Spanien (Geschichte)

Spanien (Geschichte) (Geschichte) »Es ist eine stolze Nation, die von Spanien; wenn sie etwas unternimmt, so zittert das Meer und der Tod entflieht; Rom sage an, was Numantia gekostet hat!« Aber noch schwebt Todtenstille über dem Lande gegen Sonnenuntergang; noch singen die Nachtigallen von Aranjuez nicht; einsam rieselt der Manzanares durch den düsterschweigenden Olivenwald! – Und zuerst wandern die Celten ein und vermischen sich mit den von ihnen besiegten Ureinwohnern, den Iberiern. Die Karthager nutzen sodann das schöne, silberreiche Land, bis es ihnen die stolzen Römer wieder entrissen. Rom verwandte zwei Jahrhunderte zur Unterjochung der wilden Gebirgsstämme, unsterblichen Ruhm erwarben sich Numantia's Bewohner durch ihren hartnäckigen Widerstand gegen die allmächtige Roma; – endlich ward ganz Hispanien Augustus dem Glücklichen unterthan. Als Rom aber in die Fallstricke seiner eigenen Größe fiel, da zogen nordische Mannen aus dem Volke der Alanen, Vandalen und Gothen, mit langen Schwertern, langen Locken und blauäugigen Frauen gen Hesperien, und legten ab ihre schweren eisernen Kleider und vertauschten sie mit eisernen Wämsern, schlugen Zelte auf am Ufer des Guadalquivir und ruhten im Schatten der Palmen. Mild und sanft umwehte der südliche Himmel das nordische Herz, der Himmel und das Meer, die Lüfte und Granaten lispelten selige Geheimnisse von einer ungekannten Sabbathstille, von einer neuen Offenbarung, die allen Landen der weiten Erde den Versöhnungskuß des Himmels aufdrückte; und ohne Schwertergeklirr, auf Blumenpfaden, nahte mit einem Palmzweige aus der reinen Höhe die gebenedeiete Jungfrau: schon im Jahre 587 unserer Zeitrechnung trat der westgothische König Reccared in Hispanien freiwillig zum Christenthum über. – Und die schauerlichen Wälder wurden gelichtet, Sümpfe ausgetrocknet und über reißende Waldströme sichere Brücken gebaut. Ueppig blühten die Orangen und Citronen, und die westgothischen Hütten wurden von den selbstgepflanzten Birn- und Wallnußbäumen beschattet. – Da landeten plötzlich bei den Säulen des Herkules wundersame Fremdlinge; glänzend leuchtete die Oriflamme des Islams und der goldene Halbmond von zahllosen Schiffen, und Tarik, der Feldherr der Saracenen, warf den Fehdehandschuh hin und forderte für die Bekenner des Korans zu Allah's Ruhm den Besitz von Hesperien. Tarik war enthaltsam und demüthig vor Gott. Seine Nahrung bestand aus Gerstenbrod oder Datteln; sein Trunk war Wasser; in einem einfachen Gewande hielt er das Gebet und die heilige Rede an die Gläubigen. Solche Einfalt herrschte damals unter dem Hause Muhammed's, wie in der ganzen Verfassung der Araber. Es war eine Nacht, eine mondbeglänzte Nacht, wie sie nie lieblicher an den Ufern des Guadalquivir ihre lustigen Träume webt. Die zwei feindlichen Heere der Gothen und Mauren lagerten auf den weinbekränzten Höhen von Xeres de la Frontera; nur der kleine Fluß Guadalete trennte sie, und das heiße Schlachten begann inmitten des kühlen Orangenhains. Von einem Sonntagsmorgen bis zum andern (19–26. Juli 711) dauerte das Würgen; endlich siegten die Saracenen, und der Gothenkönig, Roderich, stürzte von seinem mit zwei schneeweißen Maulthieren bespannten Kriegswagen, verlor das Perlendiadem von seinem Haupte und verschwand im Gedränge des Kampfes: – niemand weiß, was aus ihm geworden. »Wir sind von gestern und wissen vieles nicht.« Mit reißender Schnelligkeit breiteten sich nun die Mauren in allen Richtungen aus; in Zeit von fünf Jahren besaßen sie, mit Ausnahme der Gebirgsgegenden von Asturien, Cantabrien und Navarra, ganz S. Hier war ja der schöne Himmel ihrer fernen Heimath; hier wehten ja die Lüfte so still und warm wie im glücklichen Arabien, und statt der Palmen von Engadi, der Wohlgerüche von Jemen, prangten Wiesen voll unbeschreiblicher Blumenpracht, gaben schattige Lauben von Jasmin und Orangen balsamischen Duft. In der neuen Heimath entstanden unter ihren kunstsinnigen Händen bald Hunderte von romantischen Dörfern, Wasserwerken, Lustgärten, majestätischen Städten und Prachtgebäuden. In seiner mit den herrlichsten Gärten und Palästen prangenden Hauptstadt, Cordova, ließ der Khalif Abdoraman nicht weit von dem prachtvollen Alcazar eine große Hauptmoschee bauen. Sie ruhte auf 1093 Marmorsäulen, und auf der höchsten Kuppel waren drei goldene Kugeln angebracht, darüber ein goldener Granatapfel und eine goldene Lilie. Der seit der Römerzeit vernachlässigte Jaspis von Tortosa, sowie der mit goldfarbigen Adern prangende Marmor der Sierra von Cuenca, wurden auf's Neue gebrochen, um damit die Schlösser von Toledo, Merida, Saragossa, Valencia, Granada und Murcia zu schmücken. Die ersten Künstler des Morgenlandes rangen im musikalischen und poetischen Wettkampfe nach dem Palmzweige aus der weißen Hand der Sultanin von Granada. Der abenteuerliche Heroismus, welcher sie von Afrika's Küsten nach S. getrieben, entfaltete sich hier wundersam-mährchenhaft zu jenem hohen romantischen Sinn, der in der Poesie Zartheit, Religiosität, Liebe und Heldenmuth in schönster Harmonie vereinigte, zu jenem abenteuerlichen, chevaleresk-galanten Rittergeist mit seinen lieblichen Mährchen, Feen und Zaubern. Doch in den Künsten des Friedens verweichlichte der Geist des Volkes, und als erst später in einer Versammlung der Fürsten, Richter und Schriftgelehrten Andalusiens zu Sevilla berathen ward, wie die Sache des Islams in S. gegen die christlichen Streiter gerettet werden möge, da zeigte sich, daß sie verloren sei, weil seine Kämpfer das Vertrauen, den Glauben an seine Wahrheit und an sich selbst verloren hatten. – Und immer gewaltiger dringen die Spanier gegen das Reich der Mauren vor; auf seinem edlen Rosse Babiaca sprengt in voller Rüstung der Cid (s. d.) durch die feindlichen Scharen wie ein Wetterschlag mit dem flammenden Schwerte; der rieterliche König von Castilien, Alphons IX., erkämpft (am 16. Juli 1212) den glorreichen Sieg bei las Navas de Tolozo über die Mauren, von denen 100,000 Mann auf dem Schlachtfelde bleiben. Ferdinand III. erobert Cordova, Murcia, Sevilla und Cadix; Isabelle von Castilien vermählt sich (1469) mit Ferdinand von Aragonien; so durch die Vereinigung der zwei wichtigsten Königreich wird S's politische Einheit und Kraft nach Außen begründet; Isabelle sorgt zugleich für die Einheit des Glaubens durch Einführung der Inquisition (1484), – und endlich nach einem zehnjährigen, von Ferdinand und Isabella gemeinsam geführten Kampfe, fällt das letzte maurische Königreich in S., Granada! – Armes Granada, verödeter Alhambra! So bist du denn nur noch ein Labyrinth von Hecken, Ruinen und Wasserkünsten; der Epheu schlingt sich um die Zweige deiner Linden; um die Grotten und zierlichen Pflanzungen deiner Rosen und Myrthen, Granaten- und Pfirsichbäume wuchert der Schlehdorn, und zwischen dem Geflechte der Dornen blicken hin und wieder, wie einsame Lilien, weiße Täfelchen hervor, der marmorne Estrich der einst glänzenden Königshalle. Doch die Mauren hatten ihre Sendung erfüllt und die goldene Saat der Kunst gesäet, die fortan S. und Westeuropa befruchten sollte. Ihr romantischer Geist ergriff und gewann, dem Zeitalter sich anschmiegend, mächtig jedes schwärmerische Gemüth, und der kraftstolze Castilier, nun durchdrungen von dem Geiste ritterlicher Ehre und Stolzes, von liebevoller Hingebung an die Religion und fast religiöser Liebe und Ehrfurcht für die Frauen, weihte Arm und Schwert höheren oder doch größeren Zwecken, und nichts war so wie der poetisch-chevalereske Geist der Araber geeignet, die rohe Kraft jener Zeit zu mildern. Wie eine Zauberformel erschallte zugleich der wunderbare Ruf von der Entdeckung einer neuen Welt; Cortez und Pizarro bahnen durch Blut und Lorbeeren den Weg zu Mexico's und Peru's Reichthümern; Karl V. vereinigt mit dem Glanze der angestammten Krone den Scepter des römischen Reichs und der Niederlande; der spanische Name erschallt siegreich als der weltbeherrschende in dreien Welttheilen. Doch im Innern entkeimt schon langsam, aber sicher, das Verderben! Trotz der Gold- und Silberflotten sinkt in Folge tausendfacher Mißbräuche und der Fehlgriffe einer einseitigen oder schwachen Politik unter der Regierung der letzten 4 Könige aus dem Hause Habsburg (–1700) das stolze Reich nach Innen und Außen immer mehr. Die Dynastie der Bourbonen, welche mit Philipp V. den spanischen Thron bestieg, vermochte es nicht, das immer wachsende Verderben zu beschwören, und von jener Zeit an, wo die Adler Napoleon's die Halbinsel von einem Ende zum andern durchflogen, war auch der Bürgerkrieg erklärt. – Aber jetzt braust durch die Städte der Dampf des Blutes, das geflossen ist im wilden Parteienkampf; auf den 13 Königreichen lastet der Fluch; Murillo's Madonnen hüllen sich in Trauerflor, seit man sie verkauft hat an einen fremden Fürsten; der Spanier ladet sein Rohr unter den Tannen der Sierra und zielt nach dem Spanier der Ebene; Todtenamt wird gehalten vom frühen Morgen bis zum Abend in allen Domen des Reichs; Stille herrscht auf dem schattigen Platze, wo der Fandango sonst rauschte unter den lustigen Akazien, wo zur Mandoline liebliche Lieder erklangen; Stille auf den Altanen, wo sonst sich Liebeslippen zärtlich aneinanderpreßten. Ach, Spanien hat jetzt keine Zeit mehr zu tanzen, zu singen, zu küssen; doch: »Es ist eine stolze Nation, die von Spanien; wenn sie etwas unternimmt, so zittert das Meer und der Tod entflieht; Rom sage an, was Numantia gekostet hat!«.... Also sang der alte Romanzier im zerrissenen Mantel und grauem Haar auf der Hafentreppe von Cadiz, als wir auf wenig Stunden dem Dampfboot entstiegen waren, um uns zu erfrischen. Wir hörten dem Alten gern ein Weilchen zu und ergänzten seine phantastischen, abgebrochenen Andeutungen mit unserer Geschichtskenntniß.

–i–


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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