Schweiz

Schweiz Die Alpen, Europa's Grundveste und Granitkern, die vielverkettete Felsenburg, worüber der Ewige sein sichtbares Wolkentabernakel ausspannte, bilden in ihren unzähligen Abstufungen, schneebedeckten Firnen, weiten fruchtbaren Thälern, himmelhohen Engpässen, fetten Triften, majestätischen Cascaden, üppigen Wiesenabhängen und ewigen Eisfeldern jenes 696 Quadrat M. umfassende Hochplateau, die überreiche, tausendfach bekränzte Bühne der originellsten Gebirgsvolksscenerie, die herrliche Republik Helvetien, wo im Pantheon der erhabensten Bergwölbungen, im Walhalla von Sonnenstrahlen und den Milchstraßen der Gletscher (s. d.), von Oeden der Wildniß und Juraidyllen, von den Donnern der Gießbäche und Lawinen, und den milden Tönen des Kuhreihens, die edelsten Genien der Freiheit und Liebe verlangenden Menschheit, ein Tell, Winkelried, Calvin, Rousseau, Haller etc., mit ihrem Phönixstaube die Nischen der Unsterblichkeit und der Kulturgeschichte glorreich ausfüllen. Bis zu einer Höhe von drittehalbtausend Klaftern über das Meer, weit über die Wolken hinaus, erheben sich die eisbedeckten Pyramidenspitzen dieser Riesenberge mit ihren schauerlichen Klüften, Abgründen und grauen, trügerischen Schneedecken. Unvergleichlich herrlich sind fürwahr die Coulissen und Decorationen dieses für sich abgeschlossenen Berg- und Gartentheaters zwischen Frankreich, Italien und Deutschland! Die Cantone Uri, Bern, Unterwalden und Graubündten, die Wappenhalter und Schildknappen Helvetiens, liefern alljährlich zur erhebendsten Naturfeier die unermüdlichsten und geputztesten Figuranten, als: St. Bernhard (7542 Pariser F.), Monterosa (14,580 F.), Simplon (10,100 F.), Finsterahorn (13,234 F.), St. Gotthard (10,014 F.); ja die fast 13,000 F. hohe Jungfrau scheut sich kaum den welschen Riesen »Montblanc« zur Menuett einzuladen, wenn auch der Mönch (12,666 F.) noch so eifersüchtig drein schielt. Der Rhein ist das Kind, der Rhone das Stiefkind der S. Jener, der prächtigste Strom Europa's, entquillt 6000 F. über der Meeresfläche an der Ostseite des St. Gotthards, und tritt nach einem Laufe von 57 M. bei Basel in Deutschlands Gauen ein. Nicht minder reißend und malerisch ist der Rhone, welcher am Rhonegletscher der Furka milchweiß der Tiefe entspringt, hellgrün in den Genfersee wogt, und sobald er diesen verlassen, noch durch die aschgraue Arve alle Wasserschätze der Nord- und Westseite der Montblanckette empfängt. Eine geschwätzige Wassersäule sprießt unweit des Hospiliums auf dem St Gotthard, der Tessin-Fluß, hervor, welcher als ächter Sohn des Gebirges sich nur auf Felsenlager bettend und seinen Nacken unter kein Schiff beugend, die ganze südliche S. durchströmt und in den Lago maggiore tritt Der muntere Inn weilt nur wenige Stunden in Helvetien, und springt, nachdem er das herrliche Thal Engadin durchtummelt, von jugendlicher Wanderlust getrieben, nach Tyrol über. Doch die Mutter, die ihn gebar, sende dem Ungetreuen keine Zähre nach: bedarf sie doch keiner Urnen der Flußgötter da ihr aus dem Kristallspiegel ihrer Binnenseen hundertfach ihr eigenes Bild lieblich entgegenlächelt! Leis und melodisch bespült ja den Rücken des Jura in einem orientalisch-erquickenden Bade der Genfersee. Ach,

Mit welcher Lust sieht auf des Lemans Fluth,

Wenn Thal und Hügel schon in Dämm'rung sinken,

Der hohen Eiswelt reine Purpurgluth,

Mein Aug' aus dunkler Klarheit wiederblinken!

Zwei majestätische Schwäne, der Züricher- und der Vierwaldstädter-See, breiten oft wild ihre Fittige aus, während der Thuner- und Brienzer-See, durch die liebliche Aar verbunden, uns das zarteste Bild idyllischer Ruhe vorspiegeln Mild und angenehm weht die Luft an den Ufern des Neuenburger Sees, wie meist in den zahlreichen duftigen Thälern; – rauh, kalt und immer kälter jedoch auf den Höhen. Aus Westen und Südwesten schnaubt oft der gewaltige Föhn hervor, tiefeingehüllt in seinen schwarzen Regenmantel; aus Nordost sauset der Bisa, der im Sommer die Fluren versengt, im Winter erstarren macht. Doch ist Helvetiens Klima, je rauher und kälter, desto reiner und gesünder; denn

Der Hauch der Grüfte

Steigt nicht hinauf in die heitern Lüfte!

Darum gehört auch eine Schweizerreise zu den Hauptwünschen jedes frommen Touristen. Mit sanfter, ganz eigen rührender Monotonie begrüßt der Kuhreihen die Morgenröthe, welche den Schneescheitel der Alpen mit Rosen bekränzt; jedes Plätzchen, jedes Thal, jeder Berg strahlt in eigenthümlicher Schöne. Nichts als wunderbar contrastirende Tableaux begegnen unseren Blicken, wenn wir vom Thale zur Höhe, und von der Höhe wieder zur Ebene wandern. Süß athmen unten im Grunde am Bache die Blüthen, manch' friedliches Dach lächelt hinter grünen Gehegen dem Wanderer entgegen. Milde Kühle ergießt sich von den Balsamgebüschen, die Thäler glänzen von Gold und Azur; träumerisch dämmern die von Herden umruhten Hügel. Doch wir entwinden uns auf steinigem Pfade dem Tempe des Friedens; immer enger wird der Schlund am Felsen, immer banger die Düsterniß. Allmälig sterben die Laute der beseelten Natur; nur dumpftosend schäumen die Bergwässer, die hoch an schwarzen Gehölzen dem Gletscher entströmen. Allein wandeln wir hier im Schauer der Wildniß, wo nur des Stromfalls Donnerstimme grollt, wo kein Vogel sich auf duftendem Reiß wiegt, nur Moos und Flechten den wilden Trümmern entgrünen. Schauerliche Pyramiden von Eis starren auf den stolzen Firnen, den Sennern Untergang drohend; romantische Burgruinen declamiren tief unter unseren Füßen in Nebelbeleuchtung die Balladen der Vergangenheit; kalt sprühen um unsere Wangen die stöbernden Flocken. Aber jetzt wiegt sich unser Pfad von der riesigen Höhe an steilen Granitmauern hinunter; wie wild umdräuen uns die dunstigen Felskolosse! Oft reißen sich hier gewaltige Blöcke los, daß rings die Gipfel vom dumpfen Hall erzittern. Dort schlummert tief unter dem Trümmergestein am einsamen Kreuze ein Erschlagener; mit Schauern flieht der Wanderer die Schmerzenstätte. – Ruht sanft, ihr Todten, auf dem Wolkenplan; hier weht ja auch der Odem des Ewigen! – Weiter rechts senkt sich schaurig still aus nächtlicher Kluft ein enger Pfad über das Schiefergestein, voller Todesahnungen in seinen gräßlichen Spalten. Hier im Grauen des feuchten Gewölks wandelt mit kühnem Glauben der Gemsenjäger, und späht, geleitet von dem treuen Hunde, mit Lebensgefahr nach der kostbaren Beute. Doch nun führt uns der Weg allmälig wieder bergab. Schon entfalten sich lieblich in magischem Duft auf's Neue die Pyramidenreihen der Tannen; purpurroth ragen über uns am Westhorizont in ihrer ganzen Herrlichkeit die Riesen der Alpen, und die Dächer der Sennenhütten bezeichnen die Grenzmark, wo das Grauen der Oede dem wärmeren Leben weicht. Immer näher winken uns die Blumengefilde; schon begrüßt uns die blaue Soldanelle, das erste Blumenglöckchen, welches den Frieden des Thales einlautet; die Dämmerung senkt sich; die Wüste verschwindet, – und unter dem Geläute der Abendglocken, im Purpurroth der scheidenden Sonne, während von den Hügeln rings die letzten Töne des Kuhreihens erklingen, treten wir in den idyllischen Grund ein, in das liebliche Thal mit seinem kleinen Menschentage und seinem göttlichen Heimweh! – Und dieses gewaltige Rad der bald zerstörenden, bald segensreichen Naturkraft hält den Geist, die Betriebsamkeit des kräftigen Schweizervolkes in steter Schwungkraft. Den größten Erwerbzweig bildet die Rindviehzucht, die in keinem Lande der Erde auf so hoher Stufe der Vollkommenheit steht. Mit Liebe pflegt man die Thiere, welche Glocken und anderen Schmuck erhalten. Jedes Mitglied der Familie hat meist seine Lieblingskuh bei der Herde, der es seine besondere Sorgfalt widmet. 8 Monden weilt der Sennhirt oder Aelpler im Thale; dann, wie Schiller sagt, wenn der Kukuk ruft, wenn die Brünnlein fließen im lieblichen Mai, zieht der glückliche Hirt mit seinen schönen Herden auf die Frühlingsalp. Eine zweite Lieblingsbeschäftigung des Schweizers ist die Jagd, die nebst der Fischerei in der ganzen S. frei geübt wird. Das Mineralreich zeigt sich nicht eben ergiebig: Eisen, Steinkohlen, Gips, Kalk, Alabaster, Schieferplatten etc. sind noch die hauptsächlichsten Produkte. Die Berge sind reich an Wild. und die hochgelegenen Wälder beherbergen noch Wölfe, Bären und Luchse. Auf den höchsten Firnen horstet der Geier und Adler, klettert die Gemse (s. d.) umher, und in den kleinen, gegen Mittag liegenden engen Thälern der unzugänglichsten und höchsten Gebirge weilt das friedliche Murmelthier. An den Ufern des Genfersees erglüht unter den feurigen Küssen der Sonne der treffliche Ryffwein (vin de vaux) und der vin de la core. Herrliches Obst, namentlich Kirschen, woraus das beliebte Kirschwasser bereitet wird, aber auch Wallnüsse, Kastanien, Feigen und Mandeln gedeihen in der westlichen und südlichen Schweiz. Der Transitohandel ist neuerdings sehr gesunken: dafür zeichnen sich die nördlichen und westlichen Provinzen durch ihre Baumwollen- und Seidenfabriken aus. In Aargau, St. Gallen und Appenzell liefert man in Wolle und Linnen Vortreffliches; in den zahlreichen Papiermühlen wird das berühmte Schweizerpapier verfertigt, und herrliche Holz- und Lederwaaren, Uhren, Gold- und Emaillearbeiten etc vervollständigen genügend die industriösen Finanzregister des Landes – Die Bewohner der S., 2,076,000 der Zahl nach, sind zum größten Theil germanischer Abkunft mit deutscher Sprache in vielen Dialekten; die celtischen, römischen und gallischen Abkömmlinge (in der sogenannten französischen S.) reden eine dem Französischen ähnliche Sprache; in einigen Theilen Graubündtens lebt ein Gemisch von Germanen und Italienern, und an der Südgrenze (in der welschen S.), besonders im Canton Tessin, wohnen viele Italiener. Treu ist der Schweizer von Geburt, treu seiner Heimath, seinen Bergen, seinen Lieben; entspricht er auch nicht den ideellen Schilderungen, wie sie uns oft in den Romanen entgegentreten, so bewährt er doch noch immer bei näherer Bekanntschaft seinen alten Biedersinn und die zum Sprichwort gewordene helvetische Gastfreundschaft. Uebrigens hat jeder Canton, ja fast jedes Thal seine eigenthümlichen Sitten, Sprache und Tracht. Allen Schweizern aber gemeinsam ist jene mächtige Sehnsucht nach der Heimath, welche sie in der Fremde bei den geringsten Anklängen an die uralte Nationalmelodie der Alpenhirten, den Kuhreihen, mit allgewaltiger Kraft erfaßt, – das Heimweh. Die Frauen, welche allgemein in dem Rufe tugendsamer Sitten stehen, sind in manchen Gegenden von ausgezeichneter Gesichtsbildung; namentlich sind die Bewohnerinnen des Haslithals im Berner Oberlande ihrer Schönheit wegen berühmt. Fast in jedem Canton sind sie anders gekleidet. Bezaubernd ist die Tracht der Berner Landmädchen: der hochaufgeschürzte, mit rothem Bande besetzte Rock, die buntgezwickelten, weißen Strümpfchen und der allerliebste Strohhut mit seiner niederen Kappe. Die Mädchen unterscheiden sich meist durchgängig von den Verheiratheten durch lange herabhängende Haarflechten, welche die letzteren aufgewunden tragen. Ein zierlicher runder Hut mit Blumen, Schleifen und Bändern schwebt auf dem Kopfe der Luzernerinnen, und ein enges, mit Ketten und Schlössern verziertes Mieder umschließt die graziöse Taille. Im Canton Unterwalden zeichnet sich das weibliche Geschlecht durch edle, ovale Gesichtsformen, durch seine Züge und große Sittenreinheit aus; sehr verunstaltend ist jedoch ihr Haarputz, der an beiden Seiten gleich Hörnern hervorsteht. Die Freiburgerinnen, welche ebenfalls durch Schönheit der Formen und Gesichtszüge ausgezeichnet sind, gefallen sich noch am meisten in ihren uralten Trachten, und entstellen sich durch ungeheuere, gepuderte Haarwüchse. Ebenso auffallend ist der Haarschmuck der Frauen in den meisten Gegenden des Waadtlandes: hier tragen sie das Haar in ungemein dicke Zöpfe geflochten, die häufig als Wülste ausgestopft sind, und darüber große weiße Strohhüte mit schwarzer Einfassung. – 22 Republiken oder Cantons: Zürich, Bern, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus, Zug, Freiburg, Solothurn, Basel, Schaffhausen, Appenzell, St. Gallen, Graubündten, Aargau, Thurgau, Tessin, Waadt, Wallis, Neufchatel und Genf, – jeder in sich souverain und von eigenthümlicher Verfassung, bilden die schweizerische Eidgenossenschaft. Eine Hügellandschaft mit vielen fruchtbaren Thälern, reizenden Gegenden unter einem milden, heiteren Himmel, zieht sich der Canton Zürich (45 Quadrat M, 230,000 Ew.) in lieblichen Wellenlinien um das Krystallbecken seines Sees, an dessen nördlichstem Ende seine uralte Hauptstadt gl. N. liegt, wo Lavater einst, der fromme Forscher, sann und dichtete, wo der liebliche Salomo Geßner sein Denkmal hat. Die nach Norden zu gegen das Aarthal auslaufenden Zweige der Berner Alpen erfüllen den ganzen südlichen Theil des Cantons Bern (173 Quadrat M, 365,000 Ew.). Hier thront die Jungfrau, der Mönch, die Blümlisalp; hier starren im finstern Schweigen die Teufels-, Virscher-, Schreck- und Wetterhörner; hier breiten sich in den Tiefen gleich Blumenketten das anmuthige Saamen-, Kender- und Kienthal, das Lauterbrunner-, das berühmte Haslithal aus. An der Aar liegt der alte Vorort Bern, mit seinem herrlichen Münster; im Bieler See die reizende Petersinsel, wo Rousseau (1765) mehrere schöne Monden lang von Abailiard und Heloise träumte. Die schönste Zierde des hügeligen, von der Reuß und. der geschwätzigen Emme bewässerten Lucerner Landes (36 Quadrat M, 120,000 Ew.) ist das malerische, 5 M. lange Entlibuchthal, bemerkenswerth durch die gymnastische Gewandtheit, – das Schwingen, Ringen etc – seiner Bewohner. Mit freudigem Stolze betrachten wir bei Sempach die Erinnerungskapelle auf jenem Felde, wo 1386 die große Freiheitsschlacht geschlagen wurde. Das von hohen Alpen umkränzte Reußthal, welches sich vom Gotthardgebirge nordwärts zum Vierwaldstädter See zieht, mit seinen Nebenthälern, namentlich dem schauerlichen Urseren-Thal, umfaßt den Urcanton Uri (24 Quadrat M., 13,000 Ew.). Am Fuße steiler Gebirge liegt die Hauptstadt Altorf mit Tell's Brunnen, am Vierwaldstädter See Tell's Kapelle, wo der kühne Schütze Geßler's Nachen entsprang, in derselben Landschaft auch das Dorf Bürglen, Tell's Geburtsort. Der herrliche Rigi mit seiner köstlichen Fernsicht in den unermeßlichen Dom der Natur, und das wildromantische Muotta-Thal sind die Glanzpunkte des Schwyzer Landes (22 Quadrat M., 33,000 Ew). Im Dorfe Brunnen am Vierwaldstädter See wurde der ewige Bund (1315) geschlossen; nicht fern davon fiel Geßler in der »hohlen« Gasse. Ein Gebirgsland mit völliger Alpenhöhe, trefflichen Weiden und Waldungen ist der Unterwaldener (12 Quadrat M, 25,000 Ew.), zum größten Theil ein fruchtbares Thalgehänge der kleine Zuger mit dem See gl. N., dem tiefsten unter allen, und der Haupttummelplatz der Gemsenjäger der Canton Glarus. Die Hauptstadt des fruchtbaren Plateau's, welches sich vom nördlichen Ufer des Genfer Sees östlich vom Jura bis zum Rheine zieht und den Canton Freiburg (23 Quadrat M., 90,000 Ew.) bildet, gleiches Namens mit diesem, ist berühmt wegen ihres herrlichen hochgethürmten Domes; doch übertrifft ihn der Münster von Solothurn, dem Hauptorte des 12 Quadrat M. großen Cantons gl. N., noch weit an Pracht und Majestät. Eine fortgesetzte Kette anmuthiger Rebenhügel, immer am Nordufer des Rheins hin, welcher hier den prächtigen Rheinfall bildet, stellen den Canton Schaffhausen dar. Am Nordabhange des Jura und am Rheine liegt das üppige Baseler Land (12 Quadrat M.) mit der stolzen Haupt- und Handelsstadt gl. N., von der sich neuerdings ein Theil der Landschaft gewaltsam losriß. Und wollen wir nicht das reiche, arabeskenverzierte Schweizerreisebuch mit liebender Emsigkeit bis zu Ende durchblättern? Das bunte Blättchen hier noch beschauen mit dem Bilde von St. Gallen und den wilden Bädern bei Pfeffers, zu denen man in einem finsteren Felsenschlunde über der tobenden Tamina 660 F. fast senkrecht auf einer schmalen hölzernen Treppe hinabsteigt? oder das reizende Landschaftsgemälde von Aargau mit dem alten Stammschlosse der Habsburger? oder das Tableaux des gewerbfleißigen Waadtlandes (70 Quadrat M., 185,000 Ew.) mit den herrlich gelegenen Städten Lausanne und Vevay, und dem weidenreichen Joux-Thal im Juragebirge, dessen mittlerer Theil mit lieblichen Bergen und Thälern den Canton Neuenburg bildet? Doch schon lächelt uns das reichste der helvetischen Thäler im Graubündtner Lande (140 Quadrat M., 90,000 Ew.), das Engadin entgegen, welches mit seinen 24 Seitenthälern einer geschmackvollen Sammlung der lieblichsten Idyllen gleicht Völlig italienische Luft weht schon in den Thälern Tessin's; die berühmte gigantische Kunststraße zieht sich im Canton Wallis (90 Quadrat M., 72,000 Ew.) über den Simplon nach Welschland, das mit seinen Orangendüften und himmelblauen Ahnungen schon bis zum Genfer See herüberweht; in die Alpenklänge unserer helvetischen Wanderung tönt schwärmerisch-elegisch die tiefe Weise: »Kennst du das Land, wo die Citronen blühn etc.;« aus dem Lago maggiore blinkt uns das tiefblaue Himmelsauge der Lombardei entgegen, und entzückt rufen wir, nachdem wir uns noch einmal dankbar gegen Helvetien gewendet haben: »O Italia bella!« – Geschichte. Drei germanische Völker, Alemannen, Burgunder und Ostgothen, brachen um's Jahr 450 n. Chr. das römische Joch, dessen eisernen Druck das friedliche, schon früher zum Christenthum bekehrte Alpenland nur schwach gefühlt hatte; einheimische »Grafen« verwalteten das Recht in den heiteren Gauen. Da wälzte sich der Strom der Völkerwanderung auch hierher; Helvetien ward dem großen Frankenreiche einverleibt, – ein Juwel in der Kaiserkrone Karl's, ein Dorn im Auge seiner schwachen Nachfolger. Burgund und Alemannien ertrotzten sodann eine momentane Selbstständigkeit, den Gräueln des Faustrechts, dem Unfug des Feudalismus zu steuern, – was jedoch erst durch den politischen Erfolg der Kreuzzüge einigermaßen verwirklicht werden konnte. Das Haus der Zähringer war bis zum Tode Berthold's (1218) dem bedrängten, zerstückelten Alemannien ein schützender Baldachin gewesen, worunter Handel, Künste, Gewerbe und Industrie zu blühen begannen, und 55 Jahre später vertauschte Graf Rudolph das Schloß Habsburg mit dem römisch-deutschen Kaiserthrone. Unterdeß war der Helvetier aus wirren Feudalträumen zur Begründung eines schönen, festen Bürgerthums erwacht; die romanische Sprache in Savoyen lieh der deutschen Zunge Wohlklang und Poesie; begeisterte Minnesänger flogen wie Brieftauben der Kultur von Burg zu Burg, von Haus zu Haus: freie Städte stifteten gegenseitige Schutz- und Trutzbündnisse; Zürich, Basel, Genf, Lausanne umschirmten sogar kriegerisch ihren stets wachsenden Handelsflor; die Zeit der Knechtschaft war in der S. vorüber, und der harte Kaiser Albrecht hatte umsonst seine Zwingvoigte gesendet. Denn in der Nacht des 7. Novembers 1307 beschworen Walter Fürst aus Uri, Stauffacher aus Schwyz und Melchthal aus Unterwalden auf den unwegsamsten Klüften des Rütli den ersten »Bund schweizerischer Eidgenossen,« und Wilhelm Tell's Pfeil traf bei Küßnacht Geßler's rachedürstende Brust, – die gewichtigsten Thaten der helvetischen Geschichte, glänzende Sterne an Klio's Purpurmantel, woran sich die Heldensiege bei Moorgarten und Sempach glorreich anreihen. Lucern, Zürich, Glarus, Zug und Bern gesellten sich endlich den drei früheren Vorkämpfern zu, so daß die »acht alten Orte« bereits gegen die angrenzenden Fürstenländchen den Fehdehandschuh hinwerfen konnten, welchen kaum Oestreich mehr ritterlich aufzugreifen vermochte. Der Dauphin Ludwig, Karl der Kühne von Burgund ließen in den Thälern des Schwyzerlandes, der eine auf dem Kirchhofe St. Jacob bei Basel (in der Schlacht vom 26. August 1444) seine Ehre, der andere bei Nancy (1477) sein Leben. Freiburg und Solothurn traten mit in die unerschrockene Bündnerreihe, und nach dem Baseler Frieden (1499) folgten Basel, Schaffhausen und Appenzell bedächtig ihrem Beispiel; ja sogar die italienischen Bezirke des jetzigen Cantons Tessin's wurden den Mailändern abgezwackt. Das Schlachten bei Marignano führte nur vergeblich einen »ewigen Frieden« mit dem feindlichen Frankreich (geschlossen 1516 zu Freiburg) herbei, und die Reformation, welche nun auch auf den freien Alpen ihr Freiheitsbanner wehen ließ, rief im eigenen Inneren Bürger gegen Bürger unter die Waffen; Zwingli predigte gegen den Ablaß, ein blutiger Fanatismus entzweite die einzelnen Staaten, und lange Jahre hindurch befehdeten sich die Schweizer untereinander durch religiösen Hader. Inzwischen huldigten auch Genf und Waadt der Eidgenossenschaft, und das Haus Savoyen sah sich jetzt eben so sehr aus der helvetischen Republik verdrängt, als einst die Familie Habsburg. Im langen, 30 jährigen Kriege triumphirte über alle Anfechtungen der freie, conföderirte Volksgeist Helvetiens, und im spanischen Erbfolgekriege, wie bei den Verfolgungen der Protestanten in Frankreich (seit 1685), führte die S. ihre tragisch sentimentale Mutterrolle eben so gut und neutral durch, wie unter der ungebetenen Vormundschaft Napoleon's. 1830 fanden die politischen Ereignisse auch in den Alpen einen starken Nachhall, und die Zukunft muß es lehren, in wie weit die S. ihre reichen Erfahrungen der Vergangenheit, ihre Stellung begriffen hat.

P.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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