Katharina II., Kaiserin von Rußland

Katharina II., Kaiserin von Rußland, Kaiserin von Rußland, eine der größten Frauen, die uns im Pantheon der Geschichte begegnen, die eigentliche Schöpferin der mächtigen Monarchie, zu der Peter der Große den Grundstein gelegt hatte und die durch sie in die Reihe der civilisirten europäischen Staaten ihren Platz erhielt, erblickte am 25. April 1729 in Stettin, wo ihr Vater, der Fürst Christian August von Anhalt-Zerbst, Militärgouverneur war, das Licht der Welt. Sie erhielt eine sorgfältige Erziehung und glänzte durch Schönheit und Geist unter den deutschen Fürstentöchtern, so daß sie Friedrich ll. der Kaiserin Elisabeth, die für ihren Neffen Peter, dem sie die Thronfolge bestimmt hatte, eine Gemahlin suchte, empfahl. Der Kaiserin war es darum zu thun, eine Fürstin zu finden, die ihr selbst die Erhebung auf den Kaiserthron verdanken und den künftigen Beherrscher Rußlands unter ihrem Einflusse erhalten und bilden sollte, daher mußte ihr die Prinzessin Sophie Auguste, die ohne die Aussicht auf ein so glänzendes Schicksal, mithin ohne Ansprüche aufgewachsen war, willkommen sein, als sie auf ihre Veranlassung mit ihrer Mutter Elisabeth von Holstein in Moskau erschien. Peter war rauh und ungebildet, ohne Geist, ohne Liebenswürdigkeit und ohne Interesse für irgend etwas Anderes, als die Uebungen seiner Soldaten; er selbst hatte demnach bei der Wahl seiner Gemahlin keine Stimme, die Kaiserin bestimmte ihm die junge Prinzessin von Anhalt. Dieselbe trat zur griechischen Kirche über und empfing die Namen Katharina Alexiewna. Mit verschwenderischer Pracht ward am 1. September 1745 die Vermählung mit dem Großfürsten gefeiert. Katharina hatte denselben nie geliebt, es war über ihr Schicksal bestimmt worden, ohne daß man eine Zuneigung beider Ehegatten für nothwendig erachtete, darum blieb ihr auch die Aussicht auf häusliches Glück fremd. Siebzehn Jahre brachte sie in trauriger Zurückgezogenheit zu, ganz sich selbst überlassen; Peter, der sich ihr niemals sehr genähert hatte, entfernte sich immer mehr von ihr, und diese langjährige Einsamkeit, in der sie ganz auf sich beschränkt war, hat auf ihr späteres unabhängiges Wirken den entschiedensten Einfluß ausgeübt und ihrem Geiste und Gemüthe jenes Gepräge von Strenge und Unbeugsamkeit verliehen, das sie über so viele Verhältnisse und Rücksichten, an die der weibliche Charakter gefesselt zu sein scheint, erhoben hielt und zum Mann, zum Schöpfer ihrer Thaten bildete. Aehnliche Schicksale hatte 2 Jahrhunderte vorher Englands Elisabeth gehabt, und eine Parallele, die man aus diesem Gesichtspunkte zwischen beiden Fürstinnen ziehen kann, wird viele Anhaltpunkte treffen, wo sich beider Sinn- und Handelsweise begegnen. Unter Peter's Umgebungen war es zunächst dessen Adjutant, Soltikoff, der Katharina's Augen auf sich zog, und in diese Zeit fallt die Geburt Paul's I., der seiner Mutter auf dem Thron folgte. Das Verhältniß mit Soltikoff blieb aber nicht verborgen, er wurde in's Ausland geschickt und die Großfürstin fand bald Ersatz in dem jungen Stanislaus August Poniatowski, dem sie später die Krone von Polen ertheilte. Weniger das Anstößige seines Umganges mit Katharina als seine politischen Gesinnungen bewirkten seine Abberufung von Petersburg; auch machte diese auf K. einen minder tiefen Eindruck, da um dieselbe Zeit 1761 die Kaiserin Elisabeth mit Tode abging und Peter III. den Kaiserthron bestieg. Katharina's Ehrgeiz und die Begierde zu herrschen traten jetzt in ihrer Seele mächtiger hervor und drängten für einige Zeit die Angelegenheiten des Herzens in den Hintergrund um so mehr zurück, als sie befürchten mußte, ihr Gemahl, der jetzt ihr Kaiser geworden, werde nun auch ihr strenger Gebieter werden. In der Zurückgezogenheit von Peterhof bildete sich die Verschwörung, deren Hauptmitglieder der Graf Panin, Gregor Orloff, der in der Kaiserin Gunst Poniatowski ersetzt hatte, und die Fürstin Daschkoff u. A. waren. Unter den vielen Umständen, die günstig und befördernd für Katharina's Partei wirkten, ist namentlich. der hervorzuheben, daß Peter III. durch seine rohe Handlungsweise sich beim Volke täglich verhaßter machte. Eben aber standen die Entwürfe auf dem Punkte zu scheitern, denn schon war ein Mitverschworner im Gefängniß, als die Kaiserin mit männlicher Entschlossenheit den Moment erfaßte, mitten in der Nacht Peterhof verließ und in Petersburg erschien, wo man die nöthigen Vorbereitungen bereits getroffen hatte. So kam die Nacht vom 8. zum 9. Juli 1762, die Truppen waren gewonnen, das Volk bestochen, die Ereignisse weniger Stunden setzten Rußlands Krone auf K's Haupt. Der Würfel war gefallen, und das beispiellos glückliche Gelingen aller Plane setzte die Kaiserin selbst in Erstaunen, nur eins erheischte noch die Nothwendigkeit: der Morgen des 14. Juli fand Peter III. erdrosselt im Gefängniß, nachdem er bereits am 9. die Zügel der Regierung in die Hand K's gelegt hatte. Sein grausames Ende lag aber nicht in Katharina's Plane; die Geschichte spricht sie von einer solchen Unthat frei. Orloff's unzeitiger Eifer veranlaßte die Blutschuld. Ein Zeitraum von 34 Jahren liegt jetzt vor uns, der das segensreiche Wirken Katharina's der Großen für das Wohl und namentlich für das innere Wohl, für die Kulturbeförderung ihres ungeheuern Reichs umschließt. Wenn es als zweckmäßig erscheint, das, was jetzt von ihrer Regierung zu sagen sein wird, in ihr inneres Walten und in die Handlungen, die nach außen hin den großen Zweck, Rußland in die europäische Staatenreihe einzuführen, verwirklichten, einzutheilen, so betrachten wir zunächst Katharina in ihrer Stellung zur Kultur des Reichs. Unermeßliche Steppen, hauptsächlich im Süden, wurden namentlich durch Fremde, die sie unter vortheilhaften Bedingungen zur Einwanderung und zum Anbau einlud, bevölkert und urbar gemacht, Städte angelegt, Ackerbau, Gewerbe und Handel gehoben, die Aufklärung befördert, die Nahrungszweige vervielfältigt. Katharina selbst legte die erste Hand an das Werk eines allgemeinen Gesetzbuches und war unablässig mit der Realisirung dieser großen Idee beschäftigt; obgleich die Ausführung vieler und selbst der zweckmäßigsten Neuerungsentwürfe, vornehmlich der mit der nothwendigen Abänderung alter und unzeitiger Gewohnheiten und Institute verbundenen, allgemeine Unzufriedenheit erregte. So zeigten sich gleich in ihren ersten Regierungsjahren Empörungen und Aufstande, vor Allem zu Gunsten des in Schlüsselburg gefangen gehaltenen Iwan, des Großneffen Peter's I., den die Kaiserin Elisabeth der Thronfolge beraubt hatte. Der Ausbruch einer umfassenden Verschwörung ward glücklich vereitelt, der unglückliche Großfürst kam dabei um's Leben. – Ihre Wirksamkeit nach außen begann K. mit der Erhebung Poniatowski's auf den polnischen Thron; bald darauf ward ihr von der Pforte der Krieg erklärt, sie ging aus demselben siegreich und mit bedeutendem Gewinn hervor; spätere Feindseligkeiten hätten beinahe die gänzliche Vernichtung der türkischen Macht in Europa herbeigeführt, wäre nicht durch Oestreichs Eifersucht und vorzüglich durch den Aufstand im Süden des Reichs, wo sich ein falscher Peter III. erhoben hatte, dieser Schlag und die Ausführung des Plans, ein griechisches Kaiserthum zu stiften, vereitelt. Neben den wichtigen Vortheilen, die im Frieden zu Kainardschi 1774 errungen wurden, erhielt Rußland eine namhafte Vergrößerung durch die erste Theilung Polens 1772; und als später auch Joseph II. einem Bündnisse gegen die Türken sich angeschlossen hatte, wurden nächst dem eroberten Taurien noch mehrere Festungen an der Donau gewonnen. 1793 erfolgte die zweite und 1795 die dritte Theilung Polens und auch im äußersten Osten des russischen Reichs mußte Persien große Länderstrecken den siegreichen Armeen K's abtreten. Minder groß als in ihrem öffentlichen Wirken erscheint K. in ihrem Privatleben, und namentlich ist es ihr Verhältniß zu ihrer männlichen Umgebung, wodurch sie in den Schatten gestellt wird; wenige ihrer Günstlinge konnten sich jedoch, mit Ausnahme des einzigen Potemkin, langer als einige Monate erhalten; auch blieben sie großentheils ohne entschiedenen Einfluß. K. war wissenschaftlich hochgebildet, stand auch mit den gelehrten Franzosen ihrer Zeit, mit Voltaire, Diderot, d'Alembert u. A. in genauer Verbindung und ihre Correspondenzen enthalten eben so geistreiche als witzige und treffende Einfälle. – Ein Schlagfluß endigte ihr Leben am 25. November 1797.

T.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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