Dorothea, Herzogin von Kurland

Dorothea, Herzogin von Kurland

Dorothea, Herzogin von Kurland, geborene Reichsgräfin von Medem. Ausgezeichnete Naturgaben und eben solche Schicksale waren dieser hohen Frau beschieden, die sich ihren Zeitgenossen durch hinreißende Anmuth, nie zu erschöpfende Herzensgüte und eine Wohltätigkeit unvergeßlich macht, welche nie auf Dank rechnete, sondern in sich selbst ihre höchste Befriedigung fand. Einem der vornehmsten Geschlechter Kurlands, dem der Reichsgrafen von Medem entsprossen, begrüßte sie am 3. Februar 1761 zu Mesothen, einem Landgute, zum ersten Mal das Licht. Obgleich sie ihre Mutter, geborene von Mannteufel, früh verlor, so füllte doch eine treffliche Erzieherin den Platz derselben würdig aus, indem sie Dorotheen und ihren zwei jüngeren Brüdern niemals weder die Liebe noch die treue Sorgfalt einer Mutter vermissen ließ. Fern von jedem Zwang, und doch stets beobachtet, stets theils durch Blick, Wort und Beispiel zurecht gewiesen und zum Guten ermuntert, wuchs Dorothea fröhlich auf, und ihre Seelenkräfte entwickelten sich in gleichem Maße, wie die körperlichen Reize, durch die sie noch im Alter zu glänzen vermochte Während ihre älteren Geschwister unter einer strengen, oft lieblosen Aufsicht seufzten, war der Morgenhimmel ihrer Kinderjahre völlig wolkenlos, und selbst als ihr Vater späterhin sich wieder vermählte, brachte die neue Mutter nicht, wie so oft geschieht, eine stiefmütterliche Gesinnung mit in's Haus, sondern Dorothea wurde ihr Liebling, da die einschmeichelnde Grazie alle Herzen fesselte, und sie sich durch ihre entgegenkommende anschmiegende Zärtlichkeit und ihre unversiegbare gute Laune, gleich bei der ersten Zusammenkunft deren vollste Neigung gewann. Völlig geebnet blieb daher der früheste Weg ihres Daseins, weil Liebe und Wohlwollen gegen sie der Grundton des Familienlebens war, und Alles sich bestrebte, die holde Kleine zu erfreuen, die man als den Schmuck des Hauses betrachtete. So, gehegt und gepflegt an Leib und Seele, trat sie in ungetrübter Heiterkeit aus dem unschuldsvollen Paradies einer glücklichen Kindheit in das von mannichfachen Gefühlen, so wie von inneren und äußern Stürmen bewegte Mädchenalter über. Sie war nicht frei von jener harmlosen Eitelkeit, die sich freut, die Bewunderung »der Menschen auf sich zu ziehen. Ihre Schönheit versammelte eine Menge Anbeter und Bewerber um sie her, und ihr leicht erregbares, für Liebe empfängliches Gemüth lernte früh den geheimnißvollen Zauber der Sehnsucht, der Hoffnung und den Reiz der allgemeinsten Huldigung, aber auch den Schmerz der Täuschung, der Reue und des Undanks kennen. Mehrere Herzensverbindungen, theils von den Verhältnissen nicht begünstigt, theils – unbegreiflicher Weise – durch männlichen Wankelmuth aufgelöst, brachten ihr bittere Erfahrungen. die den Frohsinn ihrer Jugend unterbrachen. Doch gestützt von ihrer trefflichen Schwester, Elise von der Recke (s. d.), die stets als ihre treueste Freundin sich bewährte, und den leicht von der Phantasie hingerissenen Sinn in seinen Eindrücken zu berichtigen, und außerdem zu stärken und zu erheben suchte, trat sie nach mehreren Kämpfen und Leiden dieser Art im neuen Glanze der Heiterkeit wieder hervor. Doch mochte das Mißgeschick ihrer ersten Jugendneigungen ihr unwillkürlich andere Ansichten beigebracht haben, als sie früher, noch umfangen von den romantischen Träumen der Unerfahrenheit, hegte. Anders läßt sich wenigstens das Opfer ihres Lebens nicht erklären, das sie unüberredet und gern einem Manne brachte, der an Jahren so wie an Gesinnungen so sehr von ihr verschieden war, daß sich nur fürstlicher Glanz und Fülle des Ueberflusses, die seinen Standpunkt umgaben, nicht aber häusliches Glück und ehelicher Friede von der Vereinigung mit ihm erwarten ließ. Schon dem Kinde hatte der Liebreiz seines Wesens die Neigung des Herzogs und der Herzogin von Kurland erworben, deren Sohn, der Erbprinz Peter, mit einer Prinzessin von Waldeck vermählt, sich ebenfalls wegen ihrer Anmuth und Munterkeit zu ihr hingezogen fühlte, und gern mit ihr scherzte. Im Jahr 1772 trat ihm sein Vater die Regierung ab, da die Abnahme seiner Kräfte diesem die Ruhe wünschenswerth machte. Das Hofleben zu Mitau gewann jetzt eine geselligere Gestalt; kleine Feste, zu denen man den Adel der Umgegend zu ziehen, und durch zuvorkommende Höflichkeit zu gewinnen strebte, brachten auch die gräfliche Familie von Medem dem Fürstenhause näher. Auf einem zweckmäßig eingerichteten Theater im Schlosse trat die hoffähige Jugend beiderlei Geschlechts öfters in Schauspielen und kleinen Opern mit Beifall auf, und Dorothea, deren schöne, kunstfertig ausgebildete Stimme eine ganz besondere Macht auf die Seelen ihrer Zuhörer übte, glänzte nicht nur durch ihre Darstellungsgabe und ihre bezaubernde Mimik, sondern auch durch ihren Gesang als Stern erster Größe an diesem dramatischen Himmel. So entzückt auch der Herzog gleich allen Uebrigen von ihrem Talent, so wie von der gefälligen Bereitwilligkeit war, mit der sie es walten ließ, so kam ihm doch bei ihrer großen Jugend damals wohl kein Gedanke an den Wunsch ihres Besitzes in den Sinn. Im Gegentheil dachte er, als er sich, unheilbarer Kränklichkeit wegen, von seiner Gemahlin getrennt hatte, auf eine andere Ehe, und erkor dazu die Fürstin Jessuboff eine Russin, die aber seinen Erwartungen keineswegs entsprach. Sehr bald nach der vollzogenen Vermählung verriethen sich bei dem neuen Ehepaar so heterogene Gesinnungen, daß die Fürstin es für das Gerathenste hielt, nach Petersburg zurück zu kehren. Alle diese Verhältnisse berührten die jugendliche Dorothea nur sehr oberflächlich. Der Umgang mit ihrer würdigen Schwester Elise, der ihr seit der mißvergnügten Ehe derselben nur unterbrochen und zwangvoll zu Theil geworden war, wurde ihr jetzt freier gestattet, da diese den Mißhandlungen, welche sie von einem rauhen Gatten erlitt, sich endlich durch eine Scheidung entzogen hatte, und nun in tiefer Einsamkeit, aber der Geschwisterliebe stets zugänglich, ihre Tage verlebte. Ihr Einfluß auf Dorotheens bildsames Gemüth, und auf ihren fähigen und lernbegierigen Geist war sehr wohlthätig. Mehrere Jahre waren vergangen, ohne daß der Herzog die gesetzliche Trennung von seiner zweiten Gemahlin bewirken konnte, weil die Grundsätze des griechischen Cultus, dem sie zugethan war, mancherlei bindende Hindernisse ihm entgegen stellten. Endlich ließ er die Scheidung von seinem Mitauer Consistorium ohne Weiteres vollziehen, und betrachtete sich nun als ungebunden und befähigt, eine neue Wahl zu treffen. Da indessen die vorige so mißlungen war, strebte er mit großer Vorsicht neue Irrthümer zu vermeiden, indem er zuverlässigen Personen auftrug, sich nach verschiedenen Prinzessinnen näher zu erkundigen, die seine Mutter ihm vorgeschlagen hatte. Doch keine der Nachrichten, die er einzog, befriedigte die Ansprüche, die er machte. Darüber verzog sich diese Angelegenheit, welche der Herzogin Mutter, die ihn wieder vermählt zu sehen wünschte, schmerzlich am Herzen lag. Um diese Zeit (!779) hatte Dorotheens Schönheit den höchsten Glanzpunkt erreicht, und der Herzog, die allgemeine Bewunderung theilend, die ihr gezollt wurde, fing jetzt an, sie nicht mehr mit dem unbefangenen Wohlwollen eines väterlichen Freundes, sondern mit dem Begehren heftiger Leidenschaft zu betrachten, und Dorothea, Anfangs erschrocken durch diese Wahrnehmung, aber doch geschmeichelt, entzog sich seinen Bewerbungen nicht – ja sie ließ den Herzog sogar glauben, daß nicht die Glorie seines Ranges, sondern wahre Neigung zu ihm ihr seine Anträge wünschenswerth mache. Ob sie sich hierin selbst täuschte, oder ob Eitelkeit und Ehrgeiz die mißfälligen Seiten dieser Verbindung übertragen halfen, ist eine schwer zu lösende Frage, die daher unbeantwortet bleiben muß. Eine heimliche Heirath wurde jetzt vorgeschlagen. Doch das richtige Ehrgefühl der gräflich Medem'schen Familie lehnte diese entschieden ab, und so wurde bestimmt, daß man nur die Verhandlungen und Anordnungen derselben, nicht aber die Vermählung selbst verheimlichen wolle. Sehr verwundert waren die am 6. November zu einem Concert und Abendessen eingeladenen Landesbehörden und der Adel der Stadt, zum Theil auch der Umgegend, als sie die Säle und Zimmer des Schlosses glänzender als jemals geschmückt und erleuchtet fanden, und eine ungewöhnliche Pracht in allen Zurüstungen bemerkten. Doch der Herzog, der an der Hand seiner Mutter plötzlich mitten in der zahlreichen Versammlung erschien, lösete zu ihrer großen Ueberraschung das Räthsel, indem er verkündete, daß er im Begriff stehe, sich mit einer Tochter seines Landes zu verbinden, und daß er die Gesellschaft als Zeugen dieser frohen Begebenheit eingeladen habe. In diesem Moment der höchsten Spannung gingen die Flügelthüren auf, und Dorothea stand im vollsten Fürstenschmuck, den ihre Schönheit aber noch überstrahlte, umgeben von ihren Eltern und Geschwistern, da, und nahete sich mit sicherem, aber bescheidenem Anstand dem Herzog, der ihr entgegen ging, sie den Anwesenden als seine Braut vorstellte, und sie und seine Mutter, gefolgt von allen Uebrigen in den Audienzsaal führte, wo er sich mit Dorotheen unter den Thronhimmel stellte, und durch den Superintendenten feierlich zum ehelichen Bunde eingesegnet wurde. Das Erstaunen über diesen Vorgang, der die ganze Gesellschaft in den Wahn versetzte, als habe sie geträumt, ging sehr bald in freudige Empfindungen über, als die junge Herzogin mit der ihr eigenthümlichen Anmuth, doch nicht ohne jene zwanglose Würde, die ihr das Ansehen gab, als sei sie für den Hermelin geboren, Alle, die ihr naheten, durch die einnehmendste Freundlichkeit bezauberte. In den darauf folgenden Tagen erhielt sie von allen Seiten des Landes Deputationen, welche ihr die huldigendsten Glückwünsche darbrachten, auf die sie persönlich, gegen die vorher bestehende Sitte, nach welcher die fürstlichen Frauen in ähnlichen Fällen dem Hofmarschall die Beantwortung derselben übertrugen, mit der edelsten Freimüthigkeit, und mit jener natürlichen Beredsamkeit antwortete, die – weil sie aus dem Gemüth hervorgeht – auch wiederum in die Gemüther dringt. Die ersten Jahre ihrer Ehe vergingen zur allgemeinen Zufriedenheit. Ihrem Gemahl war Dorothea eine liebevolle, als mild versöhnender Friedensengel zwischen ihn und seine Verhältnisse tretende Gattin, ihrer Schwiegermutter eine Tochter, wie alle Fürstenhäuser Europa's ihr nicht hätten geben können. Mit der kindlichsten Ehrerbietung räumte sie dieser alle Vorrechte, die eigentlich ihr als regierenden Fürstin zukamen, ein, und machte es zum Hauptgegenstand ihrer Sorgfalt, deren hinsinkendes Alter zu erleichtern. Mit dem reichsten mütterlichen Segen, der sich noch auf dem Sterbebette wiederholte, wurde ihr vergolten. Nachdem Dorothea ihrem Gemahl drei Töchter geboren, begleitete sie ihn im Jahr 1784 auf einer Reise durch Deutschland und Italien. Er besuchte verschiedene Höfe, wo sie stets den glänzendsten Empfang fand, und wo überall der vollstimmigste Beifall ihr nachfolgte, machte sie immer vertrauter mit den Feinheiten der großen Welt, und der Umgang mit ausgezeichneten Gelehrten bildete ihren Geist nur noch mehr aus, und bereicherte ihn mit Kenntnissen. Die Kunst, in ihrem nördlichen Vaterland wenig beachtet, ging gleich einem strahlenden Gestirn vor ihrer Seele auf, und die höchste Begeisterung ergriff sie gleich einer Flamme, als sie in Rom unter den Denkmälern einer altergrauen, aber großen und unvergeßlichen Vergangenheit wandelte. Wie die Biene Honig in ihre Zelle trägt, so legte sie alle empfangenen Belehrungen, Lebensansichten und Erfahrungen in einem Tagebuch nieder, das denen, welchen sie es zu lesen gestattete, als ein gediegener Schatz treffender Bemerkungen und eines regen Geisteslebens erschien, von dem nur zu bedauern ist, daß sie es für nöthig hielt, es späterhin zu verbrennen. Während sie nun an der Seite ihres Gemahls den Genuß des Wandelns auf klassischem Boden in seiner ganzen Größe empfand, verdunkelten sich die Aussichten in der Heimath, und kündigten das Ungewitter an, das bald in politischer Hinsicht über den Herzog einbrach. Kabalen gegen ihn waren im Gange, ihm das Zutrauen seiner Unterthanen zu rauben, und eine immer mehr um sich greifende Unzufriedenheit mit seiner Regierung machten seine längere Abwesenheit gefährlich. Gleichwohl konnte nichts ihn bewegen, die Rückkehr anzutreten. Ruhig, und ohne sich um die Folgen seines Ausbleibens zu bekümmern, besuchte er mit seiner Gemahlin Holland. Im Herbst 1786 traf sie mit ihrem Gemahl wieder in Berlin ein, wo der Herzog beschloß, den Winter zuzubringen, und dann mit ihr auch England zu bereisen. Immer drigendere Mahnungen zur Rückkehr trafen aus Mitau ein; auch Elisa, die treue, umsichtige Schwester, schrieb, und stellte mit der ganzen Kraft der Wahrheit, die Nothwendigkeit des Wiederkommens vor; doch der Herzog hörte nicht auf die warnende Stimme der Theilnahme, und wurde am Ende so erbittert gegen die Anmaßungen der von hm in Mitau eingesetzten Regierung und ihre gehässigen Umtriebe, daß er der leidenschaftlichen Entschluß faßte, nie mehr. nach Kurland zurückzukehren, sondern in dem von ihm angekauften schlesischen Herzogthum Sagan seinen künftigen Wohnort aufzuschlagen. Hier zum ersten Mal lernte Dorothea den bitteren Schmerz einer bedrohten Existenz für sich und ihre Kinder kennen. Zwar konnte sie ihrem Gemahl nicht Unrecht geben, wenn er tief empört über die kecke Verachtung seines fürstlichen Ansehens und über die gewissenlose, ganz von seinen Befehlen abweichende Verwaltung seiner Domainen in Kurland war. Aber – sie trug neue Mutterhoffnungen unter ihrem Herzen – konnte sie die Rechte des noch ungebornen Sohnes, dem sie vielleicht das Dasein geben sollte, so eigenmächtig und rücksichtslos in den Staub treten sehen? – Da der Herzog nicht zu bewegen war, mit dem Ernst des Richters in sein Land zurück zu kehren, wo nur Energie, Muth und Charakterstärke ihm den verlornen Zügel der Regierung wieder hätte zurückgeben können, so dünkte ihr kein Opfer zu groß, um von ihrer Seite wenigstens zu versuchen, ob sie durch ihr persönliches Eingreifen ihm nicht die entfremdeten Herzen wieder gewinnen könne. Winke, welche Elisa von der Recke ihr gegeben hatte, bestimmten sie trotz der Decemberkälte und ihrer siebenmonatlichen Schwangerschaft die Reise anzutreten, und ihrer Entbindung, welche der Herzog mit ihr in Berlin hatte abwarten wollen, im Vaterlande entgegen zu sehen. Endlich erhielt sie seine Einwilligung dazu, und von ihrem Bruder, dem Grafen Karl von Medem begleitet, reiste sie ruhig ab, mit Heldenmuth die Beschwerden eines Wegs von hundert sechs und funfzig Meilen in dieser Jahrszeit und in einem Zustand ertragend, der ihr die größte Schonung zur Pflicht gemacht hätte; doch belohnte der Erfolg ihr heroisches Verachten aller Mühseligkeiten. Ihre Reise durch Kurland bis zur Hauptstadt glich einem Triumphzug. Der Adel, die Behörden und die Bürgerschaft schienen zu wetteifern in dem Bestreben, ihr durch die frohsten Huldigungen zu zeigen, daß sie willkommen sei. Selbst die dem Herzog abgeneigtesten Gemüther wurden von der Liebenswürdigkeit und Zartheit ihres Benehmens so hingerissen, daß der Geist der Versöhnung, von ihr beschworen, die Eintracht der Verhältnisse wieder herzustellen, und eine bessere Zukunft zu begründen versprach. Dorothea zog sich, nachdem sie den Pflichten der Landesfürstin genug gethan, und Alle gesehen und gesprochen hatte, die zu dieser Gunst berechtigt waren, auf das Lustschloß Würzau zurück, um dort fern von Zwang und Gepränge sich in dem Umgange ihrer Geschwister und näheren Freunde zu erholen, und mit neugestärkter Kraft dem entscheidenden Tage entgegen zu gehen, der am 23. Februar 1787 anbrach, und endlich den gemeinschaftlichen Wünschen und Hoffnungen des Landes einen Erbprinzen gewährte. Der Jubel über die Geburt dieses Kindes war allgemein. Um diese gute Stimmung zu benutzen, bewogen die dringendsten Bitten der Herzogin ihren Gemahl, wieder heim zu kehren zu seinen Unterthanen, die, wie sie hoffte, durch dieses frohe Ereigniß sich von Neuem mit ihm verbunden fühlen würden. Er kam, aber ihre schönen Träume gingen nicht in Erfüllung. Theils fehlte ihm die Milde, mit der sie nicht gezürnt und getrauert hatte über die mißgestaltete Stimmung des Landes, theils wurden die Schuldigen – und diese bildeten die Mehrzahl – durch die Drohung, gesetzlich gegen sie verfahren zu lassen, immer erbitterter und zu heimlicher Feindseligkeit gezwungen. Dorotheen entgingen diese Gährungen nicht. Umsonst strengte sie allen ihren Einfluß an, um die empörten Gemüther wieder zu vereinigen. Eine schwere und lange Krankheit, welche den Herzog überfiel, gab seinen Feinden nur um so freiere Hand, gegen ihn zu wirken. Als er wieder genas, hatten sich die Widerwärtigkeiten um ihn her auf das Drückendste gesteigert, und Unruhe und Besorgniß von allen Seiten drangen auf die bekümmerte Fürstin ein, die ihren Gemahl auch noch jetzt so gern bewogen hätte, großmüthig das Geschehene zu vergessen, und von der Zukunft Besseres zu erwarten. Als aber nun noch der härteste Schlag sie traf, als das Kind ihrer Hoffnungen, der heiß ersehnte, heiß geliebte Erbprinz ihr durch den Tod wieder entrissen wurde, war ihre Kraft gebrochen, und ihr blutendes Herz konnte die Fülle seiner Leiden nicht mehr tragen. Sie wurde so krank, daß man für ihr Leben fürchtete, und als sie endlich der drohenden Gefahr entronnen war, fanden die Aerzte, daß nur Karlsbads Heilquellen im Stande sein würden, sie ganz wieder herzustellen. Sie mußte sich also dieser Reise unterziehen, so ungern sie den vaterländischen Boden verließ. Das Wiedersehen ihrer Schwester Elise, die schon ein Jahr früher ihrer Gesundheit wegen nach Karlsbad gereist und in Deutschland geblieben war, um ihre Kur zu wiederholen, war ihr tröstend, und ihr milder Umgang beschwichtigte Dorotheens Sorgen und ihre Schmerzen. Aber die Weisung ihres Gemahls, nach dem Gebrauch der Heilquelle seine schlesischen Besitzungen zu besehen, und Anstalten in Sagan zu treffen, die sie nicht im Zweifel ließen, daß er die Idee wieder aufgefaßt habe, künftig dort zu leben, um für immer von Kurland zu scheiden, so wie der Auftrag, nach Warschau zu gehen, und dem Könige von Polen, als seinem obersten Lehnsherrn, die Beschwerden gegen seine Unterthanen vorzulegen, und um Beistand und Abhilfe zu bitten, trieb sie aus dem friedlichen Genuß schwesterlicher Freundschaft auf den glatten Boden politischer Unterhandlungen hinaus. Sie wurde von dem König von Polen mit dem unbedingtesten Wohlwollen empfangen, und diese Gesinnung gegen sie ging bald von bewundernder Huldigung zur Freundschaft über, die er bis an das Ende seiner Tage bewahrte. Aber seine Macht als König war damals schon ihrer Auflösung nahe, und mit dem besten Willen vermochte er die düsteren Schatten nicht zu erhellen, die über ihren heimathlichen Verhältnissen schwebten. Mit immer größern Befürchtungen kehrte sie nach Kurland zurück. Mehrere Mißgriffe, die der Herzog, von schlechten Menschen berathen, that, so wie die Leidenschaftlichkeit seiner Erbitterung, verschlimmerten den Zustand zwischen Fürst und Unterthanen nur noch mehr. Endlich, da er zu Maßregeln der größten Härte schritt, erhob sich ein Aufstand, der die traurigsten Folgen hätte haben können, wenn nicht Dorothea, bezaubernd durch bittende Anmuth, als Vermittlerin aufgetreten wäre, dem Zorne und der Rache Einhalt zu thun. Sie stillte den Aufruhr und ging glorreich aus diesen Stürmen hervor – aber ihr Muth war nun für die Zukunft gebeugt – ihr Zutrauen zu den Menschen zerstört, und sie konnte nun nicht mehr umhin, dem festgefaßten Entschluß des Herzogs beizupflichten, Kurland so bald wie möglich und für immer zu verlassen. Neuen Mutterhoffnungen entgegen sehend mußte Dorothea zuerst abreisen, um in Berlin, wie ihr Gemahl es wollte, ihre Niederkunft abzuwarten. Diese erfolgte den 21. August 1793 und schenkte ihr die vierte Tochter. Der Herzog aber bedurfte noch zwei Jahre, um aus dem Gewirr der Streitigkeiten, die ihn fest hielten, sich loszuwickeln und seine pecuniären Angelegenheiten zu ordnen. Endlich im Jahr 1795 unterwarf sich das Herzogthum Kurland dem russischen Zepter, und der Herzog übergab seine Ansprüche und Rechte der Kaiserin Katharina, worauf er mit seinen drei Töchtern nach Sagan reiste und die Herzogin bereits fand, die ihn mit dem jüngsten Kinde dort erwartete. Von jetzt an war nun der stete Familienaufenthalt in Sagan begründet. Doch vergönnte der Herzog seiner für die Reize einer schönen Gegend so empfänglichen Gemahlin, sich im Herzogthum Altenburg das Rittergut Löbichau zu kaufen, und es zu ihrem Sommeraufenthalt einzurichten. Sie erbaute dort ein Schloß, und alle, die die Gunst genossen, ihr dort nahen zu dürfen, sprachen mit Entzücken von diesem frohen Wohnsitz der Gastlichkeit und der durch den feinsten Kunstsinn nur noch mehr gewürzten geselligen Freude. Sie verlebte jetzt alle Sommer dort, und ihr wohlthätiges Walten machte sie zum guten Genius ihrer Unterthanen, so wie der ganzen Umgegend. Im December 1799 starb der Herzog. Von diesem Zeitpunkt an wechselte sie oft ihren Aufenthalt. Ihre Gesundheit war gestört – eine krankhafte Erschütterung ihrer Nerven machte sie reizbar und leidend. Man verordnete ihr Reisen, welche die beste Arznei zu ihrer Wiederherstellung waren. Ueberall, wo sie sich zeigte, gewann sie die Herzen. Von allen Seiten wurden ihr Ehrenbezeigungen und Auszeichnungen, von denen sich schwer ermitteln ließ, ob sie ihrem Range als Fürstin, oder ihrer Anmuth als Frau galten, denn noch immer, obgleich schon in den Herbst des Lebens getreten, prangte sie in frischer Jugendfülle, und der ihr angeborne Liebreiz verstärkte die Wirkung ihrer Schönheit nur noch mehr. Doch wie sehr man sich auch bemühte, überall ihr Dasein zu feiern, und sie – nicht als eine vorübergehende Erscheinung – sondern bleibend festzuhalten, so dankbar sie die zuvorkommendste Hinneigung erkannte – nach Löbichau, das sie wie ihre Heimath betrachtete, zog sie stets die Sehnsucht selbst aus den glänzendsten Umgebungen zurück, und mit stiller Freude sah sie dort ihre Schöpfungen wachsen, gedeihen und sich erweitern, und fühlte sich wohl unter ihnen. Sogar als sie späterhin Paris, wohin sich ihre jüngste Tochter an den Neffen des Fürsten Talleyrand (Perigord), vermählt hatte, zu ihrem beständigen Winteraufenthalt erkor, scheute sie nicht die Weite des Wegs und die mit einer so langen Reise verbundenen Beschwerden. Jeden Sommer kam sie nach Löbichau, ihrem holden Asyl, wo so still befriedigte Tage im Abendroth ihres noch immer reichen Lebens lächelten, und erfreute sich des Kreises, der sich um sie drängte, und durch die innigste Verehrung ihr Wohlwollen erwiederte. Dort ereilte sie auch – (ganz nach ihrem Wunsche, denn sie hatte sich längst im Park zu Löbichau die Stätte bereitet, wo sie einst ruhen wollte) – der stumme Genius, der die Fackel des Daseins senkt, damit sie in einer besseren Welt höher wieder empor flamme. Sie starb am 22. August 1821 nach schwerem Kampf an den Folgen eines Nervenschlages. Die Trauer über ihr Dahinscheiden sprach sich bei Allen, die ihr nahe standen, voll der rührendsten Wahrheit und Tiefe aus, denn Edelmuth und die reinste Güte bildeten den Grundton ihres Wesens, Wohlthun war ihre Freude, und eine nicht nur warme, sondern auch thätige Theilnahme an dem Schicksal ihrer Nebenmenschen ihr Bedürfniß. Trug auch sie die Bürden irdischer Schwächen, welche die mangelhafte menschliche Natur Jedem zur Mitgift gibt, so waren es doch mehr Täuschungen und Verirrungen, als Flecken ihres Herzens, das, der edelsten Empfindung fähig, diese stündlich nicht nur durch Worte, sondern durch die That bewährte. Wenn sich deßhalb mitunter der Dorn des Tadels unter die Rosen gemischt, die ihre Gruft umkränzen, und Menschen, die an Hoheit der Sinnesart und wahrem Gehalt tief unter ihr standen, einen Schatten auf ihr Leben zu werfen sich bemühten, so wird das allgemeine Anerkennen ihrer großmüthigen und edeln Gesinnung, das aus tausend Erinnerungen spielt, ihr Andenken dennoch heiligen, und sie denen, die sie gekannt, unvergeßlich machen.

A.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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