Teppiche

Teppiche, nächst den Spiegeln der kostbarste Schmuck reicher Gemächer, kamen durch die Kreuzzüge aus dem Morgenlande, wo sie seit uralter Zeit im Gebrauch waren, zuerst nach Europa. Matten und Decken, eine gröbere Art Teppiche, hatten früher an ihrer Statt gedient die Klosetts vornehmer Damen zu bekleiden; aber für die Säle und Wohnzimmer kannten selbst Majestäten nur zierlich ausgelegte, oder mit Mosaiken gezierte Fußböden. Eine Ausnahme davon machte Byzanz, wo asiatischer Luxus und asiatische Sitte dergestalt vorherrschten, daß man seine geographische Lage vergaß und es dem ihm nahen Oriente fast beizählte. Dort in den von leichten Arkaden gestützten Hallen, in welche der heiße Tag nur durch wenige Oeffnungen hinein schaut und die um Kühlung zu erhalten mit Marmor gepflastert sind, mußte, zumal da die Morgenländerinnen im Innern des Hauses auf bloßen Füßen gehen, bald auf eine weiche Bedeckung des Bodens gedacht und der Teppich ersonnen werden. Er, nebst dem Divan, mit dem er an Pracht und Schönheit wetteifert, sind, ein Paar bemalte und vergoldete Kisten zuweilen mit eingerechnet, das ganze Mobilar eines orientalischen Zimmers, das nie in irgend einer Beschuhung betreten werden darf. Ruht die Herrin oder der Fürst auf dem Divan, so lagert sich die dienende Schaar ihnen zu Füßen auf dem Teppiche, einzelne Kissen bietet man nur selten sehr begünstigten Personen. Auf dem Teppiche schläft, spielt und arbeitet die Sclavin, auf dem Teppiche läßt sich der geringere Besuchende vor dem Höhergestellten nieder. Die feinste Wolle, Seide und Gold verschlingen kunstreich ihre Fäden, um diese unerläßliche Zier zu schaffen, und fabelhaft erscheinen uns die Beschreibungen von dem, was orientalische Weber auf den Teppichen vorzustellen wußten und noch darstellen. Es war dabei besonders in alten Zeiten sehr gebräuchlich, Teppichen, die für irgend einen Großen eigends gewebt wurden, seinen Namen dem des Fabrikorts beizufügen, wie denn ein in den hochberühmten Werkstätten des ehemaligen Tuneh, für Harun al Raschid gemachter Teppich folgende Inschrift trug: »Im Namen Gottes! Der Segen Gottes sei auf dem Khalifen Radschid Abdallah Harun, Fürst der Gläubigen. Dieser Teppich ist auf Befehl Fadt den Rebi in der Fabrik zu Tuneh im Jahr 190 gemacht worden.« Dieser Ort, der auf dem Delta des Nils lag, war so wie Damiette, Domairah und Dabik ausgezeichnet in Verfertigung der Prachtstoffe des Orients, wurde jedoch mit sämmtlichen Genannten durch das benachbarte Tenuis, das jährlich durch seine Kunstfertigkeit nur in Irak an 20–30,000 Dinare gewann, bei Weitem noch übertroffen. Aegypten war überhaupt in der Vorzeit durch seine Webereien das, was jetzt Caschmir für den Orient und Occident zugleich ist, rücksichtlich der Teppiche jedoch concurrirte auch Armenien stark mit ihm. Die Umgegend des Ararat nämlich nährt jene Purpurthierchen (coccus polonicus). welche die Wolle mit dem prächtigen Scharlach oder Purpurroth färben, das die Teppiche von Debil, die von Trebisonde aus über ganz Asien verbreitet wurden, auszeichnete. In neuern Zeiten hat Persien den Hauptruhm im Fertigen der Teppiche, ohne jedoch Kabul und in ihm die kleine schon erwähnte Provinz Caschmir zu übertreffen. Welchen Werth die dort gearbeiteten Teppiche haben, kann man nach den Shawls abnehmen und wir erinnern dabei zugleich an den, der einst dem englischen Gesandten für 50,000 Thlr. angeboten ward. Ein mor genländischer Großer hatte ihn für einen Audienzsaal als Teppich bestellt und er sollte nach dessen plötzlichem Tode um jene Summe weit unter seinem Werthe verkauft werden. Gehen wir jetzt von diesem Luxus der Orientalen zu seiner Nachahmung in Europa über, so finden wir bei all' unserer Kunst ihm nichts. Aehnliches an die Seite zu setzen. Wohl sind unsre Haupt- und Fabrikstädte nicht minder thätig im Wirken geschmackvoller Teppiche; aber die Kostbarkeit des Materials und die mühseligste Stickerei derselben behält immer der Osten, die alte Wiege der Kunst und Ueppigkeit. Dort deckt der Teppich, sei er auch noch so schön, nie den Tisch, wie vorzüglich im Mittelalter vornehme Sitte bei uns vorschrieb; aber auch niemals trägt er dort das Abbild der Menschengestalt, was der Koran als Sünde verbietet. Die italienischen Handelsfürstinnen Venedig und Genua fügten bald diese Verschönerung dem Teppiche bei, und man sah deren später, welche geschichtliche und mythologische Gegenstände veranschaulichten. Die Wolle blieb indeß immer das beliebteste Material zum Weben der Teppiche, und erst dem raffinirten Aufsuchen des Bessern im Neuen gebührt der Einfall Teppiche aus Federn zu schaffen. Mexico, der mächtige Kaiserstaat des neuentdeckten Amerika. hatte zwar allerdings schon seinen Eroberern Teppiche aus dem Glanzgefieder der heimischen Vögel gezeigt; allein diese Herrlichkeiten sind bereits so sehr zur Tradition geworden, daß man die europäischen Federteppiche ruhig eine Erfindung nennen kann. Dasselbe gilt von der als Bettfuß. teppich dienenden Tiger- oder Pantherhaut im Schlafzimmer der Pariserin; denn schon damals, als die Modengesetze dictirende Hauptstadt noch ein Morast war, streckte bereits das Fell des erlegten Raubthiers sich als Teppich dem afrikanischen oder asiatischen Jäger zu Füßen, wenn er nicht gerade nöthig hatte es zur Kleidung zu verwenden. Nationen, die wir Wilde nennen, z. B. die Südseeinsulaner, bedienen sich der feingeflochtenen Binsen-, Bast- und Rohrmatten als Teppiche. Ein Gleiches geschieht in Indien häufig und ist von dort sogar nach England übergegangen, weil der weltumsegelnde Brite diese neue Verschönerung seiner Sommersitze gern mit nach dem Vaterlande nahm. Der wollene Teppich deckt Treppen, Säle, Gänge und Zimmer des Stadtbewohners oder dasselbe im Schlosse des Lords; seinem Kiosk, Gartenhaus oder seiner zierlichen Meierei, wie man es nennen will, bleibt die indische Matte zur Fußbodendecke. In London selbst endlich werden schöne Teppiche fabricirt, sowie in Frankreich und den Niederlanden, auch zu Wien und Dresden. Die tyroler Teppiche sind Erzeugnisse einer ordinärern Industrie und trotz ihrer großen Verbreitung doch.nur in den untersten Ständen gewöhnlich Gestickte Teppiche, es sey in gros point oder Plattstich, werden stets der bedeutendste Gegenstand zierlicher Frauenarbeit sein. Die sogenannten Freundschaftsteppiche, zu welchen jede Freundin der künftigen Besitzerin einen Theil liefert, empfehlen wir, als eine artige Idee unsern Leserinnen zur Nachahmung. Man wählt dazu Zeichnungen, welche ein großes, beliebig zu füllendes Quadrat in Losangenform, umgeben von Arabesken, bieten, und theilt diese unter die Bekannten aus. Jedes solches in Kreuzstich mit Blumen oder Thierstücken nach Ueberein kunst gezierte Stück wird später vom Tapezier vermittelst der nämlichen Arabeske zusammen gesetzt und ein großes Ganze daraus zum Teppich umgewandelt. Bordüre dazu in den Farben der Arabeske. Die Teppiche in geschorner Stickerei sollten die niederländischen, jetzt auch in Deutschland häufigen Sammetteppiche nachahmen.

F.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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