Wohnhaus in Colombey, die Boisserie, ist heute ein Museum.

Bewertung

In seinem Nachruf in der Zeit schrieb Theo Sommer, de Gaulle sei ein Mann des 17. oder 18. Jahrhunderts gewesen, der die Zukunft verfehlte, weil er „Vergangenheit restaurieren“ wollte.[21] Innenpolitisch sei er den Problemen des Landes allein mit „altfränkischer Mythologie“ nicht beigekommen, seine Außenpolitik habe sich als eine unstete Folge leerer Gesten entpuppt, sein exzentrischer Auftritt in Quebec könne schließlich nur noch belächelt werden.[21] Sommer schreibt: „Alles in allem hat Charles de Gaulle nicht viel Bleibendes bewirkt. Sein Anspruch war größer als seine Kraft, und es lag etwas Manisches in der Art, wie er diesen Anspruch verfocht. (…) Daß er voll verfehlter Ideen war, ist offenkundig. Niemand jedoch bestreitet, daß auch seine Fehler Format besaßen.“[21]

Anekdoten

In einem Interview mit dem Monatsmagazin Sciences et Vie sagte der Präsident des Mensa (der Klub der großen IQs) im Vereinigten Königreich „Der General de Gaulle würde ohne die geringsten Schwierigkeiten den Aufnahmetest der Mensa bestehen“. Zur selben Frage, die Königin Elisabeth II. des Vereinigten Königreichs betreffend, weigerte er sich zu antworten.

Charles de Gaulle bezeichnete sich selbst als Monarchist:„Je suis un Monarchiste, la République n’est pas le régime qu’il faut à la France.“(„Ich bin ein Monarchist, die Republik ist nicht die Regierungsform, die Frankreich braucht.“)[22]

Familie

Charles de Gaulle heiratete am 7. April 1921 Yvonne Vendroux (* 24. Mai 1900 bei Calais – † 8. November 1979 bei Paris). Das Paar bekam drei Kinder:

  • Philippe de Gaulle (* 28. Dezember 1921 bei Paris), Admiral, danach Senator.
  • Élisabeth de Gaulle, (* 15. Mai 1934 in Paris).
  • Anne de Gaulle (* 1. Januar 1928 bei Trier – † 7. Februar 1948 bei Colombey-les-Deux-Églises), wurde mit dem Down-Syndrom geboren.

Charles hatte drei Brüder, von denen zwei Résistants waren:

  • Xavier de Gaulle (* 1887 – † 1955), Kriegsgefangener, danach Résistant während des Zweiten Weltkriegs, er ist der Vater von Geneviève de Gaulle-Anthonioz.
  • Jacques de Gaulle (* 1893 – † 1946), 1926 behindert nach einer Gehirnentzündung.
  • Pierre de Gaulle (* 1897 – † 1959), Résistant, Politiker, danach Unternehmensverwalter.

Ein Enkel (* 1948), Sohn von Philippe, trägt auch den Namen Charles de Gaulle.

Werke

  • La discorde chez l’ennemi (1924)
  • Histoire des troupes du Levant (1931) geschrieben von den Majoren de Gaulle und Yvon, bei der finalen Fassung in Zusammenarbeit mit dem Kolonel de Mierry
  • Le fil de l’épée (1932) (dt. Die Schneide des Schwertes, übs. v. Carlo Schmid)
  • Vers l’armée de métier (1934)
  • La France et son Armée (1938)
  • Trois études (1945) (Rôle historique des places fortes; Mobilisation économique à l’étranger; Comment faire une armée de métier) suivi par le Mémorandum du 26 janvier 1940.
  • Mémoires de Guerre
    • Volume I – L’Appel, 1940–1942 (1954)
    • Volume II – L’Unité, 1942–1944 (1956)
    • Volume III – Le Salut, 1944–1946 (1959)
  • Mémoires d’Espoir
    • Volume I – Le Renouveau, 1958–1962 (1970)
  • Discours et Messages
    • Volume I – Pendant la Guerre, 1940–1946 (1970)
    • Volume II – Dans l’attente, 1946–1958 (1970)
    • Volume III – Avec le Renouveau, 1958–1962 (1970)
    • Volume IV – Pour l’Effort, 1962–1965 (1970)
    • Volume V – Vers le Terme, 1966–1969

Siehe auch

Literatur

  • Sudhir Hazareesingh: Le Mythe gaullien. Gallimard, Paris 2010 ISBN 978-2-07-012851-8
  • Dominique Venner: De Gaulle, la grandeur et le néant. Rocher, Monaco 2004
  • Philippe de Gaulle: Entretiens avec Maurice Tauriac. De Gaulle, mon Père. Plon, Paris 2003
  • Wilfried Loth: De Gaulle. In: Robert Picht u. a. (Hrsg.): Fremde Freunde. Deutsche und Franzosen vor dem 21. Jahrhundert. Piper, München 2002 ISBN 3-492-03956-1, S. 56–62
  • Paul-Marie Coûteaux: Le génie de la France. Tome I: De Gaulle philosophe. Jean-Claude Lattès, Paris 2002
  • Vincent Jouvert: L’Amérique contre De Gaulle. Seuil, Paris 2000
  • Peter Schunk: Charles de Gaulle – Ein Leben für Frankreichs Grösse. Propyläen, Berlin 1998, ISBN 3-549-05699-0
  • Jean-Louis Crémieux-Brilhac: La France Libre. Gallimard, Paris 1996
  • Jean Lacouture: De Gaulle. (3 volumes): 1 – Le Rebelle (1890–1944), 2 – Le Politique (1944–1959), 3 – Le Souverain (1959–1970), 1984, 1985 et 1986. Points Histoire, Paris 1990

Filme

  • Charles de Gaulle – Ich bin Frankreich! (OT: Le Grand Charles.) TV-Spielfilm in 2 Teilen, Frankreich, 103 Min. und 105 Min., Buch und Regie: Bernard Stora, Produktion: arte, dt. Erstsendung: 9. Mai 2008, Inhaltsangabe von Teil 1 und Teil 2 von arte.
  • Wolfgang Schoen: Vier Kriegsherren gegen Hitler – Charles de Gaulle: Verpflichtet zum Kampf. TV Schoenfilm D 2001.[23]

Weblinks

 Commons: Charles de Gaulle – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
 Wikisource: Charles de Gaulle – Quellen und Volltexte (Französisch)

Einzelnachweise

  1. a b c Alexandre Najjar: De Gaulle et le Liban, 4 Bände (1. Vers L’Orient Complique 1929-31, 2. De la guerre à l’Indépendance (1941-43), 3. A l’Elysée (Beziehungen de Gaulles zu den Präsidenten Chehab und Helou, 1960er Jahre), 4. L’Embargo (Bruch mit Israel 1968): Alle 4. Bände erschienen bei Editions Terre du Liban, Beirut) cheminsdememoire.gouv.fr
  2. a b Joseph Hanimann (18. Juni 2010): Der Verrückte des 18. Juni. Frankfurter Allgemeine Zeitung. Abgerufen am 19. Juni 2010.
  3. a b Rolf Löffler (18. Juni 2010): Seine grösste Rede. Tagesanzeiger. Abgerufen am 9. November 2010.
  4. Schlusssatz des Aufrufes vom 18. Juni 1940: (Original) Quoi qu’il arrive, la flamme de la résistance française ne doit pas s’éteindre et ne s’éteindra pas.
  5. a b Appel du 18 juin auf Wikisource (französisch)
  6. a b c Attacken gegen de Gaulle. In: Der Spiegel. Nr. 26, 2002 (online).
  7. Ernst Weisenfeld: Charles de Gaulle und Frankreich: Ein konservativer Revolutionär. In: Die Zeit, Nr. 12/1985
  8. a b Rudolf Walther: Ende der Kolonialzeit: In Frankreichs Armen. In: Die Zeit, Nr. 5/2010
  9. a b Botschafter Knoke, Den Haag, an das Auswärtige Amt In: Rainer Blasius, Mechthild Lindemann: Akten zur auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland. S. 46.
  10. Schwert, Pistolen und Dynamit – Politische Attentate im 20. Jahrhundert. In: Der Spiegel. Nr. 49, 1963, S. 90–99 (S. 98 f.) (online).
  11. br-online.de
  12. Joachim Joesten: Porträt Jacques Rueff. In: Die Zeit, Nr. 37/1965
  13. a b Diether Stolze: Besiegt de Gaulle den Dollar? In: Die Zeit, Nr. 39/1966
  14. Mythos vom Gold? In: Die Zeit, Nr. 35/1971
  15. a b De Gaulle blieb unbeirrt: Ministerrat befaßte sich mit der Kanada-Reise. In: Die Zeit, Nr. 31/1967
  16. a b c d Norbert Frei: Paris im Mai. In: Die Zeit, Nr. 8/2008
  17. a b Reform durch Referendum. In: Die Zeit, Nr. 6/1969
  18. a b Zweifel an de Gaulle. In: Die Zeit, Nr. 16/1969
  19. Volkes Stimme. In: Die Zeit, Nr. 6/1969
  20. Trauer in aller Welt. In: Die Zeit, Nr. 46/1970
  21. a b c Theo Sommer: Groß, auch wo er scheiterte? In: Die Zeit, Nr. 46/1970
  22. evene.fr
  23. TV Schoenfilm, siehe Filmographie

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