Joachim von Ribbentrop

Joachim von Ribbentrop
Joachim von Ribbentrop als Angeklagter in Nürnberg

Ullrich Friedrich Willy Joachim von Ribbentrop (* 30. April 1893 in Wesel; † 16. Oktober 1946 in Nürnberg) war ein deutscher Politiker (NSDAP). Er war von 1938 bis 1945, während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur, Reichsminister des Auswärtigen.

Ribbentrop gehörte zu den 24 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof angeklagten Personen; er wurde am 1. Oktober 1946 in allen vier Anklagepunkten schuldig gesprochen, zum Tod durch den Strang verurteilt und am 16. Oktober 1946 gehenkt.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Herkunft und Familie

Joachim von Ribbentrop war der Sohn des späteren Oberstleutnants Richard Ullrich Friedrich Wilhelm Ribbentrop und der Johanne Sophie Hertwig. Am 15. Mai 1925 wurde er von seiner entfernt verwandten Tante Gertrud von Ribbentrop (1863–1943), deren Vater Karl Ribbentrop im Jahr 1884 geadelt worden war, adoptiert und führte von da an den Namen „von Ribbentrop“.

Ribbentrop heiratete am 5. Juli 1920 in Wiesbaden Anna Elisabeth (Annelies) Henkell (* 12. Januar 1896 in Mainz; † 5. Oktober 1973), die Tochter des Sektfabrikanten Otto Henkell (1869–1929) und seiner Frau Katharina (Käthe) Michel, dessen Berliner Vertretung Ribbentrop von nun an führte. Das Ehepaar hatte fünf Kinder:

  • Rudolf von Ribbentrop (* 11. Mai 1921 in Wiesbaden), ehemaliger Mitinhaber von Henkell
  • Bettina von Ribbentrop (* 20. Juli 1922 in Berlin)
  • Ursula von Ribbentrop (* 19. Dezember 1932 in Berlin)
  • Adolf Henkell-von Ribbentrop (* 2. September 1935 in Berlin), ehemaliger Mitinhaber von Henkell, verheiratet mit Christiane geb. Gräfin Eltz, der Mutter des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg
  • Barthold von Ribbentrop (* 27. Dezember 1940 in Berlin), ehemaliger Chef der Börsenabteilung der Deutschen Bank

Auslandsaufenthalte und Erster Weltkrieg

Von 1904 bis 1908 lebte der junge Joachim Ribbentrop in Metz[1], das seit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870–1871 zum Deutschen Reich gehörte und zur stärksten Festungsstadt des Reiches ausgebaut worden war. Zwischen 1908 und 1914 verbrachte Ribbentrop viel Zeit im Ausland; den Winter 1908/09 über weilte er zusammen mit seinem Vater und der Stiefmutter in Arosa. Hier lernte er bei einem englischen Privatlehrer die englische Sprache und pflegte den Bobsport auf der lokalen Bobbahn.[2] Zwischen 1910 und 1914 lebte er fast ausschließlich in Kanada, wo er ein Importgeschäft für Weine aus Deutschland besaß und 1914 Mitglied einer Eishockey-Mannschaft war.[3] Er sprach fließend Französisch und Englisch.

Unmittelbar nach Beginn des Ersten Weltkrieges verließ er Kanada, um auf deutscher Seite zu kämpfen. Er reiste zunächst in die damals neutralen Vereinigten Staaten aus und fuhr von New York auf einem niederländischen Dampfer nach Rotterdam. Der Verhaftung durch die britische Marine, die alle Schiffe, die zu dieser Zeit das europäische Festland anliefen, kontrollierte, konnte er sich entziehen, indem er sich im Kohlenbunker des Dampfers verborgen hielt. In Deutschland wurde er auf Vermittlung seines Vaters in ein Kavallerieregiment aufgenommen. Im Verlauf des Krieges wurde er mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse ausgezeichnet und zum Oberleutnant befördert. Nach einer Verletzung an der Front wurde er in die Deutsche Botschaft in Istanbul versetzt.

Weimarer Republik

1919 nahm er seinen Abschied als Oberleutnant und betätigte sich als Vertreter für französische Weine und Liköre. Im Sommer 1919 lernte er Otto Henkell und kurz darauf dessen Tochter Annelies kennen. Er ergriff die Chance, löste eine bestehende Verlobung und warb um die Industriellentochter. Die Eltern von Annelies waren anfangs gegen die Beziehung, da sie in dieser kühle Berechnung Ribbentrops vermuteten. 1920 ergab sich für Ribbentrop durch den Tod des deutschen Vertreters der Whisky-Firma Johnnie Walker eine unerwartete berufliche Chance. Er wollte die Nachfolge übernehmen, erfuhr aber, dass sich zwei Mitbewerber bereits mittels Bahn auf den Weg nach Schottland gemacht hatten. Kurz entschlossen kaufte er ein altes Kriegsflugzeug und ließ sich sofort nach Kilmarnock zu Sir Alexander Walker fliegen, wo er auf dem Rasen direkt vor dem Schloss landete. Der verblüffte Walker meinte nur: „You are my man!“

Überwältigt von dieser Tat stimmte Otto Henkell der Hochzeit zu und beteiligte Ribbentrop an seiner Berliner Vertretung. Am 11. Mai 1921 kam in Wiesbaden Rudolf, der älteste Sohn von Joachim und Annelies Ribbentrop zur Welt, am 20. Juli 1922 folgte Tochter Bettina. Mittlerweile wohnten die Ribbentrops im Berliner Ortsteil Dahlem. Eine stattliche Mitgift und eine großzügige Apanage von Otto Henkell erlaubte es ihnen, eine elegante Villa in der Lentzeallee 7–9 zu errichten. Durch mehrere An- und Umbauten vergrößerte sich das Anwesen um einen Park mit Tennisplatz und Swimmingpool. Die Ribbentrops betätigten sich als Sammler von Kunst und Wertgegenständen, darunter Gemälde von Gustave Courbet, Claude Monet und André Derain sowie alte Tapisserien und kostbare Teppiche.

Mitte der 1920er Jahre war Ribbentrops Import-/Exportgeschäft eines der größten in Deutschland. 1924 legte Ribbentrop die Henkell-Vertretung nieder und widmete sich ausschließlich seiner eigenen Firma. Dadurch wurde er in kürzester Zeit sehr reich. Im Hause Ribbentrop gab es damals Gesellschaften, Cocktailpartys und Bridgeabende. Hierzu traf sich die beste Berliner Gesellschaft (Adelige, Finanziers, Industrielle) in der Villa. Viele der Freunde waren Juden. Bis 1932 hielt sich Ribbentrops Interesse für Politik in Grenzen. Den Aufstieg des Nationalsozialismus nahm er nur am Rande wahr. Wohl hatte er eine tiefe Abneigung gegen den Kommunismus. Erst als Adolf Hitlers Erfolge unübersehbar waren, ließ sich Ribbentrop im Sommer 1932 eine Audienz beim späteren Führer vermitteln.

Zeit des Nationalsozialismus

Nachdem er 1932 Adolf Hitler kennengelernt hatte, trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.199.927). Wegen seiner Bewunderung für Adolf Hitler stellte Ribbentrop, mittels seiner gesellschaftlichen Beziehungen, im Verlauf des Jahres 1932 Kontakt zwischen einflussreichen Persönlichkeiten Berlins und Adolf Hitler her. Diese Kontakte erleichterten es Hitler, die „Machtergreifung” im Jahr 1933 ohne großen Widerstand durchzuführen.

Ribbentrop wurde 1933 bei der Kabinettsbildung nicht, wie von ihm erhofft, Außenminister, da von Seiten der NSDAP der „alte KämpferAlfred Rosenberg für dieses Amt vorgesehen war, das dann jedoch die Konservativen für sich beanspruchten: Reichsaußenminister blieb der bereits unter den Reichskanzlern Franz von Papen und Kurt von Schleicher amtierende Konstantin Freiherr von Neurath. Ribbentrop erhielt aber 1934 als eine Art parteiamtlicher Sonderbotschafter den Titel „Außenpolitischer Berater und Beauftragter der Reichsregierung für Abrüstungsfragen”. Zudem wurde er Ende 1934 zum Beauftragten für außenpolitische Fragen im Stab des Stellvertreters des Führers (Rudolf Heß) ernannt.[4]

Im Juni 1935 wurde er dann zum „Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafter des Deutschen Reiches” befördert; er schloss in dieser Position – als Außerordentlicher Botschafter – noch im selben Monat in London das deutsch-britische Flottenabkommen mit Großbritannien ab, das es dem Deutschen Reich nun trotz der Bestimmungen des Versailler Vertrages erlaubte, eine Flotte von einem Drittel der Größe der britischen Flotte zu bauen, also auch Schlachtschiffe – allerdings nur mit einer Standardverdrängung von maximal 35.560 metrischen Tonnen.

Dies ermöglichte nun auch offiziell die Kiellegung (1936) der bereits seit 1933 geplanten Schlachtschiffe Bismarck und Tirpitz. Die Entwürfe für beide Schiffe sahen mit jeweils über 41.000 Tonnen aber von Anfang an eine Verletzung des Versailler Vertrages (der nur Tonnagen bis maximal 10.000 Tonnen erlaubte) vor, wobei dann nach Fertigstellung 1940/41 die tatsächliche Standardverdrängung der Konstruktionen sogar jeweils fast 46.000 Tonnen betrug. Dagegen wies die offizielle Angabe gegenüber der britischen Regierung pro Schiff 35.560 Tonnen aus, um den Eindruck zu erwecken, die Reichsregierung halte sich an das Flottenabkommen. Im selben Jahr gründete Ribbentrop die Deutsch-Englische Gesellschaft.

Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop als SS-Gruppenführer, 1938

Im Juli 1935 unternahm Heß eine Neuverteilung von Zuständigkeiten, wobei Ribbentrop zusätzlich die Bearbeitung der „volksdeutschen Fragen in Europa und den USA“ im Stab des Stellvertreters des Führers übertragen wurde. Dieser Erlass stellte für die NSDAP/AO (Auslandsorganisation der NSDAP) und deren Leiter Ernst Wilhelm Bohle eine wesentliche Beschneidung des Einflussbereiches dar, da nunmehr nur noch „volksdeutsche Fragen“ in Mittel- und Südamerika bearbeitet werden durften. Für Heß, aber auch für Ribbentrop – der in Bohle einen direkten Konkurrenten sah, bedeutete dies einen deutlichen Machtzuwachs. Ribbentrop erhielt eine kleine Sonderbehörde, die Dienststelle Ribbentrop, die in Konkurrenz zum Auswärtigen Amt, zum Außenpolitischen Amt der NSDAP und zur Auslandsorganisation der NSDAP (NSDAP/AO) stand. Dieser Konkurrenzkampf war für NS-Organisationen in dieser Zeit durchaus typisch. Das Auswärtige Amt unterstand Hitler direkt, die Dienststellen von Bohle und Ribbentrop unterstanden jedoch Heß.[5] Referent für die Ostpolitik im Büro von Ribbentrop wurde Peter Kleist.[6]

Bei der Entwicklung dieser Dienststelle und dem weiteren Ausbau der NS-Außenpolitik kam ihm die Unterstützung der SS zugute, deren Mitglied er seit dem 30. Mai 1933 als SS-Ehrenführer, zuerst im Range eines SS-Standartenführers, war. Erst 1938 erhielt er durch Heinrich Himmler die SS-Mitgliedsnummer 63.083 zugeteilt und wurde nun auch offiziell als Mitglied des „Stabes Reichsführer-SS“ geführt.

Von 1936 bis 1938 war er auch deutscher Botschafter in London. Gleich zu Beginn verursachte er einen Eklat, als er bei seinem Antrittsbesuch am britischen Hof den König mit „Heil Hitler“ begrüßte, die Engländer ihn dafür „Brickendrop“[7] tauften. Ribbentrop sollte für Hitler, der lange an einem Pakt mit Großbritannien interessiert war, ein Bündnis mit der britischen Regierung aushandeln, was von dieser jedoch abgelehnt wurde. Die während dieser Zeit erfahrene Ablehnung, und vermutlich auch die Sticheleien der über ihn witzelnden britische Presse, machten ihn zu einem recht entschiedenen Gegner Großbritanniens.

Am 25. November 1936 schlossen das Deutsche Reich und Japan den von Ribbentrop arrangierten Antikominternpakt. Dieser sah eine Kooperation zwischen Japan und dem Deutschen Reich zur Bekämpfung der Kommunistischen Internationale (Komintern) vor. In einem geheimen Zusatzprotokoll verpflichteten sich beide Staaten, Neutralität für den Fall zu bewahren, dass die Sowjetunion einen nicht provozierten Angriff auf einen der beiden Vertragspartner ausführen sollte. Außerdem wurde vereinbart, keine Verträge mit der Sowjetunion abzuschließen, die den betont antikommunistischen Zielen des Antikomintern-Paktes zuwiderliefen. Diesem Pakt traten 1937 Italien, 1939 Mandschukuo, Ungarn und Spanien, sowie 1941 Bulgarien, Kroatien, Dänemark, Finnland, Nanking-China, Rumänien und die Slowakei bei.

Im Zuge der Blomberg-Fritsch-Krise löste Ribbentrop am 4. Februar 1938 von Neurath als Reichsaußenminister ab: Neurath hatte in einer geheimen Sitzung (siehe Hoßbach-Niederschrift) gemeinsam mit Kriegsminister Werner von Blomberg und dem Oberbefehlshaber des Heeres, Werner von Fritsch die Kriegspläne Hitlers kritisiert. In der Folge wurden alle drei Kritiker aus ihren Ämtern gedrängt, und mit Ribbentrop schließlich ein bedingungsloser Gefolgsmann Hitlers Chef des Auswärtigen Amtes.

Ribbentrop bei der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes (hinten stehend, dritter von links)

Nachdem im März 1939 Reichstruppen in die Tschechoslowakei einmarschiert waren, versuchten die Briten, ein Bündnis mit der Sowjetunion auszuhandeln. Als das Reichsaußenministerium im April davon erfuhr, begann für Ribbentrop ein wahrer Verhandlungsmarathon, den er am 23. August 1939, zum Erstaunen der Briten, mit der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes durch den sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow auch gewann. Dieser Pakt sah, auf Initiative der Sowjetunion, auch ein geheimes Zusatzprotokoll vor, auf dem die Aufteilung des besiegten Polen zwischen dem Deutschen Reich und der UdSSR und die Neutralität der UdSSR im Falle eines Krieges in Westeuropa festgelegt wurde. Zusätzlich wurde die Zuteilung der baltischen Staaten, von Bessarabien und Finnland zu den jeweiligen Interessensphären beschlossen.

Rund eine Woche später begann dann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg mit dem Angriff auf Polen, in dessen Verlauf Polen zwischen dem Deutschen Reich und der UdSSR aufgeteilt wurde. Ein weiterer (am 28. September 1939 unterzeichneter und) von Ribbentrop verhandelter Grenz- und Freundschaftsvertrag sah, ebenfalls per geheimer Zusätze, die Übergabe von ursprünglich der UdSSR zugeschlagenen mittelpolnischen Gebieten an Deutschland vor – im Austausch mit Litauen, das ursprünglich von Deutschland besetzt werden sollte. Ferner wurde die Umsiedlung deutschstämmiger Bewohner aus dem sowjetischen Einflussbereich in die nun von Deutschland besetzten Gebiete beschlossen.

Joachim von Ribbentrop (vorn, Bildmitte) auf einer Reichstagssitzung 1941

Am 27. September 1940 schlossen Deutschland, Italien und Japan den Dreimächtepakt, der von Ribbentrop offiziell verkündet wurde und der den Antikomintern-Pakt um die militärische Komponente ergänzen sollte. Die Balkan-Staaten sowie Ungarn und Bulgarien schlossen sich diesem Pakt 1940/41 zwar ebenfalls an; Ribbentrop und Hitler scheiterten aber mit dem Versuch, Spanien und Vichy-Frankreich ebenfalls zum Beitritt zu bewegen (Kontinentalblock-Politik).

Da das Außenministerium nach dem Westfeldzug 1940 für die Juden in den vom Reich besetzten westeuropäischen Gebieten zuständig war, konnte die SS ohne Widerstand aus dem Auswärtigen Amt die Vernichtung der europäischen Juden fortsetzen, Ministerialbeamte des Auswärtigen Amtes waren mitunter sogar aktiv an Deportationen beteiligt, z.B. durch Erstellen von Deportationsbefehlen für französische Juden (siehe z.B. Wilhelmstraßen-Prozess). Die Kooperation Ribbentrops mit Himmlers SS bei der Judenvernichtung erfolgte in erster Linie über die Referatsgruppe „Inland II“ des Auswärtigen Amtes mit dessen Leiter Horst Wagner, der als Verbindungsmann zwischen Ribbentrop und Himmler fungierte, sowie dem Judenreferenten des Auswärtigen Amtes, dem promovierten Juristen Eberhard von Thadden, während die propagandistische Absicherung, Verschleierungs- und Rechtfertigungsmaßnahmen der Judenverfolgungen durch Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt alias Nachkriegsbestsellerautor Paul Carell durchgeführt wurden.

In einem Telegramm an die Deutsche Botschaft in Rom vom 13. Januar 1943 prangerte Ribbentrop Italiens passive Rolle bei der Judenverfolgung an: „Während wir das Judentum als eine Krankheit erkannt haben … glaubt die italienische Regierung, die Juden individuell behandeln zu können“.[8] Im selben Jahr erhielt Ribbentrop eine Dotation Hitlers von 1 Million Reichsmark.[9][10]

In Hitlers politischem Testament vom 29. April 1945, in dem er eine Nachfolgeregierung bestimmt hatte, war Ribbentrop nicht mehr vorgesehen. Seine Rolle als Außenminister sollte Arthur Seyß-Inquart übernehmen.[9]

Verhaftung, Prozess und Hinrichtung (1945 bis 1946)

Joachim von Ribbentrop in seiner Nürnberger Zelle November 1945

Am Ende des Krieges tauchte Ribbentrop in Hamburg unter, wo er sich ein Zimmer mietete. Er nannte sich 'Reiser'. Nach seiner Verhaftung am 14. Juni 1945 fand man bei der Durchsuchung im britischen Hauptquartier bei ihm eine versteckte Zyankali-Ampulle, ferner drei von ihm geschriebene Briefe (an Feldmarschall Montgomery, an Außenminister Eden, an 'Vincent' [von ihm falsch geschrieben, gemeint ist Winston] Churchill). Gedacht waren sie für später, wenn sich die allgemeine Lage wieder beruhigt habe.[11] Bis zu seiner Überstellung nach Nürnberg im August 1945 war er mit anderen NSDAP-Größen und hohen Militärs der Wehrmacht im Kriegsgefangenenlager Nr. 32 Camp Ashcan im luxemburgischen Bad Mondorf interniert.

Nach Kriegsende wurde Ribbentrop vor dem Nürnberger Tribunal angeklagt. Ihm wurden Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt. Während der 218 Verhandlungstage in Nürnberg zeigte Ribbentrop auf der Anklagebank keinerlei Reue. Er wurde schließlich am 1. Oktober 1946 in allen Anklagepunkten für schuldig befunden, zum Tod durch den Strang verurteilt und als erster der zehn zum Tode Verurteilten am 16. Oktober 1946 um 1.12 Uhr im Nürnberger Justizgefängnis hingerichtet.

Die Leiche Ribbentrops wurde wie die Leichen der anderen Hingerichteten am 17. Oktober 1946 im Krematorium des Münchener Ostfriedhofs eingeäschert, die Asche anschließend in einen Zufluss zur Isar gestreut.

Rezeption und Sonstiges

Schon zu seinen Lebzeiten war Joachim von Ribbentrop eine höchst umstrittene Figur. Hitler selbst hielt große Stücke auf „seinen“ Diplomaten, den er als „Genie“ und – nach dem erfolgreichen Abschluss des Deutsch-Britischen Flottenvertrages – als „meinen eigenen Eisernen Kanzler, ein zweiter Bismarck“ bezeichnete.

Im Gegensatz dazu fällten viele andere führende NS-Politiker dezidiert negative Urteile über Ribbentrop. Joseph Goebbels meinte beispielsweise, wie er seinem Tagebuch anvertraute, Ribbentrop habe seinen Namen, sein Geld geheiratet und seinen Weg in Amt und Würden durch Schwindelei erreicht. Außerdem, so der Propagandaminister, könnten fast alle Spitzenvertreter des Reiches wenigstens eine lobenswerte Eigenschaft vorweisen – Ribbentrop hingegen besitze gar keine.

Der französische Botschafter Robert Coulondre beschrieb Ribbentrop als einen Mann mit „kalten, leeren, mondähnlichen Augen“, der zwar auf den ersten Blick gut aussehe, bei genauerem Hinsehen jedoch „nichts Menschliches“ an sich habe, außer „den niederen Instinkten.“[12] Hans-Otto Meissner, der als Attaché im Auswärtigen Amt und als Sohn von Hindenburgs Staatssekretär Otto Meissner Gelegenheit hatte, Ribbentrop aus der Nähe zu beobachten, erinnerte sich an ihn als einen „überaus eitle[n], und wenn man von seinem arroganten Gesichtsausdruck absieht, auch gutaussehenden Mann.“[13]

Der US-amerikanische Historiker, Journalist und Publizist William L. Shirer, der von 1925 bis zum Ende des Krieges in Europa als Journalist und Berichterstatter arbeitete, beschreibt Ribbentrop in seinem Berliner Tagebuch wenig schmeichelhaft als blasiert und überheblich anhand seiner Beschreibung einer Pressekonferenz, zu der Ribbentrop erschien, „um sich blickend, als gehöre ihm die Welt“.[14]

Auch andere Zeitgenossen betonten routinemäßig den Eindruck von Arroganz und Parvenühaftigkeit, den Ribbentrop auf sie machte und der in eigentümlichem Kontrast zu seinen als wenig beeindruckend empfundenen Leistungen stand. Der Diplomat von Ribbentrop wurde dementsprechend, in Anspielung auf seinen früheren Beruf, von vielen als „Sektreisender“ verspottet. Im Volksmund machten seit den späten 1930er Jahren verschiedene Wendungen die Runde, die Ribbentrop in ein wenig respektvolles Licht rückten, zum Beispiel der Vergleich, jemand sei „dumm wie Ribbentrop“. Noch in den 1950er Jahren sah ein deutscher Journalist Ribbentrop als den Prototyp des „aufgeblasenen“ Diplomaten.[15]

Nevile Henderson, der als britischer Botschafter in den 1930er Jahre in engem Kontakt zu Ribbentrop stand, erblickte in diesem eine rare „Verbindung aus Eitelkeit, Dumpfheit und Oberflächlichkeit.“ Des Weiteren meinte er, dass die Ressentiments und Fehleinschätzungen, die der deutsche Diplomat Großbritannien entgegengebracht habe, ein schwerwiegendes Hindernis gewesen seien, das einem besseren Verständnis beider Länder im Wege gestanden habe.

Die Gewohnheit Ribbentrops, Hitlers rhetorischen Stil, seine Gesten und Posen nachzuahmen, veranlasste Göring zufolge viele NS-Funktionäre, den Außenminister als „Papagei“ zu verspotten.

Fritz Günther von Tschirschky, der als Adjutant von Hitlers Vizekanzler Franz von Papen die politischen Ereignisse in Berlin in den Jahren 1933/1934 aus nächster Nähe beobachten konnte, erblickte in Ribbentrop einen Mann, der keine Qualitäten mitbrachte, die ihn für ein hohes Amt qualifiziert hätten, außer dem Ehrgeiz, den er besessen habe: „Ribbentrop war farblos, ohne Geist, er wollte ein Herr sein und eine Rolle spielen.“[16]

Ribbentrops langjähriger Staatssekretär Ernst von Weizsäcker wertete rückblickend den Umstand, dass „eine Erscheinung [von Ribbentrops] Art“ im nationalsozialistischen Staat ein so hohes Amt wie das des Außenministers erreichen konnte, als einen schlagenden Beweis dafür, dass das System, in dem dies möglich war, einen Fehler in sich barg.[17]

Schriften

  • Annelies von Ribbentrop: Die Kriegsschuld des Widerstandes. Aus britischen Geheimdokumenten 1938/39. Aus dem Nachlass herausgegeben von Rudolf von Ribbentrop. Druffel-Verlag, Leoni am Starnberger See 1974.
  • Joachim von Ribbentrop: Zwischen London und Moskau. Erinnerungen und letzte Aufzeichnungen. Aus dem Nachlass herausgegeben von Annelies von Ribbentrop. Druffel-Verlag, Leoni am Starnberger See 1954.

Literatur

  • Michael Bloch: Ribbentrop. Bantam, London 1992. (Standardbiographie; in Englisch)
  • Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, Karl Blessing Verlag, München 2010, ISBN 3-89667-430-7, ISBN 978-3-89667-430-2.
  • Christopher R. Browning: The final solution and the German Foreign Office. A study of Referat D III of Abteilung Deutschland 1940–43. Holmes & Meier, New York 1978, ISBN 0-8419-0403-0.
  • Hans-Jürgen Döscher: SS und Auswärtiges Amt im Dritten Reich. Diplomatie im Schatten der „Endlösung”. Ullstein, Frankfurt 1991, ISBN 3-548-33149-1.
  • Joachim Fest: Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft. zahlr. Auflagen, u. a. München, 11. Auflage 1994, ISBN 3-492-11842-9. (Der Band enthält auch ein Profil Ribbentrops.)
  • Milan Hauner: The Professionals and the Amateurs in National Socialist Foreign Policy. Revolution and Subversion in the Islamic and Indian World. In: Gerhard Hirschfeld & Lothar Kettenacker: Der „Führerstaat“: Mythos und Realität. Stuttgart 1981, S. 305–328.
  • Joe J. Heydecker & Johannes Leeb: Der Nürnberger Prozess Reihe: KiWi 761. Kiepenheuer, Köln 2003
  • Jörg Hiltscher: Die deutsch-türkischen Beziehungen 1940-1942 in der Perzeption Hitlers, Ribbentrops und Papens. Eine Studie unter besonderer Berücksichtigung ihrer nachrichtendienstlichen Perzeption Ludwigsfelde 2011
  • Guido Knopp, Matthias von Hellfeld: Hitlers Helfer. Goldmann, 1999, ISBN 3-442-15017-5, S. 231 ff.
  • Wolfgang Michalka: Ribbentrop und die deutsche Weltpolitik. Außenpolitische Konzeptionen und Entscheidungsprozesse im Dritten Reich, Fink, München 1980.
  • Erich Stockhorst: 5000 Köpfe. Wer war was im Dritten Reich? Arndt, Kiel 2000, ISBN 3-88741-116-1.
  • Lars Lüdicke: Griff nach der Weltherrschaft. Die Außenpolitik des Dritten Reiches 1933–1945, Bebra, Berlin 2009, ISBN 978-3-89809-408-5.
  • Paul Schwarz: This man Ribbentrop. His life and times. J. Messner, New York 1943 (Zwei Aufl.; keine dt. Übers.)
  • Paul Seabury: Die Wilhelmstraße. Nest, Frankfurt 1956 (engl. 1954), passim.

Weblinks

 Commons: Joachim von Ribbentrop – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Les années liberté, 1944–1945, Le Républicain Lorrain, Metz, 1994, (p. 32). (fr) und L’Express, n° 2937, «Metz en 1900», 18–24 Oktober 2007. (fr)
  2. Ueli Haldimann (Hrsg.): Hermann Hesse, Thomas Mann und andere in Arosa – Texte und Bilder aus zwei Jahrhunderten, AS Verlag und Buchkonzept AG, Zürich 2001, ISBN 3-905111-67-5, S. 143
  3. Joachim von Ribbentrop (1893–1946), Geschrieben von André Krajewski auf Shoa.de
  4. Tammo Luther: Volkstumspolitik des Deutschen Reiches 1933–1938: die Auslandsdeutschen im Spannungsfeld zwischen Traditionalisten und Nationalsozialisten. Franz Steiner Verlag Taschenbuch Verlag, 2004, ISBN 3-515-08535-1, S. 126.
  5. Tammo Luther: Volkstumspolitik des Deutschen Reiches 1933–1938: die Auslandsdeutschen im Spannungsfeld zwischen Traditionalisten und Nationalsozialisten. Franz Steiner Verlag Taschenbuch Verlag, 2004, ISBN 3-515-08535-1. Diagramm „Versuche zur Zentralisierung der Volkstumspolitik (Volksdeutscher Rat) / Stufe II (15. Oktober 1934)“, Organigramm Stab Rudolf Heß/Bormann↔Hitler↔Auswärtiges Amt, S. 113.
  6. Andreas Zellhuber: „Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu …“. Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941–1945. Vögel, München 2006, S. 74. (Quelle: Kleist: Auch du warst dabei. Kriegstagebuch von Otto Bräutigam, S. 171.)
  7. to drop a brick = sich taktlos benehmen
  8. Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 494.
  9. a b Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 494.
  10. Gerd R. Ueberschär, Winfried Vogel: Dienen und Verdienen. Hitlers Geschenke an seine Eliten. Frankfurt 1999, ISBN 3-10-086002-0
  11. Joe J. Heydecker, Johannes Leeb: Der Nürnberger Prozess [= KiWi 761]. Köln 2003, S. 65f
  12. Joachim C. Fest: The Face of the Third Reich, 1970, S. 178.
  13. Hans-Otto Meissner: Junge Jahre im Reichspräsidentenpalais, 1987, S. 339.
  14. William L. Shirer: Berliner Tagebuch, 1995, S. 203.
  15. Der Spiegel 1950 Nr. 8, S. 15.
  16. Fritz Günther von Tschirschky: Erinnerungen eines Hochverräters, 1973, S. 140.
  17. Fritz Karl Michael Hillebrand: Underground Humour in Nazi Germany, 1995, S. 47. Hier lautet die Passage in englischer Sprache: “The fault was in the system as such which made it possible that an apparition of this kind could become foreign secretary and in that capacity serve a nation of seventy million for seven years.”

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