Tyrol

Tyrol.

Sei mir gegrüßt, Tyroler Land,

Germaniens stolzes Stirnenband!

Wenn die Büschlein ergrünen, die Maien blühen,

Muß ich zu deinen Bergen ziehen,

Wo Schneeli (Lawinen) fallen, Gemsen steigen,

Und Wildner oder Schwärzer schleichen,

Wo muntrer Jodler Zither schlagen,

Die Ferner über Seen ragen;

In deinen Alpen wall' ich hin

Mit frohem Muth und frischem Sinn!

So riefen wir freudig, als wir Norddeutschlands flachen Gauen entfliehend, zuerst das ganze erhabene Gebirgsland, die deutsche Schweiz, magisch überglüht von den Strahlen der Abendsonne, in seiner ganzen Majestät vor uns ausgebreitet liegen sahen. Doch die einbrechende Nacht mahnte uns, für heute unserer andächtigen Wallfahrt zur Wolkenresidenz des Bergkönigs mit ihren tausend Thurmspitzen ein Ziel zu setzen. Ein Dörflein lächelte uns entgegen; bald war das Wirthshaus erreicht; wir traten ein – und fanden uns urplötzlich mitten in den Freudenhimmel des tyrol. Volkes versetzt. Auf hölzernen Bänken, auf den Tischen, hohe Maßkrüge voll Bieres vor sich, saß Jung und Alt aus dem Dorfe im bunten Gemisch, und ergötzte sich beim Trunk an den Improvisationen etlicher Sänger, die mit Begleitung der Zither ihre »Schnaderhüpfl'n,« so nennt man diese Stegreiflieder, zum Besten gaben. Kräftige Männerstimmen hielten dabei den Grund- und Mittelton, eine bausbackige Dirne aber vertrat den hohen Tenor. Mit Stolz trugen die Buas (Burschen) den vielleicht selbsterbeuteten Gemsbart oder die Spielhahnfeder am Hute zur Schau; und zwei derselben sangen mit jodelnder Stimme einen lustigen Wettgesang. Ja, lustig auch schaut das alte Tyrol trotz seines eisgrauen Bartes hinunter in die bairischen Auen. Fröhlich und rasch braust das Blut in seinen kräftigen Söhnen; wohnt doch fast hier noch allein in Deutschland die alte, harmlose, frohe Laune! – Die 517 Quadrat M. große gefürstete Grafschaft T. mit den voralbergischen Herrschaften, grenzt gegen Norden an Baiern, gegen Osten an Oestreich ob der Ens, Illyrien und das Venetianische, südlich an die Lombardei, und westlich an eben dieselbe, die Schweiz und das Fürstenthum Liechtenstein. Im wunderbarsten, überraschendsten Contraste blickt in diesem wildesten und romantischesten Lande Deutschlands die Natur ernstmajestätisch und lächelnd zugleich; und in entzückendster Abwechselung reihen sich die himmelanstrebenden Eisberge, die dräuenden Ferner und vom ewigen Winterfroste starrenden Schneefelder an die lieblichsten Thäler mit weinumrankten ländlichen Hütten und goldenen Saatfluren. Erfüllen so die gigantischen Felsenwände, die grausen Abhänge und stürzenden Gießbäche die Seele des Reisenden mit heiligen Schauern, so beseelt der Anblick der idyllischen Kleinbilder ihn wieder mit Wonne und stillem Frieden. In Gestalt einer dreiseitigen, mit ewigem Schnee bedeckten Pyramide erhebt sich an der Grenze der Schweiz, 12,000 F. hoch über die Wolken hinaus Deutschlands höchste Kuppe, der Ortles; wie ein Todtenmantel umwallt seine Schultern eine öde Wüste, »das Ende der Welt« genannt. Weiter östlich thront die königliche »Königswand,« der 11,500 F. hohe Hochkugel Ferner und die Similaun-Spitze. An Kärnthens Grenze leuchtet der Petzek; im Innern die Titanenmutter von hundert rasenden Gießbächen, die weißenbacher Spitze, der Weißkugel, der Solstein und der 9000 F. hohe »Glockthurm,« der mit seinen gigantischen Schneeglocken allmorgentlich die Allerheiligenfeier der Sonne einlautet. Als Meßner ragt im Hintergrunde der Großglockner (11,782 F.) hervor, der Grenzstein zwischen Tyrol, Salzburg und Illyrien; und inmitten dreier Thäler, des Inn-, Salza- und Rienzer-Thales, erhebt sich als Prediger des Felsendomes der Dreiherrn-Spitz und zeigt mit seiner schneeweißen Hand empor zu dem einen Herrn, dem Könige der Berge und Thäler. Und zugleich entsendet die Windsbraut ihre majestätischen Orgeltöne; die tyroler Bergkapelle, die Wildbäche und Lawinen, die Bergstürze (Murren) und Wasserfälle, beginnen die wildumherbrausende Messe, und lieblich ertönen dazu und rufen zur Andacht die Silberglöckchen der Ministranten: des Ill, Inn, Lech, Eisack und der Etsch. Das ist ein erhabener Gottesdienst, eine hochheilige Messe, eine gewaltige Bergpredigt! Still lauschen am Fuße der Höhen die mehr als dreißig lieblichen Thäler; andächtig horcht von der hohen Sennhütte der Aelpler; und auf der grünen »Alma« springen fröhlich die Heerden umher, als verständen auch sie etwas von der herzerhebenden Feier der Natur. – Aermer an Getreideboden ist doch T. in allen drei Naturreichen nicht stiefmütterlich bedacht. Der Schooß der Erde birgt Eisen, Kupfer, Blei, Galmei, Salz, wenig Gold, doch desto mehr Silber, sowie auch Steinkohlen und Edelsteine. Stolze Waldungen bedecken die Berge, deren Abhänge, wie der Talar eines segenspendenden Priesters, ein dichter Teppich von Arzneikräutern schmückt. Der Flachs, Hanf und Tabak finden hier eine freundliche Heimath; der Süden zeitigt Granaten, Oliven, Wein, Kastanien, Mandeln und selbst Citronen; auch bietet er gütig seine Hände zum Seidenbau. Lächelnd begrüßt Pan die fetten Alpenweiden, wo sich die kräftigen Heerden herumtummeln; in den Thälern wohnt das Murmelthier (hier Farent genannt), und auf den hohen Gebirgen hausen die Gemsen. So nährt die alte tyroler Bergmutter mild ihre Kinder mit ihrem eigenen Segen; ungern wenden sich die Tyroler (860,000 an Zahl) von ihr der Stiefmutter Industrie zu; neben Viehzucht, Jagd, Vogelsang, Acker- und Bergbau beschäftigt sie nur Woll- und Baumwollenweberei, Bearbeitung der Metalle, Ledergerberei, Glasfabrication und Holzschnitzerei; doch wandern sie zu Tausenden als Hausirer, Taglöhner und Handwerker aus, durchstreichen als lustige Zugvögel die Fremde und kehren zurück mit dem ersparten Nothpfennig in die traute Heimath. Wer sah nicht schon die fröhlich jodelnden, schlankgewachsenen Teppichhändler mit den listigen Augen und offenen Gesichtszügen, in ihrer malerischen Nationaltracht? Nicht überall so gut ausgestattet ist das weibliche Geschlecht. Zeichnen sich die Frauen um Innsbruck durch ihre reizende Physiognomie, ihr ovales Gesicht, schön geschnittenen braunen Augen und weißen Teint aus, so erscheint in anderen Gegenden ihr riesiger Körperbau und grell gezeichnetes Profil wie ein Spott auf zarte Weiblichkeit. Gewöhnlich trägt das weibliche Geschlecht schwarze Röcke mit blauen Schürzen, buntfarbige Miederleibchen, schwarze herumgeschlungene Halstücher, scharlachrothe Strümpfe und schwarze Schuhe, und auf dem Kopfe entweder gelbe Strohhüte mit grünen Bändern, oder eine Art blauer Mützen; doch finden sich in den verschiedenen Thälern hiervon mancherlei Abweichungen vor. – Celtische und gallische Völkerstämme waren Tyrols erste Insassen. Frei horsteten auf den hohen Felsenzacken die Lämmergeier: als unter Augustus Regierung die Römer auch hier ihre Adler aufpflanzten. Zur Zeit der Völkerwanderung hausten abwechselnd in dem noch wenig bebauten Klippenlabyrinth Markomannen, Alemannen und Gothen. Als Rom gefallen war, fiel Tyrols Süden in die Hand der Longobarden, der Norden in die der Bojoaren (Baiern). Später bildete das Land den Purpursaum des fränkischen Königsmantels. Berthold von Andechs, ein Lehnsträger des Kaisers Friedrich Rothbart, war der erste tyroler Landesfürst; sein Herrschersitz Meran; daher er sich Herzog von Meran nannte. Vom Anfang des 12. Jahrhunderts an glänzen in der Geschichte mehrere mächtige Grafen von Tyrol: ihr Stammschloß war die alte Bergfeste Tarioli. Ein letzter Sproß derselben, Margarethe Maultasche (s. d.), hinterließ ihren Vettern, den Herzogen von Oestreich, 1359 ihre tyroler Besitzungen. So wurde T. eine Perle in Oestreichs Diadem. Und wie treu hing diese Perle an der mütterlichen Muschel! Jahrhunderte zogen das Band immer fester; immer höher stieg die Neigung und Ergebenheit der Bergländler für das kaiserliche Haus. Als daher im Jahre 1806 unter französischer Herrschaft das Land an Baiern gekommen war, ertrugen die wackern Tyroler nur drei Jahre den Schmerz der Trennung. Freiwillig erhoben (1809) die kräftigsten des Volkes, den Sandwirth Andreas Hofer an ihrer Spitze, das Schwert für Kaiser Franz; die Sturmglocken ertönten in den Thälern; die Feuerzeichen strahlten von den Bergen; – viel Edle starben den Märtyrertod. 1814 kam ganz Tyrol wieder an Oestreich. Jetzt zerfällt es in das Unterinnthal mit der Hauptstadt Innsbruck (s. d.), das Oberinnthal, Voralberg oder bregenzer Kreis, das Pusterthal, den Etsch-, trienter und den rovereder Kreis.

–i–


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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