Theresia, Maria, Königin von Ungarn und Böhmen und Kaiserin von Oestreich

Theresia, Maria, Königin von Ungarn und Böhmen und Kaiserin von Oestreich, geb. 1717, war die Tochter Karl's VI., Mit Freude und Stolz verweilt unser Geist bei der Lebensgeschichte dieser edlen, erhabenen Frau, die wir mit Recht zu den größten Fürsten zählen, die je eine Krone trugen. Sie vermählte sich 1736 mit Franz Stephan von Lothringen, Großherzog von Toscana, dem nachherigen Kaiser Franz I. Nach dem am 20. October 1740 erfolgten Tode Karl's VI. sah sich die kaum vier und zwanzigjährige Maria Theresia in den Besitz der östreichischen Erbländer, die ihr durch die pragmatische Sanction, nicht nur von allen Ständen des Reiches, sondern auch von fast allen europäischen Mächten zuerkannt und garantirt worden waren. Die Natur schien sie mit besonderer Vorliebe zu ihrem hohen Berufe ausgestattet zu haben, da sich in ihr Anmuth mit Liebenswürdigkeit, Schönheit mit einem innigen Gemüthe, Weiblichkeit mit Seelenstärke und einem durch nichts zu beugenden Muthe vereinigten. Nie hat aber auch wohl eine Fürstin den Thron unter größere Urtheilskraft und Entschlossenheit fordernden Umständen bestiegen, als Theresia. Ihres Vaters sorglose Verwaltung, die Verkehrtheit und Indolenz seiner Minister hatten fast in allen Zweigen des Staatslebens eine sichtbare Erschlaffung bewirkt; im Schatz waren nur noch 100,000 Fl. und die Armee bestand außer den in Italien und in den Niederlanden sich befindenden Truppen-Abtheilungen, aus etwa 30,000 Mann; die Hauptstadt äußerte laut ihren Mißmuth über eine eingetretene Theurung, während der Kurfürst Karl Albert von Baiern feierlich gegen T's Besitzergreifung der väterlichen Erbschaft protestirte, da seine Gemahlin, Joseph's I. Tochter, zwar für sich, aber nicht für ihre Nachkommen habe verzichten, noch weniger damit viel ältere Rechte des Wittelsbachischen Hauses vernichten können. In Jahresfrist sah sich T. von halb Europa angegriffen und trotz alles geschriebenen und geschwornen Rechtes einer gänzlichen Beraubung ausgesetzt; allein mit der hochherzigen Fürstin waren ihr eigener Geist und Muth, und ihres Volkes Liebe, durch welche sie über Gut und Blut der Nation gebieten durfte. Ihr gefährlicher Feind war unstreitig Friedrich II. von Preußen, der, um seiner Macht eine ausgedehntere Grundlage zu geben, sich Schlesien zur Beute ausersehen hatte. Kaum waren zwei Monate nach Karl's VI. Tode verflossen, als ein preußisches Heer in jenes Land einrückte, ohne Kriegserklärung, ohne irgend einen vorausgegangenen Streit. Zu gleicher Zeit erschien ein Gesandter Friedrich's in Wien, der die Abtretung Schlesiens an seinen König verlangte, und T. dagegen ein Bündniß mit letzterem, mit Rußland und den Seemächten zum Schutz ihres Erbes gegen jeden feindlichen Angriff, bei der bevorstehenden Kaiserwahl seine Wahlstimme und seine kräftige Verwendung für ihren Gemahl, endlich auch ein Darlehen von zwei Millionen zur Bestreitung der Kriegsrüstungen versprach. Die entschiedene Abneigung des wiener Hofes, auf diese Vorschläge, von denen das Heil der östreichischen Monarchie abzuhängen schien, einzugehen, befremdet im ersten Augenblicke; sie findet jedoch in T's persönlichen Ansichten einige Erläuterung. Seit ihrer zartesten Kindheit hatte sie eine hohe Meinung von der Würde und der Macht ihres Hauses gefaßt, während ihre ganze Erziehung sie darauf vorbereitete, einst als Herrin aller östreichischen Erbländer aufzutreten. Sie betrachtete ihre Staaten als ein heiliges ihr anvertrautes Vermächtniß, von dem sie keinen Theil verletzen oder veräußern dürfe, und glaubte, wenn sie eine ihrer Provinzen verliere, der Garantie verlustig zu werden, die von den europäischen Mächten der pragmatischen Sanction geleistet worden war. Sie selbst hielt sich durch den Eid gebunden, den sie gethan hatte, diese aufrecht zu erhalten. Also entschloß sich die Königin zum Kampfe gegen Friedrich. Diesem traten bald auch Frankreich, Spanien und Sardinien bei; dem Kurfürsten von Baiern ward von den Verbündeten die Kaiserkrone zugesichert, während sie sich unter einander schon im Voraus T's Erbe theilten, und dieser nur Nieder-Oestreich, Wien und Ungarn lassen wollten. Vergebens versuchte es Georg II. von England die Monarchin zur Nachgiebigkeit zu bewegen. Schon rückte ein französisch-bairisches Heer bis wenige Meilen von Wien vor; da verließ T. die Hauptstadt und begab sich nach Preßburg, wo sie am 11. September 1741, den Säugling Joseph auf dem Arme, in der Versammlung der Stände erschien und in lateinischer Sprache eine Rede hielt, in der sie mit Thränen im Auge ihre bedrängte Lage schilderte, und sich und ihren Sohn dem Schutze der Ungarn anvertraute. Ihre Jugend, ihre Schönheit nicht minder, als ihr Unglück rührten alle Anwesenden; mit dem begeisterten Rufe: »Laßt uns sterben für Maria Theresia, unsern König,« antworteten sie der erhabenen Fürstin, und versprachen nicht geringe Hilfe an Mannschaft und an Geld. Es begann nunmehr der achtjährige östreich. Successionskrieg, der mit geringen Unterbrechungen und abwechselndem Erfolge bis zu dem am 18. October 1748 zu Aachen geschlossenen Frieden fortgeführt wurde. Die hierher gehörigen wichtigsten Bestimmungen waren: die Bestätigung der früheren Friedensschlüsse wie der pragmatischen Sanction; die Gewährleistung von Schlesien und Glatz für Friedrich, und die Abtretung von Parma, Piacenza und Guastalla für den Infanten Philipp von Spanien; Sardinien befriedigte man durch einige Stücke vom mailändischen Gebiete. Inmitten der verwirrenden Kriegsunruhen verursachte es T. große Freude ihren Gemahl am 13. September 1747 zum deutschen Kaiser gewählt zu sehen. Sie hatte sich selbst nach Frankfurt begeben, um Zeugin seiner Krönung zu sein; auch war sie die erste, die ihm vom Balkone herab, als Kaiser Franz I. ein lautes Lebehoch zurief. Großes zu thun war ihm jedoch nicht vorbehalten, da T. ihn in die Angelegenheiten ihrer Erbländer auf keine Weise eingreifen ließ; er lebte mehr als Privatmann und scherzte wohl selbst über seine politische Unbedeutenheit. Die nunmehrige Kaiserin-Königin war Selbstherrscher und erster Minister zugleich, bis Kaunitz auftrat und immer steigendern Einfluß gewann. – Die nach dem Abschlusse des aachner Friedens bis zum Ausbruche des siebenjährigen Krieges verflossene Zeit benutzte T. dazu, die Wunden zu heilen, welche der Krieg Oestreich geschlagen hatte. Vor Allem suchte sie in dem Finanz- und Kriegswesen Verbesserungen einzuführen; dieses stellte sie unter die Leitung des später oft ruhmvoll genannten Daun. In der Verwaltung traf sie so weise Anordnungen, daß sie bald ohne eine neue Steuer erhoben zu haben und nach dem Verluste von Schlesien und Parma eben so viele Einkünfte besaß, als Karl VI. zur Zeit der noch ungeschmälerten Gesammtmonarchie. Auch in allen übrigen Zweigen der Administration suchte die geistvolle Frau kräftig einzuwirken; sie übertraf hierin, wie überhaupt an hohen Regentengaben, an Einsicht und Ausdauer fast alle ihre männlichen Vorfahren um Vieles. Bei diesen segenverheißenden Friedensarbeiten vergaß sie jedoch ihre alte Abneigung gegen den preußischen Friedrich nicht, und ihr wohlbegründeter Haß gegen Frankreich mußte dem leidenschaftlicheren gegen jenen weichen T. konnte den Verlust Schlesiens nicht verschmerzen und hatte längst ein geheimes Einverständniß am russischen und polnisch-sächsischen Hofe unterhalten; sogar bereits am 22. Mai 1746 mit ersterem einen Definitiv-Bund abgeschlossen, dessen geheimer Artikel dahin lautete, daß auf den Fall eines Angriffs von Preußen auf Oestreich, Rußland oder Polen, sich die ersten beiden Mächte mit 60,000 Mann beistehen und das im dresdener Frieden an Preußen abgetretene Gebiet wieder erobern wollten. Allein auf glücklichen Erfolg schien nur dann mit Sicherheit gerechnet werden zu dürfen, wenn sich Frankreich zu einem Bündnisse mit Oestreich bewegen ließe, worauf Kaunitz, seit 1750 Botschafter in Paris, hinzuwirken strebte. Er hatte, geschickt und glücklich für seine Plane, die den König beherrschende Marquise von Pompadour gewonnen. Auf sein Zureden ließ sich die Kaiserin herab an diejenige äußerst verbindlich zu schreiben, die sie als Fürstin und Frau verachtete. Die Marquise bezeigte sich dankbar und stimmte ihren königlichen Geliebten für die Allianz mit Oestreich. Das bisher mit diesem verbündete England sagte sich nun von Theresia los und schloß sich an Preußen an, wodurch die ganze Richtung der europäischen Politik verrückt und der siebenjährige Krieg herbei geführt wurde. Der den 15. Februar 1763 zu Hubertsburg geschlossene Friede setzte in Deutschland alles auf denselben Fuß, auf dem es vor Ausbruch der Feindseligkeiten gewesen war. Weder Oestreich noch Preußen zogen einen andern Vortheil aus so vielen dahin geopferten Menschenleben, und den ungeheuren Summen, welche die beständigen Kriegsrüstungen erfordert hatten, als den, ihre Kräfte an einander gemessen zu haben, und das Verlangen einen so blutigen Kampf nicht wieder erneuert zu sehen. Die am 27. Mai 1764 zu Frankfurt erfolgte Wahl des Erzherzogs Joseph zum römischen König war nach langen Stürmen und Widerwärtigkeiten für T. ein sehr frohes Ereigniß, indem dadurch ihrem Hause die Kaiserkrone gesichert wurde. Allein sie sollte bald empfinden, wie nahe Freude und Schmerz sich berühren. Schon im nächstfolgenden Jahre raubte ihr der Tod den Gemahl, den sie, wiewohl sie ihm fast gar keine Einwirkung auf die Geschäfte verstattet hatte, innig liebte; sie gab ein seltenes Beispiel ehelicher Zärtlichkeit und ertrug ohne die leiseste Klage, als bemerke sie es nicht einmal, die von Franz gegen sie begangenen Untreuen. Nach seinem Tode gewährte es ihr eine schmerzlich süße Freude, sich die liebenswürdigen Eigenschaften des Dahingeschiedenen zurück zu rufen. Ihre übrigen Lebenstage hindurch trug sie keine andere Farbe, als die schwarze und ihre gewöhnlichen Zimmer waren beständig schwarz umhängt. Ost besuchte die Edle die Gruft, wo die irdische Hülle ihres Gemahles beigesetzt war, neben dem sie auch für sich ihre Ruhestätte bestimmt hatte. Wenden wir jedoch von dieser noch einmal unsern Blick auf die äußere Wirksamkeit der Kaiserin, der, obgleich Joseph nach seines Vaters Tode den Kaiserthron bestiegen hatte, kein Eintrag geschah. Gleichwie ihrem Gemahle, gab T. ihrem Sohne nur den Titel eines Mitregenten, und hielt ihn von der innern Verwaltung entfernt, nur allein das Militairwesen seiner Sorge überlassend. Seit ihrer Thronbesteigung war sie beständig mit kriegerischen Unternehmungen oder mit Zurüstungen für künftige beschäftigt gewesen; jetzt war endlich die Zeit erschienen, wo sie in ruhiger Muße für die Sicherheit und das Glück ihrer Unterthanen sorgen konnte. Sie stiftete in mehreren Städten ihres weiten Reiches Akademien für Wissenschaft und Künste; gründete viele Erziehungsanstalten für Kinder aller Stände; verbesserte die öffentlichen Schulen; bestimmte Belohnungen und Preise für Solche, die irgend einen Zweig der Industrie vervollkommneten. Besonders aber wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Ackerbaue zu, den sie für eine Hauptquelle der allgemeinen Wohlfahrt hielt. Neben diesem segenbringenden Wirken der hohen Frau gedenken wir nicht ohne Trauer der verwickelten Verhandlungen, die trotz der im Jahr 1756 gegebenen Erklärung, kein Bündniß mit Friedrich II. schließen zu wollen, eine kurze Allianz zwischen Theresia und jenem herbeiführte, welche die die Annalen von T's Regierung befleckende Theilung Polens (1772) zur Folge hatte. Die erste Idee ging nicht vom östreichischen Cabinete aus, allein sie gebilligt zu haben, verdient nicht minder harten Tadel. Die Kaiserin selbst soll die Theilung oft mit Thränen im Auge den schwarzen Flecken in ihrer Regierung genannt haben. Im Jahr 1777, nach dem Tode des Kurfürsten Maximilian Joseph von Baiern, griff T. noch einmal zu den Waffen, um das östreichische Gebiet zu erweitern, fand aber auch zugleich ihren früheren Gegner, den großen Friedrich, wieder, der sich der Erwerbung Baierns entgegen stellte. Die Preußen rückten 1778 in Böhmen ein; im Laufe des Feldzugs kam es jedoch zu keiner entscheidenden Schlacht, bis unter Frankreichs und Rußlands Vermittelung am 13. Mai 1779 der Friede zu Teschen zu Stande kam. Der Abschluß desselben war das letzte wichtige Ereigniß von T's Regierung. Sie litt schon längere Zeit an häufigen Stickanfällen, wahrscheinlich von ihrer ungewöhnlichen Körperfülle veranlaßt; diese nahmen zu Anfang Novembers 1780 einen immer bedenklicheren Charakter an. Während der heftigsten Schmerzen jedoch, deren Anblick die Umstehenden kaum zu ertragen vermochten, entfloh ihren Lippen keine Klage, kein Seufzer, und sie fuhr fort sich über Angelegenheiten des Staates zu besprechen. Noch am Vorabend ihres Todes unterzeichnete sie eigenhändig mehrere wichtige Papiere. Maria Theresia starb den 19. Nov. 1780 im 63. Jahre ihres Lebens und im 41. ihrer Regierung, innig betrauert von den Ihrigen und allen ihren Unterthanen. Sie war ihren Kindern eine zärtliche Mutter, voll Güte für ihre Umgebung, und nie verschloß sich einem Bittenden ihr wohlwollendes Herz. Weise Sparsamkeit verband sie mit der einer Herrscherin würdigen Freigebigkeit, Herablassung mit Würde, Seelengröße mit frommer Demuth in den göttlichen Willen, und die schönsten weiblichen Tugenden mit den glänzenden Eigenschaften, die eine Krone würdig zieren. Wir dürfen hingegen auch nicht verhehlen, daß sie leicht Spionen und Angebern ihr Ohr lieh und sich gern in Familiengeheimnisse mischte. Ihre außerordentliche Frömmigkeit machte sie unduldsam in Sachen der Religion und ihr Eifer riß sie bisweilen zu Handlungen hin, die den Glanz ihres Andenkens trüben. Die Jahre von T's Regierung wurden von ihrem Volke, als eine Aera des Ruhmes und des Glückes, als sein goldenes Zeitalter betrachtet.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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