Dalai-Lama

Dalai-Lama. Der berühmte Gottpriester des tibetanischen Reichs, über welchen so viele fabelhafte, unsinnige und lächerliche Nachrichten in Europa verbreitet wurden, daher wir über ihn und den Lamaismus überhaupt hier eine gedrängte Uebersicht mit Benutzung des Neuesten und Besten, was darüber jetzt bekannt geworden, unsern Leserinnen geben wollen. An den Westgrenzen China's breitet sich das Reich von Tibet aus, ein Land, das zwölf Millionen Einwohner zählt In früher Zeit, im sechsten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung, war einem der Beherrscher des Volkes die Kunde von Buddha, der neunten Incarnation des Wischnu als ein heiliger, in innige Selbstbeschauung versunkener Weiser, geworden. und er sandte seinen ersten Minister nach Indien, den Buddhaismus zu studiren und die heiligen Schriften zu holen. Dieser brachte zweierlei Schriftarten mit, eine heilige: U-chin (die Sanscritsprache), und eine für das Volk: Umin, und der Buddhadienst wurde im ganzen Lande eingeführt; es erhoben sich Buddhatempel und zugleich gewann das ganze Volk einen erhöhten Kulturstand. Aber es entstanden auch religiöse Sekten und Spaltungen, es brachen sich andre Religionssysteme benachbarter Völkerstämme in Tibet Bahn, und es bildete sich allmälig eine Priesterherrschaft aus, wie sie kein zweites Reich der Erde aufzuweisen hat, und wie sie nur bei einem so sanften, milden und freundlichen Volke, wie das tibetanische, fest wurzeln konnte. Die Lama's (Priester), und zumal die Oberlama's begannen im dreizehnten Jahrhundert neben der geistlichen auch die weltliche Gewalt in ihrer Person zu vereinigen, und wußten sie fast ununterbrochen in dieser Doppelbeziehung zu behaupten; sie entnahmen geschickt dem Buddhaismus die Lehre von der Incarnation, der Wiedermenschwerdung schon verstorbener Götter und Heiligen, die unmittelbare Vereinigung eines seligen, reinen Geistes mit der Menschenseele, und brachten sie bei sich so in Anwendung, daß jedes Mal der regierende Herrscher Hoherpriester und Gott zugleich war. Diese Lehre erhielt sich, ungeachtet mancher gewaltsamer Widersetzung, und ungeachtet großer politischer Stürme, die das Reich zum größern Theil unter die Oberherrschaft von China brachten. Aber die Religion ist selbst ein Wischnu, ein seliger Mahadö, der immer wieder Mensch wird und durch wunderbare Incarnationen die ganze Menschheit sich zu gewinnen, und selbst durch Tod und Läuterungsflammen mit sich empor zu führen sucht. So entstand nun in der Person eines herrschenden, hochheiligen Buddhapriesters, eines Oberlama's, der erste Dalai-Lama, das heißt dem Ozean gleicher Oberpriester, nach Andern große Mutter der Seelen. Dieser ist nun der personificirte Gott, ist selbst Buddha in menschlicher Hülle und hat noch eine zahllose Menge von Groß-Lama's, Boddhisatras, Kutuchten etc. unter sich, und durch die in den überzahlreichen Klöstern wohnenden Mönche zugleich eine nicht unbedeutende Heeresmacht. Bei dem Ausdruck Klöster müssen wir hier bemerken, daß wunderbarer Weise in der lamaischen Religion sich so Manches findet, was an den christlichkatholischen Cult erinnert, z. B. Klöster mit Mönchen und Nonnen, die ein abgesondertes, heiliges und eheloses Leben führen, Sakramente, die Einsegnung der Ehe, letzte Oelung, Glaube an eine Dreieinigkeit, Hölle, Teufel, Fegefeuer, Wirkung der Seelmessen, des Weihwassers, und sehr häufiger Gebrauch des Rosenkranzes. Weit über Tibets Grenzen hinaus ist nun das lamaische Religionssystem verbreitet, und zählt wohl an hundert Millionen Bekenner. Es ist bei manchen Irrthümern eine Religion der Liebe, der sanften Duldung. Der Dalai-Lama selbst (jetzt durch die chinesische Oberherrschaft über Tibet mehr als früher in seiner weltlichen Macht beschränkt,) wird gedacht als die in einen Lichtstrahl sich niedersenkende, in einen neuen Leib, oft in den eines Kindes einkehrende Seele des ersten Groß-Lama, welche Regeneration in aller Stille vor sich geht, wenn der vorige Herrscher stirbt. Das ganze Ziel seines Strebens als Mensch ist, göttliche Vollkommenheit durch beschaulichen Seelenfrieden zu erringen. Sein reines Herz ist voll Erbarmung und Liebe; sein erhabener Geist findet durch ein tiefes gottseliges Gemüth die höchste Befriedigung. Sein Blick durchdringt die verhüllte Zukunft. Das Volk betet ihn an, ihm ist er vollendeter Gott, nicht nur Symbol eines Gottes; Fürsten und ganze Völkerstämme schicken ihm reiche Geschenke, oder kommen selbst, vor seinem Throne zu beten, durch seinen Segen entsündigt zu werden. Er wohnt in der Nähe der Stadt Hlassa oder Lassa in einer herrlichen Pagode, oder vielmehr in einer kleinen Tempelstadt, denn rings umgeben die Mitte des Gebäudes, das ihn einschließt, die Wohnungen seiner zahlreichen Priesterschaft. Alljährlich werden Tausende von Götzenbildern verkauft, die ihn darstellen, meist sind sie von Metall, und enthalten in ihrem Innern Papierstreifen mit Gebeten beschrieben. Das große Lamagebet besteht nur aus den 6 Sylben Om ma ni pat me chom, von denen jedes Wort eine besondere Kraft in sich schließt. Es gibt auch Betmaschinen, wo durch Umdrehung geschriebene oder gedruckte Gebete abgeleiert werden, was eben so kräftig ist, als sie zu sprechen. Die Bildnisse stellen den Dalai-Lama sitzend vor, in langem, verhüllenden Gewande, mit hoher, spitziger Mitra, in tiefernste Betrachtung versunken, buddhaähnlich, so empfängt er auch die zu ihm gewallten Fremdlinge. Er kann nicht zürnen, nicht strafen, nur segnen, nur lieben; er ist unbefleckt, unsterblich, allgegenwärtig, allwissend, ein Mittler zwischen den Menschen und der höchsten Gottheit. Es gibt auch noch einen Bogdo-Lama im Süden Tibets von geringerm Ansehn, und eine Lamissa, eine göttlich verehrte, auf gleiche Weise wiedergeborne Priesterin.

–ch–


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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