Spanien (Literatur und Poesie)

Spanien (Literatur und Poesie). Es war unter dem lächelnden Himmel der Provence, wo nach der langen, öden Nacht der ehernen Zeiten wiederum die heitere Kunst der Lieder als duftende Rose der Erde entsproßte. Von Burg zu Burg, über Berg und Thal zogen mit dem goldenen Saitenspiel, als die leichtbeschwingten Sänger-Herolde der luststrahlenden Göttin Heiterkeit, die Troubadours, durch das Land, während sie zu gleicher Zeit, doch ernster und gemüthlicher und mehr aus den Tiefen der Ahnung und Sehnsucht hervor, in Deutschland als Minnesänger von Frauenschöne und Frauendienst und von dem Frühlinge des Lebens, der Welt und der Liebe sangen Aber jenseits der Pyrenäen, wo unter dem brennenden, fast schwermüthig-glühenden Himmel aus dem heißen Gemisch iberischen, römischen und gothischen Blutes wie aus einem brennenden, von Afrika's Gold durchwirkten Purpurschleier sich ein zwar heiteres, aber selbst in seiner Heiterkeit ernstblickendes Volk emporwand, da vermochte die »lustige Wissenschaft« (gaya scienza) mit ihren limosluschen Liedern, mit ihrem lächelnden Scepter von Flatterrosen kein neues Reich ihrer scherzenden Herrschaft zu begründen. Denn selbstständig, aus dem eignen Innern des Spaniers war schon die blaue Blume emporgeblüht, die still und sinnend, einsam unter den plaudernden Schwestern, am grünen Gestade des Sees das klare Auge öffnet, in heilige Andacht versunken zwischen dem Thränenschleier der Thautropfen zum blauen Himmelsauge emporblickt, oder den Stimmen lauscht, welche aus den Tiefen des Sees ahnungsvoll emporklingen, und sanft ihren Kelch schließt, wenn am Abend melodisch der Sang des Schwanes über die Wellen herübertönt, wenn die Nacht naht mit ihrem zweiten Himmel der Erinnerung und Ewigkeit, und die Sonne des Dunkels erglänzt, der goldne Mährchenhüter, der Traum. Wohl trug der Trovadore auch seinen duftenden Blumenkranz um das Haupt; wohl lächelte auch sein Antlitz, wenn er von den Freuden der Minne sang, und leicht und tändelnd gleiteten die Finger über die goldnen Saiten: – aber dazwischen klirrte das Schwert, ein heißes Ach! der Leidenschaft zog wie eine flammende Windsbraut durch die Aeolusseufzer der Redondillen; der goldne Harnisch gab ehernen Klang, als träum' er von Schlachten, nur in den dunkeln Teppich südlichen Ernstes wirkte der Sänger die purpurnen Blumen des Liedes; und zwischen dem Kranze flatterte der schwarze Helmbusch hervor. Da sang der Dichter gleich der Nachtigall nur in der heißen Mitternacht das Leid seiner Liebe; dazu ertönten Waldhörner in der Ferne, wie thränen- und gnadenreiche Töne aus einer andern Welt; ein afrikanisches Schlachtroß eilte irr vorüber mit purpurner Sammetdecke und stampfte den Boden; in den Wipfeln der Kastanien wehte ein Frühlingshauch von tausend Blüthendüften wie eine purpurne Ahnung des ewigen Sommers; und dort an dem Oelberg, von der hochgebauten Stadt mit dem Kreuze schaute mit liebendem Blick, den Sternenschleier gehoben von der ewigen Stirn, die gebenedeiete Jungfrau! – Heiterer jedoch blühte die Kunst des Gesanges in den südlichen Königreichen. Da hatte sich durch die Mauren, diese echtpoetischen Söhne der Wüste, ein Geist der Poesie ausgebreitet, der in diesen romantischen Thälern, unter diesem elysischen Himmel ein ganz eigenthümilches Kolorit erhalten mußte. Decimas, kleine poetische Gemälde von 10 Zeilen, gaben in dem kleinsten Rahmen die lieblichste Mährchenlandschaft: wie verschleierte Jungfrauen den verfallenen Schachten entstiegen, wie dem Wanderer im alten Olivenhain ein Zwerg mit silbernem Horne oder eine Taube mit goldenem Schlüssel erschien etc Keine grausenden Bilder von nordischen Ungeheuern, keine Schrecknisse einer wilden, hyperboräischen Phantasie webten ihren Nachtmantel über diese romantische Träume: hier war nur die Lieblichkeit und Milde des Südens, Alles schön und rosenfarben, Alles lächelnd und hoffnungsvoll. Melodisch ertönten zu der Mandoline die Serenaden, wo nicht nur die Worte von den Liedern, sondern auch die Melodie der Musik und die Farbe der Kleidung den Triumph des glücklich oder die Verzweiflung des unglücklich Liebenden ausdrückten. Die ganze Form dieser Poesie bestand dabei vornehmlich im Endreim, und besonders paßten zu den kleinen Liebesliedern von 7–13 Distichen die Ghaselen, jene arabischen Rhythmen, in denen sich immer der zweite Vers mit dem zweiten Verse reimt, der erste aber reimlos bleibt. Bald jedoch sollte auch hier in Folge der Kämpfe mit den Mauren in die goldene Sternensaat heiterer Mährchen die Blutsaat des Kriegs ihre purpurnen Perlen winden. Bald sang man von tapfern Rittern, die einen riesenhaften Mohren erlegten, von Heiligen, die ein Kind des Feindes aus dem Strome retteten, von jungen Helden, die ihren Damen zu Ehren abenteuerliche Züge unternahmen. Der Cid erschien, der unbeugsame, hochgesinnte und großmüthige Ruy Diaz, ewig lebend in der Poesie seines Vaterlandes: der größte Held seines Jahrhunderts, die Krone des spanischen Ritterthums. In ihm schuf die Sage die herrlichste Heldengestalt, einen, tief in das geistige Leben seines Vaterlandes verwachsenen Volkshelden, in allen Sagen und Liedern gepriesen und gefeiert, soweit in der alten und neuen Welt der Wohlklang spanischer Zunge tönt. Elf Mohrenkönige zogen an seinem Triumphwagen: Herder war es, der ihm durch seine treffliche Uebertragung dieser Cid-Romanzen unter uns einen neuen Triumph bereitete. So nur, unter diesem Himmel, unter diesem Volke, konnte die Romanze entstehen, dieß echte Erzeugniß des abenteuerlichen arabisch-romantischen Rittergeistes, die bald als erzählende Romanze in Redondilien (redondillas, – Ringelverse von 4 trochäischen Füßen), dactylischen Stanzen und Sonnetten, bald als mehr lyrische Romanze, »cancion« (Lied) genannt, welche in kleine Strophen (coplas) eingetheilt wurde, zur Mandoline oder wie letztere, zu dem beliebten Nationaltanze, der Sarabande, gesungen wurde. Und es ist ein herrlicher Lichtpunkt in der Geschichte der spanischen Literatur, daß der goldene Schatz seiner Urpoesie gleichzeitig in zwei reichen Sammlungen aufbewahrt wurde: in dem »Cancionero general« (»allgemeines Liederbuch«) und dem noch reichhaltigeren »Romanzero general« (»allgemeines Romanzenbuch.«) – Unterdessen war auch die Sprache Spaniens immer mehr zur stolzen Jungfrau emporgeblüht. Ursprünglich eine Tochtersprache der Lateinischen, dann eine wunderbare Mischung des gothischen Idioms mit dem römischen, eben so wunderbar gemischt wie das Volk selbst, war seine erste Dichtersprache das »Romanzo.« Mild und lieblich sprach der Catalonier und Valencianer, kühn und ausdrucksvoll der Castilier, in säuselnden Zischlauten der Galicier. Nachdem aber die Araber gelandet waren an den Blumengestaden Valencia's, vermischten sich die Laute des Südens mit dem Romanzo, und als sich später die Monarchie immer mehr in Castilien concentrirte, triumphirte das castilische Idiom über die aragonischen Troubadours, während nur die Basken und Galicier voll Heimwehs an der alten Sprachweise festhielten. Vornehmlich war es der König Alfonso X. im 13. Jahrhundert, welcher die castilische Mundart zur herrschenden erhob. Die Stanzen, welche er selbst schrieb, waren zwar nicht eben dichterisch, sondern nur von rhythmischer Leichtigkeit. Aber die Mühe, die er sich um die Kultur der castilischen Sprache gab, reizte zur Nacheiferung auf. Auf seinen Befehl wurde die Bibel in's Castilische übersetzt und eine allgemeine Chronik von Spanien und eine Geschichte der Eroberung des heiligen Landes in derselben Mundart verfaßt. In der reinen und bestimmten Diction, deren man sich nun in Castilien und Leon befleißigte, konnte sich der poetische Geist der Nation freier und kräftiger aussprechen; und so stimmte sich die castilische Sprache immer mehr in jene, ihr später eigene, wunderbare Musik mit ihren tiefen, klangvollen Vocalen, der stillen, prächtigen Majestät ihres Redestromes, und den glühenden Tiefen ihrer sonoren Trochäen. – Nach dem Untergange der ersten romantischen Zeit mit ihrer unnachahmlichen Zartheit und Lieblichkeit, erhielt die spanische Poesie einen neuen Schwung durch ihre Verbindung mit den Künsten Italiens (im 16. Jahrh.), und es wurde allgemeine Sitte, sich nach italienischen und altklassischen Mustern zu bilden. Die ersten Sonnette im petrarchischen Style dichtete Juan Boskàn Almogavèr, und durch gleiche Innigkeit des schwärmerischen Gefühls zeichneten sich die Schäfergedichte des Garzilaio de la Vega aus. Reich an herrlichen Bildern und Sentenzen sind die Episteln (cartas) des Diego Hutardo de Mendoza, sowie sein köstlicher Schelmenroman: »Lazarillo de Tormes.« Von unübertrefflicher Naivität sind die Idyllen des Francisco de Saa de Miranda, und den berühmten Schäferroman des Jorge de Montemayor: »Diana« liest man noch jetzt mit Interesse. Zu gleicher Zeit schuf Fernando de Herrera, von seinen Zeitgenossen der »Göttliche« genannt, die ersten Oden. Dieser altklassischen und italienischen Schule, die sich schon oft auch in einer mehr schwülstigen, preciösen Sprache gefiel, widersetzte sich allein Christoval de Castillejo, der durch seine schalkhaft erotischen Volkslieder wiederum die altspanische Naturpoesie geltend machen wollte. Die Prosa machte in dieser Periode wenig Fortschritte; fade Ritterromane à la Amadis wurden von der Lesewelt verschlungen und Timoneda's barokke Mährchen (patrañas) waren nichts als schlechte Nachahmungen italienischer Novellen. Erst Cervantes (s. d.), dieser Märtyrer der Poesie, schuf in seinem »Don Quixote« ein Meisterstück von Prosa und Poesie, in welchem im Gegensatz zur faden Tagesromantik der echte Geist der Romantik weht. Eine liebliche Sommerlandschaft, in der die tiefsten Tiefen der Natur und des Menschenlebens in der höchsten, hellsten Klarheit vor uns ausgebreitet liegen, so erscheint sein Gedicht, in welchem er lächelnd die Geißel schwingt, mit der er die Thorheiten seiner Zeit züchtiget. Ueberhaupt sollte die neue Blüthe der spanischen Literatur jetzt zur goldenen Frucht reisen. Lopez de Vega (s. d.) erschien, dieser wunderbare dramatische Dichter, welcher einzig dasteht unter allen Dichtern der Welt, in seiner Fruchtbarkeit der dramatischen Erfindung und Schnelligkeit im Schaffen. Den flüchtigen Tanz der leuchtenden Gedanken hauchte er in flüchtiger Grazie und Rundung in magischen Umrissen auf das Papier, und oft war in dem flüchtigen Horentanze eines Tages der ganze duftende, von Sonnenstrahlen und Lorbeerzweigen umrankte Tempel eines Drama's wie von Zauberhänden aufgebaut. Nach ihm führten durch den schon so reich blühenden spanischen Dichtergarten die beiden Brüder de Argensola die grünenden Taxuswände ihrer klassischen Lieder und horazischen Episteln; und der Gigant Calderon (s. d.), der Shakespeare des Südens, Spaniens erhabenster poetischer Genius mit seinen Lilienschwingen, in deren Kelche sich der ganze Himmel des träumenden Lebens barg, setzte auf das grüne Eiland in der Mitte des Gartens seinen Feentempel, der mit seinen buntschimmernden Fenstern und seinen Arabeskengesimsen einem Wundergebäude der Tausend und Einen Nacht, mit seinen antiken Säulen und stolzgewölbten Kuppeln einem griechischen Tempel gleicht, während in der heiligen Nacht seines Innern der Genius des Lebens auf hoher Säule thront, umwallt von einem goldenen Schleier mit der geheimnißvollen Inschrift: »das Leben ein Traum.« – Doch nicht lange sollte das goldene Zeitalter der span. Literatur währen. Schon der sonst treffliche anakreontische Dichter Estevan Manuel de Villegas (1595) ging von der klassischen Einfachheit des antiken Styls zu einem verzierten und verkünstelten über. Die schwülstige Ohnmacht der Marinisten säuselte mit ihrem süßlichen Klingklang von Italien herüber und fand in dem selbst schon ohnmächtigen Spanien lebhaften Anklang. Nur der witzige Roman: »Guzman de Alfarache« von Mattheo Alemann, und die Novellen der Dichterin Mariana de Caravajal y Saavedra dürften unter den Erzeugnissen dieser Periode Erwähnung verdienen. Als aber mit der Thronbesteigung der Bourbonen auch französische Formen in dem erschütterten Reiche Eingang fanden, als alle wahre Poesie in der kalten Eleganz gallischer Künstelei unterging, und der ganze, stolze Königsbau der Halbinsel einer verwitterten Ruine glich: da wandelte sich auch Granada's dichterisches Wappen, der grüne Granatapfel mit den rothen Kernen und dem silbernen Zweige, in eine dürre, bittere Frucht der Wildniß; da schwieg ein Jahrhundert lang Spaniens goldener Dichtermund; und erst in neuester Zeit standen wiederum Dichter, wie der Tragiker Nicasio Alvarez de Ciensurgos, der Lustspieldichter Leandro Fernandez Moratin und der als Poet und Prosaiker gleich gediegene Martinez dela Rosa, auf, welche sich weit über das gewöhnliche Niveau erheben und die Morgenröthe einer neuen Literatur für Spanien siegreich verkündigen.

S....r.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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