Europa (Geschichte)

Europa (Geschichte)

Europa (Geschiche). Wo die Gewalt der Wasser die Länder zerrissen hat, da warf sie den Samen der Kultur aus. An den Ufern weit in's Land hinein dringender Buchten gedieh sie zuerst, das Kind der Meere, das, gleich der Aphrodite, aus dem Fluthenschaum empor stieg, aber nicht, wie diese, im vollendeten Liebreiz, sondern unbeholfen, klein, reizlos, und wanderte dann langsam die großen Ströme und Flüsse hinauf, sich überall Hütten und Herde bauend an ihren Ufern. Erst als sie an den Küsten größer geworden, riß sie sich los von den Busen, an denen sie stärkende Lebensmilch, die befruchtende Meerwelle getrunken hatte und davon erstarkt war, und drang muthiger landeinwärts. Sie vermählte sich mit dem Menschengeschlechte und ihre Tochter ist die Geschichte. – Von Südosten drangen die großen Wasserfluthen der Erdrevolutionen – das beweisen die Buchten, die sie gerissen und die durch sie bedingte Gestalt der Länder. Von Südosten wanderte die Kultur in die Länder ein, und wie Hindostan in Asien, so war Griechenland in Europa das erste kultivirte Land. Die ältesten Erinnerungen der zum Bewußtsein gekommenen Kultur sind liebliche Kinderträume, die dem Baume, der Quelle etc. Sprache leihen; überirdische Wesen neigen sich bald freundlich, bald zürnend in diese Träume, Götter verkehren mit dem Kind-Menschen. Aller Anfang der Geschichte ist Mythologie. Da wo die meisten Länderruinen aus den Wassern hervorragen, im inselreichen Archipel und an Griechenlands Küste siedelte sich die Kultur Europa's zuerst an; vielleicht waren diese Inseln früher eine zusammenhängende Länderbrücke, auf welcher sie von Aegypten nach Europa herüber wanderte Mythologische Sagen deuten auf ihre Einwanderung von Aegypten aus. Selbst der Name Europa entsproßt aus dem Dunkel der hellenischen Sagenzeit, ohne daß sich seine historische Wurzel auffinden ließe. Hellas hieß das Land, das wir Griechenland nennen, und das unter milder Sonne, an einem freundlichen Meere voller blühenden Inseln gelegen, im leichten Verkehr mit Asien und Afrika bald bedeutend wurde, und seine Uebervölkerung an die Küsten andrer Länder aussetzte. So wurden von europäischen Ländern durch hellenische Kolonien die nördlichen und westlichen Küsten des schwarzen, so die Inseln des mittelländischen Meers, vorzüglich Sicilien, so Unteritalien, kultivirt. Die griechische Kultur bildete sich im Laufe der Jahrhunderte zur blühenden Kunst, zur hohen Wissenschaft aus, die für alle Zeiten ein Gegenstand der Bewunderung, ein leuchtendes Muster bleiben werden. Ihr Culminationspunkt fällt in's vierte Jahrhundert vor Chr. Das Weltreich des macedonischen Königs Alexander's des Großen war der Schlußstein jenes historischen Baues. Von nun an zerfiel Griechenland in sich selbst und verlor allmälig seine Bedeutenheit. Dagegen erhob sich das westliche Nachbarland, die große Halbinsel Italien, an deren Küsten Griechenland den fruchtbaren Geistessamen ausgestreut hatte. Die Entwicklung war hier kriegerischer Natur; ein Volk, das im Laufe der Zeiten durch das Glück der Waffen Herr von ganz Italien wurde, trug mit seinen Triumphzügen alle Kultur in seiner Stadt zusammen und pflegte ihrer stets im Geräusche des Kriegs. Rom wurde nicht allein die mächtigste, es wurde auch die gebildetste Stadt der Welt; griechische Kunst und Wissenschaft wanderten aus dem von den Römern überwundenen Griechenland in die Hauptstadt der Sieger. Die Kultur folgt nun den Fußtapfen des siegreichen Römers, und sein Schwert zerschneidet den Schleier, der über dem übrigen Europa hängt. Von nun an haben Europa's Länder eine Geschichte. Die pyrenäische Halbinsel, Gallien, Britannien, Belgien, Helvetien, Germanien, Illyrien, Dacien etc. tagten allmälig aufdämmernd aus dem Dunkel der geschichtlichen Vorzeit hervor, je nachdem Rom sich diese Länder mehr oder weniger unterworfen hatte. Aus der frühern Zeit aller dieser Länder weiß man nichts, als daß sie höchst wahrscheinlicher Weise ihre Bevölkerung von Hochasien erhalten haben, darauf deuten Sprach- und Stammverwandtschaft hin. Rom hatte wie Griechenland verschiedene Staatsverfassungen gehabt, als es unter üppigen Kaisern in Schwache versank. Seine Blüthe fallt, wie die Griechenlands, in die Zeit der Republik. Als das ungeheure Römerreich zerfiel, war schon ein geistiges Band vorhanden, welches sich weiter und weiter um Europa's Länder schlang, das der Kultur als Leitfaden diente und dem ganzen Leben allmälig eine höhere intellectuelle Bedeutung gab. Dieß war das Christenthum. Die zeitherigen Träger der Kultur waren erschlafft, und die Verhältnisse der Zeit großer als sie geworden. Diese neuen großen Verhältnisse bedurften auch neuer großer Kräfte. Da erwachte im Busen roher aber kräftiger Völker im Norden und Osten eine unbestimmte Sehnsucht nach dem Süden und Westen; die große Völkerwanderung drängte die rohe Kraft in das erschlaffte Leben, und wenn auch Kunst und Wissenschaft vor ihr zurückwichen, so empfing sie doch vom Christenthume den Funken höherer Erkenntniß. Zwei große wilde Völkerstämme überschwemmen Europa vorzüglich im fünften Jahrhundert nach Chr., die Gothen und Longobarden; aber noch viele andre Völker verlassen ihre Heimathländer: die Vandalen, Hunnen, Franken, Sachsen, und suchen sich neue Wohnsitze. Neue Reiche entstehen: das Reich der Vandalen und Alanen in Spanien, das westgothische, das ostgothische Reich in Deutschland und Frankreich, das longobardische Reich in Oberitalien, die angelsächsischen Reiche in England, aus denen allen sich das Reich der Franken in Gallien zu Ende des achten Jahrhunderts wie ein Alles bezwingender Riese erhebt. Karl der Große wurde der Schöpfer seiner Größe und eines neuen Kaiserreichs, das mit der von ihm begünstigten Kirchenmonarchie auf einen hohen Gipfel der Macht stieg. Doch wurde der Papst noch mächtiger als der Kaiser; denn er war Herr der Geister, und, mit St. Peter's Schlüssel versehen, der Pförtner der Seligkeit. Aus dem Frankenreiche bildeten sich andre Reiche, als Frankreich, Deutschland etc. Die europäischen Sprachen scheiden sich jetzt und bilden sich aus, die slavischen Völker werden bedeutender, und gründen neue Reiche in Polen, Böhmen, Rußland und dem nördlichen Deutschland. Aber noch ist es nicht Zeit, daß die chaotischen Stoffe sich niederschlagen, neue krampfhafte Stoße durchzucken Europa. Die Normänner stürmen von Norden nach Süden hinab und haben mächtigen Einfluß auf die Gestaltung der Reiche; von Süden stürmen die Mauren herauf und bedrohen den Norden, aber die Franken werden ihnen zum Damm. Nachdem diese Stürme vorüber waren, blüheten zwei Institute in Europa empor und beherrschten das ganze Leben, hatten auf die Bildung der Völker den mächtigsten Einfluß, und bildeten die Wurzeln selbst unsrer heutigen Zustande, die Kirchenverfassung und das Feudalwesen. Das romantische Zeitalter beginnt und die junge Kultur kettet sich an diese beiden Institute. Die Zeit der Kindheit Europa's war vorüber; es hatte sein Jünglingsalter angetreten und die romantischreligiöse Schwärmerei führte die ritterlichen Völker auf die Kreuzzüge. Durch sie wird viel befruchtender Same von Asien nach Europa gebracht, die Begriffe werden heller; der dritte Stand bildet sich aus, blühende Städte erheben sich, mächtige Städtebünde lehnen sich gegen Gewalt und Uebermuth der Fürsten auf. Das Gilden- und Zunftwesen, ein Kind des Feudalwesens, kam auf. Das gesellige Leben zerfällt in lauter streng von einander abgesonderte Kreise, die viel Analoges mit den Städtemauern haben, welche das neu sich entwickelnde Leben umspannen, und wie die hochummauerten Städte sichere Freistätten der jungen Kultur wurden, so wurden die Innungen, Zünfte etc. schützende Kreise, in deren jedem sich die Kultur auf eine eigenthümliche Weise ausbildete. Selbst die Institute der wieder erwachten, von Arabern und Griechen neu belebten Wissenschaft tragen diesen Charakter. Die Universitäten sind erst Zünfte, die Malerei, Poesie, Musik, alle Künste tragen diese Form, die gleichsam die schützende Wehr ist. Als aber die Kultur sich erkräftigt, als der Bau des intellectuellen Lebens aufgeführt ist, bedarf er des Gerüstes nicht mehr. Und nun war das Mittelalter vorüber Nur die Beschränktheit nimmt das Gerüst für den Bau selbst, der Egoismus schreit es dafür aus. Die Reformation, die Buchdruckerkunst, Erfindung des Schießpulvers, Entdeckung von Amerika und andere Erfindungen zu Ende des 15. und Anfang des 16 Ja hrhunderts rütteln an dem Gerüst, werfen es zum Theil ab, und fördern das Ringen des Geistes nach Licht. Nun beginnt das wahre geistige Leben Europa's sich immer reger, lebendiger, siegreicher zu gestalten und zu entwickeln, und Europa, obgleich der kleinste Welttheil, wird der bedeutendste; während das einst geisteshohe Asien in Lethargie versinkt, geht Europa immer kühner seiner höchsten Ausbildung entgegen. Noch ein Mal drohete Europa von einem wilden Kriegervolke Asiens Gefahr, den Türken; zwar selten sie sich in Europa fest, indem sie das alterschwache und entkräftete oströmische Kaiserreich auflöseten, aber das übrige Europa war schon zu moralisch stark, als daß die rohe Kraft seiner hätte Meister werden können. Die Staaten Europa's, die sich im Mittelalter bildeten, sind Portugal, Spanien, Frankreich, die Schweiz, Deutschland, England, Schottland, die italienischen Staaten, die Türkei, Rußland, Polen, Schweden, Dänemark, Norwegen, Ungarn, Böhmen; von diesen zerfielen später oder wurden Theile größerer Monarchien: das deutsche Reich, Polen, Ungarn, Schottland, Böhmen, die italienischen Republiken. Einen neuen Umschwung der materiellen und geistigen Kräfte brachte der 30 jährige Krieg, mit den erhabenen Interessen, die in ihm ausgefochten wurden, hervor. Ein Held aus dem Norden (Gustav Adolph) trägt seine Waffen siegreich gegen seine mächtigen Gegner, bis in das südliche Deutschland. Er verficht die Wichtigkeit der Religion und befestigt die Selbstständigkeit der protestantischen Fürsten. – England, durch den Welthandel im Innern gekräftigt, bemächtigt sich unter der weisen Elisabeth der Herrschaft der Meere und tritt bereits gebieterisch auf im Rathe der Großmächte. Während das Zeitalter Ludwig's XIV. den Künsten und Wissenschaften einen neuen, gewaltigen Aufschwung gibt, bringt es eine Zeit lang die Frivolität in die Sitten der Höfe und der gebildeten Welt. Die Macht des heiligen römischen Reiches erhält den letzten, erschütternden Stoß. Im Osten bildet wie mit einem Zauberschlage Peter der Große (und nach ihm Katharina II.) aus einem barbarischen Staate einen kultivirten, der von da ab thatkräftig in die Interessen Europa's einwirkt. Durch Rußlands Erhöhung wird das Gewicht der Türkei als einer Großmacht gebrochen. Friedrich II. erschüttert von da an 7 Jahre lang Mitteleuropa und gründet trotz zahlreicher Gegner einen Staat erster Größe voll intellectueller Kräfte und Mittel. Was Peter und Katharina für Rußland und Friedrich für Preußen, das wurden die hochherzige Maria Theresia und Joseph II. für Oestreich. Spanien, schon geraume Zeit Deutschland entfremdet, sah kurz zuvor einen franz. Sprößling auf seinem Throne; die Stuart's verloren für immer die britische Krone; Polen zertheilte sich durch innere Zerwürfnisse. Da begann die französische Revolution und drohte die bestehende Ordnung der Dinge überall über den Haufen zu werfen, die Bande der Ordnung zu losen und Europa in vollkommene Anarchie zu stürzen. Sie aber bändigte ihr eigener großer Sohn, Napoleon Bonaparte, der nicht mit ihr, sondern nur durch sie, aber auch nicht für sie Herr Europa's werden wollte. Aber er war weniger glücklich als Karl der Große; nach langer Unterdrückung durchflammte die Begierde nach Befreiung die Herzen der bezwungenen Volker und der Held fiel rascher von seinem Gipfel als er ihn erklommen. – Der Friede kehrt den ermatteten Völkern zurück, allmälig regten sich seine Segnungen, die Nationen Europa's vergaßen den Groll gegen die Bezwinger, jede bildete in sich an den Elementen zu ihrer Veredlung und geistigen Reise – nur im Südosten raffte sich ein lange unterdrücktes Volk gegen seinen barbarischen Unterdrücker auf, fand in den Herzen der Volker und Fürsten Sympathien und Griechenland wurde der Schauplatz blutiger Auftritte. Endlich trat es in die Reihe selbstständiger Reiche. – Nur auf kurze Zeit wurde durch die Julirevolution Europa's Friede gestört und Alles in bange Besorgniß gestürzt. Aber unter der Leitung weiser Fürsten beruhigten sich die Elemente, die brandenden Wogen verliefen und der Regenbogen des Friedens glänzte von Neuem am Himmel. Jetzt sehen wir die europäischen Völker mehr oder minder ruhig die Elemente ihres Staatsverbandes ausbilden und ordnen, neue Institutionen ihres bürgerlichen Verkehrs gründen, die Fürsten ihrerseits mit weiser Mäßigung die Aufgaben der Zeit erfassen, das Gebäude der gesellschaftlichen Ordnung nach allen Seiten hin befestigen. – Wissenschaften und Künste treten von Neuem in den Besitz ihrer Rechte, der friedlichen, ungestörten Ausübung ihrer weitern Fortbildung; die Durchforschung eines allgemeinen Rechtszustandes ist die höchste Aufgabe geworden und in ihrer endlichen Lösung beginnt für Europa eine nach Innen und Außen friedliche, allmälig dem Gipfel der allgemeinen und höchsten Kultur zuführende Aera. Europa genießt nun nach allen Seiten hin jener ruhigen, segenbringenden Folgen des Friedens, mit Ausnahme Spaniens, wo eine kräftige Königin den Thron ihrer Tochter gegen bewaffnete Ansprüche zu befestigen bemüht ist.

St.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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