Deutschland (Literatur und Poesie)

Deutschland (Literatur und Poesie). Bei einem so gemüthlichen, tief fühlenden und dennoch ernsten Volke, wie es die Deutschen sind, mußte die Liebe und Neigung zu der holden Gabe des Himmels, welche das Leben mit allen seinen Tiefen und Höhen in erhabener, veredelnder Gestaltung zeigt, zur Dichtkunst schon früh sich offenbaren. Tacitus erzählt bereits, daß unsere Vorfahren, die Germanen, eine eigenthümliche Poesie besaßen und in ihren Gesängen die Götter und Helden des Landes auf eine würdige Weise verherrlichten. Es ist nichts davon bis auf uns gekommen, und wir müssen uns mit dem Zeugniß ausländischer Geschichtschreiber begnügen. Etwas mehr, und zwar aus eigenen Quellen wissen wir von den poetischen Denkmalen unseres Vaterlandes seit der Einführung des Christenthums; doch lassen sich aus dem Vorhandenen mehr Monumente der Sprache als des Gesanges, keine bestimmten Folgerungen zur Feststellung des vorherrschenden Geistes in jener Periode ziehen; es waltet noch große Dunkelheit auf diesem Gebiete bis zu den Zeiten der Kaiser aus dem geistreichen Geschlechte der Hohenstaufen, wo die eigentliche Blüthenzeit der deutschen Poesie während des Mittelalters beginnt. – Jene Vorgeschichte den Forschern überlassend, beginnen wir diesen kurzen Ueberblick der herrlichen Leistungen der deutschen Muse mit den schönen Tagen des deutschen Minnegesanges, der sich wie ein wunderbarer Zaubergarten unsern Sinnen öffnet, und zu vielseitigem Genusse einladet. Ihre Dauer wird von 1138 bis 1350 angenommen, ihren eigentlichen Glanzpunkt erreichten sie um 1170. Der Genius der Poesie hatte damals seine Fittige über fast ganz Europa gebreitet, und kühlte Fürsten und Helden die thatenheiße Stirn mit seinen freundlichen Schwingen. Mannichfaltige Umstände traten befruchtend hinzu; durch die Kreuzzüge, welche mit eherner Hand die Pforten des Orientes gesprengt hatten, war die reiche phantastische Mythenwelt jener Zonen in das Abendland hinübergezogen, und hatte sich mit dessen düsteren, ernsten, in ihrem Innern stets den Kampf mit der strengen Natur umhüllenden Mährchen vermählt. Die Einbildungskraft, welche sonst nur vor Erhabenem wirkend stand, lernte in leichten Spielen bunter Träume schwelgen und den Ernst des thatenkräftigen Lebens mit den Bildern reicher Erscheinungen mildern. Ihm gegenüber aber zeigte sich stets würdevoll als ein unendlicher Bau, der aber für den Geweihten Gemächer voll seliger Wonne enthielt, der christliche Glaube, getragen von einer damals allmächtigen Kirche, deren Diener Himmel und Hölle dem Sohne derselben nach ihrem Willen zu ertheilen vermochten, und die auch das Kleinste dessen, was sie verkündeten, mit wunderbaren geheimnißvollen Strahlen zu schmücken verstanden, aus denen sie eben so sicher und schnell verderblich dräuende Blitze für den Abtrünnigen zu bilden wußten. Dem Gottesdienste untergeordnet, aber nach ihm das Höchste, und wie er aus den Ansichten des christlichen Glaubens entsprungen, gestaltete sich die tiefe Verehrung der Frauen, diese zarte Frühlingsblüthe jener innigen Zeit. Auf diesen Elementen ruhte die mittelalterliche Dichtkunst, je nach eigenthümlicher Richtung des einzelnen Volkes, sich bald diesem, bald jenem mehr zuneigend und seine Liebe wieder spiegelnd. Fester Glaube, innige Frauenliebe, in schönen Ernst, wie in einen edeln Rahmen gefaßt. Treue in That und Gefühl charakterisirten sie in unserm Vaterlande, und durch den Mund begeisterter, heiliger Sänger, bald nur der eigenen Minne Luft und Schmerz in zarten Liedern feiernd, bald hochherziger Ahnen Thaten verherrlichend, bald den reichen Sagenkreis verwandter Länder in ihre Gärten hinübertragend, schuf sie herrliche Werke. Jeder huldigte ihr, sie stieß Keinen von sich; Fürsten und Grafen wie stille Bürger beschränkten Lebens waren ihre freudigen Vasallen, ja sie verschmähte selbst den gedrückten Juden Süßkind vom Trimberg nicht unter ihren Treuen. Zahlreiche Handschriften geben Kunde von den vielen Sängern in deren eigenen Werken, vorzüglich die des Rüdiger Manasse, so wie der zu Jena und der zu Colmar aufbewahrte Codex. Es war eine gesangesfreudige Zeit; doch müssen wir uns hier mit der bloßen Nennung der vorzüglichsten Minnesänger begnügen, den wißbegierigen Leserinnen zu näherer Kenntniß Tieck's Minnelieder, die Uebersetzung der Nibelungen von Simrock u. s. w. empfehlend. Zu jenen hochbegabten Männern gehörten Heinrich von Veldeck, Hartmann von der Aue, Wolfram von Eschilbach, Walter von der Vogelweide (als Liederdichter der Bedeutendste), Gottsfried von Straßburg (der Sänger von Tristan und Isolde), Heinrich Frauenlob (den Frauen aus Dankbarkeit, weil er unablässig ihr Geschlecht verherrlicht, zu Grabe trugen), Heinrich von Ofterdingenn. A. m. Mit dem Untergange der Dynastie der Hohenstaufen gerieth auch die Poesie in Verfall; innere Spaltungen und häufige Kriege vergönnten ihr keine Ruhestätte auf den Burgen der Edeln, kein freies Wandern und Schweifen durch das Land; sie flüchtete nun zu dem zünftigen Bürger in den eingeschlossenen Städten. Dieser aber betrachtete sie wie jedes andere Gewerbe, das sich erlernen lasse und behandelte sie dem gemäß. Sie, die freieste aller Künste, ward jetzt in Schulen nach ängstlichen, formellen Regeln gelehrt, und wer sie hinreichend geübt und gehörige Fertigkeit im Handhaben der Formen sich angeeignet hatte, durfte sie wieder lehren, und wurde ein Meister Sänger, wie er bereits vielleicht schon ein Meister Schneider oder Schuster war, der an Werktagen sein Handwerk und an Sonntagen die Poesie wie ein solches trieb. – Meistersängerschulen verbreiteten sich schnell über viele deutsche Städte, vorzüglich im Süden. Die bedeutendsten waren in Nürnberg, Mainz, Straßburg, Ulm, Kolmar, Augsburg, Würzburg, Heilbronn u. s. w. Karl IV. beschenkte sie 1373 mit einem Freibriefe und einem eigenen Wappen. Ihr Gesetzbuch hieß die Tabulatur. An poetischen Geist war bei ihren Bestrebungen nicht zu denken, grammatische und formale Correctheit galt ihnen als das Höchste. So reimten sie denn fort, neue Weisen erfindend, denen sie mitunter wunderliche Namen gaben, wie z. B. die geblümte Paradiesweise, die Rosmarinweise, der lange Ton, die schwarze Tintenweise u. dgl. mehr. Trotz diesem Unwesen hatte doch ihr Treiben manche gute Wirkung, es half zur Ausbildung der Sprache, verbreitete eine Menge von allgemeinen Kenntnissen unter den niederen Ständen, und nährte die Luft an der Volkspoesie, wie wir denn aus dem funfzehnten und sechszehnten Jahrhundert, die tiefsten und gemüthlichsten Volkslieder aufzuweisen haben. Ausgezeichnet unter den Meistersängern sind nur sehr Wenige, streng genommen eigentlich nur der vielkundige und talentvolle Hans Sachs, dem die Begeisterung für die so eben eingetretene Reformation die Stelle der Muse vertrat. Ueberhaupt brachte die Kirchenverbesserung Leben in die damals erstarrte poetische Masse; man bekämpfte sich mit allen nur erdenklichen Waffen, also auch mit denen, welche die Poesie darbot, und an ernsten geistlichen, wie auf der anderen Seite an boshaften Spottliedern und an derben Satiren voll ungeschlachten Witzes war damals kein Mangel. Die darauf folgenden blutigen Kämpfe, vorzüglich der dreißigjährige Krieg, so wie früher der verderbliche Bauernkrieg tödteten alle geistige Regsamkeit. Erst mit der Ruhe des westphälischen Friedens (1648) fing der Sinn dafür an wieder zu erwachen. Aber jetzt trat, in Bezug auf die deutsche Poesie, ein entschiedener Wendepunkt ein. Bisher war sie Eigenthum des Volkes gewesen, jetzt ward sie Eigenthum der Gelehrten. Es bildeten sich Sprachgesellschaften und ähnliche Vereine, die es sämmtlich (wie z. B. die fruchtbringende Gesellschaft, der Blumenorden, der Schwanenorden u.s. w.) recht ehrlich meinten, aber sich an Geschmacklosigkeit überboten. Bald darauf gestaltete sich die erste poetische Schule (die erste sogenannte Schlesische,) an deren Spitze Martin Opitz von Boberfeld stand, der sich vorzüglich hol-ländische Dichter zu Mustern nahm. Er und noch mehr seine Nachfolger, unter denen nur Paul Flemming, Andreas Gryphius und Simon Dach ehrenvolle Erwähnung verdienen, befleißigten sich einer nüchternen Reimerei; sie betrachteten die Poesie nur als ein Mittel nützliche Lehren und Dinge in einer, angenehmen Gestalt zu verbreiten. – Es folgte sehr bald die zweite schlesische Schule, deren Stifter Christian HoffmanHoffmannswaldau, ein seiner Weltmann in das andere Extrem verfiel, die italienischen Concettisten nachahmte, und eine Menge von lasciven, ja selbst tactlos unanständigen Reimereien herbeiführte. – Unter seinen Anhängern ist der begabte, aber sich selbst unklare Daniel Kaspar von Lohenstein, dessen Schwulst zum Sprichwort geworden ist, der bedeutendste. – Beiden Schulen, deren Grundsätze sehr oft vermischt und verwechselt wurden, schloß sich nun eine Unzahl der geschmacklosesten und nüchternsten Versemacher an, unter denen nur der einzige Johann Christian Günther als ein wirklicher, obwohl leichtsinniger, Dichter genannt und hervorgehoben zu werden verdient. Dieß dauerte so fort, bis zu Anfange des 18. Jahrhunderts, wo endlich die Morgenröthe unserer Poesie durch Männer, wie Hagedorn, Canitz, Hallerh herbeigeführt wurde. Zwar traten auch jetzt Hemmungen ein durch den Professor Gottsched in Leipzig, der sich zum Gesetzgeber aufzuwerfen und eine nüchterne und steife Correctheit einzuführen suchte, aber durch die Schweizer Bodmer und Breiting standhaft bekämpft ward und ihnen gewaltige Schlachten lieferte, wobei entsetzlich viel Tinte floß. Gottsched's Beistand war seine Frau, Victoria, geborene Kulmus, welche alle möglichen Kriegsmanöver in Epigrammen, Lustspielen, Uebersetzungen auf Geheiß ihres Gatten versuchte. Die Schweizer blieben Sieger, denn Gottsched ward lächerlich. Einzelne begabte Männer, wie Cramer, Ebert, Gärtner, . J. E. und I. A. Schlegel und, hatten sich bereits von ihm gesondert, und durch eine eigene Zeitschrift vortheilhaft auf die Bildung des deutschen Geschmackes eingewirkt. Da erschien Klopstock, und es ward Tag in der deutschen Literatur. Vor seinem Messias, vor seinen Oden beugten sich Alle. Er erhob die Poesie von Neuem zu ihrer alten Würde, der einer Priesterin der Gottheit; er erweiterte das Gebiet der Formen durch die Einführung des antiken Versmaßes. Wie er durch die That, so wirkte Lessing durch die Lehre, überall Licht verbreitend. Jene eben Genannten schlossen sich eifrig diesen neuen Bestrebungen an, sich in allen Gattungen der Poesie nicht ohne Erfolg versuchend. Alles gewann eine andere Gestalt, ein neues frisches Leben. Es ist dieß die Periode der ersten Regeneration der deutschen Poesie. – Die zweite beginnt mit Goethe, der den Musen ihr ganzes Recht, ihr ganzes Reich wieder gab, und in seinen wunderbaren Werken zeigte, daß der Dichter die gesammte Natur mit regem Sinne, das menschliche Herz in tiefstem Weltgefühl umfassen und wiedergeben müsse. Er war der Frühlingsregen, der die Erde befruchtet hatte; tausend und aber tausend Knospen brachen aus, die schöne Blüthenzeit der deutschen Literatur trat ein. Der göttinger Dichterbund sandte seine Boten aus; die fremdesten Schätze wurden zu unserem wohlerworbenen Eigenthum; Voß führte den Homer ein, den Hesiod, römische Dichter der seinblickende Wieland. Dieser wahre Liebling der Grazien eignete uns griechische Sitte an und brachte den Riesen Shakespeare zuerst in unsere Gauen; Herder, der reiche, fromme, tiefe Diener des Herrn, öffnete überall verhaltene Schleusen, bald des Morgenlandes bunte Mythen, bald heiliger Dichtkunst tiefstes Geheimniß, bald der Völker süßeste Weisen über die Brücke deutscher Sprache geleitend; der edle, rein menschliche Schiller zeigte in hochherzigen tragischen Werken die Menschheit in ihrer höchsten Würde, und ließ Geschöpfe, die nur seiner edeln Natur das Dasein verdankten, vor unseren Augen über die Bühne wandeln; einsam, aber noch immer unerreicht, zeigte der unerschöpfliche Jean Paul Friedrich Richter, der Fürst des Humors, den Schmerz des Menschen über die Schranken der Menschheit, und zugleich das erhabene Gefühl, sich durch den Geist im Geiste über diese Schranken zu erheben. Diesen Heroen schlossen sich viele begabte Geister, bald glücklich fortstrebend, bald in ihren Verirrungen befangen, wie Matthison, Salis, Maler Müller, die Grafen Stolberg, Tiedge und Andere, an; ein bloßes Namenverzeichniß genügt hier nicht, und mehr zu geben verbietet die Beschränktheit des Raums. – Diese glückliche Zeit dauerte bis zu Anfange des 19. Jahrhunderts; mit dem neuen Säculum trat ein Wendepunkt ein, durch die Bestrebungen der sogenannten romantischen Schule, deren Häupter geniale und begabte Männer waren, namentlich August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Ludwig Tieck, Novalis (von Hardenberg), Clemens Brentano, Ludwig Achim von Arnim u. A. m. – Sie trachteten die Reiche der Poesie zu erweitern, indem sie die Romantik des Mittelalters in den Kreis der modernen Dichtkunst zogen und mit dieser zu vermischen suchten, wobei sie feindselig gegen alle andere Richtungen verfuhren. Sie hoben allerdings reiche Schätze, die bisher so gut wie im Verborgenen schlummerten, aus der Tiefe und machten uns mit herrlichen Dichtern vertrauter wie z. B. mit Calderon und Dante,die bisher kaum dem Namen nach in Deutschland bekannt waren. wer die Mystik und das Geklingel südlicher Formen, worin es besonders ihre Schüler übertrieben, hauptsächlich der neupoetische Katholicismus, der durch sie Mode ward, und gegen welchen selbst Goethe später einmal entschieden auftrat, erweckte ihnen viele Feinde. Unter diesen mitunter sehr verfehlten Bestrebungen rückte eine große Zeit heran, die der Befreiung Deutschlands von fremder Zwingherrschaft; alle Interessen concentrirten sich in dem einen Punkte der Vaterlandsliebe und fanden volle Befriedigung. Die Poesie ward die Priesterin der Freiheit und entflammte die Herzen mit heiliger Gluth durch den Mund geweihter Diener, wie Friedrich Rückert, Max von Schenkendorf, Arndt, Theodor Körner u. A. m. Aber bald nachher folgte eine Zeit der Abspannung und der Zwietracht, die dem Gedeihen deutscher Dichtkunst nicht förderlich war, in welcher die bedeutenderen Talente vereinzelt dastanden, oder im Streben nach Neuem auf Abwege geriethen, wie z. B. bei großer Genialität Heine, der, obgleich in der Mode, zarten und keuschen Frauen wenig zu empfehlen sein möchte. Am reinsten von Allen, wie am begabtesten steht der zarteste und tiefste deutsche Dichter Unter den Lebenden, Ludwig Uhland da; um ihn reihen sich wahrhaft fromm und ernst, vorzüglich unter seinen Landesgenossen, Gustav Schwab, die beider Pfizer, der obwohl in Glaubensansichten befangene, doch poetisch glückliche Justinus Kerner, so wie anderen Provinzen zugehörend doch Gleiches erstrebend Lenau, Anastasius Grün, Ludwig Bechstein und vor Allen der edle Adalbert von Chamisso. Am glücklichsten ward in dieser Zeit der Roman und mit ihm die Novelle behandelt, seit Walter Scott die Weltgeschichte in dessen Kreise zog, und deutsche Männer, wie L. Tieck, Spindler, Hauff, Herloßsohn, Wilibald Alexis,, ihm mit Erfolg auf dieser Bahn nacheiferten. – Weniger ward für die dramatische Literatur gethan; einen Dichter, der als Tragiker würdig wäre, neben Schiller genannt zu werden, besitzen wir nicht. Die Periode der fatalistischen Tragödie, welche zwar großen Anklang durch Werner und noch mehr durch den zwar talentloseren, aber gewandterer Müllner fand, ging bald vorüber. Unter den lebenden dramatischen Dichtern möchten allein Raupach und Auffenberg miteiniger Auszeichnung zu nennen sein. Das Lustspiel, so wie auf anderem Gebiete das Epos wurden am meisten vernachlässigt; überhaupt wandte sich der Geschmack, vorzugsweise der lyrischen Dichtkunst, dem Roman, der Novelle und dem Trauerspiele zu, und ließ alle Versuche in anderen Gattungen der Poesie fast theilnahmelos vorübergehen. Wir dürfen diese kurze Skizze nicht enden, ohne einige Worte über deutsche Schriftstellerinnen in einem deutschen Frauen gewidmeten Buche hinzuzufügen. Im Ganzen sind wir Deutschen nach unserer Sinnesrichtung schreibenden Damen nicht hold und räumen ihnen keinesweges die Rechte ein, welche sie in andern Ländern, wie Frankreich, England und besonders Italien wo sie vorzüglich gefeiert werden, genießen. Dieß rührt wohl von folgenden beiden Ursachen her: erstlich ist überhaupt in Deutschland der Wirkungskreis der Frauen beschränkter, und sie nehmen weniger Theil am öffentlichen Leben, weßhalb ihnen diejenige Urtheilsfähigkeit, welche man von einem Schriftsteller verlangt, nicht beigemessen wird; dann aber haben wir, trotz der großen Menge von Schriftstellerinnen, doch bis jetzt nur wenige aufzuweisen, die gleich einer Stael, einer Lady Morgan, einer Dudevant, Johanna Baillie u. A. m., Männern wie Frauen durch die Kühnheit und Größe ihres Geistes Bewunderung und allgemeine Achtung auferlegten. Meistentheils haben sich unsere schreibenden Damen das Gebiet der Erzählung angeeignet, und bewegen sich auf diesem mit mehr oder weniger Geschick hauptsächlich im Kreise des modernen Lebens, oder bilden die den Frauen angeborene Eigenschaft, gute Briefe zu schreiben, in angenehmer Weise aus. Wir wüßten nur eine einzige Dame zu nennen, welche sich auf wissenschaftlichem Felde mit Erfolg gezeigt hätte, ohne deßhalb der Poesie abtrünnig zu werden; es ist Karoline von Woltmann, die männlichen Ernst mit weiblicher Anmuth und seiner Zartheit verbindet. Durch die vortreffliche Biographie ihres Schwagers und Freundes Schiller verdient Frau von Wolzogen, die Verfasserin der Agnes von Lilien, zunächst angeführt zu werden. Als Darstellerinnen der Kraft wie der Schwäche des menschlichen Herzens, eingekleidet in die erzählende Schilderung der Lebensverhältnisse unserer Zeit, zeichneten sich besonders rühmlich aus: Karoline Pichler, die Verfasserin von Juliens Briefen, Johanna Schopenhauer, die zugleich treffliche Reisebeschreibungen lieferte und sich als geistreiche Kennerin in den schönen Künsten bewährte, Therese Huber, Karoline de la Motte Fouqué, Charlotte von Ahlefeld, Friederike Lohmann, Fanny Tarnow, Heneriette Hanke, u. A. m. Lobenswerthe Jugendschriften hat Amalie Schoppe geliefert. In den Gärten der lyrischen Muse lustwandelten schon früh deutsche Frauen, und wir verdanken mehreren Damen des 17. und 18. Jahrhunderts, unter denen sich selbst einige Fürstinnen befanden, wie z. B. Aemilia Juliana von Schwarzburg-Rudolstadt, höchst gelungene geistliche Lieder. Unter den deutschen Dichterinnen der neuesten Zeit möchte wohl die unglückliche Luise Brachmann als die talentvollste zu betrachten sein, da sie sich auch mit Erfolg in epischen Dichtungen versuchte und höchst anmuthige Lieder sang. Tiefer und genialer jedoch, mit seltener Herrschaft über Sprache und Vers ausgestattet, ist die in Norddeutschland weniger als im Süden unseres Vaterlandes bekannte Henriette Ottenheimer. Auch Adelheid von Stolterfoth verdient ehrenvolle Nennung. Als Uebersetzerin hat sich Luise Marezoll mit Gewandtheit und Glück bewährt. Die vortrefflichste Mährchenerzählerin ist Benedicte Naubert. Doch es würde zu weit führen, hier noch mehr in's Einzelne gehen zu wollen, da wir vielleicht 5–600 Schriftstellerinnen in Deutschland aufzuweisen haben. Ein ziemlich vollständiges Verzeichniß bietet von Schindel's Lexikon deutscher Schriftstellerinnen dar, auf das wir zu näherer Kenntniß verweisen.

W.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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