Montague, Lady

Montague, Lady, Lady Maria Wortley, geb. 1690 zu Thoresby in der Grafschaft Nottingham, eine Tochter des Herzogs von Kingston und der Lady Maria Fulding, zeigte schon in früher Jugend die glücklichsten Anlagen, und erlernte sehr bald die griechische, lateinische, französische, italienische und deutsche Sprache. Ihre im August 1712 vollzogene Verbindung mit Herrn Wortley Montague wurde Anfangs, wir wissen nicht warum, geheim gehalten. Als ihr Gemahl, früher Lord-Schatzmeister, den Gesandtschaftsposten in Constantinopel erhielt, folgte Lady Maria ihm dorthin, und der interessanteste Theil ihrer Briefe ist unstreitig der, welcher uns Kunde von dieser Reise gibt. Sie besuchte Holland, durchreiste Deutschland, sah Wien, und begab sich über Ungarn nach Constantinopel. Sogleich nahm sie Unterricht in der türkischen Sprache; erlernte dieselbe binnen einem Jahre, erhielt von dem Sultan Ahmet III. Zutritt im Serail, und trat in das innigste Verhältniß mit Fatima, des Sultans Favoritin. Hierdurch ward sie in den Stand gesetzt, uns das erste richtige Bild von dem Harem des Sultans zu geben. In Beligrad, einer kleinen, vier Meilen von Constantinopel entfernten Stadt, erhielt Lady Maria die erste Kunde von der Einimpfung der Blattern, und war von deren wohlthätigen Wirkungen so überzeugt, daß sie ihren Sohn an Ort und Stelle impfen ließ, und das Mittel in Europa bekannt machte. Herr Wortley wurde nach einem dreijährigen Aufenthalte in der Türkei von seinem Posten abberufen, schiffte sich mit seiner Gemahlin nach Italien ein, besuchte von dort aus Tunis und die Trümmer Karthago's; sie begaben dann sich nach Genua, und kehrten von hier über Frankreich nach England zurück. Jetzt lebte Lady Maria eine Zeit lang ganz ihrem Geschmacke für Wissenschaft und Literatur, versammelte in Twickenham, einem freundlichen Dorfe drei Meilen von London, die geistreichsten Männer ihrer Zeit, wie Pope, Addisson, Young etc., veruneinigte sich aber bald mit Pope, hatte eine Menge Unannehmlichkeiten mit den Tories, deren Gegner sie war, und entschloß sich deßhalb zu einer Reise nach Italien. Ihren Wohnsitz bald in Venedig, bald in Lovere am See Iseo wählend, widmete sie sich mit Eifer ihren Lieblingsstudien, und faßte eine so große Vorliebe für dieses Land, daß sie 22 Jahre dort blieb, und erst nach dem Tode ihres Gemahles, 1761, nach England zurückkehrte. Auf der Reise durch Frankreich lobte Jemand die Briefe der Frau von Sévigné, worauf sie erwiderte: »sie sind recht hübsch, aber in 40 Jahren werden die meinigen nicht minder beliebt sein.« Indessen hatte ihre Gesundheit merklich gelitten: häufiges Unwohlsein fesselte sie oft an das Krankenlager, und bereits den 21. August 1762 starb sie 73 Jahr alt im Kreise ihrer Familie. In der Cathedrale von Lichtfield erhebt sich ein dem Andenken dieser berühmten Frau geweihtes, marmornes Denkmal mit einer sinnigen Allegorie auf ihr menschenfreundliches Streben. Es ist darauf die Schönheit dargestellt, Thränen über dem Grabe derjenigen vergießend, die durch die Einführung der Blatternimpfung in Europa sich ein so großes Verdienst erwarb. Briefe, einzelne Fragmente und wenige Dichtungen der Lady Montague sind in fünf Bänden gesammelt und 1803 nach den Original-Papieren gedruckt worden. Die englischen Kritiker, die Lady Montague mit der Frau von Sévigné verglichen haben, wollten vermuthlich nur damit sagen, daß Erstere ihrer Nation das geworden ist, was die Mutter der Frau von Grignan für die französische ist, da sowohl die ganze Richtung des Geistes, als der Styl beider durchaus verschieden sind. Maria wurde von Stolz und Ehrgeiz beherrscht; warmes, inniges Gefühl war ihrem Herzen fremd, nie zufrieden mit sich und ihrer Lage strebte sie immer nach etwas Anderem, als ihr gerade beschieden war. »Im 16. Jahre bedauerte sie nicht ein Mann zu sein; im 30. wünschte sie sich 10 Jahre jünger; als Gattin und Mutter war sie die eifrigste Lobrednerin des ehelosen Lebens.« Obgleich ihr die französischen Moden lächerlich dünkten, ließ sie sich doch, so lange sie noch den Wunsch zu gefallen hegte, ihren Putz aus Frankreich kommen. 68 Jahre alt hatte sie 11 Jahre in keinen Spiegel gesehen, und die Besuchenden empfing sie im Domino und mit der Maske vor dem Gesichte. In ihren alten Tagen endlich, als sie eine derbe Bäuerin an sich vorübergehen sah, bedauerte sie nicht gleich dieser ihr ganzes Leben lang unwissend und frei vom Ehrgeize gewesen zu sein. Ihre Fragmente und Dichtungen verdienen weniger Aufmerksamkeit, als ihre Briefe, obgleich auch sie von den glücklichsten Talenten zeugen; sie enthalten tiefe und zarte Gedanken und oft beißenden Witz. Endlich können wir nicht umhin anzudeuten, daß der letzte den Briefen beigefügte Band wohl die Neugierde des Lesers zu befriedigen vermag, aber eher dem Ruhme dieser geistreichen Frau schadet, als Nutzen bringt.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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